"Suche Nachfolger schon seit längerem"

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So stellt man sich den Sommer als Ski-Präsident wohl nicht vor.

Ein ums andere Mal musste Peter Schröcksnadel diversen verdienten Läuferinnen und Läufern zum Abschied die Hand schütteln. Eine richtige Rücktrittswelle traf den ÖSV mit voller Wucht.

"Ich fürchte mich gar nicht", wird dem 74-Jährigen trotz dieses Umstands nicht angst und bange. Im Gegenteil. "Wir haben sehr gute Junge. Sie haben jetzt den Vorteil und die Möglichkeit sich schneller hineinzufahren, als es früher war", versucht er, den Rücktritten auch etwas Positives abzugewinnen.

Alles andere als positiv reagierten viele Ski-Fans auf die Nachricht, dass das IOC überlegt, die Abfahrt für die Olympischen Spiele aus dem Programm zu nehmen. Schröcksnadel selbst kann zu diesem Thema nicht viel sagen. "Das kann ich nicht einschätzen, aber die Gefahr ist sicher vorhanden", kann aber auch er keine Entwarnung geben.

Der Tiroler zeigt in gewisser Weise sogar Verständnis für den Gedanken, schließlich sei die Königsdisziplin in seinen Augen in den letzten Jahren unattraktiv geworden. Und genau deshalb schmiedet er bereits Pläne, wie man die Abfahrt wieder attraktiver gestalten kann. Und wer den Innsbrucker kennt, der weiß, dass seine Ideen immer gehört - und zumeist sogar umgesetzt - werden. Auch von der FIS.

Die genauen Pläne zur "Revolution" der Speed-Disziplin, warum er nicht an einen erneuten Gesamtweltcup-Sieg von Marcel Hirscher glauben kann, wie es um das geplante City-Event in Wien steht und seine Meinung zur "Sportler des Jahres"-Wahl verrät Peter Schröcksnadel im Interview:


Frage: Zahlreiche Rücktritte haben den Sommer geprägt. Haben sie Angst um die Zukunft des ÖSV?

Peter Schröcksnadel: Ich fürchte mich gar nicht. Eine Anna Fenninger oder einen Marcel Hirscher hätten andere Nationen gerne, zwei solche Superstars. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden erneut den Gesamtweltcup gewinnen, ist nicht sehr groß. Die Möglichkeit ist da, die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht groß. Ein fünftes Mal in Folge? Das darf man sich nicht erwarten. Schaffen können es beide, es spricht aber gegen die Statistik.

Frage: Wie beurteilen Sie den Rest der Teams?

Schröcksnadel: Bei den Herren stellen wir ein sehr starkes Abfahrtsteam, da brauchen wir nicht lange diskutieren. Das ist die stärkste Abfahrtstruppe seit langem. Die Jungen haben in diesem Jahr eine große Chance, sich ins Team zu fahren. Vor allem bei den Damen sind wir da sehr gut aufgestellt. Die Technik-Buben sind der einzige Bereich wo ich sage, wir sind nicht mehr sehr gut aufgestellt. Wir haben aber sehr gute junge. Sie haben jetzt den Vorteil und die Möglichkeit sich schneller hineinzufahren, als es früher war. Eine Zeit lang hat es im Slalom niemand versucht, weil das Team zu war. Einzig Marcel hat es geschafft. Die Jungen sind stark und haben eine gute Chance. Früher bist du erst mit 22 oder 23 gut geworden, da war der Biss bei manchen aber nicht mehr da. Ich habe also keine großen Bedenken, die Erwartungshaltung schrauben wir aber hinunter.

Frage: Der Skisport wird immer teurer, geht bald der Nachwuchs aus?

Schröcksnadel: Wir haben eine Nachwuchs-Datenbank eingeführt. Da kann man prüfen, wie viele junge Leute an Rennen teilgenommen haben und hinauf kommen. Man kann auch vergleichen, wie das vor fünf Jahren war. Ich glaube nicht, dass es weniger geworden ist, es ist einfach anders geworden. Die Skiklubs haben zum Teil das Interesse verloren, nur wenige trainieren die Jungen. Dafür gibt es viele Rennschulen, wo die Eltern ihre Kinder hinschicken. Es ändert sich. Ich glaube, es gibt genug Nachwuchs, die Kinder wollen aber oft nicht ins Internat. Das ist ja auch okay. Dann muss man entgegensteuern und in der unmittelbaren Umgebung die Möglichkeiten schaffen. Deshalb muss man umstellen. Wo kamen früher die Rennfahrer her? Aus St. Anton, Lech, Kitzbühel, Lermoos, vielleicht noch Saalfelden - das war es aber auch schon. Von dort bekommst du heute keinen mehr, weil alle satt sind. Sie können dort überall trainieren und haben die besten Möglichkeiten. Mit 14 oder 15 wollen sie sich verändern und studieren gehen. Deshalb kommen die Skifahrer heute aus den kleineren Orten. Unser Potenzial sind auch Städte, da muss man aber die Voraussetzung schaffen.

Frage: Zuletzt machte das Gerücht die Runde, dass die Abfahrt künftig nicht mehr bei den Olympischen Spielen stattfindet. Was wissen Sie davon?

Schröcksnadel: Das weiß ich nicht, wir diskutieren im FIS-Vorstand aber schon seit längerem. Es gibt ein Problem, das Interesse an der Abfahrt hat nachgelassen. Letzte Saison war es besser, weil Hannes Trinkl die Abfahrten spektakulärer gestaltet hat. Eine Zeit lang wusste man aber gar nicht, warum der Eine schneller als der Andere war. In Lake Louise weiß ich das heute noch nicht. Alle fahren in der Hocke runter und keiner weiß, warum die Endzeit so oder so ist. Man muss sehen, warum einer schneller ist. Die Pisten sollen unruhiger sein, weil es dadurch sicherer wird. Die Fahrer müssen mehr aufpassen - wenn ich die Gefahr spüre, passe ich mehr auf. Für die Zuseher wird es so auch attraktiver. Die Startnummer trägt auch einen Teil dazu bei.

Frage: Inwiefern?

Schröcksnadel: Wenn ich weiß, dass die "Guten" ab Nummer 16 komme, schalte ich frühestens bei Nummer 12 ein und bei 25 ab. Mein Vorschlag war, alle 30 Nummern zu verlosen. Das hat den Nachteil, dass jene, die um den Weltcup kämpfen, Nummer 1 aber genauso Nummer 30 ziehen könnte. Das ist etwas ungerecht. Dann hatte ich die Idee, aus dem letzten Training eine Quali zu machen. Der Beste darf sich als Erster eine Nummer aussuchen. Das Wichtigste ist, dass das Publikum nicht wissen soll, wann einer startet. Wenn das vorgegeben ist, schaue ich nicht. Jetzt werden wir es so machen: Die besten Sieben fahren um das Recht, als Erster die Nummer zu wählen. Die sieben besten in der Weltrangliste fahren Quali, wenn einer 22. wird und damit Letzter dieser Gruppe ist, wählt er als Letzter seine Nummer. Dadurch hat man den Vorteil, dass es sich verteilt. Der Erste kann ja auch sagen, er fährt mit Nummer 45.

Frage: Warum nur die ersten Sieben und nicht die ersten 15?

Schröcksnadel: Ich will die anderen verteilen. Von sieben bis 15 fahren ja auch noch gute Läufer, ich will, dass sie sich aufteilen. Dazu müsste man ihnen die Plätze zulosen.

Frage: Wann kann das besprochen und in weiterer Folge umgesetzt werden?

Schröcksnadel: Das wird beim nächsten FIS-Vorstand im November diskutiert, weil das Thema schon lange am Tisch liegt. Mit den Athletensprechern Hannes Reichelt und Michael Janyk wäre es abgestimmt, sie würden das befürworten. Das Problem war, dass vom Alpin-Komitee nichts gekommen ist, kein Vorschlag. Vielleicht sagt man auch noch in dieser Saison, wir versuchen es in zwei bis drei Rennen. Das Ziel muss es sein, es für die übernächste Saison einzuführen.

Frage: Um zurück zur ersten Frage zu kommen: Wie groß ist die Gefahr, dass die Olympischen Spiele ohne die Abfahrt stattfindet?

Schröcksnadel: Das kann ich nicht einschätzen, aber die Gefahr ist sicher vorhanden. Nicht für 2018, da bleibt sie sicher. Danach gehst du nach Peking, da gibt es gar nicht die Höhendifferenz.

Frage: Sie haben sich auch immer wieder für Sprintabfahrten eingesetzt. Nach wie vor?

Schröcksnadel: Das ist genauso ein Thema, eine Abfahrt in zwei Durchgängen. Die Klassiker müsste man so fahren, wie man sie kennt - die sind super. Wenn man aber in Kitzbühel sieht, man kann aus gewissen Gründen oben nicht fahren, kann man auch zwei Durchgänge veranstalten. Das ist ja spannend.

Ich halte von City-Events, bei denen man Weltcuppunkte vergibt, gar nichts. Der sportliche Wert ist für mich zu gering. Als Showelement, dass man um ein tolles Auto oder 100.000 Euro fährt, selbstverständlich. Startgeld und Prämie - warum nicht?

Frage: Hinter Ihnen liegt ein turbulenter Sommer mit zahlreichen Rücktritten. Kommt man da selbst auch ins Überlegen, wann es bei einem so weit ist?

Schröcksnadel: Feuer habe ich noch, zum Glück brauche ich nicht so viel Kondition wie die Fahrer. Körperlich bin ich nach wie vor in einem guten Zustand. Nur weil jetzt viele zurückgetreten sind, fange ich nicht an, zu überlegen. Wenn man aufhört, hat es andere Gründe. Entweder du wirst aufgehört, das wird bei uns aber nicht passieren, weil wir ordentliche Leute sind. Oder es freut dich nicht mehr, dann hörst du auch auf. Oder aber man findet jemanden, der geeignet ist, den Job zu machen. Das ist aber schwierig.

Frage: Sind sie diesbezüglich auf der Suche?

Schröcksnadel: Ich suche schon seit längerem. Nachdem Hannes Reichelt aber gesagt hat, ich soll nicht aufhören, solange er fährt, kann ich schwer aufhören (lacht). Dann habe ich ihn gefragt, wann er zurücktritt, er hat geantwortet, dass es es nicht weiß. Also weiß ich es auch nicht (lacht).

Frage: Ein Athlet kostet 250.000 Euro im Jahr, wie viel bringt er auf der anderen Seite ein?

Schröcksnadel: Er bringt weniger ein, als er kostet. Es geht darum, wie viel wir insgesamt für alle Athleten ausgeben und einnehmen. Die Einnahmen durch die Sponsoren sind weit weniger, als er kostet. Wir müssen die Rennen vermarkten und die Fernsehrechte verkaufen. Je besser wir fahren, desto weniger sind die Fernsehrechte im Ausland wert. Das ist ja logisch. Wir sind im Skispringen stark und die Deutschen schauen nicht mehr. So bekommst du zwar in Österreich mehr, es geht aber darum, die Auslandsrechte zu verkaufen. Wenn wir alles dominieren, sind die Auslandsrechte weniger wert.

Frage: Das City-Event in München wurde erneut abgesagt. Wie hart trifft Sie das?

Schröcksnadel: Ich halte von City-Events, bei denen man Weltcuppunkte vergibt, gar nichts. Der sportliche Wert ist für mich zu gering. Als Showelement, dass man um ein tolles Auto oder 100.000 Euro fährt, selbstverständlich. Startgeld und Prämie - warum nicht?

Frage: Sind die Pläne für ein Rennen in Schönbrunn nach wie vor vorhanden?

Schröcksnadel: Ja, das wäre ein super Event. Häupl ist jetzt wieder Bürgermeister, somit können wir weiterreden.

 

Matthias Nemetz

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