Yeti lebt! Sensationsfund in Antholz

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Das neue Jahr hat gefühlt noch gar nicht begonnen, da ist das zweite Saison-Trimester der Biathleten auch schon wieder beendet.

Nach der Doppel-Portion Ruhpolding bekamen die Fans in der vergangenen Woche Antholz als Jänner-Dessert serviert und wurden nicht enttäuscht.

Umrahmt von einer sensationellen Stimmung, sorgten die Stars der Szene für packende Wettkämpfe und großen Sport.

Von einem gebrochenen Schaft über eine "fette Ente" bis hin zu einer tränenreichen Staffel war alles dabei. Und sollte das jemandem noch nicht genug sein, so können wir diese Woche mit einem Sensationsfund aufwarten: Wir haben Yeti gesichtet!

Viel Spaß mit der Schießbude aus Antholz:

Gabriela Soukalova ist ein Wunder an Konstanz. Die Tschechin vollbrachte das Kunststück, als einzige Biathletin in dieser Saison in allen 15 Einzel-Bewerben den Sprung unter die Top 10 zu schaffen. Die souveräne Führung im Gesamtweltcup ist die logische Konsequenz ihrer Beständigkeit. Die 26-Jährige tritt die Reise nach Übersee mit 88 Zählern Vorsprung auf Verfolgerin Marie Dorin Habert an.

 Abergläubige würden wohl einen Fluch vermuten, ich nenne es einfach kurios: Kaisa Mäkäräinen hat ihre unglaubliche Serie fortgesetzt und auch in diesem Jahr keinen Sieg in Ruhpolding, Oberhof (da gab es auch keine Rennen) und Antholz gefeiert. Bei 17 Weltcupsiegen höchst verwunderlich, dass es ausgerechnet bei diesen drei Traditionsveranstaltungen nie klappen wollte. In Antholz lief es für die 33-Jährige mit den Rängen 18 (Sprint) und 21 (Verfolgung) besonders miserabel. Die große Kristallkugel rückt bei 200 Punkten Rückstand auf Soukalova in weite Ferne.

Für Boris Becker ist es Wimbledon, für Renate Götschl Cortina und für Simon Schempp Antholz: Das heimliche Wohnzimmer. Der Deutsche fühlt sich in der 2.800-Seelen-Gemeinde so wohl wie nirgendwo sonst. 2014 feierte er hier das Sieg-Double aus Sprint und Verfolgung, im vergangenen Jahr gelang ihm die erfolgreiche Titelverteidigung. Auch 2016 führte der Sieg über ihn. Im Sprint gab es kein Vorbeikommen am deutschen "Schemppion", im Verfolger musste er sich nur Anton Shipulin geschlagen geben.

 Die Motivation der Franzosen scheint vor dem Verfolger endenwollend gewesen zu sein. Abgesehen von Martin Fourcade klassierte sich kein einziger in den Punkterängen. Der Rest landete unter ferner liefen (Guigonnat), gab vorzeitig auf (Beatrix, S. Fourcade) oder ging erst gar nicht an den Start (Desthieux, Fillon Maillet). Vielleicht spürten sie ja auch noch die Abfahrt vom Stallersattel in ihren Knochen:

Descente de ski avec l'équipe de France de biathlon en caméra ...

Une descente de ski avec les biathlètes français, ça vous dit ? ☺Plus d'infos : http://bit.ly/1SwHZGg

Posted by L'ÉQUIPE 21 on Mittwoch, 20. Januar 2016

Bislang hatte sie einen 31. Platz als bestes Karriere-Ergebnis zu Buche stehen, ehe die Verfolgung in Antholz auf dem Programm stand. Dort schlug die große Stunde der Julia Ransom. Die Kanadierin blieb als eine von nur zwei Athletinnen fehlerfrei und kämpfte sich bis auf Position 19 vor. "Ein ausgezeichnetes Rennen meiner Superstar-Teamkollegin", jubelte Rosanna Crawford mit der 22-Jährigen mit. Betrachtet man die reine Netto-Zeit des Verfolgers, wäre sie sogar Dritte geworden.

Wenn es so etwas wie eine "gebrauchte Woche" gibt, dann hat Lucie Charvatova sie gerade hinter sich gebracht. Im Sprint 51., landete sie im Verfolger mit acht Schießfehlern auf Platz 48. Als wäre das nicht schon schlimm genug, unterliefen ihr in der abschließenden Staffel zwei Strafrunden. Im Zielbereich kullerten die Tränen, die Tschechin war untröstlich. Keine Stunde später wichen sie einem Lächeln, denn der Abstecher zum Weltcup in Südtirol hielt ein versöhnliches Ende für Charvatova bereit. Ihre Teamkolleginnen lieferten ein grandioses Rennen ab, sodass das tschechische Quartett sensationell noch auf Platz zwei landete.

Antholz war der Weltcup der russischen Teams. Auf Rang eins stehen bei mir die Damen: Im Sprint feierte Olga Podchufavora dank zweier makelloser Schießleistungen ihren Premierensieg, in der Verfolgung triumphierte Ekaterina Yurlova (Dritte des Sprints) und jubelte nach ihrem WM-Titel im Einzel von Kontiolahti in der Vorsaison über ihren zweiten Weltcup-Sieg. Zur Krönung gab es dann mit Rang drei in der Staffel Podestplatz Nummer vier von sieben möglichen.

Die in dieser Saison bislang so überragend auftretenden deutschen Damen erwischten ein gebrauchtes Wochenende: Erst fielen neben der länger verletzten Franziska Preuß (Haarriss im Steißbein) mit Laura Dahlmeier und Maren Hammerschmidt mit Infekten die wichtigsten Leistungsträger neben Franziska Hildebrand im Vorfeld aus, dann lieferte eben diese ganz ungewohnt auch nur mittelmäßige Rennen (19.,27.) ab. Somit errang lediglich Miriam Gössner als Sprint-Zehnte einen Top-Ten-Platz. Auch in der Staffel lief fast nichts zusammen, nach zwei Strafrunden landeten Karolin Horchler, Gössner, Vanessa Hinz und Hildebrand nur auf Rang zehn.

Nicht nur die russischen Damen wussten zu überzeugen, auch die Herren brillierten: Den Auftakt machte Maxim Tsvetkov, der sich im Sprint lediglich Simon Schempp geschlagen geben musste und erstmals in seiner Karriere aufs Stockerl lief. In der Verfolgung rächte sich dann Teamkollege Anton Shipulin und setzte sich einmal mehr im Zielspurt gegen Schempp (siehe unten) durch. Es war bereits sein achter Weltcup-Erfolg. In der Staffel folgte dann der nächste Grund zur Freude: Tsvetkov, Evgeniy Garanichev, Dmitry Malyshko und Shipulin brauchten nur sieben Nachlader und setzten sich ganz knapp gegen Deutschland durch. Erneut konnte Shipulin das Duell gegen Schempp für sich entscheiden.

Weniger prickelnd lief es hingegen für den Norweger Emil Hegle Svendsen: Im Sprint landete er auf dem enttäuschenden Platz 27 (drei Fehler), konnte sich in der Verfolgung (ein Fehler) zwar noch auf Rang zwölf vorarbeiten, reiste dann aber noch vor der Staffel am Sonntag, bei der seine Teamkollegen auf Rang drei kamen, ab. Dabei zeigte seine Formkurve mit einem zweiten Rang im Massenstart von Pokljuka sowie Rang drei im Sprint von Ruhpolding nach oben...

Sie ist wieder da - und wie! Nach ihrer Babypause erklomm die Schweizerin Selina Gasparin in Antholz erstmals wieder das Podest. Und das ausgerechnet in der Verfolgung, in der sie bislang noch nie unter die besten Drei kam. Von Rang 16 aus lieferte sie eine tolle Aufholjagd, am Ende fehlten nur zwölf Sekunden auf Siegerin Yurlova. Zunächst hatte die 31-Jährige in diesem Winter Schwierigkeiten, wieder in die Weltspitze zurückzukehren, doch zuletzt zeigte sie bereits mit Rang fünf im Einzel von Ruhpolding, dass mit ihr wieder zu rechnen ist. "Der zweite Rang ist für mich wie ein Sieg", jubelte sie.

Im Gegensatz zu den Damen gelang es den italienischen Herren nicht, vor heimischem Publikum zu glänzen. Lukas Hofer verpasste im Sprint mit Rang zwölf noch am knappsten die Top Ten. In der Verfolgung kam Dominik Windisch als Bester seines Landes nur auf Rang 27. In der Staffel reichte es für De Lorenzi, Hofer, Giuseppe Montello und Dominik Windisch mit mehr als dreieinhalb Minuten Rückstand nur für Rang 16.

 "Shipulin 4, Schempp 1", titelte ein russisches Magazin nach dem "Grande Finale" in der Staffel. Bereits zum fünften Mal duellierten sich die beiden auf einer Schlussrunde, der Russe bewies einmal mehr die größere Kaltschnäuzigkeit. Im Lager der Deutschen war man not amused und fand im Japaner Yuki Nakajima einen Sündenbock. Der Japaner wurde kurz vor der Zielgeraden überrundet und dabei zum Hindernis für Schempp. "Der läuft in einer Seelenruhe mitten auf der Strecke, (während) alle brüllen", schüttelte der Unterlegene im Ziel den Kopf. "Ich weiß nicht, ob er taub auf den Ohren ist." Von einem Protest sah der DSV ob der Aussichtslosigkeit auf Erfolg ab.

 Ja, er lebt! Wir haben den Yeti gesehen! Glaubt ihr nicht? Dann werft einen Blick auf das Instagram-Profil von Martin Fourcade. "Nach einem solchen Rennen, sollte man sich in einer Höhle verkriechen und erst wieder heraus kommen, wenn man SO aussieht", ließ er seine Fans nach drei Fehlern und Rang 28 im Sprint wissen und postete dazu das Foto von sich mit Zottelbart. Ehe er tatsächlich als Höhlenmensch durchgeht, entschied er sich, seine Wette kurzerhand aufzugeben (siehe Wette in der letzten Schießbude) und präsentierte sich in der Verfolgung plötzlich ohne Gesichtsbehaarung. Die Aktion sollte ihre Wirkung nicht verfehlen, denn erstmals in diesem Jahr entging er der Strafrunde.

 "Es war eine ganz harte Woche für mich, ich bin überhaupt nicht zufrieden", ging Julian Eberhard hart mit sich ins Gericht. Vor allem die erneute Strafrunde in der Staffel wurde zum Stimmungskiller. "Antholz gehört zu meinen schlechtesten Wochenenden, der Großteil ist schief gegangen." Zu allem Überfluss stürzte er im Verfolger und brachte dabei den Kanadier Brendan Green zu Fall, für den das Rennen damit gelaufen war. "Das liegt mir im Magen. Ich will keinen anderen um die Plätze bringen, weil ich einen Fehler mache." Seinen Schaftbruch reparierte er mithilfe eines ortsansässigen Tischlers, das Wochenende konnte aber auch der nicht mehr retten.

Die Kurve hab ich wohl zu eng genommen- bis zur morgigen Staffel im Biathlonzentrum Antholz | Südtirol Arena muss mein demolierter Schaft repariert sein.Mit vereinten Kräften schaffen wir das...

Posted by Julian Eberhard on Samstag, 23. Januar 2016

 Simon Eder prolongierte seine tolle Serie und hält damit bei sechs Top-10-Platzierungen in diesem Jahr. Ein Kunststück, das sonst nur noch Martin Fourcade gelang. "Bei sechsten Plätzen hat man das Gefühl, es hat nicht alles gepasst, aber es war richtig gut", zog er Bilanz. Im Gegensatz zu den letzten zwei Wochen fehlte das nötige Quäntchen Glück für einen Podestplatz, aber die Form ist weiterhin exzellent. Auch bei Dominik Landertinger (Verfolgungs-Neunter) zeigt die Formkurve nach oben. "In Ruhpolding hatte ich eine leichte Schießkrise, das haben wir aber super hingebracht für Antholz", meinte der Tiroler. Läuferisch ortet er dafür Verbesserungsbedarf. "Ich bin in Schlagdistanz, aber für ganz vorne reicht es noch nicht. Da brauche ich noch Geduld."

 Eine positive Tendenz gibt es bei den Damen zu erkennen. Susanne Hoffmann hat sich erstmals für den Verfolger qualifiziert und zeigte vor allem am Schießstand starke Leistungen, Lisa Hauser hakte den "Nuller" aus Ruhpolding ab und punktete in Sprint und Verfolgung.

 Lorenz Wäger drängt sich weiter für den Weltcup auf. Der 24-Jährige wurde im IBU-Cup Fünfter und Siebenter und wird wohl mit einem Ticket für die Überseerennen belohnt. Die Reise nach Canmore treten voraussichtlich auch alle ÖSV-Topleute an, Dominik Landertinger wird jedoch Presque Isle keinen Besuch abstatten und stattdessen einen Trainingsblock einlegen.

 

#0 - Neben Julia Ransom blieb es der Schwedin Mona Brorsson als einziger Athleten vorbehalten, die Strafrunde im Verfolger nur von der Ferne zu beobachten.

#4 - Die italienische Herren-Staffel lag zur Halbzeit in Führung, als Giuseppe Montello von Lukas Hofer übernahm. Der erwischte einen rabenschwarzen Tag und gastierte nach dem Liegendschießen für vier Umläufe in der Strafrunde. Mit knapp dreieinhalb Minuten Rückstand übergab er als 18., am Ende blieb den Gastgebern nur der enttäuschende 16. Platz.

#17 - Die Schwedin Linn Persson blieb im Sprint fehlerfrei und erlief mit Rang 17 ihr bestes Karriere-Resultat.

Michael Rösch bleibt vom Pech verfolgt. In Antholz wurde der Belgier von einem Hexenschuss ausgebremst, ein deutscher Physiotherapeut half ihm sprichwörtlich wieder auf die Beine. So biss er im Sprint auf die Zähne und ging an den Start. "Ich hatte bei jeder Bewegung Angst, dass es wieder kracht", gestand der 32-Jährige im Ziel. Rösch habe sich "wie ein 70-Jähriger" auf seinen Ski-Stock stützen müssen, sodass dieser in zwei Teile zerbrach. Die Qualen zahlten sich nicht wirklich aus, als 63. verpasste er knapp die Qualifikation für das Jagdrennen.

Es war ein erfolgreicher Heimweltcup für Dorothea Wierer: Die Südtirolerin schaffte zur Freude der italienischen Fans in Sprint und Verfolgung den Sprung aufs Stockerl. In der Staffel zog sie im Duell um Rang drei ganz knapp gegen die Russin Olga Podchufarova den Kürzeren. "Das ärgert mich sehr, ich wollte unbedingt noch einmal aufs Podium. Insgesamt bin ich aber sehr zufrieden", resümierte die 25-Jährige.

 Für Elisa Gasparin nahm die Saison ein jähes Ende. Die 24-Jährige befindet sich laut Aussagen ihrer Ärzte seit Oktober in einem Ermüdungszustand, von dem sie sich nicht erholte. Um sich weitere Qualen zu ersparen und dem Körper die nötige Ruhepause zu geben, entschied sich Gasparin dazu, aus dem Renngeschehen auszusteigen. In den nächsten Wochen soll sie "komplett abschalten".

"Es wird schwer an uns vorbei zu kommen, aber hinten raus wird die Ente fett", erklärte Erik Lesser nach seinem Staffeleinsatz, der dem deutschen Team die zwischenzeitliche Führung einbrachte. Er behielt Recht, denn am Ende hatten die Russen die größte "Fettn".

 

Christoph Nister / Henriette Werner

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