Coaches Game oder Players Game?

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Wohlwissend, dass sich sprichwörtlich die Geister an ihr scheiden, widmen wir uns einer der schwierigsten und zeitgleich aber wohl interessantesten Fragen des Fußballs: Coaches Game oder Players Game?

"Meine Mannschaften hat immer ausgezeichnet, dass sie eine klare Spielphilosophie haben", mit diesen Worten startete Christian Ilzer in sein Austria-Abenteuer. Welche Faktoren beeinflussen ein Spiel auf Top Niveau - diese und einige Fragen mehr stellen wir und begeben uns auf die Suche nach einer Lösung.

Performance = ?

Was ist ein Parameter für die eigentliche Leistung eines einzelnen Spielers und der Mannschaft in der Gesamtheit?

Talent addiert mit Einsatzwillen addiert mit Störfaktoren. So könnte die Gleichung lauten. Zweifelsohne kann man über die Talentlüge kontrovers diskutieren, unbestritten bleibt aber die Tatsache, dass den wohl größten Faktor dieser Gleichung das Talent eines Spielers, sprich die Genetik, einnimmt. Der Trainingsfleiß ebnet den Weg, aber das Talent bestimmt, wohin die Reise gehen kann - gepaart und im Einklang mit der Regulation der äußeren Umstände bzw. Störfaktoren.

Genau das ist Widerstandsfähigkeit, ein heutzutage immer wichtiger werdender Faktor. Auf dem Sprung in den bezahlten Fußball der vielleicht größte. Die Performance am Spieltag ist und bleibt der alles entscheidende Faktor in jeglicher Bewertung. Ist die Performance gut (die Definition von gut sei frei wählbar), erhöht es die Wahrscheinlichkeit eines Teams, Spiele zu gewinnen. Und gewinnt ein Team Spiele, ist ja bekanntermaßen "alles gut". Oder doch nicht?!

Profundes Trainerscouting

Als Schalke 04 sich 2016 wieder einmal auf Trainersuche begab, erstellte man ein passendes Portfolio, wie der Neue inhaltlich und als Persönlichkeit sein soll. Um ja auch alles richtig zu machen, selektierten die Gelsenkirchener den kompletten Trainermarkt. Auf der Suche nach der passenden Lösung wurden die Schalker Klubbosse in Augsburg fündig. Markus Weinzierl sollte es werden. Mit sämtlichen Klauseln versehen war der Deal die Königsblauen bis zu fünf Millionen Euro wert.

Die Vereinsverantwortlichen aus Augsburg entschieden sich ebenfalls, den neuen Trainer zu scouten und gegebenenfalls Ablöse zu bezahlen. So fiel die Wahl auf Dirk Schuster. Es wurde eine Ablöse an Darmstadt überwiesen, und da war er, der neue Trainer des FC Augsburg. Nach zwölf Monaten war Weinzierl in Gelsenkirchen Geschichte, Schuster bereits nach knapp sechs Monaten beim FCA. Genau solange hielt sich übrigens Schusters Nachfolger in Darmstadt. Norbert Meier wurde im Dezember 2016, nach nur sechs Monaten, in Darmstadt vor die Tür gesetzt.

Drei Trainer, die gezielt mit der Überzeugung der Vereinsverantwortlichen, dass sie genau zum jetzigen Zeitpunkt und zur Idee des Vereins passen, geholt worden sind, waren nach spätestens einem Jahr allesamt nicht mehr die richtigen.

Spannender war dieses gezielte Trainer-Scouting nur auf der Insel. 15 Millionen Euro ließ sich dem Vernehmen nach der FC Chelsea im Sommer 2011 Andre Villa Boas kosten. Eine Investition in die Zukunft, galt der Übungsleiter doch als vielversprechende Aktie. Im März 2012 war seine Amtszeit bei den Blues vorbei. Nach nicht einmal einer Saison.

Eigene DNA vs. Vereins-DNA: Richtig oder falsch?

Die oben genannte Trainerrotation wirft einige Fragen auf. Vielleicht auch jene nach einer Ausbildungsphilosophie des Vereins und der Spielphilosophie des Trainers bzw. in weiterer Folge auch über den Einklang dieser. Sehen wir uns zwei Trainer-Koryphäen im Vergleich an.

Welche DNA verkörpert ein Trainer, der wohl sämtliche Top-Klubs und Top-Ligen hinter sich hat? Einer wie Carlo Ancelotti - der AC Milan, Real Madrid, Paris Saint Germain, FC Chelsea, Bayern München und einige mehr unter seinen Fittichen hatte?

Beschäftigt man sich mit Ancelotti, mit von ihm trainierten Klubs, wird ersichtlich, dass der "Mister" die Einsicht vertritt, die Klub-DNA zu verkörpern. Carlo Ancelotti will nicht auf Biegen und Brechen den eigenen Spielstil durchdrücken, sondern die Vereinsphilosophie hochleben lassen.

Einer der größten und erfolgreichsten Trainer dieses Planeten, Pep Guardiola, hat im Zusammenspiel eigener Fußballauffassung und Kaderqualität im ersten City-Jahr seine Anlaufschwierigkeiten gehabt, um im darauffolgenden Sommer Geld in die Hand zu nehmen und in Spieler zu investieren, die seiner klaren Spielidee entsprachen. Warum Pep bei Barca schon im ersten Jahr funktioniert hat, liegt auf der Hand.

In Barcelona ist Pep auf ein Umfeld, eine Mannschaft getroffen, die für klare Prinzipien steht, mit denen der Trainer bestens vertraut war und die seinen eigenen entsprochen haben. Basierend auf dem großartigen Johann Cruyff ist die Spielidee der Katalanen entstanden. Pep gilt als Fan von Cruyff-Fußball. Er konnte sich dennoch in den Details ausleben und somit Fußballgeschichte schreiben.

Zwischen Trend und Kritik oder der Trend zur Kritik

Christian Ilzer und die Trainerbörse: LASK, Sturm, Hannover, Austria - welcher Verein war nicht mit ihm beschäftigt? Christian Ilzer, eine heiße Aktie am heimischen Trainermarkt. Nach der Erfolgsgeschichte in Hartberg verbunden mit dem Aufstieg in die Bundesliga und der darauffolgenden sehr erfolgreichen Saison und Platz drei mit dem WAC war Ilzer in aller Munde. Zurecht!

Der Steirer ist ein akribischer Arbeiter, einer, der in Fußballprinzipien denkt und diese versucht, in der täglichen Arbeit zu implementieren. Keine zwei Monate nach seinem Wechsel zur Wiener Austria teilen sich die Meinungen. Ist seine Idee klar? Umsetzbar? Ist er persönlich diesem Druck gewachsen?

Beispiel Adi Hütter. Nimmt man die Wettquoten der Buchmacher in der Deutschen Bundesliga 2018/19, war die Annahme groß, dass die erste Trainerentlassung Adi Hütter treffen wird. Hütter hat in einem vernünftigen, von den Eintracht -Klubbossen rational geführten Umfeld trotz Anlaufschwierigkeiten und einem blamablen Pokal-Aus beim Regionalligisten SSV Ulm die Mannschaft schrittweise weiterentwickelt. Seine Erfolge in Meisterschaft und eine imposante Europa-League-Saison sprechen für sich. Hütter hat durch Arbeit auf voller Linie überzeugt.

Ähnlich war die Ausgangslage eines Oliver Glasner bei seinem Wechsel zum LASK. Als klarer Aufstiegsfavorit gestartet, blieb man im ersten Jahr unter den Erwartungen und verfehlte das Saisonziel. Das Linzer Umfeld war von der Arbeit seines Trainers überzeugt, ein nachhaltiges Konzept hat in den Folgejahren bekanntermaßen Früchte getragen. Einer anfälligen Defensive hat man in einfachen Prinzipien der ballorientierten Raumdeckung Stabilität verliehen.

Glasners spätere Umstellung der Grundordnung hat für mehr Zugriff im Gegenpressing gesorgt und die Defensivzonen entscheidend in den Zwischenraumlinien abgesichert. Glasner hat dem LASK ein komplett neues Gesicht verliehen und ihn zu einer Spitzenmannschaft geformt. Der Erfolg des LASK ist ebenso eng verbunden mit einer ausgezeichneten Arbeit im Bereich Scouting.

Faktor Zeit - Mythos oder Wahrhaftigkeit?

Wäre Manchester United einem Trend und Ritual im Fußball dazumal gefolgt, wäre Sir Alex Ferguson seinen Job sehr wahrscheinlich in seiner Anfangszeit bei United losgeworden. Geplagt von einer Reihe an Niederlagen, hielt sich Sir Alex trotzdem im Amt. Die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte von United mit Ferguson als Dirigent ist bekannt. Die Beispiele Glasner, Hütter und brandaktuell Ilzer belegen die These, dass Entwicklung Zeit braucht.

Wenn am Sonntag Hartberg auf Austria Wien trifft, wird Ilzer ungewollt im Mittelpunkt stehen. In Hartberg gefeiert, in Wien kritisch beäugt. Fußball ist ein Sport, der extrem in die positive wie auch negative Richtung emotionalisiert und polarisiert. In diesem Spannungsfeld haben Vereine und deren Funktionäre die schwierige Aufgabe, einem eingeschlagenen Weg zu folgen, denn dieser ist im Idealfall im Vorhinein durchdacht und visionär behaftet.

Trainer leben von Ergebnissen, zweifelsohne. Kurzfristige Erfolge erhöhen die Chance auf langfristiges sportliches Überleben des Trainers. Auf lange Sicht werden sich Erfolge jedoch nur durch ein Zusammenspiel aus qualitativ hochwertiger Arbeit und Zeit einstellen. Das Betätigungsfeld ist riesig. So ist es für einen Trainer entscheidend welche Spieler zur Verfügung stehen. Eine gute Scouting-Abteilung ist ein Keypoint. Gute Scouts und in weiterer Folge entsprechende Einkäufe, egal ob bereits im Jugendbereich mit anschließender qualitativer Ausbildung, oder im Profibereich zeichnen den Erfolgsweg vor.

Egal ob im Amateur- oder Profibereich, eine strategische Kaderzusammenstellung ist der essentielle Faktor und bildet die Basis für den Erfolg. Je strukturierter der Verein und je weitsichtiger die Planung, umso erfolgsversprechender ist dies. Man nehme die Red-Bull-Organisation, Ajax oder TSG Hoffenheim: Bei diesen Vereinen wird gezielt nach Profilen für die jeweilige Vereins-DNA in Einklang mit den Inputs des Trainers bzw. dessen Ideologie gescoutet.

Analyse WM 2018 - Players Game

Blicken wir auf das letzte Großereignis zurück, die Weltmeisterschaft in Russland, so finden wir eine klare Antwort auf unsere Ursprungsfrage. Players Game, ganz klar!

Das Institut für Spielanalyse aus Potsdam hat eine Statistik aufgestellt, die als Bemessungsgrundlage die Zugehörigkeit der Kaderspieler zu den besten fünf Ligen Europas - England, Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich - hatte. Beim prophezeiten und tatsächlichen Weltmeister Frankreich waren 23 von 23 Kaderspielern in den Top-Ligen engagiert. 22 von diesen 23, alle außer Pavard, waren in Mannschaften, welche im europäischen Wettbewerb vertreten waren.

Fast der komplette Kader des Weltmeisters musste die leistungsbestimmenden Faktoren auf dem höchstmöglichen Niveau im regelmäßigen Rhythmus abrufen, sodass der Stresslevel bei der WM leichter unter Kontrolle zu halten war. Anhand der Daten gibt es in der Gruppenphase nur ganz wenige Ausreißer, zwei davon sind Russland als positive Überraschung bei ihrer Heim-WM und Deutschland als Negativ-Beispiel mit dem Gruppen-Aus.

Die Dynamik des Spiels

Ein immer geläufigerer Begriff ist die sogenannte Dynamik vor und vor allem während eines Fußballspiels. Neben der Grundstrategie, Flexibilität und Spielerwechseln bleibt wohl die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen - Anforderungen im taktischen Bereich, aber auch in der Dynamik eines jeden Spiels zu erkennen - die größte Trainerqualität. Ein Matchplan vor und einer während des Spiels und es ist der entscheidende Ansatz, um dem Players Game die nötige Prise Coach mitzugeben.

Textquelle: © LAOLA1.at

Austria Lustenau mit Debakel in irrem Spiel gegen FC Juniors OÖ

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