Vom Kindskopf zum Überflieger

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Graue Haare gelten nicht nur als Nebenerscheinung fortschreitender Lebens-Erfahrung, sondern auch als Zeitzeugen manch sorgenvoller Tage.

Woher das silbrig glänzende Haupthaar im Falle von Claus Hödl nun tatsächlich rührt, ist freilich nicht zweifelsfrei eruierbar, doch für das eine oder andere dürfte wohl Raul Santos verantwortlich sein.

Der Klub-Chef der Union Juri Leoben hat nämlich einen maßgeblichen Anteil am Werdegang des Ausnahme-Talents, das im Sommer gemeinsam mit Fivers-Shootingstar Nikola Bilyk zum deutschen Top-Verein THW Kiel wechseln wird.

In der Vergangenheit hatte es Hödl nicht immer einfach mit dem umtriebigen Linksaußen, der neben seinem unübersehbaren Talent auch für allerlei Schabernack gut war.

WM-Qualifikation*

# S U N Pkt
1. Österreich 4 4 0 0 8
2. Rumänien 4 3 0 1 6
3. Italien 4 1 0 3 2
4. Finnland 4 0 0 4 0

Umso erstaunlicher ist die rasante Entwicklung von Santos, der innerhalb weniger Jahre merkbar reifte und nun im stark verjüngten ÖHB-Nationalteam mit 23 Jahren zu den absoluten Stützen in der laufenden WM-Qualifikation zählt. So auch im entscheidenden Auswärtsspiel am Donnerstag in Baia Mare gegen Verfolger Rumänien.

Mit den Eskapaden hat er abgeschlossen. So scheint es zumindest.

Spontan-Rap auf der Autobahn

Mehr oder weniger regelmäßige Telefonate sowie gelegentliche Treffen sorgen dafür, dass der Kontakt zwischen Hödl und Santos nicht abreißt. Zwischen dem Verein und dem größten Talent, den ersterer je hervorgebracht hat.

Heute kann Hödl mit einem Schmunzeln auf die eine oder andere Geschichte zurückblicken. Beispielsweise als Santos einmal in seinem jugendlichen Übermut eine dafür eigentlich viel zu steile Straße in Leoben mit dem Skateboard in waghalsiger Manier und halsabschneiderischen Tempo bewältigte.

Oder ein anderes Mal, als der Mannschafts-Bus der Leobener bei einer Auswärtsfahrt nach Linz wegen eines Murenabgangs im Stau feststeckte. „Raul ist ausgestiegen, hat sich kurzerhand das Megaphon des Fan-Klubs geschnappt und mitten auf der Autobahn zu rappen begonnen“, lacht Hödl. Die anderen Fahrer seien daraufhin ausgestiegen und hätten mitgeklatscht und getanzt. „Es war wie ein kleines Fest.“ Der Stau war mit einem Mal allen egal.

Santos debütierte mit 15 Jahren in der Leobener Kampfmannschaft

Es gebe noch weitere Geschichten über den Jungen aus der Dominikanischen Republik, der mit elf nach Österreich kam und nur durch eine zufällige Bekanntschaft beim Sportkegeln den Weg zum Handball fand, doch davon sind naturgemäß nicht alle für die Öffentlichkeit bestimmt.

Lehre fürs Leben

Angesprochen auf seine Sturm- und Drang-Phase ruft dies bei Santos jenes spitzbübische Lachen auf den Plan, welches erahnen lässt, was sich da noch alles abgespielt haben könnte.

„Die Zeiten sind aber vorbei“, winkt Santos im Gespräch mit LAOLA1 ab. Die Flausen habe er hinter sich gelassen. Wenngleich er unverkennbar ein fröhlicher Typ geblieben ist. Das streitet der sprunggewaltige Kunstschütze auch gar nicht ab. „Natürlich habe ich nach wie vor meine lustigen Seiten, aber klar wird man in gewissen Bereichen erwachsener. Das gilt auch für das Spielfeld, wo man einfach eine gewisse Ernsthaftigkeit an den Tag legen muss.“

Für den raschen Reife-Prozess gibt es mehrere Faktoren. Hödl sieht in der Ausbildung zum Produktions-Techniker, die Santos 2012 mit gutem Erfolg abschloss, den entscheidenden Ausgangspunkt. „Über den Verein konnten wir ihm die Lehrstelle organisieren. Einige hatten befürchtet, dass er das nicht fertig machen würde“, schildert der Steirer. Sie sollten sich täuschen. „Das hat ihn deutlich weitergebracht, das hat man gemerkt.“

Die richtige Wahl

Der nächste große Schritt folgte Anfang 2013, als er im Alter von 20 Jahren mit Leoben jenen Verein verließ, für den er bereits mit 15 in der Kampfmannschaft debütiert hatte, um den Sprung in die stärkste Liga der Welt, nach Deutschland, zu wagen.

Die Wahl von Santos fiel auf den VfL Gummersbach, der sich aufgrund seines vergleichsweise familiären Umfelds als Glücksgriff erwies. „Der VfL war optimal für ihn. Hinzu kam, dass er in seinem Manager Edgar Hartmann, der nicht weit von Gummersbach wohnt, einen väterlichen Freund fand“, weiß Hödl. Auch einen der Weihnachts-Feiertage habe Santos bei ihm verbracht.

Damit einher ging die sportliche Entwicklung. Santos avancierte zu einem der gefährlichsten und mitunter spektakulärsten Linksaußen der Liga, war in der Vorsaison mit 253 Toren (im Schnitt rund 7 Tore pro Partie) ligaweit zweitbester Schütze. Überboten nur von ÖHB-Teamkollege Robert Weber, der für Magdeburg 271 Mal traf.

Reif für die neue Herausforderung

Das professionellere Umfeld in Verein sowie auch ÖHB-Team, wo Santos am linken Flügel erfolgreich in die Fußstapfen von Conny Wilczynski trat, färbten unweigerlich auf den Youngster ab. „Da habe ich Spielertypen kennengelernt, die enorm viel Reife und Routine mitbringen. Von einem Viktor Szilagyi etwa kann ich mir sehr viel mitnehmen. Er ist ein Vorbild“, so Santos.

Wegbegleiter Claus Hödl

Auf Facebook hat er mittlerweile über 10.000 Fans. Tendenz steigend, nicht zuletzt wegen seines bevorstehenden Wechsels zum THW.

Kiel ist für den Rechtshänder der nächste Schritt. Sorgen, dass dieser vielleicht zu früh kommen könnte, hat Hödl nicht: „Raul ist nun sowohl von der Persönlichkeit als auch als Spieler fertig. Von daher wird er sich in Kiel bestimmt zurechtfinden.“

Zwar hatte Santos noch kein persönliches Gespräch mit THW-Coach Alfred Gislason, nichtsdestoweniger gibt es für den Nationalspieler nur ein Ziel, welches heißt, sich in der Handball-verrückten 240.000-Einwohner-Stadt im Norden Deutschlands durchzusetzen: „Man kann als Sportler nichts anderes wollen. Wenn man diese Einstellung nicht mitbringt, würde es unmöglich, Erfolg zu haben.“

Klingt ganz so, als ob Sturm und Drang in erfolgreiche Bahnen geleitet wurden.

 

Reinhold Pühringer


WM-Quali: AUT vs ITA, Sieg 30:19 󾍘🏾Offizielle Instagram Page:https://www.instagram.com/raulsantos92_/

Posted by Raul Santos on Sonntag, 10. Januar 2016
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