Das Mädchen aus den Favelas holt 1. Brasilien-Gold

Aufmacherbild Foto: © getty
 

Es ist DAS Märchen dieser Sommerspiele.

Rafaela Silva holt Gold, genauer gesagt das erste Gold für Gastgeber Brasilien.

Doch ist weniger der Umstand besonders, dass sie in zweifacher Hinsicht die Erste ist – nein, es ist ihre Vergangenheit. Denn Silva ist in einer der vielen Favelas von Rio de Janeiro aufgewachsen. Den Armenhütten auf den Hügeln, welche das Bild der Stadt prägen und die Kluft zwischen Reich und Arm sichtbar werden lassen.

Ausgerechnet diese Tochter Rios erfüllt sich einen Traum und stilisiert sich gleichzeitig zu einem Symbol der Hoffnung für ein Land, das aufgrund der Staatskrise in eine ungewisse Zukunft blickt.

Wenig göttlich

Silva, die sich in der Filzmoser-Gewichtsklasse bis 57 kg mit vier Siegen in das Finale vorkämpfte, genügte im Gold-Match gegen die Mongolin Sumiya Dorjsuren eine Waza-ari-Wertung um das Happy-End zu perfektionieren. Danach flossen Tränen. Tränen, der unbändigen Freude.

Dabei sind Tränen gar nicht ihre Sache. Schließlich war sie in der „Cidade de Deus“, der Stadt Gottes, aufgewachsen. Einem Ort, an dem Gefühle keinen Platz haben. Die „Cidade de Deus“ gilt als eine der gefährlichsten Favelas der 6-Millionen-Metropole.

Schießereien und Drogengeschäfte sind dort an der Tagesordnung. Es gilt das Gesetz der Straße, jenes des Stärkeren. Und starksein lag Silva im Blut, von klein auf. Dass sie jedoch nicht das Schicksal vieler anderer Jugendlicher teilte, die in der Persepektivlosigkeit verloren gehen, verdankte sie dem Sport.

Ihr Glück: Ein von der brasilianischen Judo-Größe Flavio Canto (Olympia-Bronze 2004) gegründetes Sozialprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, Favelas-Kindern mittels Judo ein Ziel im Leben zu geben. Im sogenannten „Instituto Reacao“ fiel Silva schnell auf. Ihr unbändiger Kampfgeist war unübersehbar.

Wenn Geld ein edler Antrieb ist

Silva bahnte sich ihren Weg bis in die Weltspitze. Ihr Antrieb: Das Preisgeld. Geld, um der Armut zu entfliehen. 2013 erkämpfte sie alleine im ersten Halbjahr rund 15.000 Dollar. Mit diesem kaufte sie ihren Eltern ein neues Haus in Freesia, also fernab von Schüssen und Gewalt.

In Brasilien ist ihre Geschichte spätestens seit ihrem WM-Titel 2013 jedem bekannt, welchen sie ebenfalls in Rio gefeiert hat.

Drei Jahre später hat sie nun ein fast schon kitschiges Ende zu ihrer Geschichte hinzugefügt. Auf ihrem linken Unterarm hat sie ein Buchstaben-Rätsel tätowiert, in welchem die brasilianischen Begriffe für Traum, Judo, Friede und Wirklichkeit eingekreist sind.

Nun ist all das eingetreten. Rafaela Silva, die Verkörperung des Slogans dieser Sommerspiele: „A new world“.

 

Aus Rio berichtet Reinhold Pühringer

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