LAOLA1-Scout: Unter der Experten-Lupe

Aufmacherbild
 

Die Eishockey-Woche unter der Experten-Lupe

Aufmacherbild
 

Bernd Freimüller beobachtete in der vergangenen Woche nicht nur EBEL-Spiele, sondern nahm auch die russische KHL unter die Lupe. Außerdem sah der LAOAL1-Scout im Duell Capitals gegen Salzburg eine nicht gerade alltägliche Strafe.

Vienna Capitals – KAC (8.12. - 4:3 n. V.)

Drittes Spiel für Interims-/Langzeit-Coach Alexander Mellitzer und die erste Niederlage, wenn auch erst nach Verlängerung. Die Klagenfurter hatten aber bei drei Metalltreffern Pech, etwas, das den Capitals dann Tage später gegen die Salzburger widerfuhr.

Die schwachen Starts sind unter Mellitzer (derzeit) Geschichte, auch einige Einzelleistungen (Oliver Setzinger!) trenden nach oben. Dass Kevin Kapstad – einer von mehreren Bewohnern von Doug Masons „Doghouse“ – bei entsprechender Eiszeit scoren kann, ist keine Überraschung. Das Duo Mark Popovic (einer der besten Zugänge der Liga) und Steven Strong agiert weiter sehr ruhig an der blauen Linie, wie wichtig Jean-Francois Jacques‘ Präsenz vor dem Tor ist, merkt man erst, wenn er fehlt.

Am anderen Ende der Skala: Jonas Nordqvist kommt überhaupt nicht in die Gänge, er ist ein „One-Gear Skater“, wie er im Buche steht. Luke Walker fällt da schon eher auf, allerdings auch selten positiv, er wirkt weit weniger zielstrebig als noch in Graz und verliert auch zu viele Zweikämpfe. Die Leistungen dieser beiden wurden auch schon genügend kritisiert, daneben geht aber unter, dass Thomas Hundertpfund bis jetzt auch eine grottige Saison hinlegt. Mellitzer brachte aber etwas Ruhe ins Lineup und scheint seinen Cracks derzeit etwas mehr Vertrauen entgegenzubringen als sein Vorgänger. Abzuwarten aber, wie die Truppe die 1:5-Niederlage im Rückspiel am Sonntag verarbeitet, auch unter Mason folgten guten Ansätzen immer wieder Rückschläge.

Doch der KAC sollte auf Top-6-Kurs segeln, das muss bei diesem Material zu erwarten sein, egal unter welchem Coach. Elementar aber für den weiteren Saisonverlauf der Klagenfurter: Welcher ihrer mittlerweile drei Goalies reißt die Zügel an sich? Derzeit ist Bernd Brückler die Nr. 1, in Wien legte er einige gute Paraden hin, insgesamt wirkt er aber etwas roboterhaft.

Bezeichnender Kommentar eines EBEL-Coaches zur Verpflichtung von Mellitzer: „Er soll länger bleiben? Gut für ihn, aber was bedeutet länger beim KAC – drei Monate?“

Vienna Capitals – Red Bull Salzburg (11.12. - 1:4)

Das Ergebnis fiel klarer aus als es das Spiel war. Die lange Zeit wenig zielstrebig agierenden Salzburger wären für die Wiener zu packen gewesen. Allerdings ging den Caps im Finish völlig der Saft aus, bei einem fünfminütigen Powerplay (darunter volle zwei Minuten 5-3) wirkten sie komplett ausgebrannt.

Die nächsten Wochen werden für alle Teams zum Lackmustest, Verletzungen werden sich da noch fataler auswirken als zuvor: Bei den Caps erlitt Sven Klimbacher nach seinem Wadenbeinbruch einen Rückschlag (Knochenödem), sein Rückkehrtermin ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Neben Derek Whitmore (Knie) meldete sich nun auch Matt Dzieduszycki mit Rückenbeschwerden ab. Nachdem Niki Hartl (nach dem ersten Gegentreffer gebencht) und Zuseher Julian Großlercher (fast) nicht zum Einsatz kamen, mühten sich die verbliebenen neun Angreifer ab, in der Defensive agierten Jamie Fraser und Troy Milam bis zum Umfallen. Das Personalkostüm der Wiener ist derzeit überaus angespannt, nachdem Benjamin Nissner und Felix Maxa bei der U20-WM sind, sind auch die Silvercaps ziemlich ausgedünnt. Im durchaus möglichen Zweikampf um den sechsten Rang zwischen Bozen und Wien könnten die Verletzungen (bisher kaum welche für Bozen) den Ausschlag geben. Ein Ersatz für Derek Whitmore sollte doch ins Auge gefasst werden, ein neuer Spieler wäre zumindest das, was Coaches gerne als „another warm body“ bezeichnen.

Allerdings präsentierten sich auch die Roten Bullen als Drei-Linien-Team: Alexander Cijan kam wenigstens noch im PK zum Einsatz, die Shifts für Peter Hochkofler und Alexander Rauchenwald waren an den Fingern einer Hand abzuzählen.

"Interessante" Strafen

Das Spiel war ein Leckerbissen für Freunde der dunklen Ecken des Regelbuchs. Die Wiener gingen durch ein Powerplay mit 1:0 in Führung, Daniel Welser fasste eine Strafe für „Unkorrekte Ausrüstung“ aus. Was war passiert? Goalie Luka Gracnar verlor seinen Stock, Welser holten den von hinter dem Tor und wollte ihn Gracnar überbringen. So weit, so gut, allerdings stellte sich Welser dann mit beiden Stöcken in der Hand einem Schuss in den Weg. Welser berührte die Scheibe zwar nicht, Head Milan Zrnic sprach die Strafe aber zu Recht aus.

Auch die zweite Strafe gegen Daniel Welser war nicht alltäglich: Von Patrick Peter an der Bande robust bearbeitet, rappelte er sich vom Boden auf und rammte diesem seinen Kopf ans Kinn. Nie eine gute Idee, schon gar nicht wenn Ref Manuel Nikolic daneben steht. Die Matchstrafe war die logische Konsequenz, solche Kopfstöße kommen sonst eher in den Unterligen vor.

Welser, früher oft mit ähnlichen Attacken, zuletzt aber mit Zeichen von Altersmilde, würde den Salzburgern sehr abgehen, vor allem seine Arbeit im Slot wie beim 3:1 von Brian Fahey. Von den Salzburger Angreifern agiert ohne ihn nur mehr Per Ledin und Brett Sterling im Slot. Eine Problematik, der man sich in Salzburg auch bewusst ist, ein weiterer Tauschvorgang vor den Playoffs würde nicht überraschen, nicht einmal ein weiteres Comeback von Kyle Beach wäre eine Sensation.

NHL-Geld für die Bullen

Die Salzburger konnten sich vor kurzem übrigens über einen zusätzlichen Geldregen erfreuen: Die NHL überwies die Transfersumme für Thomas Raffl von 240.000 Dollar und das, obwohl die Hälfte davon erst am 30. Mai fällig geworden wäre. Wohl auch ein kleines Eingeständnis, dass der Ablauf des Transfers alles andere als koscher war.

Weniger Glück dagegen für den VSV: Die NHL betrachtet Derek Ryan als in Nordamerika ausgebildeten Spieler, weder Örebro noch die Villacher kamen daher in den Genuss einer Transfersumme. 

Aus der Liga:

  • Personalentscheidungen, die man nicht verstehen muss: Graz-Coach Ivo Jan holte zur Trading Deadline seinen alten Schützling Ales Kranjc, der logische Tauschkandidat wäre der mit übersichtlichen Leistungen aufwartende und mit einem Probevertrag ausgestattete Mike Marcou gewesen. Jan entschied sich aber zur Überraschung aller gegen Mike Little und eliminierte so den besten Puckmover einer ohnehin offensiv impotenten Truppe. Ein Monat später ist jetzt auch Marcou Geschichte…
  • Im Endspurt um die Top-6-Plätze meldeten sich bei Fehervar Istvan Bartalis (Saisondebüt nach Kreuzbandriss), Andrew Sarauer, Arnold Varga und Ladislav Sikorcin wieder zurück, einzig Franky Banham wird wohl erst im Jänner wieder fit sein. Gegen Villach war die Massenrückkehr eher abträglich, Coach Rob Pallin änderte all seine Linien und fuhr damit nicht gut. Gegen Salzburg dagegen sah das Lineup dann wieder anders aus und vor allem Sarauers Leistung machte Hoffnung auf bessere Zeiten.
  • Neuzugang Antonin Manavian kam auch eine Woche nach seinem Engagement nicht zum Einsatz, Sapa konnte für den aus Frankreich kommenden EU-Spieler die Spielberechtigung nicht rechtzeitig erwirken. Auch ein kleiner Rekord…

 

Slovan Bratislava – HC Sotchi (9.12. - 4:5)

Ein kleiner KHL-Abstecher, beide Teams rittern noch um die Playoff-Plätze. Ein Spiel mit beiderseits schwachen Goalieleistungen, neben dem löchrigen Sochi-Goalie hatten sowohl Michael Garnett als auch der eingewechselte Barry Brust bei Slovan nicht gerade einen Sterntag. Die beiden Slowenen Rok Ticar und Ziga Jeglic agieren derzeit auch eher schwach, der KAC-„Leider nicht Legionär“ des Sommers, Lubomir Visnovsky, ist nach guten Scorerzahlen derzeit mit einer Rückenverletzung out und geht den Slowaken arg ab. Mit der Ausnahme von Cam Barker und eventuell Michal Sersen weist deren Defensive nämlich überhaupt keine Fähigkeiten mit der Scheibe auf und ist auch im eigenen Drittel ein wackliges Fundament.

Wer öfters über die EBEL-Refs klagt: Die beiden russischen Heads verloren hier zeitweise völlig die Kontrolle über das Spiel, „Erlaubt ist was gefällt“ war die Devise. Erschütternd auch, wie wenig Respekt den Refs von den Spielern entgegengebracht wird, fast jede Entscheidung – selbst klare Abseits – zog abfällige Gesten nach sich.

Natürlich dünnt sich bei der großen Anzahl von KHL-Teams das Talentniveau etwas aus, vor allem in den hinteren Reihen. Aber einzelne Cracks, die zwar die NHL nicht schafften, aber über überdurchschnittliche Skills verfügen, sind fast bei jedem Team zu finden: Bei Sotschi etwa ging Andre Petersson im Powerplay nicht von der Platte, der Stürmer rückte an die blaue Linie zurück und sorgte gemeinsam mit dem schussstarken Ziyat Paigin an seiner Seite für steten Druck. Ich erinnere mich an Petersson noch aus seinen Juniorentagen: Der ehemalige Ottawa-Pick war damals einer der wenigen schwedischen Cracks mit Charakter-Defiziten, sein Spielstil wird im Scouting-Jargon als „High-wire act“ bezeichnet…

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare