Skandale und Rekorde: Der Mythos Kulm

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Wir schreiben das Jahr 1908.

Wagemutige Bürger in Tauplitz/Bad Mitterndorf haben eine zündende Idee - sie wollen eine Schanze bauen.

Ohne Bagger und Kran, dafür mit purer Handarbeit und unbändigem Willen errichten sie eine Schanze, die Sprünge bis zu 25 Meter erlaubt.

108 Jahre später blickt die Wintersport-Welt erneut in die Obersteiermark, wo der Kulm in neuem Glanz erstrahlt.

Nach dem großen Umbau 2014 und kleinen Adaptionen 2015 (Schanzendaten siehe Tabelle) wird der Kulm Schauplatz der diesjährigen Skiflug-Weltmeisterschaft.

Ob dabei der Weltrekord von Anders Fannemel (251,5 Meter) attackiert wird, ist bislang noch unklar. Fest steht, dass die Titelkämpfe in der Obersteiermark zum Volksfest werden. Rund 100.000 Fans werden erwartet, die Stimmung wird wie gewohnt kochen.

Bevor jedoch die große Party beginnt, blicken wir zurück. Rekorde, Meilensteine, Skandale - diese Geschichten machten den Kulm zum Mythos:

  • 1948 wurde der Auftrag gegeben, die weltweit größte Natur-Skiflugschanze zu bauen. Es war die Geburtsstunde des Kulm. Bereits zwei Jahre später folgte der erste offizielle Wettbewerb, Hubert Neuper senior und Sepp Grill durften offiziell als erste Springer die Anlage einweihen. Der Sieg ging seinerzeit an einen Österreicher - Rudi Dietrich gewann mit einer Weite von 103 Metern, die damals österreichischen Rekord bedeuteten.

Der letzte Feinschliff bevor's dann in wenigen Tagen heißt "Ziiiieeeehhhhhhhh"#FlyingKulm

Posted by Skiflug Weltcup Kulm on Freitag, 8. Januar 2016

  • Drei Jahre nach der Premiere gab es den ersten Skandal. 1953 wurde das erste von der FIS anerkannte Skifliegen durchgeführt, rund 50.000 Zuschauer sind vor Ort beim Spektakel dabei. Überschattet wird es aufgrund der Veruntreuung von Eintrittsgeldern. Der Sieg von Sepp "Bubi" Bradl verkommt zur Randnotiz, die Medien schreiben vom "größten Sportskandal der Nachkriegszeit".
  • Ein Kuriosum folgt 1959. Otto Leodolter segelt 128 Meter weit - eigentlich Schanzenrekord, doch er kommt nicht in die Wertung, da damit der kritische Punkt übersprungen wurde. Das Reglement besagte damals, dass der Anlauf verkürzt werden musste. So trug am Ende der Norweger Thorbjörn Yggeseth (127 Meter) den Sieg davon.
  • Tragisch endet die "4. Internationale Skiflugwoche" im Jahr 1962. Pekka Salo kommt zu Sturz und zieht sich schwerwiegende Verletzungen zu - der Finne ist fortan querschnittgelähmt. Eine Welle der Solidarität bricht herein, es wird genügend Geld gesammelt, um die kostspielige Behandlung des Verunglückten zu bezahlen.

KULM NEU
Anlauflänge 123 Meter (vor dem Umbau: 146 Meter)
Anlaufneigung 35 Grad
Höhenunterschied 197 Meter
Höhe des Schanzentisches 4,6 Meter
Aufsprungneigung 30,5 bis 37,5 Grad
Größe des Windnetzes 4.000 m²
K-Punkt 200 Meter
Hillsize 225 Meter

  • Datenberechnung war bis in die 70er Jahre eine höchst komplizierte Angelegenheit. Gerhard Longin, langjähriger Chronist am Kulm, erinnert sich: "Im Rechenzentrum der III. Etage waren an die 13 Personen damit beschäftigt, Sprungweiten in die Springerprotokolle einzutragen und Weitennoten zu ermitteln." Erst in den 80ern hielten Computer Einzug, da jedoch bei den ersten Versuchen Teilbereiche der EDV abstürzten, musste vorübergehend erneut alles händisch berechnet werden.
  • Vier Mal war Tauplitz/Bad Mitterndorf bereits Gastgeber von Skiflug-Weltmeisterschaften. 1975 sicherte sich der Tscheche Karel Kodejska die Goldmedaille, 1986 holte mit Andreas Felder erstmals ein Österreicher auf heimischem Boden den Titel. Unvergessen ist bis heute der Sieg von Andreas Goldberger 1996, zuletzt war der Kulm 2006 Ausrichter der Titelkämpfe, die mit einem Sieg des Norwegers Roar Ljökelsöy endeten. In diesem Jahr findet die Skiflug-WM zum fünften Mal in der Steiermark statt.

"Goldi" bei seinem Triumph 1996

  • Apropos WM 1996 - bis heute ist diese Veranstaltung wohl der emotionale und zugleich sportliche Höhepunkt am Kulm. Andreas Goldberger riss ein ganzes Land mit und sorgte für eine neue Rekordkulisse im Ennstal - 100.000 Fans pilgerten an die Schanze, um dem Liebling der Massen auf die Skier zu schauen. Der dankte es mit dem so heiß ersehnten Titel. Für einen magischen Moment sorgte auch Jens Weißflog, der Deutsche knackte als erster den 200er auf dieser Schanze (201 m).
  • Nur ein Jahr später ein weiterer Meilenstein. Eva Ganster sorgte für etwas bis dahin kaum Vorstellbares und wagte sich als erste Frau über eine Skiflugschanze. Die Kitzbühelerin machte ihre Sache ausgezeichnet und segelte auf 167 Meter. Damit war Ganster, die Toni Innauer als "herausragende Pionierin und Wegbereiterin des Damen-Skispringens" bezeichnet, ein Eintrag im "Guiness Buch der Rekorde" sicher.
  • Den Schanzenrekord hielt bis zum Umbau der erfolgreichste Weltcupspringer aller Zeiten - Gregor Schlierenzauer. Der Tiroler stand 2009 einen 215,5 Meter weiten Flug und löste damit Sven Hannawald ab, der sechs Jahre zuvor 214 Meter weit segelte. Die höchste erzielte Weite stammt allerdings von Christian Nagiller. Der Tiroler landete 2003 erst nach 220 Metern und ist sich noch heute sicher, er hätte den Flug gestanden, wäre ihm nicht die Bindung aufgegangen.

Morgenstern schockte mit seinem Sturz 2014

  • 2014 stand ein schrecklicher Sturz von Thomas Morgenstern im Mittelpunkt des Interesses. Der Kärntner hatte bereits wenige Wochen davor in Titisee-Neustadt unliebsame Bekanntschaft mit der harten Schneeauflage gemacht und zog sich Verletzungen an Kopf und Lunge zu. Nur einen Monat später feierte er ein sensationelles Comeback und holte Olympia-Silber mit der Mannschaft in Sochi. Geschichte schrieb im selben Jahr Noriaki Kasai. Mit 41 Jahren avancierte der Japaner zum ältesten Weltcupsieger aller Zeiten. Den Titel trägt er bis heute, allerdings verbesserte er ihn selbst noch einmal auf 42 Jahre und 176 Tage.
  • Nach der Saison 2013/14 fanden große Umbauarbeiten statt, um dem Kulm einen neuen Anstrich zu verpassen und zugleich deutlich größere Weiten zu erlauben. Der Slowene Janez Goresek leitete den Umbau und war maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Schanzentisch 23 Meter nach hinten rückte. Bauherr des Projekts war der Österreichische Skiverband, das Land Steiermark sowie die Republik Österreich zeichneten für die Finanzierung (4,2 Millionen Euro) verantwortlich. Aufgrund der hohen Flugkurve musste die Anlage für die WM noch einmal adaptiert werden, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren.
  • Der "Mythos Kulm" bewegt die Menschen inzwischen auch im Sommer - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. 2011 fand die Premiere des "RedBull400" statt, wobei der Kulm von unten nach oben bewältigt wird. Das Event zieht zahlreiche Prominente an, so haben neben Berglauf-Weltmeisterin Andrea Mayr u.a. auch Andreas Goldberger, Biathlet Dominik Landertinger oder Langläuferin Teresa Stadlober die kräftezehrende Tortur hinter sich gebracht.

Christoph Nister

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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