Bernd Freimüllers Fazit der A-WM

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Die A-WM ist beendet. Kanada ist Weltmeister, die beiden Aufsteiger müssen wieder runter. Bezeichnend für ein Turnier ohne große Sensationen, die Hierarchie im internationalen Eishockey blieb fast völlig unangetastet.

Das große Fazit aller Nationen und ein Ausblick:

Kanada (WM-Endplatzierung: Gold/Weltrangliste: 1.): Lange vorbei sind die Zeiten, wo sich ältere NHL-Recken am Saisonende noch ein paar lockere biergetränkte Tage in Europa gönnten. Die Ahornblätter verfügen über einen Riesenfundus an jüngeren Spielern, die gießkannenförmig über die Nicht-Playoff-Teams der NHL (darunter der ewige Loser Edmonton) verstreut sind. Dieses immense Talentreservoir kombiniert mit einer europäischen Spielweise ohne übertriebene Härten sorgte für die Erfolge der letzten Jahre. Auch entscheidend: Als wohl einziges Land ist für Kanada der Druck bei einer A-WM geringer als bei den Junioren-WMs, die in den letzten Jahren in die Hose gingen.

Finnland (Silber/3.): Die Finnen sind bei jeder WM ein Medaillenkandidat, dafür sorgt schon die taktische Disziplin und der Kampfeswille. Nach einigen mageren Jahren ist im Nachwuchs das spielerische Level jedoch wieder angestiegen, Patrik Laine ist neben Sebastian Aho und Aleksandr Barkov hier nur das Vorzeigeprodukt der letzten und nächsten Jahre. Diese Offensivtalente könnten dann auch mehr als zuletzt in den Endspielen den Ausschlag zugunsten der Suomi geben.

Russland (Bronze/2.): Kein Desaster wie bei der letzten Heim-WM, aber für das Finale reichte es auch nicht. Am Talentelevel scheiterte man sicher nicht und das ganz abgesehen von den NHL-Cracks: Nikita Zaitsev und Sergei Mozyakin (ein schwieriger Charakter) spielen nächste Saison in Übersee, auch WM-Scorerkönig Vadim Shipachyov wird sicher NHL-Angebote bekommen. Goalie Sergei Bobrovski hat man schon besser gesehen. Für den offenbar leicht erregbaren Coach Oleg Znaroks dürfte das die letzte WM gewesen sein.

USA (4./4.): Die Amis haben sich in den letzten Jahren zu einer konstanten Top-6-Nation aufgeschwungen und sind für Hockey-Freaks vielleicht das interessanteste WM-Team: Die Mischung aus jungen NHLern, Minor Leaguern und vor allem vor dem Durchbruch stehenden College-Boys bringt noch unbekanntere, aber hochtalentierte Namen nach Europa. Im direkten Duell hatte Kanada aber mehr Klasse und Erfahrung sowie den besseren Goalie – Keith Kinkaid gehört nicht zu den Topleuten auf seiner Position. Supertalent Auston Matthews hätte für mich in dieser Saison den Nr.1-Draftspot nur selbst verspielen können, was er für mich trotz der Aufholjagd von Patrik Laine nicht getan hat.

Tschechische Republik (5./6.): Mit diesem Kader kam der Gruppensieg in der Vorrunde schon einer großen Überraschung gleich, vor allem das Goalieduo Furch/Francouz überraschte positiv. Die Tschechen boten mehr Extraliga-Cracks als zuletzt auf, auch das ein Beispiel dafür, dass das Team trotz des Viertelfinalausscheidens überperformte. Die dunkelsten Zeiten der Jugendarbeit scheinen überwunden, trotzdem gehören die Tschechen nicht mehr zur absoluten Weltspitze. Interessanter EBEL-Bezug: Richard Jarusek spielte sich vom Znaimer Nachwuchs ins WM-Team, Ex-KAC-Coach Martin Stloukal wollte einst Michal Birner nach Klagenfurt lotsen.

Schweden (6./5.): Trotz eines bewundernswerten Talentepools der letzten Jahre: Knapp 40 Absagen konnten auch die Tre Kronor nicht verkraften, der WM-Kader gab einfach nicht mehr her. Dem scheidenden Coach Pär Marts – optisch eher an den Sparkassendirektor von Niederkreuzstetten denn an einen Eishockeycoach erinnernd – sagt man kein gutes Verhältnis zu den NHLern nach. Sein Nachfolger Rikard Grönborg soll den Abwärtstrend schon beim World Cup stoppen.

Deutschland (7./10.): Mit dem ersten Viertelfinaleinzug seit fünf Jahren setzten die Deutschen endlich wieder ein positives Ausrufezeichen, flugs sind die Diskussionen über zu viele Legionäre in der DEL wieder verstummt. Deutschland profitierte natürlich auch von der (schon Jahre andauernden) Schwäche der Slowaken, zeigte aber auch, wie wichtig die Auswahl des richtigen Trainerteams ist: Marco Sturm sorgte qua seiner Karriere für gute Kontakte zu den NHLern, sodass Goalie Thomas Greiss sogar während des Turniers nachreiste. Im Hintergrund feilte Geoff Ward am taktischen Feinschliff, er gilt in Fachkreisen ohnehin als das Beste, dass sich europäische Verbände oder Teams für Geld kaufen können. Klar: Eine Top-Acht-Platzierung wird weiter eher die Ausnahme als die Regel sein, aber Deutschland gehört doch wieder zum gehobenen A-Gruppen-Mittelfeld.

Dänemark (8./13.): Kein anderes Team wies so eine Differenz zwischen aktueller Performance und Weltranglistenplatzierung auf. Die Dänen waren heuer das Team, das sich einen der beiden immer offenen Viertelfinalplätze grapschte. Herausragend: Der pfeilschnelle Nikolaj Ehlers von den Winnipeg Jets sowie Graz-Goalie Sebastian Dahm. Klopft bei ihm und bei den 99ern noch ein KHL-Team mit dem Geldkoffer unterm Arm an?

Slowakei (9./8.): Ein enttäuschendes Abschneiden der Slowaken ist mittlerweile keine Überraschung mehr, die Jugendarbeit läßt schon seit Jahren keine großen Erwartungen mehr zu. Statt NHL-Stars wie Zdeno Chara oder Marian Gaborik produziert man heutzutage nur Tiefenspieler wie Martin Marincin (Toronto), Tomas Jurco (Detroit) oder Marko Dano (Winnipeg). Dazu kommen noch bestenfalls durchschnittliche KHLer von Slovan Bratislava. Auch seit Jahren ein Manko: Die Trainerfrage. Zdeno Ciger wurde nach vier Jahren Arbeitslosigkeit hinter die Bande gelotst und fand bei Widerständen kein Gegenmittel.

Norwegen (10./11.): Zwar ist im Nachwuchs ein gewisser Abwärtstrend spürbar, auf Seniorenniveau sind die Norweger aber weiter vom Abstieg weit entfernt. Das Kommen von Rangers-Superzwerg Mats Zuccarello war hier aber Gold wert. Auch bemerkenswert: Defender Johannes Johannesen spielte sich von der Junioren-WM in Wien in den WM-Kader, etwas was außer bei Lukas Haudum heuer in Österreich über Jahre undenkbar schien.

Schweiz (11./7.): Auch wenn es die Medien und Fans nicht gerne hören: Die Schweiz ist immer ein 50:50-Kandidat für das Viertelfinale, heuer reichte es halt nach einigen Absagen und einer wackeligen Goalieleistung von Reto Berra nicht dazu. Vom jungen Trainerteam dürfte Headcoach Sven Fischer weiter das Vertrauen bekommen, im Gegensatz zu Reto von Arx: Beim jahrelangen Nationalteamverweigerer machte man den Bock zum Gärtner, er bedankte sich für das Vertrauen mit einem von ihm betreuten Penalty Killing, das völlig desaströs performte.

Weißrussland (12./9.): Nach dem Viertelfinale in Prag nun fast der Super-GAU – erst im letzten Spiel gegen Frankreich konnte der Abstieg vermieden werden. Probleme auf der Goalieposition – ohne den eingebürgerten Kevin Lalande sähe es hier noch düsterer aus – und einer Larifari-Einstellung der bekannt launischen Kostitsyn-Brüder sorgten für ein Turnier zum Vergessen.

Lettland (13./12.): Die zweite schwache WM hintereinander, überhaupt beendete man keines der letzten sieben Turniere höher als am 10. Platz. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, die Letten profitieren jedes Jahr davon, das mit den Auf- auch gleich die Absteiger gegeben sind. Im Gegensatz zu Weißrussland oder Kasachstan nimmt man auch keine Einbürgerungen vor und der Kern des Teams, der sich aus dem schwachen KHL-Team in Riga zusammensetzt, wird zwar älter, aber nicht besser.

Frankreich (14./14.): Als nächstjähriger Veranstalter ohne Abstiegssorgen ins Turnier gegangen, wackelte die Tricolore dem Ende entgegen. Bezeichnend für den überschaubaren Personalstand: Nach Verletzungen absolvierten die Franzosen die meisten Spiele mit nur fünf Defendern und kamen dementsprechend zum Schluss auf dem letzten Zacken daher. Wird die Heim-WM in Paris zum letzten Hurra für die Generation um Goalie Cristobal Huet?

Ungarn (15./19.): Riesenjubel nach dem Sieg gegen Weißrussland wie andernorts bei einem Turniergewinn – das sollten allerdings die einzigen WM-Punkte bleiben, der Abstieg war unvermeidbar. Die  schönste Cinderella-Story überhaupt schrieb Adam Vay, der als dritter Goalie in die WM ging. Er war knapp daran, nach Tingeltangel-Jahren für 15.000 Euro Jahresgehalt bei Fehervar zu unterschreiben - nach zwei WM-Auftritten hält er nun einen NHL-Vertrag der Minnesota Wild in Händen!

Kasachstan (16./16.): Auf- und wieder abgestiegen, zwei Punkte aus sieben Spielen waren viel zu wenig. Allerdings: Die neu eingebürgerte Astana-Topreihe Dustin Boyd/Brandon Bochenski/Nigel Dawes setzte auch auf diesem Niveau Akzente und wird in der B-Gruppe sicher ein wichtiger Faktor beim Kampf um den Wiederaufstieg sein.

Die Auswirkungen der WM auf Österreich?

Der Trend blieb bestehen: Sei 2008 mussten die Aufsteiger postwendend wieder runter, die A-Gruppe ist mittlerweile ein Einladungsturnier mit 14 Fixstartern und zwei Gästen aus dem Topf Ungarn/Kasachstan/Slowenien/Österreich/Italien. Dem rot-weiß-roten Team gelang heuer beim sechsten Versuch zum ersten Mal nicht der sofortige Wiederaufstieg, ein Tor in den Spielen gegen Polen oder Slowenien fehlte. Dazu fiel das Team in der Weltrangliste um einen Rang auf den 17. Platz zurück.

Was das Unternehmen „Wiederaufstieg“ nicht leichter macht: Während unser Team unter Absagen, Leistungsrückgängen von durchaus noch nicht alten Spielern (Thomas Koch!) und einem übertriebenen Jugendwahn (Bernhard Fechtig statt Mario Altmann?) leidet, bürgern andere Nationen Übersee-Cracks frisch-fröhlich ein. Siehe neben Kasachstan unseren EBEL-Partner Ungarn – Jesse Dudas, Kevin Wehrs, Andrew Sarauer und Frank Banham durften sich über EU-Pässe freuen. Für die A-WM reicht das nicht, in der B-Gruppe können Spieler wie Sarauer oder Wehrs durchaus den Unterschied machen.

Trotzdem: Ein Absteigerduo mit Kasachstan und Weißrussland wäre für die nächste B-WM in Kiev wohl noch schwerer geworden.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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