Doping: Fußballwelt, wach auf!

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Doping im Fußball: Beweise, Indizien, Aussagen

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"Ich sage aus Überzeugung, dass im Fußball nicht gedopt wird." (Jürgen Klopp, 2009)

Solche und ähnliche Aussagen sind im Fußball gang und gäbe. Das Thema Doping wird entweder gänzlich unter den Tisch gekehrt oder als Problem anderer Sportarten deklariert.

Sich selbst ernsthaft damit auseinanderzusetzen - das war für die Fußball-Szene bislang kein relevantes Thema.

Nicht so sauber wie vermutet

Doch warum nicht? Auch die Weste der schönsten Nebensache der Welt ist beileibe nicht so sauber wie vermutet. Der Schein trügt, auch und vor allem im Fußball.

Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert gab es Spuren von Doping-Missbrauch.

Seither flogen zahlreiche Stars auf, sprachen Allzeitgrößen - teilweise unbedacht - über Dopingmethoden und häuften sich die Indizien dafür, dass es sich lohnt, auch im Fußball näher hinzusehen. Ein Überblick:

War das "Wunder von Bern" fauler Zauber?

Das „Wunder von Bern“ soll in der Realität nicht ganz so wundersam vonstattengegangen sein. Nur Tage nach dem Final-Triumph Deutschlands über Ungarn im Jahr 1954 erhob Magyaren-Kapitän Ferenc Puskas Doping-Vorwürfe gegen die Deutschen, woraufhin ihm der Makel des schlechten Verlierers angedichtet wurde. Indizien dafür, dass er Recht hatte, lieferten Gelbsuchterkrankungen zahlreicher deutscher WM-Teilnehmer. Zudem fand der Platzwart des Berner Wankdorf-Stadions nach dem Endspiel leere Ampullen. Nachdem diese Geschichte 2004 ans Licht kam, gab mit Horst Eckel einer der WM-Helden zu, dass den Spielern eine Flüssigkeit verabreicht wurde.

Bei der WM 1966 sollen drei deutsche Teamspieler gedopt gewesen sein. Der DFB leitete nach Bekanntwerden dieser Thematik Ende des vergangenen Jahres eine sportliche Prüfung ein. Die Erkenntnis selbiger war, dass niemand gedopt habe. Sporthistoriker Erik Eggers betrachtete dieses Urteil in einem Gegengutachten als unhaltbar und sprach von eindeutigen Dopingfällen.

Das Wort des „Kaisers“ hat Gewicht – das war im internationalen Fußball immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Umso bemerkenswerter ein Statement, das Franz Beckenbauer 1977 in einem Interview mit dem „Stern“ von sich gab. Darin beschrieb er „eine besondere Methode“, um auf Top-Niveau spielen zu können. „Mehrmals im Monat entnimmt mir mein Freund Manfred Köhnlechner aus dem Arm Blut, das er mir wieder in den Hintern spritzt. Damit wird eine künstliche Entzündung hervorgerufen und dadurch erhöhen sich die weißen und roten Blutkörperchen sowie die Widerstandskräfte des Organismus.“

In den 80er Jahren war das Amphetamin-Derivat Fenetyllin, bekannt unter dem Namen Captagon, weit verbreitet. Jens Lehmann offenbarte dies vor einigen Jahren in einem Interview, auch Peter Neururer sprach Klartext: „Viele Spieler waren verrückt danach.“

Marseille feiert einen erdopten Titel

Ein handfester Skandal ereignete sich im Champions-League-Finale 1993 – aufgedeckt wurde er allerdings erst Jahre später. Jean-Jacques Eydelie, seinerzeit beim siegreichen französischen Vertreter Olympique Marseille unter Vertrag, gestand in seinem Buch, dass – mit einer Ausnahme – sämtliche Akteure gedopt waren, nachdem ihnen vor Spielbeginn eine Spritze verabreicht wurde. „Die Order war ausgegeben, man wurde gar nicht gefragt. Wir sollten uns aufstellen, und Rudi (Völler) ist ausgeflippt, hat ‚Skandal‘ geschrien, sich geweigert, die Spritze anzunehmen.“ Der Rest stellte sich in Reih‘ und Glied auf und ließ die Prozedur über sich ergehen.

Dem italienischen Rekordmeister Juventus Turin wurde systematisches Doping in den Jahren 1994 bis 1998 nachgewiesen. „Die Blutwerte der Spieler beweisen, dass sie EPO zu sich genommen haben“, erklärte Staatsanwalt Gianfranco Colace im Rahmen des Doping-Prozesses. Mindestens zehn Spieler fielen mit anormalen Blutwerten auf, darunter Alessandro del Piero, Antonio Conte und Didier Deschamps.  Konsequenzen gab es dadurch keine für Juventus, die Dopingvergehen waren zum Zeitpunkt des Prozesses bereits verjährt.

Emmanuel Petit, seines Zeichens Welt- und Europameister mit Frankreich, dazu englischer und französischer Meister bzw. Pokalsieger ließ 1999 mit einer Aussage aufhorchen, der - entgegen ihrer Bedeutung - nur wenig Beachtung geschenkt wurde. „Es kommt so weit, dass wir alle Doping brauchen. Einige tun es jetzt schon.“

Von 1999 bis 2003 betreute Luis García del Moral das US-Postal-Doping während der Tour de France und damit auch während fünf der sieben – inzwischen aberkannten – Armstrong-Siegen. Frühere Fahrer berichteten gegenüber dem „Wall Street Journal“ von der aggressiven Vorgehensweise des Arztes. „Wenn du nicht dopst, bist du kein wirklicher Profi“, bekam ein Fahrer von del Moral gesagt. Der Mediziner führte eine Sportler-Beratungsfirma und betreute nach seiner Zeit bei US Postal auch andere Sportler. Laut USADA führte er Blutdoping durch und half Sportlern dabei,  durch gezielte Manipulation ihrer Blutwerte bei Tests nicht aufzufallen. Auf der Homepage seiner Firma rühmte er sich bis zu seiner Verurteilung auch damit, u.a. die spanischen Fußballvereine FC Valencia und FC Barcelona sowie Tennisspieler (u.a. David Ferrer oder Marat Safin) beraten zu haben. Barcelona bestritt jedoch, den spanischen Sportmediziner je für Beratungsdienste bezahlt zu haben. Am 10. Juli wurde del Moral lebenslang gesperrt, beharrt aber nach wie vor auf seiner Unschuld.

Es ist hinlänglich bekannt, dass Doping in der DDR an der Tagesordnung stand. Weniger verbreitet ist, dass auch der Fußball von den Stasi-Methoden nicht verschont wurde. Bei Serien-Meister BFC Dynamo standen unerlaubte Mittel offenbar hoch im Kurs. „In englischen Wochen mussten wir immer an den Tropf“, erklärte Falko Götz vor einigen Jahren in der „Bild“. „Uns wurde gesagt, dass es sich um Vitamine oder kohlenhydratreiche Stoffe handelt.“ Auch ein schriftlicher Beweis liegt vor: Bei einer Analyse vom 17. November 1983 wurde 13 von 19 Spielern die Einnahme von Amphetamin und Metamphetamin nachgewiesen.

„Beim Training habe ich ein Medikament mit Dopingwirkung ausprobiert. Captagon heißt das Zeug […]. Auch in der Fußballwelt gibt es Doping – natürlich totgeschwiegen, klammheimlich, ein Tabu.“ Wenige Worte mit riesiger Wirkung. Harald „Toni“ Schumacher packte in seinem Buch „Anpfiff“ - erschienen im Februar 1987 - aus und sorgte für einen Tabu-Bruch. Der Torhüter berichtete nicht nur über Alkohol- und Sexeskapaden im deutschen Fußball, sondern auch von Doping. Damit zog er sich den Zorn vieler Entscheidungsträger zu. Die Folge: Schumacher wurde nicht nur aus dem Nationalteam geschmissen, auch der 1. FC Köln kündigte ihm den Vertrag.

Superstar Diego Maradona wurde 1991 in einer Urinprobe des Kokainkonsums überführt und gesperrt. Drei Jahre später sorgte der Argentinier bei der WM in den USA für einen weiteren Skandal. Nach dem Gruppenspiel gegen Nigeria wurde ihm das Dopingmittel Ephedrin nachgewiesen. An seinem Heldenstatus hat das freilich wenig geändert.

Real und Barca: Kunden von Fuentes?

Der Radsport wurde 2006 durch die Operacion Puerto in seinen Grundfesten erschüttert. Drahtzieher Dr. Eufemiano Fuentes verriet in einem Interview, u.a. auch Fußball-Spieler „betreut“ zu haben: „Ich hatte Leichtathleten, Tennisspieler, Fußballer, Handballer, Boxer und andere Sportler als Patienten.''  Auf einer ersten Liste tauchten vier Spitzenteams auf, darunter sollen sich die Hochkaräter Real Madrid und FC Barcelona befunden haben. Die Liste verschwand kurzerhand, auf einer überarbeiteten Version waren plötzlich nur noch Pedalritter zu finden. Die französische Zeitung „Le Monde“ berichtete davon, dass beide Top-Vereine involviert waren, nachdem ein Journalist Zutritt zu Fuentes‘ Akten bekam. Fuentes war jedoch nicht bereit, dies zu bestätigen: ,,Das kann ich nicht beantworten. Man hat mir mit dem Tod gedroht. Man hat mir gesagt, dass ich oder meine Familie große Probleme hätten, wenn ich bestimmte Dinge ausspreche“.  Klagen folgten, der Fall ist bis heute noch nicht restlos abgeschlossen. Die Guardia Civil verlangte derweil kein einziges Mal Akteneinsicht beim Doping-Arzt. Interessant auch eine Aussage von Cristina Perez, der Frau Fuentes‘: „Ich bin wie die Büchse der Pandora, die, wenn ich sie öffnen würde, den ganzen Sport in Spanien in den Abgrund reißen würde.“

Der ehemalige Radprofi Jesus Manzano, der die Ermittlungen rund um Fuentes mit einem Interview 2004 ins Rollen brachte, äußerte sich 2007 gegenüber dem „Stern“: „Die Fußballwelt ist mächtig. Sie ist viel mächtiger als der Radsport, sehr viel mächtiger. Schweigen ist besser. Ich habe Fußballer gesehen in der Klinik von Doktor Fuentes, und ich glaube nicht, dass sie da Kaugummis oder Sonnenblumenkerne abgeholt haben. Aber ich weiß es nicht.“

2011 wurde die kolumbianische Nationalspielerin Yineth Varon positiv getestet, die US-amerikanische Torhüterin Hope Solo durfte 2012 ungeachtet einer positiven Dopingprobe spielen.

Trotz all dieser Enthüllungen hört man oft genug Beteuerungen wie von Xavi nach der WM 2010: "Wir haben den Weltmeistertitel in der Gewissheit gewonnen, dass es im Fußball kein Doping gibt." Und auch der spanische Sportminister Jaime Lissavetzky forderte nach der Tour de France 2010 gegenüber den „Nürnberger Nachrichten“: ,,Ich akzeptiere keine Kritik, die unseren Sport beschmutzt.”

Im Mai 2012 sprach FIFA‑Präsident Joseph Blatter davon, biologische Spielerpässe auch im Fußball einführen zu wollen, denn "das Spiel hat sich enorm weiterentwickelt, es ist viel athletischer geworden. Tempo und Rhythmus sind heute höher denn je […]. Der Kampf gegen Doping ist ein ernst zu nehmendes Thema, denn auch im Fußball gibt es durchaus Betrüger, das ist eine Tatsache."

 

Henriette Werner / Christoph Nister

Rund um die Jahrtausend-Wende häuften sich positive Nandrolon-Proben namhafter Kicker. Edgar Davids, Frank de Boer, Jaap Stam oder auch Pep Guardiola – um nur einige zu nennen – rasselten beispielsweise durch die Dopingtests. Die Konsequenzen waren, gemessen mit anderen Sportarten, human. Niemand der Genannten pausierte mehr als fünf Monate, Guardiola wurde sogar freigesprochen. Ein Versuch des Anti-Doping-Gerichts des CONI (Olympisches Komitee Italiens), das Verfahren gegen die Klublegende des FC Barcelona wiederaufzunehmen, wurde abgeschmettert.

Völlig unbedacht gab Rocklegende Johnny Hallyday 2003 dem französischen Fernsehen ein Interview. Dabei parlierte er darüber, zur Blutauffrischung in die Schweiz zu fahren. Den Tipp dazu bekam er von Zinedine Zidane (zwischen 1996 und 2001 bei Juventus Turin), erklärte er weiter, dieser würde das Procedere selbst zweimal im Jahr durchführen.

Arsene Wenger ließ 2004 aufhorchen, als er über die Blutwerte einiger zum FC Arsenal transferierten Profis auspackte. „Wir hatten einige Spieler, die aus dem Ausland zu uns wechselten. Deren Anzahl an roten Blutkörperchen war abnormal hoch“, zitierte ihn der „Independent“. Zugleich stellte er die Vermutung an, Klubs würden ihre Angestellten „ohne deren Wissen“ dopen. „Der Klub könnte sagen, dass Vitamine injiziert werden. Der Spieler muss nicht gezwungenermaßen wissen, dass es was anderes ist.“

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