Die Rückkehr des Weltmeisters

Aufmacherbild
 

"WM-Titel gewonnen zu haben, sehe ich als Geschenk"

Aufmacherbild
 

„Und da ist der Punkt – Werner Schlager ist Weltmeister!“

Der Ausruf von TV-Kommentator von Michael Roscher ist nach wie vor unvergessen. Auch zehn Jahre danach. Am 25. Mai 2003 schrieb der Schwechater mit seinem Finalsieg über Joo Se Hyuk (KOR) Sportgeschichte.

Jetzt kehrt er zurück an die Stätte seines größten Erfolges. Ab Montag finden die Tischtennis-Weltmeisterschaften neuerlich in Paris statt. Und im Einzel mit dabei ist einmal mehr Werner Schlager.

„Ich bin gespannt, wie der emotionale Rollercoaster für mich abläuft“, rechnet der mittlerweile 40-Jährige mit hochkommenden Gefühlen.

Im Interview mit LAOLA1 macht Österreichs Zelluloid-Ikone noch einmal einen Rückblick auf den „Filmriss“ von damals, philosophiert über fehlende Zukunftserwartungen und spricht Schwechater Entscheidungsträgern die Kompetenz ab:  

LAOLA1: Werner, wie oft bist du vor dieser WM, deren Konstellation schließlich eine sehr besondere ist, schon interviewt worden?

Werner Schlager (lacht): Man kann sich vorstellen, dass dieses hier keine Ausnahme ist.

LAOLA1: Sprichst du eigentlich nach wie vor gerne mit Journalisten über die schönen Erinnerungen von damals?

Schlager: Ja, sonst hätte ich gleich wieder aufgelegt.

LAOLA1: Wenn du dich zurückerinnerst: Welcher Moment kommt dir als erstes in den Sinn?

Schlager: Der verwertete Matchball. Warum sich das eingebrannt hat? Weil das eine Art Blackout war. Diesen Moment, den habe ich nicht verarbeitet, nicht abgespeichert. Erst im Nachhinein habe ich im Video gesehen, was ich gemacht habe. Dass ich den Schläger fallen lassen habe und so weiter. Das war wie ein Filmriss.

LAOLA1: Ihr behandelt euren Schläger sehr sorgsam, ist das Fallenlassen des Schlägers ein absolutes No-Go?

Schlager: Man macht es normalerweise nicht. Er kann blöd fallen, dass das Holz beschädigt ist. Auch wenn das eher unwahrscheinlich ist. Die Belege könnten auch spielunbrauchbar werden.

LAOLA1: Wie sieht es in dir aus, wenn du jetzt erneut die Reise nach Paris antrittst?

Schlager: Ich freue mich riesig, dass ich nach zehn Jahren wieder an diesen Ort zurückkehren darf. Ich bin gespannt, wie der emotionale Rollercoaster dann abläuft.

LAOLA1: Heißt das, dass du mit einer Portion Nostalgie hinfährst?

Schlager: Nostalgie weiß ich nicht, aber es werden auf jeden Fall Emotionen bei mir hochkommen. Ich kann noch nicht sagen, wie sich das auf mich auswirkt, weil ich noch nie in so einer Situation war. Das werden wir erst im Nachhinein wissen.

Für Schlager spielen sportliche Erwartungen heuer eine untergeordnete Rolle

LAOLA1: In Anbetracht der Globalität der Sportart und des Status‘, welchen Tischtennis in Asien genießt – hat dein Weltmeistertitel in Österreich nicht einen viel zu niedrigen Stellenwert bekommen?

Schlager: Es ist ja immer so, dass anhand der Wertigkeit, die eine Sportart national hat, ein Erfolg auch eingestuft wird. Na klar, die Österreicher haben ja keinen Horizont, woher sollen die wissen, wie wertvoll der Weltmeistertitel in China ist. Das ist das Gleiche, als wenn ich fragen würde, was Cricket-Spieler in Österreich wert sind? Was bei denen zum Vergleich ein Staatsmeistertitel in Indien oder in England wert ist? Haha (süffisant). Es liegt auf der Hand, dass es landesspezifisch sein muss. Da gibt es auch kein Sudern oder Beschweren, sondern es ist, wie es ist, und muss auch so akzeptiert werden.

LAOLA1: Zehn Jahre sind seit deinem Triumph vergangen. Wo siehst du dich in noch einmal zehn Jahren, also 2023?

Schlager: Es macht überhaupt keinen Sinn, solche Prophezeiungen zu machen. In zehn Jahren kann ich schon unter der Erde liegen oder noch immer einen Tischtennis-Schläger schwingen. Ich kann auch ausgewandert sein. Keine Ahnung.

LAOLA1: Inwieweit spielen da sportliche Erwartungen überhaupt eine Rolle?

Schlager: Eine untergeordnete.

LAOLA1: Nichtdestotrotz kennen wir dich als Athleten, der auch aus sportlicher Sicht mit einem zufriedenen Gefühl nach Hause fahren will.

Schlager: Ja, sicherlich. Nur die Frage ist immer, womit bin ich zufrieden und was ist mein Ziel? Ich versuche mir immer ein relatives Ziel zu setzen und kein absolutes – ein absolutes wäre beispielsweise eine Medaille. Das ist dumm, wenn man so etwas macht, weil man nicht weiß, welche Faktoren bei einer Großveranstaltung mitreinspielen. Es hängt nicht nur von dir ab. Das Ziel lautet daher, meine beste Leistung an den Tag zu legen. Wenn ich das geschafft habe – auch wenn ich verliere – werde ich trotzdem zufrieden sein.

LAOLA1: Welche Lektion hast du aus deinem WM-Titel gelernt?

Schlager: Genau das, dass es nicht nur von dir abhängt. Du kannst zwar irrsinnig leistungsfähig sein, aber letztlich ist Tischtennis eine Zweikampfsportart und der Ball ist rund. Es ist immer alles möglich. Ich habe es damals gewinnen dürfen und das ist ein Geschenk. Genau so sehe ich das.

LAOLA1: Aber man hat doch Erwartungen an die Zukunft.

Schlager: Nein. Ich habe keine Erwartungen an die Zukunft, sondern an die Gegenwart. Die versuche ich mir zu gestalten. Die Zukunft beinhaltet so viele kleine Veränderungen, dass es soweit abdriften kann, dass ich es nicht absehen kann. Ich möchte aber nichts Hochdramatisches verändern: Mit der Familie zusammen sein, gesund bleiben und in der WSA (Werner-Schlager-Akademie; Anm.) tätig sein.

LAOLA1: Stichwort WSA: Bist du zufrieden mit dem Verlauf des Projektes?

Schlager: Es läuft verdammt gut. Sportlich entwickelt es sich prächtig. Es zeigt, dass wir richtige Ideen hatten und uns richtig positioniert haben. Wenn die ganzen Probleme rund um das Multiversum nicht wären, dann wäre es natürlich noch besser. Aber das ist etwas, das wir halt nicht beeinflussen können. In gewisser Weise sind wir vom Multiversum aber abhängig. Wir müssen überlegen, wie wir eine gewisse Eigenständigkeit erlangen. Wie es sich abzeichnet, ist das ein langwieriger Prozess.

Jahr Ort Herren Damen
2011 Rotterdam Zhang Jike (CHN) Ding Ning (CHN)
2009 Yokohama Wang Hao (CHN) Zhang Yining (CHN)
2007 Zagreb Wang Liqin (CHN) Guo Yue (CHN)
2005 Shanghai Wang Liqiin (CHN) Zhang Yining (CHN)
2003 Paris Werner Schlager (AUT) Wang Nan (CHN)
2001 Osaka Wang Liqin (CHN) Wang Nan (CHN)
1999 Eindhoven Liu Guoliang (CHN) Wang Nan (CHN)
1997 Manchester Jan-Ove Walder (SWE) Deng Yaping (CHN)

LAOLA1: Sind die finanziellen Probleme des Multiversums in gewisser Hinsicht bezeichnend für das Dilemma rund um die österreichischen Sportstätten? Auf der einen Seite wünscht sich der Sport zwar Hallen wie das Multiversum, auf der anderen Seite sind diese aber dann aber nur schwer finanzierbar.

Schlager: Im Prinzip ist es ganz einfach. Die Entscheidungsträger wollen zwar ein Sportzentrum haben, aber dann soll es nichts kosten. Heutzutage ist das eine Art eingebaute Schizophrenie. Es soll alles eine super Qualität haben, aber nichts kosten. Du willst den besten Mechaniker, aber er soll möglichst billig sein. Das ist wahrscheinlich durch Werbung so eingeprägt, dass wir alle glauben, dass das möglich ist. Auch die Entscheidungsträger in der Stadt Schwechat glauben, dass sie ein Sportzentrum hinbauen und es dann aber nichts kostet. Dann sehen sie, dass sie bei den Angestellten oder sonst wo sparen müssen. Das ist, als ob du dir einen Ferrari in die Garage stellst und dann hast du genau 10 Milliliter Sprit pro Monat zum Fahren. Damit kommst du genau einmal um den Häuserblock. Das bringt mich zu dem Schluss, dass die Leute, die das entscheiden, offenbar nicht über die nötige Kompetenz verfügen. Sonst kann ich mir das nicht vorstellen.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen