"System steht über Einzelnen"

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"Wir haben ein komplizierteres Anforderungsprofil"

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Am kommenden Samstag wird die Sportvereinigung Ried 100 Jahre alt.

Der Jubiläumsgeburtstag könnte auf keinen besseren Zeitpunkt fallen. Denn der Innviertler Dorfverein ist im österreichischen Fußball der Vorzeigeklub schlechthin.

Die Oberösterreicher haben aus wenig unglaublich viel gemacht. Erst vergangene Saison feierten die „Wikinger“ ihren zweiten Cup-Titel, schafften es dann sogar bis in die Europa-League-Playoffs.

Auch diese Saison mischen die Rieder vorne mit, kämpfen um einen Europa-League-Platz – am Sonntag gastiert Rapid im Innviertel (16 Uhr LIVE im LAOLA1-Ticker) – und den Einzug ins Cup-Finale.

Die letzte zu nehmende Hürde heißt Austria Wien, das am Mittwoch zu Gast sein wird.

Einzig offene Frage: Wer wird die Ära von Paul Gludovatz weiterführen? Der Erfolgscoach hat sich vor wenigen Wochen nach Graz zu Meister Sturm verabschiedet.

Nun sucht der Manager den Nachfolger. Stefan Reiter, selbst eines der größten Puzzlestücke dieser Erfolgsstory, im Gespräch mit LAOLA1 zur Lage der Rieder Nation:

LAOLA1: Was hat Ried früher – einen Trainer oder 100 Jahre auf dem Buckel?

Stefan Reiter: (lacht) Ich glaube, es ist fast wahrscheinlicher, dass wir erst 100 Jahre werden. Denn das ist schon am kommenden Samstag der Fall.

LAOLA1: Wie geht es Ihnen aber mit der Trainersuche?

Reiter: Wir sind immer noch in der Findungsphase. Wir haben ein komplizierteres Anforderungsprofil, mit dem wir immer noch nicht ganz fertig sind. Auch weil wir uns bewusst einengen.

LAOLA1: Was heißt das konkret?

Reiter: Es ist auch in Ried als Trainer nicht so einfach zu arbeiten. Er muss persönlich sehr gut dazu passen. Das, was wir uns über die vergangenen Jahre erarbeitet haben, das System Ried, das hat Gründe, wirklich viele. Dieses System wollen wir nicht zu sehr verändern, also die Strukturen. Der neue Trainer muss sich mit diesem System identifizieren können – und nicht nur können, er muss auch wollen. Wenn er nicht will, macht es keinen Sinn.

LAOLA1: Gibt es folglich wenige Trainer, die dafür in Frage kommen?

Reiter: Eher schon. Der Großteil der Trainer will natürlich schon mehr einbringen, das sind sie auch gewohnt. Angefangen etwa bei der Personalsuche im nächsten Umfeld, Trainerstab und so weiter.

LAOLA1: Dahingehend gibt es eine interessante Konstellation: Ried hat schon einen Assistenz-Trainer, aber keinen Chef.

Reiter: Das ist so, weil Co-Trainer, Masseure und so weiter Teil unseres Systems sind. Sie sind nicht nur bei uns angestellt, sie leben auch Ried. Das ist uns sehr wichtig.

LAOLA1: Am einfachsten wäre es wohl gewesen, Gerhard Schweitzer hätte den vakanten Chefposten fix übernommen. Wäre Ihnen das nicht auch lieber gewesen?

Reiter: Nein, nicht unbedingt. Ich finde, dass er perfekt dort hinpasst, wo er sein will.

LAOLA1: Haben Sie schon mit Kandidaten gesprochen?

Reiter: Ich wollte bewusst noch mit niemandem reden, weil es meistens rauskommt. Und die, die vor zwei Wochen zu haben waren, sind in drei Wochen auch zu haben. In der aktuellen Situation, in der wir uns mit Meisterschaft und Cup befinden und an etwas dran sind, will ich auch keine laufenden Debatten über Namen haben. Das könnte die eine oder andere Verunsicherung in die Mannschaft bringen und das will ich einfach vermeiden. Wir werden nach dem Cup-Semifinale kommenden Mittwoch die ersten Gespräche führen, das ist unser Ziel.

LAOLA1: Apropos aktuelle Situation: Wie ist es realistischer, in die Europa League zu gelangen?

Reiter: Wir sind in beiden Fällen knapp dran und wir wollen beide Möglichkeiten nützen. Die Duelle gegen Rapid und Austria sind die bislang größte Herausforderung für uns in diesem Jahr. Gegen die Wiener Top-Klubs zu spielen, ist sowieso immer ein Highlight. Jetzt kommt hinzu, dass wir um Platz drei und den Final-Einzug im Cup kämpfen. Ich möchte nichts werten, denn es ist beides gleich wichtig. Das Wichtigste ist immer das nächste Spiel, ab Sonntag 18 Uhr fokussieren wir uns auf die Austria.

LAOLA1: Ist Ried mittlerweile dabei angelangt zu sagen, man muss in so einer Situation in den Europacup kommen?

Reiter: Nein, wir müssen auch nicht. Es war auch nicht das Ziel, das haben wir nicht gesagt. Jetzt aber wollen wir natürlich hin, das wäre ja auch ein Blödsinn, wenn es anders wäre. Aber mit „müssen“ hat das nichts zu tun. Es fällt in Ried kein Rad um, wenn wir das nicht schaffen.

LAOLA1: Schaffen Sie es, das Neustadt-Trio Schicker, Reiter, Madl nach Ried zu bekommen?

Reiter: Ich bin sehr interessiert, das gebe ich zu, aber dass das sicher ist, wie anderorts interpretiert wurde, da sind wir noch weit weg. Wie weit genau, kann ich nicht sagen. Es wird in nächster Zeit Gespräche und dann auch Angebote geben.

LAOLA1: Der neue Trainer ist hier noch nicht eingebunden. Ein Problem?

Reiter: Es gibt einfach vakante Positionen und soweit darf man mir und meinen momentanen Trainern zutrauen, dass wir das erkennen.

LAOLA1: Am 5. Mai wird Ried 100 Jahre alt. Der so genannte Dorfklub kann wohl zu so einem Jubiläum nicht besser da stehen.

Reiter: Vor 100 Jahren hätte sich das sicher niemand gedacht, vor 50 auch nicht, vor 20 auch nicht. Für einen Verein, der normal gewachsen ist, aus so einer kleinen Stadt in einer ländlichen Region ist das ein tolles Erlebnis. Es ist einfach für alle eine tolle Geschichte, bei diesem Geburtstag dabei zu sein. Es wird würdigst gefeiert, davon bin ich überzeugt.

LAOLA1: Kommenden Sonntag gibt es die große Gala in Ried, dabei wird unter anderem der Trainer des Jahrhunderts gewürdigt. Wer ist es für Sie – Klaus Roitinger oder Paul Gludovatz?

Reiter: Nein, nein, das ist eine Wahl, die wir den Fans überlassen.

LAOLA1: Was sagen Sie zum – wegen der Causa Foda – unglücklichen Einstand von Gludovatz bei Sturm Graz?

Reiter: Das geht mich nichts an. Ich will auch nicht die Tätigkeiten von Kollegen, anderen Trainern von der Ferne aus beurteilen. Ich kenne ja nicht alle Hintergründe, deswegen will ich mir kein Urteil erlauben.

LAOLA1: Ihnen gelang mit Paul Gludovatz ein Goldgriff. Haben Sie manchmal die Befürchtung, die nächste Besetzung könnte ein Fehlgriff sein?

Reiter: Nein, überhaupt nicht. Wir haben für Rieder Verhältnisse große Trainer gehabt. Klaus Roitinger hatte etwa Ried in die Bundesliga geführt, dann gab es einen Heinz Hochhauser, Helmut Kraft wurde Vizemeister bis hin zu Gludovatz. Es ist bei uns einfach so, dass das System über den Einzelnen steht und wer sich da hineinfügen will, kann sehr schnell arbeiten und das hoffentlich erfolgreich. Es ist bei uns noch nie etwas zusammengebrochen, wenn ein Trainer Ried verlassen hat.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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