So funktioniert das Goalie-Scouting der NHL

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Wenn es um Torhüter geht, sinkt so manchem Scout das Herz in die Magengrube: Diese Spezies zu bewerten, lässt selbst erfahrene Talentesucher oft verzweifeln. LAOLA1-Scout Bernd Freimüller wirft einen Blick auf die Kriterien und Trends beim Goalie-Scouting in der NHL:

Das Punkteranking

Die Kriterien für die Bewertung sind vorgegeben und denen der Feldspieler nicht unähnlich, wenn es um die NHL-Gesamtnoten in einem Bericht geht (HIER nachzulesen!). Auf einer Skala von 1 – 9 sehen lediglich die Bezeichnungen etwas anders aus:

8.6 – 9: Franchise Goalie. Hebt eine Organisation alleine auf eine höhere Stufe. Carey Price wäre hier eine der wenigen Kandidaten für diese selten vergebene Kategorie.

8 – 8.6: Impact Goalie. Hat herausragende Qualitäten, ruft diese in entscheidenden Spielen ab. Henrik Lundqvist gehört hier sicher dazu, vielleicht sogar in eine Kategorie darüber.

7 – 7.9: Quality Goalie. Ein Einser-Goalie, der über lange Zeit konstant agiert. Roberto Luongo etwa gehört sicher zur Spitze dieser Kategorie, ebenso wie etwa Marc-Andre Fleury.

6.5 – 6.9: Capable Goalie. Schwankt zwischen Einser- und Zweier-Goalie, auf ihn ist aber grundsätzlich Verlass. Jaroslav Halak fällt mir hier ein.

6 – 6.4: Depth Goalie. Kann als Einser einspringen, ist aber eher ein Zweier. Thomas Greiss wäre für mich hier ein gutes Beispiel.

5 – 5.9: Solider AHL-Goalie. Könnte Status als Dreier in einer NHL-Organisation erlangen und kurzfristig einspringen.

4: Fringe AHL-Goalie. Zweier-Goalie in AHL mit wenig Hoffnung für mehr.

Alles darunter erfordert eigentlich keine großartigen Berichte, wie bei Feldspielern sollte keine Zeit für Berichte über Goalies ohne Upside verschwendet werden.

Ich habe hier natürlich etwas geschummelt und derzeitige NHL-Goalies mit den Kriterien für Berichte aus den Juniorentagen vermischt. Die Problematik liegt wie immer im Erkennen des Potentials von 18- oder 19-jährigen, diese Kriterien (wieder auf eine Skala von 1 – 9) kommen dabei zum Tragen:

Lawson musste sich anfangs "Want"-Mängel vorwerfen lassen
Foto: © GEPA

Von Größe bis Konzentration

„Game Rating“ und „Want“  - Ersteres ist die Benotung seines Spiels, Zweiteres wie bei den Skatern eine Absicherung des Scouts. Der Goalie mag eine hohe Note bezüglich seines Talents erhalten, aber der Scout gibt ihm eine niedrige „Want“-Bewertung, weil er von ihm als Persönlichkeit nicht überzeugt ist. Caps-Goalie Nathan Lawson dürfte in jüngeren Jahren sicher in diese Kategorie gefallen sein.

Größe: Heutzutage bekommen Goalies unter sechs Fuß (1.83) keine Chance und das gilt schon als klein. Aber davon abgesehen: Wirkt er im Tor groß oder gar einschüchternd? Hängen die Schultern durch oder deckt er auch die hohen Ecken ab? Wie ein NHL-Stürmer vor kurzem über riesige Torhüter sagte: „Du schießt von weit draußen und siehst das Tor gar nicht mehr – das wirkt sich schon auf deine Psyche aus.“

Skating: Laterale Bewegung, Schnelligkeit, Agilität, Balance. Kommt er zur richtigen Zeit beim Schuss an, ist er seitwärts zu langsam oder fährt er über das Ziel hinaus wie oftmals Pekka Tuokkola?

Puckkontrolle: Nicht nur das aktive Spiel mit der Scheibe ist hier gemeint, sondern auch der Einsatz des Blockers, die Reboundkontrolle und ob er Scheiben festhält. Prallen Pucks von ihm unkontrolliert weg oder steuert er sie in die Ecken?

Konzentration: Hier geht es vor allem um den Hockey Sense des Goalies: Liest er das Spiel gut, ist er dadurch „square to the shooter“ oder folgt er dem Spielverlauf gut? Macht er den ersten Move oder zwingt er den Schützen dazu? Verliert er leicht die Konzentration, wenn ja, warum: Liegt es an der Kondition oder hängen ihm schlechte Tore lang nach?

Stil und Technik/Reflexe: Ist er ein Textbook-Goalie oder verlässt er sich sehr auf seine Reflexe? Hat er nur einen Stil (z. B. Shotblocker) oder kann er sich adaptieren?  Ist er ein „First-Shot-Goalie“ oder ist seine Recovery auch gut? Ist er ein guter Athlet?

Gut genug für die NHL?

So oder ähnlich würde also ein Goalie-Report aussehen, die wichtigste Frage ist die gleiche wie bei den Skatern: Kann er in der NHL spielen und wenn ja in welcher Rolle? Viele Scouts tun sich als ehemalige Feldspieler mit der Bewertung hier sehr schwer, sie gehen oft nach dem Grundsatz vor: „Stoppt er die Scheibe oder nicht?“.

Auch ein beliebter Satz bei einem Torhüter, den man noch nicht oft gesehen hat oder der wenig Arbeit bekommen hat: „Well, he looked like a goalie.“

"Well, he looked like a Goalie."

Unzählige NHL-Scouts

Aufgrund dieser nicht immer tiefgehenden Bewertungen gehen immer mehr NHL-Teams dazu über, eigene Goalie-Scouts zu beschäftigen. Das kann entweder der Tormanntrainer sein oder ein eigener Scout, auf jeden Fall ein Ex-Goalie.

Seine Aufgabe ist es, zumindest die Spitzentorhüter für den kommenden Draft zu scouten und zu ranken. Das passiert in den verschiedensten nordamerikanischen Ligen oder bei den Turnieren in Europa. So ein Mann kennt natürlich die Goalietechniken besser als ein „normaler“ Scout und kann so sicher das Potential besser herausfiltern.

Seltene Gäste zu Draftbeginn

Eine weitere Tendenz in der NHL:  In den letzten Jahren gibt kaum mehr ein Team einen hohen Draft Pick für einen Torhüter aus. Erstens dauert die Entwicklungsphase für Goalies meist viel länger als bei Skatern, zweitens fielen zu viele Firstrounder mit Pauken und Granaten durch (z. B. Chet Pickard, Riku Helenius, Marek Schwarz, Jason Bacashihua).

Umgekehrt wurden einige Late-Rounder zu Stars. Bestes Beispiel dafür: Henrik Lundqvist – die Rangers zogen ihn 2000 in der siebten Runde an Land. Er spielte im gleichen Team wie sein Zwillingsbruder Joel (Center), der von Dallas in der dritten Runde gezogen wurde und wohl von allen Organisationen damals bei den gleichen Viewings höher eingeschätzt wurde.

Mark Visentin spielte exakt 59 NHL-Minuten
Foto: © getty

Der Trend dieser letzten Jahre lässt sich auch in Zahlen belegen: Von 130 gedrafteten Goalies in den Jahren 2010 – 2015 waren gerade fünf davon Erstrunder und von diesen sieht es bei Mark Visentin und Jack Campbell (beide 2010) auch ziemlich düster aus. Nach einer Nacht Schlaf wurden die Teams dann am zweiten Tag wieder aktiver, vor allem zu Beginn der zweiten Runde: Elf Goalies wurden in den Spots von 31 – 45 gedraftet.

Wie sah es um die europäischen Goalies aus, die die Atlanta Thrashers (Freimüller war als Scout für die Thrashers tätig, Anm. d. Red) in den zwölf Drafts von 1999 bis 2010 zogen?

Zdenek Smid (CZE, 6. Runde, 2000): Er profitierte von einer Betonabwehr beim Gewinn des WM-Golds mit dem tschechischen U20-Nationalteam, das ihn besser aussehen ließ als er wirklich war. Nach Stints in der Extraliga und in Finnland beendete er seine Karriere vorzeitig.

Pasi Nurminen (FIN, 6. Runde, 2001): Nach desolaten Goalieleistungen in den ersten Jahren unserer Franchise musste eine Sofortlösung her, die war der damals 25-jährige finnische Nationalgoalie (heute wäre ein Spieler in diesem Alter ein Free Agent). Mein letzter Satz in meinem Abschlussbericht: „Entweder wir draften ihn oder wir brauchen für europäische Overager in Zukunft keine Zeit mehr zu verschwenden.“ In drei Jahren etablierte er sich in Atlanta als Einsergoalie und Publikumsliebling, danach war seine Karriere aufgrund von Off-Ice-Issues und schlechter Kondition schnell beendet. Für einen Sechstrunder waren 125 NHL-Spiele in drei Jahren aber eine wunderbare Ausbeute.

Kari Lehtonen (FIN, 1. Runde, 2002): Der zweite Pick dieses Draft spielte heute noch in der NHL, hat über 500 Spiele absolviert und verdient fast 6 Millionen Dollar pro Saison. Hört sich nach einem Stargoalie an, ist er aber nicht und für mich trotz aller Stats eine Enttäuschung. Ich habe zuvor und danach kaum einen Goalie gesehen, der Größe so mit guten Reflexen und Technik kombinierte. Allerdings arbeitete er viel zu wenig an seinem Conditioning, war dadurch verletzungsanfällig und erfüllte sein Potential nie so recht. Rückblickend ein Beweis dafür, dass hohe Draftpicks bei Goalies sehr gefährlich sein können.

Ondrej Pavelec (CZE, 2. Runde, 2005): Löste nach einem AHL-Titel mit den Chicago Wolves bald Lehtonen im Kasten der Thrashers ab und hielt seinen Status als Einsergoalie auch nach dem Umzug der Franchise nach Winnipeg. Nicht immer unumstritten, derzeit verletzt und könnte auch bald von Shooting-Star Connor Hellebuyck abgelöst werden. Aber einen jahrelangen NHL-Einsergoalie mit bereits 350 Spielen würde ich mit einem Zweitrundenpick jederzeit wieder nehmen.

Fredrik Pettersson Wentzel (SWE, 5. Runde, 2010): Nach den Drafts von Lehtonen und Pavelec war die Goalieposition in Atlanta jahrelang besetzt, wir drafteten dann nur wenige Goalies. Pettersson Wentzel spielte in seinem Draftjahr in der Allsvenskan bei Almtuna, überzeugte mich durch sein ruhiges Spiel. Nach Jahren bei Färjestads spielt er nun bei HV 71 in Jönköping, die Jets ließen seine Rechte verfallen. Ein guter, aber nicht herausragender SHL-Torhüter, mit 24 Jahren hat er aber noch viel Zeit vor sich und könnte eines Tages vielleicht ein NHL-Angebot als Free Agent erhalten. Dazu bedarf es aber einer herausragenden Saison.

 

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