200 ÖHB-Länderspiele statt drei Kisten Cola

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„So einen Handballer haben wir in Österreich noch nie gesehen – und vielleicht werden wir auch nie wieder so einen haben.“

Eine Erklärung, auf wen sich Patrick Fölsers Worte beziehen, ist eigentlich müßig. Wer sonst, wenn nicht Viktor Szilagyi?

Österreichs lebende Handball-Legende steht vor einem der vielen Meilensteine seiner langen Karriere. Am Donnerstag wird der 37-Jährige beim Länderspiel in Krems gegen Tschechien zum 200. Mal das ÖHB-Trikot tragen. Er steigt damit in einen erlauchten Kreis auf. Erst drei Spieler vor ihm konnten diese Marke durchbrechen.

ÖHB-Rekordnationalspieler Einsätze
  1. Ewald Humenberger
246
  1. Patrick Fölser
218
  1. Andreas Dittert
203
  1. Viktor Szilagyi
199
  1. Roland Schlinger
168
  1. Stefan Higatzberger
163
  1. David Slezak
157
  1. Nikola Marinovic
156

Was 1998 mit einem Länderspiel in Innsbruck gegen Litauen begann, nähert sich leider allmählich seinem Ende. Wie Szilagyi gegenüber LAOLA1 bestätigt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten Monaten seine letzten Auftritte für das Nationalteam erleben.

Ein guter Zeitpunkt also, um einen Blick zurück auf die Laufbahn von Österreichs prägendsten Spieler der letzten zwei Jahrzehnte zu werfen:


Schon mit Äpfeln wurfgewaltig

Seit Kindesbeinen an ist Szilagyi mit Werner Lint befreundet. Der spätere Kreisläufer von Stockerau, Linz, Leoben und Krems wohnte in St. Pölten praktisch Tür an Tür mit den Szilagyis. Nur ein Parkplatz lag dazwischen. Und wie es sich für Burschen im Volksschul-Alter gehört, trieben die beiden hin und wieder Unfug. Ein – wenn man so will – „Hobby“ des Duos: Mit einem Apfel zu versuchen, die Tür des anderen Wohnhauses zu treffen.

„Irgendwann hat Viktor dabei das Fenster einer alten Dame, die bei mir im Haus gewohnt hat, versehentlich eingeschossen“, erinnert sich Lint schmunzelnd. „Da habe ich gewusst: Das wird einmal ein guter Handballer.“

Gemeinsam auch in Krems erfolgreich: Werner Lint und Stefan Szilagyi
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Wenn der Auto-Schlüssel klimpert

Das Talent wurde klein Viktor in die Wiege gelegt. Vater Stefan war (laut Wikipedia) 200-facher ungarischer Nationalspieler (Viktor: „Er sagt immer, dass es sogar 227 waren.“). Noch heute beschreibt der ÖHB-Star ihn als den wichtigsten Förderer seiner Karriere. Im Alter von sieben Jahren soll Viktor erstmals einen Handball im Training der Union St. Pölten in Händen gehalten haben. Getragen vom Fachwissen Stefan Szilagyis, der sich als Trainer engagierte, begann in St. Pölten – einem Handball-Klub ohne große Tradition – mit einem Mal etwas zu entstehen.

„Handball hat in St. Pölten mit Stefan Einzug gehalten. Wahnsinn, was er dort bewegt hat“, ist Lint seinem sportlichen Ziehvater dankbar. Eine Generation reifte heran, der unter anderem auch Markus Wagesreiter angehörte.


Der aufstrebende Klub mitsamt Roh-Diamant Viktor Szilagyi blieb den anderen Vereinen nicht lange verborgen. Bereits im Nachwuchs rief das Begehrlichkeiten auf den Plan. „Einmal wollte ihn Gänserndorf für drei Kisten Cola holen“, muss Lint beim Gedanken daran lachen. Nicht auszudenken, wie Szilagyis Karriere verlaufen wäre, wäre er schon so bald der wichtigsten Bezugsperson – sowohl sportlich als auch menschlich – entrissen worden.

Heute kann er darüber nur schmunzeln: „Da ich mich ehrlich gesagt, nicht einmal mehr daran erinnern kann, kann es nichts Ernstes gewesen sein.“

Viktor Szilagyi in einem seiner ersten Länderspiele im Jahr 2000
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Wie auch immer ließ Vater Stefan dies freilich nicht zu.

Ähnlich auch die Reaktion, als St. Pölten mit einer Schar an Eigenbau-Spielern in die erste Liga aufgestiegen war und Bärnbach/Köflach den damals gerade erst volljährigen Viktor versuchte zu ködern:

„Als Eigenbau-Spieler hast du damals in der ersten Mannschaft von St. Pölten so an die 2.000 Schilling bekommen. Dann hat ihm Bärnbach/Köflach plötzlich ein Auto angeboten. Für uns 18-, 19-jährige Burschen war das damals ein Hammer“, führt Weggefährte Lint weiter aus. Wieder war es Vater Stefan, der den Sohnemann zur Weitsicht mahnte. Lint: „Er hat ihm gesagt, dass es viel wichtiger wäre, sich sportlich weiterzuentwickeln.“ Weshalb Viktor schließlich blieb, ehe er 1999 zum ATSV Innsbruck wechselte.

Kein Lercherl

Wer glaubt, Szilagyi und der ÖHB wäre eine einzige Story voll eitel Wonne, der irrt. Fakt ist, dass die heutige Ikone im Nachwuchs vom Verband sogar einmal für einige Zeit gesperrt wurde.

Ausgangspunkt war ein Trainingslager für die ÖHB-Jugend-Teams der Mädchen und Burschen in Faak am See gewesen. Eine ÖHB-Quelle formuliert den Grund für Szilagyis Suspendierung wie folgt: „Viktor war unter jenen Mädels und Burschen, die die Regeln der Zimmerbelegung offenbar falsch verstanden hatten.“

Nun ja, eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört für einen Spielgestalter schließlich dazu. Weitere Jugendsünden halten wir für ausgeschlossen.

Langzeit-Weggefährten im ÖHB-Team: Szilagyi und Patrick Fölser
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Auf die richtige Fährte gebracht

In der Nationalmannschaft der Erwachsenen legte er einen rasanten Aufstieg vom Hoffnungs- zum Leistungsträger hin. Fölser: „Obwohl Viktor schon als Junger zum Team gekommen ist, hat er nie mit Unsicherheiten gekämpft. Von Anfang an war klar: Das ist ein Spieler, der etwas einbringt. Es dauerte nicht lange, da hat er schon für spielentscheidende Aktionen gesorgt.“

Auf Vereinsebene wagte er 2000 den Sprung zu Dormagen in die deutsche Bundesliga. Dieser Schritt löste bei Szilagyi etwas aus. Beeinflusst durch das neue Umfeld vollzog er einen wahren Reife-Sprung. „Man hat mit einem Mal gemerkt, dass er viel professioneller denkt“, bestätigt Lint. Und diese Einstellung hat er in das Nationalteam hineingetragen. Ein Nationalteam, welches sich Anfang der 2000er-Jahre noch fernab der heutigen Höhen befand. „Damals bestritten wir beispielsweise ein Länderspiel in einer Schulhalle in Wörgl. Heute tut sich der ÖHB wesentlich schwerer, Hallen zu finden, die groß genug sind“, berichtet Szilagyi über die Entwicklung. Auch Umfeld und Spieler waren Anfang der 2000er noch ein gutes Stück von der heutigen Professionalität entfernt.

„Viktor wusste aber damals schon genau, was er wollte. Er hatte klare Ziele und war voll darauf fokussiert“, so Fölser. „Er hat uns gezeigt, dass als Handball-Profi viele Dinge dazugehören.“

Ein Leader auch abseits des Feldes

Qualitativ brachte Szilagyi sein Spiel in Deutschland auf die nächste Stufe. Mit Essen holte er 2005 den EHF-Pokal, seinen ersten von insgesamt fünf Europacup-Titeln. Als einzigem Handballer überhaupt gelang es ihm, die drei wichtigsten EC-Trophäen zu stemmen.

Szilagyis Vereins-Stationen Jahr
Union St. Pölten -1999
ATSV Innsbruck 1999-2000
TSV Bayer Dormagen (GER) 2000-2002
TUSEM Essen (GER) 2001-2005
THW Kiel (GER) 2005-2008
VfL Gummersbach (GER) 2008-2010
SG Flensburg-Handewitt (GER) 2010-2012
Bergischer HC (GER) 2012-

„Seine Zeit in Essen finde ich am beeindruckendsten, da er dort mit einer vergleichsweise schwachen Mannschaft Unglaubliches erreicht hat“, versucht Lint, der immer wieder zu Spielen nach Deutschland fuhr, einzuordnen.

Eine Leistungssteigerung, von der auch das Team profitierte. Fölser gerät bei seinem langjährigen Mitspieler ins Schwärmen. „Es gibt wenige Menschen, die den Handballsport so verstanden haben wie Viktor. Er weiß über jeden Gegner bestens Bescheid, kann Veränderungen während einer Partie erkennen und darauf reagieren“, so der ehemalige Kreisläufer, der mit Szilagyi in der ÖHB-Sieben die Mittel-Achse bildete. „Wir waren aufeinander angewiesen. Darum war er auch extrem kritisch und hat viel von mir eingefordert.“

Doch Szilagyi führte die Mannschaft nicht nur auf dem Feld. Er habe zu jeden Mitspieler einen Draht gesucht, versuchte sich auch um die schwierigeren Charaktere zu kümmern. „Darum hat es nicht lange gedauert, bis ihm alle Spieler bedingungslos gefolgt sind“, verrät Fölser.

Die Entwicklung des ÖHB gemeinsam vorangetrieben: Szilagyi und Hausleitner
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Wieder aufgestanden

Martin Hausleitner fragt sich öfters, wo Szilagyis Karriere nicht noch überall hingeführt hätte, wenn dieser nicht so oft verletzt gewesen wäre. Zufälligerweise deckt sich Hausleitners Tätigkeit als ÖHB-Generalsekretär zeitlich recht genau mit der Team-Laufbahn des 199-fachen Internationalen.

„Leider folgten bei Viktor auf spielerische Hochzeiten oft schwere Verletzungen“, verweist Hausleitner etwa an Szilagyis Zeit beim THW Kiel, als dieser drauf und dran war, zum dominanten Spieler der Top-Adresse zu werden. Ein Kreuzbandriss stoppte seinen Höhenflug 2006 jedoch jäh.

„Das war die erste richtig schwere Verletzung meiner Karriere“, meint Szilagyi selbst. Bis dahin war für ihn bei den „Zebras“ alles perfekt gelaufen. „Ich war in Top-Form, fühlte mich unverwüstlich.“

Die Knie-Verletzung war wie ein Schock. Nach der OP wurden zwei Folge-Arthroskopien notwendig. „Die Prognosen der Ärzte waren fast noch härter als die Verletzung selbst. Es hieß, dass es vielleicht gar nicht mehr gehen würde“, meint Szilagyi, der zu jener Zeit erstmals Vater geworden war.

Er bewies Biss und fightete sich auf die Handball-Bühne zurück. „Wenn ich heute darauf zurückblicke, ist es eigentlich erstaunlich, dass ich dann noch zehn Jahre lang professionell gespielt habe.“

Szilagyi bei der Heim-EM 2010 ausnahmsweise auch als Siebenmeter-Schütze
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Bett statt EM-Feier

Die Nationalmannschaft erlebte ihren besten Szilagyi bei der Heim-EM 2010. „Da hat er die Mannschaft durch das Turnier getragen“, erinnert sich Hausleitner an einen Regisseur, der stets vorne wegging und dabei sogar ungewohnte Rollen übernahm: „Nach der Verletzung von Conny Wilczynski warf er sogar die Siebenmeter.“

Das Heim-Turnier samt dem neunten Endrang löste in Österreich eine im Handball noch nie dagewesene Euphorie aus. Eine, die die gesamte Sportart auf eine neue Stufe hob und von welcher der ÖHB noch heute profitiert.

Wie sehr sich Szilagyi in den Spielen aufrieb, darüber gibt eine Erinnerung Fölsers Aufschluss: „Als nach dem letzten Spiel alle Dämme gebrochen sind, wollte sich die Mannschaft aufmachen, feiern zu gehen.“ Der Kapitän durfte dabei freilich nicht fehlen. „Viktor war auch nie einer, der zum angemessenen Zeitpunkt nein zu einem Bier sagte. Aber ich weiß noch, wie er damals nach dem Essen dort gesessen ist und den Kopf geschüttelt hat: Nein, es geht nicht mehr, ich bin einfach körperlich zu leer.“

Somit war Szilagyi am Tag des größten Erfolgs in der jüngeren Geschichte des österreichischen Männer-Handballs der einzige des gesamten ÖHB-Stabs, der vor Mitternacht bereits im Bett war.

„Dabei war ich wahrscheinlich der, der sich schon am meisten auf die Feier gefreut hatte“, lacht Szilagyi und berichtet von der großen Druck-Situation, der er sich damals vollends bewusst gewesen war. „Wir wussten ganz genau, welche Riesen-Chance bzw. Gefahr die Heim-EM bot. Wir hatten es in der Hand, es in das Positive oder halt ins Negative zu drehen. Und nach dem letzten Spiel ist dieser große Druck mit einem Mal von uns abgefallen.“

Da, wenn er gebraucht wird

Während ihn sein Weg in der deutschen Bundesliga über Gummersbach (EHF-Pokal 2009, Europapokalsieger der Pokalsieger 2010) und Flensburg-Handewitt (Europapokalsieger der Pokalsieger 2012) schließlich zum Bergischen HC führte, zog Szilagyi mit Österreich bei der WM 2015 ins Achtelfinale ein. Die erste WM-K.o.-Runde der ÖHB-Männer in der Nachkriegszeit.

Dass der Routinier heute noch immer im ÖHB-Dress zu sehen ist, ist alles andere als selbstverständlich. „In Wahrheit ist mit 37 Jahren und etlichen Verletzungen der Reiz, noch bei Testspielen aufzulaufen, ja nicht mehr da“, spricht Lint die Frage an, warum sich der „alte Mann“ das überhaupt noch antut.

„Schließlich muss Viktor so eine Entscheidung auch gegenüber seinem Verein verkaufen. Der Klub ist bestimmt nicht begeistert, wenn sein ohnehin gerade erst kürzlich wieder fit gewordener Routinier auch noch Nationalteam spielen will. Aber Viktor ist halt dabei, wenn ihn das Nationalteam um Hilfe fragt“, bringt es Lint auf den Punkt.

„Und das ist halt genau das, was bei Viktor so leiwand ist.“

 

Reinhold Pühringer


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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