Gott sei Dank ist Island draußen

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Zielgerade

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Das Turnier hat im Viertelfinale Fahrt aufgenommen, die besseren Mannschaften setzen sich durch und der Gastgeber beendet den Wikinger-Hype. Das alles ist gut so.

Auf der Tribüne (in Marseille, Lille, Bordeaux und Paris)

Die Politik in Großbritannien und der Fußball bei der EURO 2016 gehen in der letzten Woche im Gleichschritt. Da wie dort verabschieden sich nach und nach wesentliche Protagonisten von der Bühne. Auf der Insel gehen jene, die den Scherbenhaufen angerichtet haben, freiwillig und stehlen sich aus der Verantwortung. In Frankreich ist es ein Abschied wider Willen, den Polen, Belgien, Italien und Island hinnehmen mussten. Mit den verbleibenden vier Mannschaften biegt das Turnier auf die Zielgerade ein und am Sonntag wird es in jedem Fall einen großen Favoriten beim Finale geben. Egal, ob Deutschland oder Frankreich gegen Wales oder Portugal spielen wird, die zwei Erstgenannten wären jeweils weit vorne bei den Buchmachern. In den anstehenden Semifinalspielen ist das anders, da gibt es in beiden Partien keinen, den man eindeutig im Vorteil sehen würde.

Obwohl ich gleich mit zwei meiner Prognosen letzte Woche danebengelegen bin, waren diese Viertelfinalspiele, von Polen gegen Portugal abgesehen, endlich auch mehrheitlich Spiele, wo diese Endrunde Fahrt aufgenommen hat. Ich hätte Belgien zwar in der Pole Position für das Finale im einen Ast gesehen, diese Mannschaft schafft es aber irgendwie nicht, ihr Riesenpotential abzurufen. Kombiniert mit ganz schön viel Verletzungspech und einem wohl im Vergleich zu seinem walisischen Gegenüber etwas weniger ausgefuchsten Trainer, stehen plötzlich „The Dragons“ im Semifinale. Und das ist gut so. Die Chris Coleman-Truppe ist eine der interessantesten Erscheinungen der letzten Wochen und gegen CR7 und seine Kollegen ist man keineswegs mehr der große Außenseiter. Es wird eine interessante Begegnung, wenn Portugal mit seinem neuen Defensivkonzept auf das fintenreiche, ständig reaktive Wales trifft.

"Schnörkelloses, körperbetontes Spiel mit ein paar Standardtricks in Ehren, aber ich sehe lieber Frankreich gegen Deutschland als die Isländer"

Deutschland gegen Italien war kein Spektakel, aber der zu erwartende Fight. Jogi Löw hat seine Mannschaft umgebaut, ist von Spiel durchziehen auf Reaktion gegangen und hat Mehmet Scholl damit nachhaltig beleidigt. Wird ihm egal sein. Der Erfolg gibt ihm Recht und es ging sich für „Die Mannschaft“ am Ende aus. Und das, wie bei eigentlich allen Begegnungen dieser EURO, verdient. Deutschland war vor allem mit Fortdauer des Spiels stärker. Es ist natürlich Glück, das Elferschießen zu gewinnen, unverdient war es aber ebenso nicht.

Last but not least hat sich Frankreich als Host erstmals zu einer Machtdemonstration hochgeschwungen und den Wikinger-Hype humorlos beendet. Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Gott sei Dank beendet. Es war dann auch genug. Schnörkelloses, körperbetontes Spiel mit ein paar Standardtricks in Ehren, aber ich sehe lieber Frankreich gegen Deutschland als die Isländer. Und Wales hätte mindestens so einen Hype verdient wie Island. Lustige Fans haben die Briten auch.


Pressestimmen zu Frankreichs Gala gegen Island:


Deutschland muss also am Donnerstag den nächsten harten Brocken aus dem Weg räumen, um seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. Und diese Rolle haben sie mit dem Auftritt gegen Italien gefestigt. Auch psychologisch. Trauma überwunden, die ohnehin breite Brust ist noch breiter geworden. Trotzdem wird es das nächste vorweggenommene Endspiel gegen die Franzosen. Durch den Ausfall von Mario Gomez, die Adduktorenprobleme von Sami Khedira, die Sperre von Mats Hummels und den immer wieder leicht blessierten Jerome Boateng plagen Löw die eine oder andere Sorge, sein Kader hat allerdings die Breite, das zu kompensieren. Mit den von Spiel zu Spiel besser werdenden Franzosen ergibt das eine feine Ausgangsposition für ein großes Match.

Was kann man sonst noch zwischenresümieren, nach 48 von 51 Spielen? Die Hooligan-Geschichten waren ein Anfangsphänomen dieser Europameisterschaft und wurden außerdem gnadenlos medial aufgebauscht, bis hin zum „Anlock-Effekt“ für Schlägertouristen. Zudem sind nach und nach die „richtigen“ Teams ausgeschieden und mittlerweile dominieren freundliche Gesichter die Tribünen. Die Polizei bleibt hypernervös und jagt ein verdächtiges Auto lieber gleich in die Luft, um kein Risiko einzugehen.

Eine These aus der Vorrunde wurde immer wieder bestätigt: Mannschaften ohne anständigen Tormann reißen nix mehr im großen Geschäft. Noch viel mehr gilt das für strategisch versagende Trainer. High Potentials wie Kroatien, Belgien, England oder (sorry, aber leider auch) Österreich sind wegen mangelhaften Leistungen in der Coachingzone früher als erhofft rausgeflogen. In manchen Fällen war das vorhersehbar, in manchen (eh schon wissen wer) leider durchaus überraschend. Nicht zuletzt sind in Frankreich die Schiedsrichterleistungen kein Reizthema. Durchwegs gibt es Lob, vor allem für die Assistenten an den Linien, die wirklich eine sehr anständige Trefferquote bei Abseitsentscheidungen vorweisen können. Einige Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Man liest sich Ende der Woche mit einer, man darf ja noch hoffen, Preview auf Wales gegen Frankreich

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Nun beschäftigt er sich als Betreiber der Podcast-Plattform "blackfm.at" mit den Geschehnissen bei den Schwarz-Weißen. Bei LAOLA1 verfasst er in regelmäßigen Abständen Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick und nun speziell zur EURO 2016.


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