Was läuft in England falsch?

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"Das Spielerische ist klar auf der Strecke geblieben"

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48 Jahre, eine verdammt lange Zeit.

Seit 1966 wartet die englische Nationalmannschaft auf einen Triumph bei einem Großereignis.

Die magere Ausbeute seither: Ein dritter Platz bei der EM 1968 (Italien), das Erreichen des Halbfinales bei der EM 1996 (England) sowie Platz vier bei der WM 1990 (Italien).

Dabei gelten die „Three Lions“ seit geraumer Zeit bei Endrunden als Mitfavorit. „Schuld“ daran ist möglicherweise die Premier League, die den Ruf genießt, eine der stärksten Ligen der Welt zu sein.

Dies mag auch der Fall sein, doch in Englands höchster Spielklasse geben ausländische Spieler den Ton an.

Gleich 127 Akteure (inklusive Engländer) aus der Premier League wurden von den Teamchefs der 32 Teilnehmer an der WM in Brasilien in den provisorischen Kader einberufen.

Keine andere Liga stellt mehr Fußballer.

Kaum Engländer in tragendenden Rollen

Bei Topklubs wie Manchester City, Manchester United, FC Chelsea oder Arsenal besteht die Startelf seit Jahren fast ausschließlich aus Fremdarbeitern. Einzig Liverpool hat heuer immer wieder Eigenbauspielern eine Chance gegeben.

Auch bei den restlichen Liga-Klubs sind Engländer in der Minderheit. Darunter leidet die Nationalmannschaft.

Anders als bei vielen anderen Nationen steht nämlich auch kein einziger Legionär im Aufgebot von Teamchef Roy Hodgson. Und einen echten Superstar, der im Ausland sein Geld verdient, hat es in Großbritannien seit David Beckham nicht mehr gegeben.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, muss bei den Wurzeln begonnen werden. Sprich: Die Jugendarbeit gehört überdacht.

Vieira kritisiert Jugendarbeit

Der französische Weltmeister Patrick Vieira trainiert seit vergangener Saison die Nachwuchsabteilung von Manchester City. Der 37-Jährige spart nicht mit Kritik: Die Vereine müssten aufwachen und sich den Änderungen des Fußballs anpassen, nur so sei es möglich, junge Spieler an die Kampfmannschaft heranzuführen.

Umfeld und Rahmenbedingungen seien für die Youngsters perfekt, doch es fehle der Weitblick. "Das Spiel hat sich verändert. Der Fußball ist jetzt komplett anders als vor dreißig oder vierzig Jahren. Ich glaube aber, dass sich der Fußball in England im Nachwuchsbereich nicht verändert hat. Vielleicht ist das eines der Probleme“, erklärte der Ex-Internationale Ende 2013.

Gute Allrounder

Insgesamt waren zu seiner Zeit fünf weitere Ausländer bei den „Blues“ tätig. Der Rest war britisch. „Da gab es verschiedene Spielertypen. Techniker, gute Zweikämpfer. Unter dem Strich waren aber alles gute Allrounder.“

Laut dem Angreifer hätten schon damals Josh McEachran, Nathaniel Chalobah und Jamal Blackmann den besten Eindruck hinterlassen.

Bis auf Ersteren hat jedoch niemand nur eine Sekunde für die erste Mannschaft von Chelsea gespielt, geschweige denn wäre einer ein Thema für Roy Hodgson.

Auch Hofbauer hat eigentlich gute Erinnerungen

Positiv fällt das Resümee von Dominik Hofbauer aus, der gemeinsam mit Andi Weimann 2008 bei Aston Villa anheuerte, 2010 jedoch seine Zelte wieder abbrach.

„Wir waren eine der wenigen Mannschaften, die wirklich Fußball gespielt haben. Wir hatten immer ein Spielkonzept. Das Kick and Rush, das 80 bis 85 Prozent der Nachwuchs-Teams nach wie vor praktizieren, hat es bei uns nicht gegeben. Nur hohe Bälle, viele Zweikämpfe – das wurde von unseren schottischen Trainern untersagt“, erzählt der Blondschopf.

Zu seiner Zeit waren rund 60 Prozent der Mitspieler aus England. Die Intensität im Training bleibt für den aktuellen St.-Pölten-Akteur unvergessen. „Das war hart. Wir haben teilweise vier gegen vier gespielt. Die eine Mannschaft hat Gewichtwesten getragen. Die Verlierer haben dann Runden laufen müssen. Es war Krieg – im positiven Sinn. Du hast dich überwinden müssen. Es wurde dir eingetrichtert, dass du über die Schmerzgrenzen gehen musst.“

Nachdem Martin O’Neal im August 2010 seinen Rücktritt bei den "Villains" erklärte, wurde auch vermehrt auf die eigene Jugend gesetzt.

„Das Spielerische ist ganz klar auf der Strecke geblieben“

Wie sieht die Jugendarbeit in der Praxis aus? Der Burgenländer Georg Krenn stand von 2007 bis 2009 beim FC Everton unter Vertrag. Der damals 16-Jährige kam vorwiegend in der U18- und U19-Mannschaft der "Toffees" zum Einsatz.

In seinen Schilderungen bei LAOLA1 verliert er jedoch kein gutes Wort über die dort geleistete Arbeit. „Das Spielerische ist ganz klar auf der Strecke geblieben. Es wurde dort großer Wert auf Zweikampf, die Härte im Zweikampf, das Passspiel und die Schnelligkeit gelegt“, berichtet der heute 23-Jährige, der mittlerweile in der Regionalliga beim SV Stegersbach tätig ist.

Sein „Absturz“ sei auch eine Folge des Insel-Abenteuers gewesen. „Von meinen Fähigkeiten her hat es mich weitergebracht. Aber mental und psychisch hat es mich zurückgeworfen. Ich bin nie wieder richtig in die Spur gekommen. Scheinbar war ich mental zu schwach für das Ganze.“

Mit Jack Rodwell hat ein ehemaliger Mitspieler seines Jahrgangs dafür den Durchbruch geschafft. Der Defensiv-Akteur betritt 85 Spiele für den Klub aus Liverpool, ehe er 2012 zu Manchester City wechselte. Dazu kommen drei Einsätze für das Nationalteam.

Prosenik schwärmt hingegen von Chelsea

Anders als Krenn schwärmt Philipp Prosenik von seinem Aufenthalt im Vereinten Königreich. Der Sohn von Ex-Teamspieler Christian Prosenik durchlief von 2009 bis 2012 die Nachwuchsabteilung des FC Chelsea.

„Das Umfeld war perfekt. Wir haben gleich neben dem Trainingszentrum bei einer Familie gewohnt. Dieser Klub ist von der Ausbildung eine absolute Topadresse“, erinnert sich der 21-Jährige.

Die Trainingsübungen hätten vor allem spielerische Elemente enthalten. „Es wurde die Technik, der schnelle Fußball forciert. Alles lief über den Flügel.“

„Die Hälfte meines Jahrgangs hat es geschafft“

Spieler wie Ciaran Clark, Marc Albrighton, Barry Bannan, Nathan Delfouneso oder Andi Weimann erhielten ihre Chance und nutzten sie.

„Die Hälfte meines Jahrgangs hat es geschafft, weil unser Jugendtrainer zum Chefcoach befördert wurde.“

In der englischen Nationalmannschaft findet sich allerdings ebenfalls kein einziger Akteur der "Villains" wieder.

Grundsätzlich sieht der Steirer die Probleme bei den Eigentürmern. Immer mehr englische Klubs werden von potenten Geldgebern geführt.

„Es steht sehr viel Geld zur Verfügung und dann werden eben Ausländer gekauft.“ Für Hofbauer ein klarer Mitgrund, warum die Nationalteam auf der Stelle tritt.

Leiden die Engländer unter den hohen Temperaturen?

Zudem vertritt der 23-Jährige eine recht interessante Meinung, warum die Briten bei den Endrunden immer scheitern: Wegen des Wetters.

„Meistens wird in wärmeren Regionen gespielt. Noch dazu im Sommer. Da sind Temperaturen von 30 Grad keine Seltenheit. Das sind absolut keine Verhältnisse für englische Kicker. Wenn es in England 24 Grad hat, wird schon von heiß gesprochen. Damit kommen sie nicht klar.“

Egal, ob die Probleme in der Jugendarbeit, an der Dominanz der Ausländer in der Premier League oder tatsächlich schlichtweg an den äußeren Bedingungen liegen – es wäre ein großes Wunder, wenn England in Brasilien ein Wörtchen um den Titel mitsprechen würde.

Zu den 48 Jahren des Wartens werden also noch ein paar weitere dazukommen.

 

Martin Wechtl

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