Was die Bruckner-Wahl für den SK Rapid bedeutet

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Grüner Rauch stieg um 22:43 Uhr aus dem Allianz-Stadion auf. „Habemus, Präsident“, so der Tenor.

Martin Bruckner ist also der neue starke Mann beim SK Rapid, der in die Fußstapfen seines Vorgängers Michael Krammer tritt – und auf den einiges an Arbeit wartet.

Zeit, den Wahlsieg ausgiebig beim angekündigten, wohlverdienten Bier zu feiern, ist nicht vorhanden. Denn die methaphorisch aufgestiegenen Rauchschwaden hätten auch ein Hinweis auf die während des Wahlkampfs eingebrochenen Brücken sein können.

Das mediale Balzverhalten beider Kandidaten um die Wählergunst hat dem Verein alles andere als gut getan. Es hat den Verein gespalten und wieder einmal unerwartet Unruhe erzeugt, obwohl man bei Rapid froh sein könnte, wenn es im Pulverfass Hütteldorf einmal ein paar Wochen zum Durchschnaufen gibt.

Die Premiere in der 120-jährigen Klubgeschichte – noch nie zuvor gab es eine Kampfabstimmung um den Präsidenten – hat offenbart, wie unterschiedlich die Mitglieder die aktuelle Situation bewerten, wie groß einerseits die Angst vor Veränderung und wie groß andererseits die Unzufriedenheit mit dem sportlichen Abschneiden der letzten Jahre ist.

Das Wahlergebnis von 1.059 zu 926 Stimmen ist ein Beweis für die ungewisse Zukunft, in welche Rapid steuert. Auch durch die durchaus offensiv angelegte Schlammschlacht zwischen Bruckner und Schmid sind große Gräben aufgegangen. Bruckners große Aufgabe wird es somit sein, als Brückenbauer zu fungieren und jene Mitglieder, die gegen ihn gevotet haben, mit seiner Philosophie und dem Weg – zumindest für die kommenden drei Jahre – vertraut zu machen.

Der neue Präsident ist nicht der große Strahlemann, keiner der die große Bühne sucht. Bruckner wird kein „Krammer 2.0“ werden, und das will er auch nicht. Der 54-Jährige legt seinen ehrenamtlichen Posten wie ein Aufsichtsrat aus, will sich medial zurückziehen und den Geschäftsführern Christoph Peschek und Zoran Barisic das Rampenlicht überlassen. Die Ausgliederung des Profibetriebs in eine Kapitalgesellschaft macht dies möglich. Dass Bruckner so wie Krammer noch seine Unterschrift unter Spielerverträge setzen muss, wird es in der neuen Struktur nicht mehr geben. Ob es bei einem Verein wie Rapid jedoch auch wirklich so umsetzbar ist, sich als Präsident öffentlich rar zu machen, bleibt abzuwarten – Bruckner wird seine Rolle aber mit Sicherheit anders auslegen als sein Vorgänger.

Das bisherige Präsidiumsmitglied setzte sich - wenig überraschend - für die Fortführung der Ideen der letzten sechs Jahre ein. Aus den Fehlern, wie jene bei der Entlassung von Zoran Barisic als Trainer und den darauffolgenden Trainer-Rochaden, habe man gelernt. Kontinuität ist auf dem Vormarsch – und deshalb hat man sich auch anders als Gegenkandidat Roland Schmid von Anfang an klar positioniert und die zukünftige Entwicklung auch an Namen gebunden.

Christoph Peschek und Zoran Barisic sind für Bruckner ebenso unanfechtbar wie Trainer Didi Kühbauer. Diese Herrschaften sollen das Kind schaukeln, diese genießen vollstes Vertrauen. Dass ihnen Bruckner damit einen großen Rucksack mit auf die Reise gegeben hat, war ihm dabei möglicherweise nicht so bewusst. Denn sollte nicht die angestrebte Verbesserung eintreten, würde ihm jegliche Personalentscheidung gegen seine Proteges als Schwäche und Verlassen des eingeschlagenen Weges ausgelegt werden.

Der Vorstand der Allianz Investmentbank propagierte „Evolution statt Revolution“, berief sich aufs Leitbild, stellte ein Satzungskonvent in den Vordergrund und will sportlich aufgrund des getätigten Aufbaus in den vergangenen Jahren – vom Nachwuchs über Rapid II bis zu den Profis – wieder für Sternstunden sorgen. Dabei kündigte er auch an, unabhängig von Personen eine Spielphilosophie auszuarbeiten, die dann uneingeschränkt für alle gilt – ein Einlenken auf Schmids Pläne? Denn davor wurde immer betont, dass es diese Konzepte bereits gibt.

War es unter Krammer der Stadion-Neubau, wird Bruckner in Zukunft an der Umsetzung des Trainingszentrums gemessen werden. Dieses soll die Basis für die neue Nachwuchsoffensive darstellen, um die Stars von morgen wieder selbst zu produzieren. Erste Schritte in diese Richtung wurden durch die Annäherung von Rapid II an einen 2. Liga-Aufstieg und der Integration von Spielern wie Velimirovic und Co. bei den Profis bereits gesetzt.

Der Schulterschluss mit dem harten Fan-Kern hat Bruckner mit Sicherheit nicht geschadet, sie feierten die Entscheidung vor Ort mit Sprechchören, denn Bruckner wollte sich die Fans nicht schlechtreden lassen. Dass man dieses heikle Thema, abgesehen vom tollen Support, durchaus differenzierter sehen kann – wie es Schmid kundgetan hat -, ist aber auch klar.

Dass Stadionsprecher und Klubserviceleiter Andy Marek den Verein aus gesundheitlichen Gründen nach über einem Viertel-Jahrhundert verlassen wird, veranlasste Bruckner, seine Wahlrede aufgrund von Danksagungen für den verdienstvollen Rapid-Mitarbeiter zu kürzen. Eine emotionale Geste, bei dem die Rapid-Familie beschworen wurde – und die in dieser Situation bei unentschlossenen Mitgliedern sicher nicht negativ ankam.

Was auch immer schlussendlich zum Ausschlag pro Bruckner geführt hat – sei es das Konzept, die weniger angriffigen Kommentare als sein Gegenüber oder kleine, entscheidende Schachzüge -, nun ist die Zeit gekommen, um zu liefern.

Bruckner bringt ein zweifelsohne interessantes Team mit ins Präsidium. Statt der medial oftmals auffälligen Legenden baut er mit Gerry Wilfurth auf einen Jugendfreund, der Erfahrungen im Sport-Business mitbringt und die Arbeit anstatt große Worte für sich sprechen lässt. Mit Michaela Dorfmeister hat er weitere Sport-Kompetenz im Team, welche Tipps aus einer anderen Sichtweise geben soll und mit Monisha Kaltenborn jemanden mit Sportkompetenz, Erfahrung und einem Riesen-Netzwerk u.a. aus Zeiten als Formel-1-Teamchefin. Tipp-3-Boss Philip Newald ist nicht nur ein wirtschaftlich erfolgreicher Manager, sondern kennt Rapid seit vielen Jahren aus verschiedensten Blickwinkeln. Mit Stefan Singer hat man Zugang zur Fan- und Mitgliederbasis, da dieser seit Ewigkeiten deren Vertretung übernahm. Dazu bringen Nikolaus Rosenauer und Gerhard Höckner Know-How und die Erfahrung als langjährige Präsidiumsmitglieder mit.

Alles in allem steuert Rapid mit einem neuen Steuermann in Richtung Zukunft. Veränderung und Umbruch hätte bei den Hütteldorfern einiges ins Rollen gebracht. Die Frage, was Schmid im Endeffekt wirklich ändern hätte können, wird jedoch wohl niemals beantwortet werden. Fakt ist aber auch, dass durch den offenen Wahlkampf mit Sicherheit Themen auf den Tisch gekommen sind, die ansonsten tief im Verborgenen geblieben wären. Davon kann Bruckner in Zukunft nur profitieren. Aus demokratischer Sicht kann ein Wahlkampf durchaus auch positive Auswirkungen haben – er muss ja nicht immer so schmutzig geführt werden.

Textquelle: © LAOLA1.at

Martin Bruckner ist Rapid-Präsident! Das sind seine ersten Ziele

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