Der Wandel der Zeit

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Weißt du schon, was du in der Nacht von 14. auf 15. August machst?

Viele bestimmt Hundertstel zählen.

Um 3:25 Uhr MEZ wird nämlich der Startschuss zum 100m-Sprint-Finale der Männer bei den Olympischen Spielen fallen.

Neun-Komma-Irgendwas Sekunden, die in die Geschichte eingehen werden.

Neun-Komma-Irgendwas Sekunden, die circa 1,5 Milliarden Menschen rund um den Globus live mitverfolgen werden.

Doch genau dieses Komma-Irgendwas ist eine hochtechnische Angelegenheit, welche in den vergangenen 80 Jahren eine imposante Entwicklung durchlebte. Weg von der Uhrmacherei – hin zum Sportarten-Optimierer.

Eine andere Zeitrechnung

Seit den Sommerspielen 1932 in Los Angeles stoppt und zählt der Schweizer Uhren-Hersteller Omega die Olympia-Resultate. Mit kleineren und größeren Unterbrechungen.

Meilensteine der Zeitnehmung
1932 Erstmals stellt mit Omega ein privater Uhrenhersteller die Stoppuhren für Olympische Spiele bereit.
1948 Bei den Winterspielen in St. Moritz kommt erstmals die revolutionäre Zielfotografie zum Einsatz.
1962 Während der Übertragung der Hahnenkamm-Abfahrt wird erstmals ein Zeit-Insert am TV-Bildschirm eingesetzt. Anektote: Eine Technologie, für welche der japanische Zeitnehmer Seiko von Omega die Lizenz sowie das Gerät für Olympia 1964 erwirbt. Die findigen Schweizer verkaufen das Gerät, bauen jedoch statt dem Doppelpunkt zwischen Minuten und Sekunden ein kleines Omega-Zeichen ein, welches infolge bei allen Einblendungen der Spiele in Tokio zu sehen ist.
1967 Bei den Pan-American Games in Winnipeg werden im Schwimm-Sport erstmals Anschlagmatten verwendet.

Was vor 84 Jahren mit der Verschiffung von 30 Stoppuhren sowie einem Uhrmacher über den großen Teich begann, kann heutzutage Entscheidungen exakter feststellen, als es den Regularien lieb ist.

„Wir können bis auf eine Millionstel-Sekunde messen“, verrät Alain Zobrist, CEO von Omega Timing. Zur Veranschaulichung: Das ist die siebte Stelle hinter dem Komma, also 0,0000001 Sekunden.

Wie die Clowns-Schuhe zustande kommen

„In Sportarten wie der der Leichtathletik etwa gibt es KEIN totes Rennen“, spricht der Schweizer Zeit-Genosse einer Medaillen-Entscheidung die praktische Möglichkeit ab, tatsächlich „gleichzeitig“ ins Ziel zu kommen. Verantwortlich dafür macht Zobrist die Foto-Finish-Kamera.

Deren neuestes Upgrade wird in Rio 10.000 Fotos pro Sekunde von den ersten fünf Millimetern des Zielstrichs machen. Ein Computer fügt die fortlaufenden Aufnahmen zu den berühmten Zielfotos zusammen, die aber NICHT den Moment des Einlaufs des Ersten zeigen, sondern eben die besagten fünf Millimeter im Verlauf der Zeit aneinanderreiht.

Am unteren Bildrand steht die Zeit, wodurch erkennbar wird, was zu welchem Zeitpunkt auf dem Zielstrich zu sehen war
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Dies erklärt auch, warum die Schuhe auf den „Fotos“ oft derartig in die Länge gezogen dargestellt sind: Schließlich bleibt ein Fuß, der genau auf den Zielstrich tritt länger im Blickfeld der Kamera, als der restliche Körper.

Die ausgereifte Zielfoto-Technologie ermöglicht es, mehrere Athleten innerhalb einer Hundertstel zu differenzieren. Ohne sie wäre ein offizielles Resultat gar nicht möglich, da bereits eine nach vorne gereckte Hand die auf die siebte Komma-Stelle genau messenden Photozellen auslösen würde, laut dem Leichtathletik-Reglement aber erst der vorderste Punkt der Brust zählt.

Ein Kampfrichter muss die exakten Zeiten nach Durchsicht des Zielfotos erst verifizieren, was die kurze Pause zwischen Zieleinlauf und der Verkündung des offiziellen Resultats erklärt.

Zeitmessung genauer als Bautechnik

In gewissen Sportarten würde eine noch genauere Messung der Ergebnisse ohnehin keinen Sinn machen. Bestes Beispiel dafür ist Schwimmen.

Dort könnte der Anschlag der Schwimmer spielend auf das Tausendstel genau festgestellt werden. Angesichts der vergleichsweise geringen Geschwindigkeit würde der Vorsprung bei einem Tausendstel Unterschied in Millimetern kaum mehr messbar sein. Eine ganz leicht hervorstehende Fliese könnte diesen Abstand ebenfalls verursachen. Sprich: Schwimm-Becken können nicht so genau gebaut werden, wie es eine exaktere Zeitmessung erforderlich machen würde.

Wer bei einem toten Schwimm-Rennen dann aber tatsächlich gewonnen hätte, wisse man laut Zobrist auch hausintern nicht. Dies werde nicht eruiert.

Alain Zobrist erklärt LAOLA1 die Funktionsweise der Startpistole

Ein bisschen Zukunftsmusik

Im Unterschied zu Los Angeles 1932 wird Omega zu den Spielen nach Rio 480 Zeitmesser – also Mitarbeiter, die sich um die Zeitmessung kümmern – samt 480 Tonnen Material und 200 Kilometern Kabel schicken. Mit diversen Backup-Systemen will das Team auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Bei Stromausfällen während der Olympic Test Events konnte sich die Batterie-betriebene Notstrom-Versorgung in Rio bereits auszeichnen. „Entscheidend ist, dass die Daten eines gerade laufenden Bewerbs nicht verloren gehen“, so Zobrist.

Für jede Sportart werden die Zeit-, Weiten- und Punktemessungen eigens entwickelt. Auch nach Verbesserungen für die Performance der Athleten werde gesucht. Inputs kommen von Sportlern, Zeitmessern oder Ingenieuren.

In Rio wird beispielsweise den Schwimmern mittels eines Längenzählers im Becken eine neue Orientierungshilfe geboten. Das Aufschauen auf die herkömmliche Bahnentafel fällt dadurch weg.

30 Stück dieses Chronographen wurden 1932 zu den Spielen nach LA verschifft

Laut Zobrist wäre sogar ein am Beckenboden mitlaufender Weltrekord-Strich technisch machbar. Diesem schiebt jedoch das Reglement des Weltschwimm-Verbandes (FINA) einen Riegel vor.

Was überdauert hat

Egal ob Hochleistungs-Kameras oder die Entwicklung von Athleten-Behelfnissen, die Aufgabenbereiche von IOC-Partner Omega haben nicht mehr viel mit dem Verschiffen von ein paar Uhren nach Los Angeles gemein.

„Es stimmt. Die Technologien haben sich verändert, aber die Werte unserer Arbeit sind die gleichen geblieben“, erklärt Zobrist. „Es geht um Präzision. Darum, an Details zu arbeiten. Alles muss perfekt sein“, spielt er auf die Tugenden des Schweizer Uhrmacher-Handwerks an.

Damit nach dem Komma letztlich nicht „irgendwas“ steht.

 

Reinhold Pühringer


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