Die große Skisprung-Saisonbilanz

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"Die Zeit der Superadler ist vorbei", titelte ein großes österreichisches Magazin Anfang Jänner.

Es war gerade Vierschanzen-Tournee und klar, dass die sensationelle Siegesserie des ÖSV von bis dahin sieben Erfolgen in Serie reißen würde.

Zum damaligen Zeitpunkt war jedoch noch nicht einmal die Hälfte der Saison vorbei und es dementsprechend noch zu früh, einen Abgesang auf die Super-Adler anzustimmen.

Nun, knapp drei Monate später, ist der Weltcup-Winter 2015/16 Geschichte. Grund genug, um Bilanz zu ziehen und die Saison noch einmal Revue passieren zu lassen.

WELTCUP

Österreichs Adler taten sich zunächst schwer und kamen nur langsam aus den Startblöcken. Den ersten Einzel-Podestplatz feierten die Mannen von Cheftrainer Heinz Kuttin Mitte Dezember in Nizhny Tagil, so richtig in Schwung kam das ÖSV-Team erst nach dem Jahreswechsel. Herausragend sind - wie schon im letzten Jahr - Michael Hayböck und Stefan Kraft.

Die beiden sorgten gemeinsam für vier Weltcuperfolge, zugleich die schlechteste Ausbeute seit zehn Jahren. In den letzten beiden Wintern gab es mit fünf Siegen allerdings nur unwesentlich mehr, insofern blieb die Bilanz diesbezüglich einigermaßen konstant.

Speziell Hayböcks Siegesserie in Finnland (zwei Erfolge in Lahti, einer in Kuopio) lässt mit Blickrichtung WM 2017 in Lahti hoffen. Das Duo zeichnete darüber hinaus für sämtliche 13 Einzel-Podestplätze (neun Hayböck, vier Kraft) verantwortlich und landete im Gesamtweltcup auf den Plätzen vier (Hayböck) und sechs (Kraft). Sie haben die rot-weiß-roten Fahnen hoch gehalten und die Mannschaft geführt.

Saison 2013/14  Saison 2014/15   Saison 2015/16  Tendenz
Siege 5 im Einzel (+2 im Team) 5 4 ==(▼)
Podestplätze 15 (+3 im Team + 1 Mixed) 21 (+2 im Team) 13 (+4 im Team)
Gesamtweltcup Plätze 6, 8 und 10 Plätze 3, 5 und 10 Plätze 4 und 6
Nationencup Rang 1 (5.407 Punkte) Rang 3 (5.193 Punkte) Rang 4 (4.652 Punkte)
Großereignis 1x Silber 2x Silber, 1x Bronze 2x Bronze ==

Dahinter entstand allerdings eine riesige Lücke. Der Umbruch im Team hinterlässt weiter seine Spuren, ohne Morgenstern, Loitzl, oder auch Koch ist die Mannschaft nicht mehr so breit aufgestellt wie noch vor wenigen Jahren. Hinzu kam die Formkrise des Gregor Schlierenzauer, der die Saison frühzeitig beendete und damit als Leistungsträger ebenfalls verloren ging. Thomas Diethart und Andreas Kofler, ebenfalls ehemalige Tournee-Sieger, kamen nie in Schwung, sodass es an Manuel Fettner und Manuel Poppinger lag, hinter dem Top-Duo immer mal wieder für gute Ergebnisse zu sorgen. Vor allem in Teambewerben (vier Podestplätze) riefen sie immer wieder ihre Potenzial ab.

Insgesamt ist jedoch nicht zu verleugnen, dass die Konkurrenz mannschaftlich am ÖSV vorbei gezogen ist und hier der größte Schwachpunkt auf österreichischer Seite liegt. Besonders zum Tragen kommt dies bei einem Blick auf die Nationenwertung. Hinter Norwegen, Slowenien und Deutschland landete das österreichische Team abgeschlagen auf Rang vier, was dem eigenen Anspruch bei weitem nicht gerecht wird. Positiv hervorzuheben sind indes die Leistungen zweier Nachwuchshoffnungen. Mit Philipp Aschenwald und Thomas Hofer (beide 20) schicken sich Youngster an, den Arrivierten über kurz oder lang das Leben schwer zu machen.

VIERSCHANZEN-TOURNEE

Irgendwann muss jede Serie zu Ende gehen. Nach sieben Siegen in Folge - ein Rekord, der wohl lange Bestand haben wird - riss der Erfolgslauf der ÖSV-Adler bei der Vierschanzen-Tournee. Überflieger Peter Prevc (15 Saisonsiege) war eine Klasse für sich und feierte in Bischofshofen seinen ersten großen Titel, dem weitere folgen sollten.

Im Fokus: Teamleader Michael Hayböck
Foto: © GEPA

Für die Österreicher gab es zwei Podestplätze in den Einzelkonkurrenzen sowie den dritten Gesamtrang zu bejubeln. Allesamt wurden von Hayböck ersprungen, der damit wie im Vorjahr auf dem Stockerl stand. Titelverteidiger Stefan Kraft fehlte einerseits das nötige Quäntchen Glück, andererseits auch die absolute Topform, um erneut ein Wörtchen um den Sieg mitreden zu können. Sein fünfter Platz im Endklassement war trotz allem eine starke Leistung.

Enttäuschend war einmal mehr die fehlende Geschlossenheit im Team. Lediglich Manuel Fettner als 18. schaffte abgesehen von den beiden Heilsbringern den Sprung unter die Top-30 der Gesamtwertung. Nur drei Athleten innerhalb der ersten 30 im Gesamtklassement, das gab es zuletzt 1995/96. Die ÖSV-Spitze wollte sich die Leistungen des Teams zwar "nicht schlechtreden" lassen, musste aber trotzdem eine Menge Kritik einstecken.

SKIFLUG-WM

"Wir wollen eine Medaille", kündigten Trainer Heinz Kuttin und Ernst Vettori, der sportliche Leiter im ÖSV, unisono an. Die Vorzeichen standen nicht optimal, speziell in puncto Teambewerb wurden andere Nationen deutlich favorisiert. Die Außenseiterrolle behagte den Österreichern, sodass das Ziel nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen wurde.

Kraft gewann im Einzel hinter Peter Prevc (SLO) und Kenneth Gangnes (NOR) die Bronzemedaille und sorgte dafür, dass das Soll erfüllt wurde. Im Teambewerb bewiesen dann auch Michael Hayböck, Manuel Poppinger und Manuel Fettner, dass mit ihnen zu rechnen ist, wenn es darauf ankommt. Gemeinsam mit Kraft eroberten sie eine weitere Bronzene und setzten damit die Serie der Nordischen WM 2015, als in jedem Herren-Bewerb Edelmetall gewonnen wurde, eindrucksvoll fort.

DAMEN

Die große Kristallkugel, die Daniela Iraschko-Stolz im Vorjahr erstmals gewinnen konnte, ging an Sara Takanashi (JPN) verloren, die mannschaftliche Stärke wurde hingegen sogar noch ausgebaut. Die Übermacht der Japanerin war in diesem Winter schlicht und einfach zu groß, wenngleich Iraschko-Stolz mit zwei Siegen (fünf im Vorjahr) bewies, dass sie der 19-Jährigen das eine oder andere Mal ein Schnippchen schlagen konnte.

Die 32-jährige Steirerin führte das ÖSV-Aufgebot auch in diesem Winter an. Insgesamt stand sie nicht weniger als elf Mal am Stockerl, Jacqueline Seifriedsberger (dreimal), Chiara Hölzl (zweimal) und Eva Pinkelnig (einmal) steuerten weitere Top-3-Ergebnisse bei. Mit insgesamt 17 Podestplätzen wurde die Ausbeute aus dem Winter 2014/15 (elf) deutlich überboten, was dafür spricht, dass Cheftrainer Andreas Felder und seine Mädels es geschafft haben, ihre Topleistungen noch konstanter abrufen zu können.

Im Gesamtweltcup war Iraschko-Stolz (Zweite) "best of the rest", Seifriedsberger klassierte sich direkt vor Hölzl auf Rang vier. Pinkelnig ging zwar gegen Ende der Saison ein bisschen die Luft aus, doch auch ihr 15. Rang ist bemerkenswert, war es doch erst ihre zweite Weltcup-Saison. Erfreulich vermerkt haben wir zudem, dass mit Elisabeth Raudaschl (18) bereits das nächste Talent anklopft und mehrfach gut punktete.

Die Damen hatten in dieser Saison kein Großereignis, sodass keine Chance bestand, sich mit Medaillen zu dekorieren. Dafür gab es erneut den verdienten Sieg im Nationencup. Mit 2.886 Zählern (im Vorjahr 1.970 bei vier Bewerben weniger) hat man den Punkteschnitt pro Bewerb um knapp 20 Zähler nach oben katapultiert und Japan sowie Slowenien auf die Plätze verwiesen.

Saison 2013/14  Saison 2014/15   Saison 2015/16  Tendenz
Siege 2 5 2
Podestplätze 6 (+1 Mixed) 11 17
Gesamtweltcup Platz 5 Plätze 1, 7, 9 Plätze 2, 4, 5 ==
Nationencup Rang 5 (1.031 Punkte) Rang 1 (1.970 Punkte) Rang 1 (2.886 Punkte)
Großereignis 1x Silber 1x Bronze kein Event

FAZIT

Sowohl bei den Herren, als auch bei den Damen war in dieser Saison kein Kraut gewachsen gegen die Überflieger Peter Prevc und Sara Takanashi. Ihre Überlegenheit muss man anerkennen, beide sprangen in diesem Winter in einer eigenen Liga. Der ÖSV musste sich allerdings nicht verstecken, immer wieder gelang es, Akzente zu setzen und auch die beiden Dominatoren in die Schranken zu weisen.

Hayböck und Kraft ist hoch anzurechnen, dass sie nicht nur erneut große Erfolge feierten, sondern auch und vor allem, dass sie mit dem Druck, der auf ihren Schultern lastete, bemerkenswert routiniert umgingen. Gerade in Abwesenheit Schlierenzauers richtete sich der Fokus auf die beiden, sodass man ihre Leistungen nicht hoch genug einschätzen kann. Ein Kompliment gebührt zudem Andreas Felder und seinen Damen, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen pushten und ihren Status als Nummer eins der Welt erfolgreich verteidigten.

Wo es Licht gibt, ist allerdings auch Schatten nicht weit. Schlierenzauers Zukunft (Der Tiroler verletzt sich beim Skifahren) ist offen, der ÖSV könnte einen Ausnahme-Athleten wie ihn schon in Normalform gut gebrauchen. Der 26-Jährige zählte wie Diethart und Kofler zu den Sorgenkindern, auf einen Schritt nach vorne warteten Trainer und Fans während des gesamten Winters vergeblich. Hier müssen die Hebel angesetzt werden, denn Ausfälle von Leistungsträgern ihres Kalibers kann auch das österreichische Team nicht mehr kompensieren.

Während der norwegische Cheftrainer Alexander Stöckl bei Teambewerben aus einem Pool von fünf, sechs Springern auswählen kann, ohne jeglichen Qualitätsverlust zu erleiden, steht und fällt im rot-weiß-roten Adlerhorst alles mit Kraft und Hayböck. Das Team muss dringend wieder auf eine bereitere Basis gestellt werden, um die Abhängigkeit gegenüber den Leadern zu verringern. Abschließend lässt sich sagen, dass der Abgesang auf die "Super-Adler" übertrieben war, auf das Trainerteam jedoch eine Menge Arbeit wartet, um dem Anspruch, DIE Skisprung-Nation schlechthin zu sein, wieder gerecht zu werden.

Christoph Nister

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