Martin Fraisl: Hermann Maier als Anker

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Martin Fraisl hat einen eher ungewöhnlichen Karriereweg gewählt, der ihn inzwischen aber zum SV Sandhausen geführt hat, wo er in diesem Herbst einer der Top-Goalies der 2. deutschen Bundesliga ist.

Da die heimische Bundesliga aus seiner Sicht kein gutes Sprungbrett für Torhüter ist, übersiedelte er vom Floridsdorfer AC lieber nach Rumänien - eine Strategie, die mit dem Deutschland-Transfer voll aufging.

Im LAOLA1-Interview erzählt der 26-Jährige, warum er wie sein Vorbild Hermann Maier jetzt mit Mitte 20 voll durchstarten will, warum es im Nachhinein ein Vorteil war, keine Akademie besucht zu haben und wie er seine Chancen im Hinblick auf das ÖFB-Nationalteam einschätzt.

Zumindest seine Rumänien-Expertisen sollten bei der EURO 2020 definitiv gefragt sein. So verdeutlicht er, warum dort das Schwarz-Weiß-Denken viel extremer als in Österreich ist und nach welchem Abenteuer man Probleme mit dem Vereins-Präsidenten bekommt.

LAOLA1: Vor Saisonbeginn hast du gemeint, dass du dich besonders auf das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart freust. Nach dem 2:1-Sieg kann man sagen: Zurecht.

Martin Fraisl: Meine Stimmung ist absolut prächtig nach dem Derby-Sieg, vor allem so wie er zustandegekommen ist. Das war richtig geil! Es war völlig berechtigt das Spiel, auf das ich mich am meisten gefreut habe, wobei natürlich auch Matches wie bei St. Pauli toll sind.

Fraisl zählt zu den notenbesten Goalies der 2. deutschen Liga
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LAOLA1: Wie groß ist momentan die Euphorie in Sandhausen?

Fraisl: Groß! Wenn man die ganze Saison betrachtet, sind wir gut gestartet. Nach fünf Spieltagen waren wir Dritter und „mitten“ im Aufstiegskampf. Das wurde auch von den Medien so wahrgenommen, weil wir die Punkte nicht irgendwie erzielt haben, sondern die Ergebnisse leistungsgerecht waren. Wir hatten dann eine Delle mit sieben Spielen ohne Sieg, die wir inzwischen gut weggesteckt haben. Jetzt haben wir uns wieder in die obere Hälfte gehievt, insofern ist die Stimmung rund um den Verein und in der Mannschaft irrsinnig gut, weil wir wissen, dass wir das Potenzial haben, uns nachhaltig im ersten Drittel festzusetzen.

LAOLA1: Auch während besagter Delle habt ihr relativ wenige Gegentore kassiert, du musst generell nicht allzu oft hinter dich greifen. Im Noten-Ranking des "Kicker" bist du unter den Torhütern in den Top 5. Alles in allem für einen Goalie sehr erfreulich, oder?

Fraisl: Wir haben die drittwenigsten Gegentore in der Liga bekommen. Das spricht für uns als defensiv kompakte Mannschaft, obwohl wir einen offensiv orientierten Fußball spielen. Das ist im Fußball ja eigentlich ein Widerspruch, aber wir schaffen es, gut zu verteidigen. Und dazu gehört die ganze Mannschaft. Unsere Stürmer sind bei gegnerischen Ballbesitz die ersten Verteidiger, das ist nicht immer selbstverständlich.

"Ich bin voll mit Visionen. Es ist ganz und gar nicht so, dass ich sage, das ist ein Traum und mir ist irgendetwas passiert, was ich mir nie vorstellen hätte können. Es war eher Plan als Traum!"

LAOLA1: Sandhausen befindet sich auf Platz sieben, der Rückstand auf einen Relegationsplatz beträgt fünf Punkte. Darf man nach oben schielen oder ist das in Sandhausen verboten?

Fraisl: Es ist tatsächlich nicht verboten. Die Saison stand unter dem Vorzeichen: Es ist alles möglich! Denn man weiß aus der Vergangenheit, dass es große Vereine, die aus der Bundesliga absteigen, immer schwer haben, den Zweitliga-Fußball anzunehmen. Sandhausen hat schon im Frühjahr eine irrsinnig starke Punkteausbeute erzielt, im Sommer erfuhr die Qualität der Mannschaft noch mal ein Upgrade. Insofern war schon die Hoffnung da, vielleicht nach oben hin überraschen oder sich zumindest im ersten Drittel festsetzen zu können. Andererseits muss man sich nur anschauen, wie brutal eng die Liga ist. Es ist die Chance da, dass du vorne dabei bist. Wenn du zwei, drei Spiele nicht gewinnst, ist jedoch auch das Risiko da, dass du sofort wieder hinten dabei bist. Insofern sind wir gut beraten, ein bisschen zu schielen – mit einem Auge nach hinten und mit einem Auge nach vorne.

LAOLA1: Du bist einen anderen Karriereweg gegangen, warst in keiner Akademie eines Bundesligisten. Hättest du als 20-Jähriger beim SV Sierning daran geglaubt, einmal als Profi in Deutschland zu spielen, oder lebst du gerade einen Traum?

Fraisl: Ich habe das tatsächlich geglaubt. Denn ich bin voll mit Visionen. Es ist ganz und gar nicht so, dass ich sage, das ist ein Traum und mir ist irgendetwas passiert, was ich mir nie vorstellen hätte können. Es war eher Plan als Traum!

"Man muss sich eines anschauen: Wann, wo und wie kommen österreichische Torhüter ins Ausland und wie erfolgreich sind sie dann dort? Man muss leider sagen, dass die österreichische Bundesliga speziell auf diesem Sektor in Wahrheit kein Sprungbrett ist."

LAOLA1: Wie sah der Plan aus?

Fraisl: Ich bin wie gesagt ohne Akademie nach oben gekommen. Ich habe mich beginnend in der 2. Landesliga Jahr für Jahr eine Liga nach oben gearbeitet. Als ich in Österreich in der 2. Liga war, gab es die eine oder andere Anfrage aus der Bundesliga. Ich habe reiflich überlegt und bin bewusst das Risiko eingegangen, ins Ausland nach Rumänien zu gehen. Denn man muss sich eines anschauen: Wann, wo und wie kommen österreichische Torhüter ins Ausland und wie erfolgreich sind sie dann dort? Man muss leider sagen, dass die österreichische Bundesliga speziell auf diesem Sektor in Wahrheit kein Sprungbrett ist.

LAOLA1: Viele waren es tatsächlich nicht.

Fraisl: Pavao Pervan war in den letzten Jahren der einzige, und er hat als klarer Backup unterschrieben. Dafür bekommst du ein gutes Schmerzensgeld. Aber mein Anspruch ist es, zu spielen und nicht zuzusehen. Das wird auch immer so bleiben. Ich bin ein Typ, der mit der Ersatzbank nicht so viel anfangen kann, auch wenn es die deutsche Bundesliga ist.

LAOLA1: Aber warum Rumänien?

Fraisl: Ich hatte die eine oder andere Anfrage aus dem Ausland, unter anderem vom FC Botosani, der extrem zufällig über mein Kopfball-Tor gegen Kapfenberg vor eineinhalb Jahren auf mich aufmerksam geworden ist. Sie hatten die Vision, die beste Mannschaft ihrer Vereins-Geschichte zusammenzustellen und damit in den Europacup zu kommen. Ich habe mir gesagt: Okay, das kann so richtig daneben gehen, zu Weihnachten bin ich wieder daheim und sitze mit zwei plärrenden Augen da. Oder ich beiße mich durch, es geht auf und der nächste Schritt klappt über das Ausland.

Fraisls Tor gegen Kapfenberg wurde zum Sprungbrett
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LAOLA1: Zweiteres Szenario ist eingetreten. Wie ist Sandhausen auf dich aufmerksam geworden?

Fraisl: Sandhausen hat relativ spät den Klassenerhalt geschafft und musste die Nummer eins abgeben. Genau in dieser Phase wurde ich als bester Tormann in Rumänien ausgezeichnet und hatte mit acht Mal zu Null in zehn Spielen eine brutale Statistik. Sandhausen hat einen Torhüter gesucht, der Deutsch kann, aber nicht zwangsläufig Deutscher sein muss, und der den Verein als Typ belebt. Sie wollten einen lauten Torhüter hinten drinnen, der führen kann und natürlich auch ins sportliche Anforderungsprofil des Trainers passt. Ich hatte zwei Angebote von rumänischen Topklubs auf dem Tisch, aber in dieser Phase hat Sandhausen einen Tipp bekommen. Mein Mentor Helge Payer hat seinen Kontakt zum Tormanntrainer von Sandhausen genutzt und mich dort platziert. Sie haben sich dann umgehört. Nach intensivem Scouting war ich dann der Wunschkandidat.

LAOLA1: Mein Gedanke war eher, dass du in Österreich ein wenig übersehen wurdest. Aber das heißt, es war eine bewusste Entscheidung, nicht in die Bundesliga zu gehen?

Fraisl: Ich bin insofern übersehen worden, als dass mir kein Bundesligist ein Angebot als Nummer eins auf den Tisch gelegt hat. Ich hätte mich überall durchsetzen müssen. Nicht falsch verstehen: In Deutschland habe ich auch gewusst, dass mein Konkurrent in der deutschen Bundesliga gespielt hat, über 150 Zweitliga-Spiele absolviert hat und ich mich durchsetzen muss. Mir war aber auch klar, dass in Österreich die Lobby manchmal eine größere Rolle spielt als die Leistung. Wenn es irgendwo einen eingesessenen Torhüter gibt, tauscht man ihn relativ schwer beziehungsweise würde es mehr Anlauf und Zeit benötigen. Für mich war die Möglichkeit, den Sprung über das Ausland zu machen, einfach die bessere, weil ich es auch mit einem anderen Punkt kombinieren konnte: Es ist eine Erfahrung, die du sonst nicht so schnell machst. Wie ist es in einer ganz anderen Fußball-Kultur? Wie kann ich meine Persönlichkeit verbessern und entwickeln? Auch wenn es „nur“ Rumänisch ist und mir schon klar ist, dass es mir nachhaltig nicht viel bringen wird: Ich habe eine weitere Fremdsprache gelernt.

"Man sagt ja oft, die Akademie-Kicker sind weichgekocht – alle nach einem Schema, alle die gleichen Haare, die gleichen Schuhe. Ich hatte keine Lobby. Meine Eltern wissen nicht einmal, was Abseits ist. In der ganzen Verwandtschaft bin ich der einzige, der sich im Fußball auskennt. Ich habe meinen extrovertierten Charakter einfach so präsentiert, wie er ist."

LAOLA1: War es rückblickend gesehen eigentlich ein Vorteil, dass du in keiner Akademie warst, sondern Landesliga und Regionalliga gespielt hast?

Fraisl: Ja! Das ist insofern eine sehr gut Frage, da ich erst unlängst in Deutschland ein Interview gegeben habe, in dem dieses Thema ein Schwerpunkt war. Deshalb habe ich mich für mich selbst auch noch einmal intensiv damit auseinandergesetzt. Für mich gibt es zwei Dinge, die einen großen Vorteil ergeben. Erstens: Ich habe mich überall von Anfang an stellen und durchbeißen müssen. Beim Akademie-Fußball spielt zwei Mal der, zwei Mal der – du weißt immer, irgendwie wirst du auf deine Spiele kommen. Es ist nie dieser Druck da, funktionieren zu müssen. Ich war in jungen Jahren in der Landesliga im Abstiegskampf, für den Verein ist es also um viel gegangen. Okay, aus heutiger Sicht ist es relativ, aber in der damaligen Phase habe ich es als irrsinnig wichtig wahrgenommen.  Ich habe Fußball damals schon so intensiv gelebt, als wäre es auf höchstem Niveau, also bin ich richtig unter Druck gestanden. Ich konnte es nie locker nehmen, weil ich mich dem Verein gegenüber verpflichtet fühlte, alles zu geben, damit er nicht absteigt. Und generell heißt es nie: Naja, jetzt haben wir gut gespielt, aber verloren, wie das Denken in einer Akademie oft ist, sondern im Erwachsenen-Fußball ist das Denken von Haus aus ergebnisorientiert. Im Nachhinein war es extrem wichtig, immer diese Drucksituationen zu haben.

LAOLA1: Was war der zweite Vorteil?

Fraisl: Man sagt ja oft, die Akademie-Kicker sind „weichgekocht“ – alle nach einem Schema, alle die gleichen Haare, die gleichen Schuhe. Ich bin eben komplett meinen eigenen Weg gegangen. Ich hatte keine Lobby. Meine Eltern wissen nicht einmal, was Abseits ist. In der ganzen Verwandtschaft bin ich der einzige, der sich im Fußball auskennt. Ich habe meinen extrovertierten Charakter einfach so präsentiert, wie er ist. Das hat mir auf lange Sicht sicher geholfen, dass ich mich auf jeder Station tatsächlich durchgesetzt habe.

"Für mich war Hermann Maier nicht nur die größte Persönlichkeit überhaupt, sondern ein Anker. Er ist erst mit Mitte 20 in den Weltcup gekommen und trotzdem noch der weltbeste Skifahrer geworden. Die Art und Weise, wie er diesen Sport dominiert hat, gibt mir – und das muss ich ganz klar so sagen – bis heute die Kraft, dass so viel möglich ist, woran ein normaler Mensch gar nicht denkt."

LAOLA1: Ist deshalb Hermann Maier dein großes Vorbild, weil auch er einst bewiesen hat, dass verschiedene Wege ins Ziel führen?

Fraisl: Ich komme ja eigentlich aus dem Skisport. Ich habe erst mit 16 Jahren so wirklich angefangen, Fußball zu spielen. Davor war es halt in der Schule gegen ein paar „Blade“, aber nichts, was ernsthaft mit Fußball zu tun hatte. Für mich war Hermann Maier nicht nur die größte Persönlichkeit überhaupt, sondern ein Anker. Er ist erst mit Mitte 20 in den Weltcup gekommen und trotzdem noch der weltbeste Skifahrer geworden, dazu noch seine Verletzungs-Geschichte. Die Art und Weise, wie er diesen Sport dominiert hat, gibt mir – und das muss ich ganz klar so sagen – bis heute die Kraft, dass so viel möglich ist, woran ein normaler Mensch gar nicht denkt. Man muss einfach über den Tellerrand hinausblicken und sollte nichts unversucht lassen.

LAOLA1: Du bist jetzt 26 – ungefähr das Alter, in dem Hermann Maier richtig durchgestartet ist. Man kann also vermuten, du setzt dir ebenfalls keine Limits, was die weitere Karriere angeht?

Fraisl: Vollkommen richtig. Ich habe noch einiges vor, weil ich eben auch weiß, dass ich spät angefangen habe, sich meine Karriere erst mit Anfang 20 entwickelt hat und ich sie im jetzigen Alter so richtig nach oben schieben sollte. Also sage ich mir einfach, ich spiele bis 41, dann habe ich die ersten Jahre, in denen ich nicht so im Profigeschäft involviert war, wieder aufgeholt und eine super Karriere gehabt. Das ist zumindest einmal der Plan.

LAOLA1: Wenn du in deiner Karriere noch einiges vorhast, drängt sich die Frage bezüglich Nationalteam logischerweise auf. Wie intensiv hast du das ÖFB-Team im Blick?

Fraisl: Für mich ist es so, dass ich einen irrsinnigen Respekt für die Jungs habe, die sich speziell im letzten Jahr in Richtung Nationaltorhüter entwickelt haben. Zum Beispiel Alex Schlager, mit dem ich ja selbst beim FAC zusammengespielt habe – vor drei Jahren haben wir uns in einer Saison die Spiele quasi geteilt. Pavao Pervan hat damals mit dem LASK noch gegen uns gespielt. Es gibt also einige Torhüter, die sich in den letzten zwei Jahren absolut in diese Richtung gesteigert haben, dass sie den Anspruch haben, Nationaltorhüter zu sein. Der Teamchef trifft seine Entscheidungen ja aufgrund der Leistungen. Alex Schlager oder auch Cican Stankovic haben ja nicht nur zwei, drei Spiele lang Leistung gebracht, sondern das über einen längeren Zeitraum immer wieder bestätigt. Daher glaube ich ganz fest dran: Wenn ich meine bisher erbrachten Leistungen immer wieder bestätige und vielleicht das eine oder andere Ausrufezeichen dazukommt, kann das schon ein Thema werden. Aber im Fußball gilt eben das Leistungsprinzip: Man muss besser sein! Das nehme ich voll an und bin der Überzeugung, dass man in der 2. deutschen Liga, speziell als Torhüter, für den ÖFB interessant sein kann. Ich bin also der Meinung, dass es möglich ist, ich will es mir erarbeiten, habe aber trotzdem Respekt vor den anderen Torhütern, die dabei sind und sich das verdient haben.

LAOLA1: Und die in diesem Länderspiel-Herbst ja gezeigt haben, wie schnell es gehen kann…

Fraisl: Absolut! Gerade Alex Schlager hat bewiesen, dass man dran bleiben muss, er hat lange konstant gut gespielt. Speziell für Alex und Pavao Pervan habe ich mich irrsinnig gefreut, dass sie vor kurzem ihr Nationalteam-Debüt gegeben haben. Ich habe beiden persönlich gratuliert, ihnen aber natürlich auch ausgerichtet, dass sie dran bleiben müssen, weil ich irgendwann hoffentlich dazukommen werde (lacht).

LAOLA1: Angesichts der EURO-Auslosung könnte man mit Augenzwinkern feststellen, dass dich der ÖFB zumindest als Rumänien-Experten nominieren sollte.

Fraisl (lacht): Stimmt, ich habe nach der Auslosung auch grinsen müssen.

LAOLA1: Österreich spielt zwei Mal in Bukarest, Rumänien steht auch als möglicher Gegner im Raum. Was käme auf das Nationalteam zu?

Fraisl: Die rumänische Liga ist mit der österreichischen ziemlich auf Augenhöhe. Das heißt, wenn Spieler aus der jeweiligen Liga nominiert werden, sind wir auf ähnlichem Niveau. Der große Unterschied ist also, dass der ÖFB einfach Legionäre hat, die sich im Ausland beweisen müssen und einem Konkurrenzdruck stellen, der in Österreich oder Rumänien einfach nicht vorhanden ist. Da Rumänien Spieler aus der eigenen Liga im Kader hat, wäre das ÖFB-Team für mich absoluter Favorit. Wobei ich eines weiß und im Jahr dort erfahren durfte.

"Der Umgangston ist dort halt wirklich brutal. Wenn man glaubt, wir in Österreich denken im Fußball schwarz-weiß, kann ich nur sagen, das ist vollkommener Blödsinn. Wenn du ein Jahr in Rumänien warst, weißt du, was wirklich Schwarz-Weiß-Denken ist."

LAOLA1: Und zwar?

Fraisl: Die rumänische Fußball-Mentalität kann dir richtig viel abverlangen. Sie können technisch-taktische Mängel mit extremer Verbissenheit wettmachen. Die Wettkampf-Mentalität in Rumänien müsste für einen Österreicher als Vorbild dienen. Da rennen wirklich elf Spieler mit Messern zwischen den Zähnen raus. Da gibt es kein "heute machen wir es locker" oder "es geht eh nur gegen den Vorletzten". Von der Einstellung zum Sport, was die 90 Minuten auf dem Spielfeld betrifft, ist die rumänische Fußball-Mentalität der österreichischen etwas voraus.

LAOLA1: Wahrscheinlich weil die Spieler nicht immer Hendl mit Reis essen wollen. Du hast ja mal in einem Interview (Kuriose Anekdoten) erzählt, dass der Kellner in einem Restaurant nach Niederlagen als Bestrafung immer das aufgetischt hat – egal was ihr bestellt habt.

Fraisl (grinst): Der Umgangston ist dort halt wirklich brutal. Wenn man glaubt, wir in Österreich denken im Fußball schwarz-weiß, kann ich nur sagen, das ist vollkommener Blödsinn. Wenn du ein Jahr in Rumänien warst, weißt du, was wirklich Schwarz-Weiß-Denken ist. Da sind Dinge passiert, die du als Österreicher nicht für möglich hältst.

LAOLA1: Zum Beispiel?

Fraisl: Normalerweise sind wir zu fast jedem Auswärtsspiel geflogen. Am Tag vor einem Auswärtsspiel haben wir in der Früh noch trainiert, und es ist ein Sturm aufgezogen, wie ich ihn noch nicht erlebt habe. Also wurden alle Flüge gecancelt. Was machen wir? Wir setzen uns zu Mittag in den Bus, kommen nach über 13 Stunden Fahrt irgendwann in der Nacht an. Wir sind an der Tankstelle stehengeblieben und haben ein paar Semmeln geholt, das war unser Abendessen. Um 14:30 Uhr war Anpfiff. Wir verlieren die Partie, obwohl wir 2:0 geführt haben, weil gegen Ende hin keiner mehr Saft hatte. Anschließend schimpft der Präsident im TV-Interview über uns und wenn es noch einmal passieren würde, dass wir ein Spiel so verlieren, zündet er den Verein an und sucht sich einen neuen. Ihm war es wurscht, dass wir so lange im Bus gesessen sind. Wenn ein Flug ausfällt, dann ist es eben so. Aber dann darfst du auch nicht den Anspruch haben, dass du den Gegner mit 4:0 abschießt, denn die anderen sind auch keine Blinden.

LAOLA1: Inzwischen hat Österreich sieben Legionäre, die vielleicht ähnliche Abenteuer erleben. Gibt es einen Grund, warum Österreicher momentan in Rumänien so gefragt sind?

Fraisl: Möglicherweise bin ich ein Grund dafür: Als ich runtergegangen bin, war ich der einzige. Ich habe nicht nur das Sportliche gesehen, sondern war nach vier Monaten bei der Pressekonferenz – ich habe eine Frage auf Englisch gestellt bekommen und auf Rumänisch geantwortet. Dann haben sich alle angeschaut: Was ist denn da los? Es hat noch nie ein Legionär Rumänisch gelernt. Ich wollte damit ein Zeichen setzen und meinen Respekt vor dem Land und der Liga, in der ich Fußball spiele, ausdrücken. Bei meinem Ex-Verein spielen mit Marcel Holzmann, Mario Ebenhofer und Hidajet Hankic drei Österreicher, bei der Kontaktaufnahme konnte ich behilflich sein. Einige andere Vereine haben darin für sich ebenfalls eine Chance gesehen. Wenn möglich, habe ich gerne eine "Rutsche" gelegt.

Textquelle: © LAOLA1.at

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