"Es war ein historischer Tag"

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"Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen"

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Was für ein Davis-Cup-Wochenende!

Österreich steht erstmals seit 17 Jahren im Viertelfinale der Weltgruppe – zum ersten Mal ohne Thomas Muster!

„Besser hätte es nicht laufen können. Der Sieg war hochverdient“, freute sich ÖTV-Kapitän Clemens Trimmel nach dem 3:2-Erfolg über Russland über ein mehr als geglücktes Debüt.

Für den 33-jährigen Wiener war es das Ergebnis harter Arbeit: „Wir haben die ganze Woche professionell gearbeitet, uns auf alle Gegner vorbereitet und nie den Spaß an der Sache verloren.“

Teamgeist macht den Unterschied aus

Den feinen Unterschied sieht Trimmel im Zusammenhalt innerhalb des Teams. „Im Vergleich zu den Russen hat man einen anderen Teamgeist gespürt. Es war ein ganz anderes Feuer dahinter.“

Gemerkt habe man dies vor allem nach der unglücklichen Fünf-Satz-Niederlage im Doppel. Oliver Marach und Alex Peya mussten sich überraschend Mikhial Youzhny und Nikolay Davydenko geschlagen geben und waren nach dem vergebenen „Matchball“ natürlich am Boden zerstört.

Lob für mentales Auftreten der ÖTV-Spieler

Trotzdem richtete man sich im ÖTV-Team gegenseitig wieder auf. Jürgen Melzer machte am Sonntag mit einem beeindruckenden Drei-Satz-Sieg über Alex Bogomolov alles klar.

„Das Auftreten der Burschen hat mir sehr gut gefallen. Sie waren aggressiv und mental sehr stark. Wir wollten entscheiden, was am Platz passiert. Nur am Samstag haben wir das nicht ganz geschafft. Am Sonntag ging es wieder in die richtige Richtung“, so Trimmel.

Die Leistungen von Melzer und Andreas Haider-Maurer, der am Freitag mit einem Sieg über den Weltranglisten-34. Bogomolov überraschte, fanden auch im Kreis heimischer Tennis-Experten hohe Anerkennung.

Antonitsch: „Hätte es enger erwartet!“

„Ich sag es ganz offen: Ich hätte es mir etwas enger erwartet“, gestand Alexander Antonitsch, der beim letzten Viertelfinal-Einzug 1995 gegen Spanien noch selbst dabei war. „Jürgen hat Bogomolov richtig weggeschossen. Das war unglaublich!“

Wenngleich der nicht auf den Mund gefallene Kärntner auch die Leistung des Russen kritisierte: „ So wie Bogomolov gespielt hat, sollte das ein Aufruf an alle jungen Talente in Österreich sein. Es zeigt, was alles möglich ist.“

Wehmut bei Stefan Koubek

Mit ein bisschen Wehmut verfolgte Stefan Koubek den Davis-Cup-Triumph seiner ehemaligen Teamkollegen mit. Von 1998 bis 2011 war der mittlerweile zurückgetretene Kärntner ein fixer Bestandteil des ÖTV-Teams.

„Ich war genau in diesem ‚Gap‘ (Anm.: Lücke) zwischen den Viertelfinal-Einzügen“, so der 35-Jährige, der mit 20:19 eine positive Davis-Cup-Bilanz vorweisen kann.

„Ich freu mich aber trotzdem voll für die Burschen mit. Es war ja wirklich an der Zeit, dass wir es endlich mal wieder schaffen!“

Leitgeb hat Respekt vor Haider-Maurer

Melzer-Manager Ronnie Leitgeb, der 1995 ÖTV-Kapitän war, strich die Leistung von „AHM“ hervor: „Es ist eine unfassbare Teamleistung. Das ganze Team hat einen tollen Job gemacht. Vor allem vor Andi Haider-Maurer habe ich großen Respekt. Er hat Jürgen den Rückhalt gegeben, den er braucht.“

Leitgeb darf sich nun über einen spektakulären Start als ÖTV-Präsident freuen: Ende März übernimmt er das Amt von Ernst Wolner, vom 6. bis 8. April kämpft Österreich in Spanien um den Aufstieg ins Halbfinale.

Spanien ohne Nadal und Ferrer

Die Iberer werden zwar ohne ihre Top-Stars Rafael Nadal und David Ferrer, die sich auf die Olympischen Spiele konzentrieren, antreten, mit 13 Top-100- und acht Top-50-Spielern steht dem spanischen Kapitän Alex Corretja aber genügend hochkarätiges Spielermaterial zur Verfügung.

„Da sind wir natürlich Außenseiter“, gibt sich Trimmel keinen Illusionen hin. „Wir werden jetzt aber nicht auf Urlaub nach Spanien fliegen. Wir werden genauso fokussiert ans Werk gehen und uns so teuer wie möglich verkaufen.“

Über Spanien will Trimmel aber noch nicht nachdenken. „Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wir sind unter den besten acht Nationen der Welt“, will er vielmehr den sporthistorischen Stellenwert dieses Davis-Cup-Wochenendes herausstreichen.

Mit Ausnahme von Tischtennis gibt es aktuell keine Mannschaftssportart, in der Österreich in einer ähnlichen Situation wäre. „Ohne den anderen Sportarten nahetreten zu wollen, ist Tennis aber nun mal eine Weltsportart. Das ist einfach ein Riesenerfolg und ein historischer Tag!“

Neuer Tennis-Boom in Österreich?

Ob mit diesem auch ein neuer Tennis-Boom in Österreich ausgelöst werden könnte? „Es ist zu hoffen“, ist Trimmel, der seit 1. Jänner auch das Amt des ÖTV-Sportdirektors inne hat, zuversichtlich.

„Tennis wird in Österreich oft totgeredet. Wir stehen nicht so schlecht da. Im Fed Cup müssen wir schauen, dass wir wieder nach oben kommen. Im Davis Cup waren wir in den letzten Jahren eine Pendel-Nation zwischen Erst- und Zweitklassgkeit. Ich wehre mich dagegen, dass man immer alles schlecht redet. “

Kritik an Zuschauerzahlen

Potenzial sieht Trimmel aber genug: „Wir müssen gezielt an Strukturen arbeiten und auch in der Nachwuchsarbeit aktiv sein. Das österreichische Tennis lebt vor allem vom Davis Cup und vom Fed Cup. Wenn wir da erfolgreich sind, sind viele Dinge leichter“, so Trimmel, der dabei vor allem die Sponsoren-Suche hervorstreicht.

Nicht zufrieden könne man auch nicht mit den Zuschauerzahlen in der Arena Nova (Fassungsvermögen: 3.700 Zuschauer) sein. Während die Halle am Freitag mit 3.500 Zuschauern fast ausverkauft war, kamen in den folgenden Tagen jeweils nur mehr knapp über 2.000 Fans zum Davis Cup.

„Da muss man sich auch überlegen, warum das so ist. Wir spielen in der Weltgruppe, weiter nach oben können wir nicht kommen. Man muss analysieren, wie man die Leute in die Halle bringt“, so Trimmel, der nach seiner aktiven Tennis-Karriere eine FH für Unternehmungsführung absolvierte.

„Vielleicht verkaufen wir uns zu schlecht. Nachdem ich jetzt auch im Verband arbeite, wird das zwar nicht meine Hauptaufgabe sein, ich werde es aber mitanalysieren.“

„Der Kreis hat sich geschlossen“

Für Trimmel hat sich in Wr. Neustadt auch ein bisschen „der Kreis geschlossen“. Der Wiener galt Mitte der 90er Jahre gemeinsam mit Markus Hipfl als großes Talent, musste nach zahlreichen Verletzungsproblemen aber seine Karriere im Jahr 2004 vorzeitig beenden.

„Ich hab noch mit Alex (Peya), Olli (Marach) und Jürgen (Melzer) gespielt, später sogar noch ein bisschen mit Andi (Haider-Maurer) in der Südstadt trainiert“, erzählt der ehemalige Weltranglisten-147. „Es ist schön, dass man wieder zueinander findet, in einem Sport, den wir alle lieben.“

Jetzt muss nur mehr Österreich die Liebe zum Tennis-Sport wiederfinden. Vielleicht klappt’s ja schon bei der Ostereier-Suche in Spanien!

Christian Frühwald

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