"Wir fangen zum Glück jede Woche bei Null an"

Es ist die beste Saison seiner Karriere, und sie ist noch nicht vorbei.

Bernd Wiesberger hat sich dank guter Leistungen in der Weltrangliste bis auf Rang 28 vorgearbeitet, in der europäischen Geldranglisten – dem Race to Dubai – liegt er mit über 1,8 Millionen Euro Preisgeld auf Platz sieben.

Beim Burgenländer steht ab diesem Wochenende das große Saisonfinale mit vier gut dotierten Events auf der European Tour an. Den Anfang macht die Turkish Airlines Open nahe Antalya, es folgen zwei Turniere in China, ehe es zum großen Abschluss-Event nach Dubai geht.

Wenn der 30-Jährige in der "Race to Dubai"-Endwertung unter den Top 15 bleibt, dann winkt ihm noch eine zusätzliche Prämie. Die ersten beiden Runden im "The Montgomery Maxx Royal Golf Club" nahe Antalya nimmt der 30-Jährige mit Graeme McDowell (NIR) und Lee Westwood (ENG) in Angriff.

Im großen LAOLA1-Interview vor dem Saison-Finale spricht Wiesberger unter anderem über seinen 30. Geburtstag, seine Saisonziele und die österreichische Ryder-Cup-Bewerbung 2022.

LAOLA1: Anfang Oktober hast du deinen 30. Geburtstag gefeiert. War das etwas Besonderes für dich und was sind deine Wünsche für das neue Jahr?

Bernd Wiesberger: Ich habe mit der Familie und Freunden angestoßen. Ich war mir nicht ganz sicher, aber der 30er hat nicht wehgetan, ich bin nicht mit Rückenschmerzen aufgewacht, es war relativ entspannt bis jetzt. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe und die Dinge, die ich sowohl auf als auch abseits des Golfplatzes gerne mache, weiter so ausüben kann.

LAOLA1: Ist 30 das perfekte Golfalter? Gibt es so etwas überhaupt?

Wiesberger: Man sieht, dass es sich in den letzten Jahren in beide Richtungen verschoben hat. Wir haben seit Tiger Woods die jüngste Nummer eins der Weltrangliste und es gibt auch Leute, die mit Ende 40, Anfang 50 noch vorne mitspielen können. Das macht es für uns und für die Zuschauer interessant. Statistisch gesehen sind die besten Jahre von 30 bis 40, aber davor und danach kann man auch mitspielen, das kommt auch auf die Lebensweise an.

LAOLA1: Wie sieht dein körperliches Training aus?

Wiesberger: Heuer habe ich gezielter in diese Richtung trainiert, das ist für die Zukunft sicher wichtig. Eine gezielte Vorbereitung war dieses Jahr wichtig, da ich sieben Mal über den Atlantik geflogen bin. Ein fitter Körper arbeitet einfach besser. Ich mache viel mit Balance, Medizinbällen, usw.  Ich bin glücklicherweise frei von Verletzungen geblieben, aber man muss auch auf seinen Körper schauen.

LAOLA1: Hast du im technischen Bereich irgendetwas verändert?

Wiesberger: Nein, ich bin nur konstanter geworden. In den einzelnen Bereichen bin ich minimal besser. Ich treffe zwar weniger Grüns, aber wenn ich bei den Turnieren vorne dabei bin, dann nehme ich auch meistens Top-Ergebnisse mit.

LAOLA1: Wo siehst du in deinem Spiel noch Verbesserungspotential?

Wiesberger: Vom langen Spiel war ich immer einer der besten, unter 100 Meter und am Grün findet man immer Schläge, und das ist ein Bereich, wo ich weiter arbeiten muss. Meine Konstanz bei den größeren Turnieren will ich verbessern. Für mein Training für das kurze Spiel hilft auch das Artificial Grün, das hier in Bad Tatzmannsdorf für mich gebaut wurde.

LAOLA1: Wäre eine Winter-Trainingsbase in den USA denkbar?

Wiesberger: Es war nie wirklich ein Thema, meine Saison dauert sehr lange und die kurze Übergangszeit ist eine regenerative Pause. Eine Trainingsbase würde da nicht den großen Benefit bringen, da fliege ich liebe ein paar Tage nach Mallorca oder fahre nach Lignano. Anfang nächster Saison werde ich einige Tage früher in die Emirate fliegen.

LAOLA1: Ist die PGA-Tour dein langfristiges Ziel?

Wiesberger: Das habe ich so nie gesagt. Aufgrund meiner Weltranglisten-Position kann ich nächstes Jahr besser planen, rund um die WGC- und Major-Turniere werde ich versuchen, Turnierblöcke zu bilden, um die Reisen zwischen Europa und USA zu minimieren. Hinblickend auf eine US-Tourkarte muss ich meine Performance in den USA abwarten. In Europa habe ich meine Tourkarte durch den Sieg in Paris bis 2018 sicher.

LAOLA1: Welchen Stellenwert hat der Sieg bei den Open de France 2015 für dich?

Wiesberger: Er hat einen großen Stellenwert. Die Tradition hinter dem Turnier - es ist das älteste in Kontinental-Europa-, aber auch das starke Starterfeld und der schwierige Golfplatz in Paris war etwas Besonderes. Auch auf die Art und Weise, wie ich das Turnier nach Hause gespielt habe, macht mich sehr stolz.

LAOLA1: Ist dir bei so einem Sieg die Trophäe oder das Geld wichtiger?

Wiesberger: Die Trophäe ist mir viel wichtiger, Geld bringt mir Punkte für meine Ranglisten.

LAOLA1: Auf welches Ranking schaust du eigentlich am meisten? Weltrangliste, Race to Dubai oder Ryder-Cup-Wertung?

Wiesberger: Ich bin mir bewusst, wo ich stehe, aber sie springen nicht gleich auf, wenn ich mein Tablet aufmache. Am Montag schaue ich meistens, wie sich die Weltrangliste verändert hat, aber es ist nicht dauernd im Hinterkopf. Da spiele ich lieber gutes Golf.

LAOLA1: Der vergebene leichte Putt am Schlussloch bei der Alfred Dunhill Links Championship oder der komplett verpatzte zweite Tag in Bad Griesbach, wo du nach Führung nach Tag eins noch am Cut gescheitert bist, wie gehst du damit um und wie bringst du so etwas aus dem Kopf?

Wiesberger: In Schottland bin ich als 21. in den Finaltag gegangen und noch in die Top-5 gekommen, aber es war nicht das optimale Ende für das Turnier. Wenn ich am Anfang der Woche für einen vierten Platz unterschreiben hätte können, hätte ich es gemacht. Ich habe gut für die Weltrangliste und die Ryder-Cup-Qualifikation angeschrieben und versuche den verpassten Putt als Motivation mitzunehmen. Bad Griesbach war ein verdrehtes Atzenbrugg. Am ersten Tag hat sich die sieben unter auch schlecht angefühlt, am zweiten Tag ist die Maschine nicht zum Laufen gekommen, aber zum Glück waren es heuer nur zwei so verpatzte Tage. Das ist der Sport, den ich spiele, und da will ich auch nicht zu viel hineininterpretieren. Wir fangen zum Glück jede Woche bei Null an. Es hilft, Momente der Ablenkung zu haben, und prinzipiell macht Golf immer Spaß.

LAOLA1: Ist ein Mentalcoach für dich ein Thema?

Wiesberger: Nein, zurzeit fühle ich mich wohl, wie ich Golf spiele. Ich glaube, ich mache viele Dinge richtig und habe in der jetzigen Situation nicht das Bedürfnis, einen Mentalcoach zum Teil meines Teams zu machen, so ein Schritt wird lange überlegt. Vielleicht kommt es einmal dazu, aber derzeit ist es kein Thema.

LAOLA1: Wie lautet deine Zielsetzung für die Final Series der European Tour?

Wiesberger: Aufgrund der Gewichtung der Turniere kann sich noch einiges verändern. Es ist wichtig, vorne mitzuspielen. Meine Zielsetzung ist, dass ich in den Top-10 in der Gesamtwertung bleibe, wenn ich eine gute Finalserie spiele, kann ich sogar unter die besten fünf kommen. Das wäre ein großartiger Saisonabschluss.

LAOLA1: Wenn du deine Leistungen Revue passieren lässt, wie schätzt du deine Chancen auf die Auszeichnung „Sportler des Jahres“ ein?

Wiesberger: In einem großartigen Sportland wie Österreich bin ich geehrt, dass ich nominiert bin. Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich die Auszeichnung bekommen würde, aber mit Marcel Hirscher gibt es einen Top-Favoriten. Für alle Sportler ist es eine Ehre bei so etwas vorgeschlagen zu werden. Ich werde mein Bestes geben, weitere Erfolge anzuhängen, dass die Wahl schwieriger fällt, aber für mich ist es eine Auszeichnung, dass ich unter den besten fünf bin.

LAOLA1: Ab nächstem Jahr ist Golf wieder olympisch. Hast du die Chance vor den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro den Golfplatz zu spielen?

Wiesberger: Aufgrund meines jetzigen Terminkalenders wird es für mich nicht möglich sein, dass ich dort ein Trainingslager mache und den Platz kennen lerne. Die Vorbereitung wird wie vor einem Major-Turnier sein. Jede weltweite Tour muss ihren Turnierkalender daran anpassen, leider hat es nicht funktioniert, dass man an einem Strang zieht. Ich glaube aber, dass es der European Tour gelungen ist, einen ausgewogenen Kalender für nächstes Jahr zusammenzustellen. 2016 wird ein langes, anstrengendes, aber sicher auch ein spannendes Jahr.

Die Präsentaiton der österreichischen Ryder-Cup-Bewerbung ist sehr gut.

Bernd Wiesberger

LAOLA1: Was sagt du zu Martin Kaymers Aussage, dass Deutschland klarer Favorit für den Ryder Cup 2022 ist?

Wiesberger: Ich glaube, dass seine Aussage als Commitment zur deutschen Bewerbung zu verstehen ist. Martin weiß sicher nicht mehr als alle anderen Spieler. Die Entscheidung fällt im Dezember. Ist Deutschland der Favorit? Vielleicht. Haben sie die beste Bewerbung? Ich finde nicht. Ich glaube nicht, dass Insiderinformationen aus dem Entscheidungsprozess nach außen dringen.

LAOLA1: Was sind die Stärken der österreichischen Bewerbung?

Wiesberger: Die Präsentation der österreichischen Bewerbung ist sehr gut. Am Anfang waren auch einige kritische Stimmen zu hören, aber die Unterstützung in der golfenden Bevölkerung wurde immer größer. Die zentrale Lage innerhalb Europas mit den angrenzenden Golfmärkten Richtung Osten, die noch zu erobern wären, ist ein Vorteil. Mit der Weltstadt Wien, dem Weltklasse-Austragungsort in Fontana, der großartigen Gastfreundschaft und dem Know-How vom European-Tour-Event in den vergangenen Jahren kann der Ryder Cup sicher auch gestemmt werden. Das Commitment der Politik ist auch wichtig für das Projekt, das auf viele Jahre gesehen werden muss.

LAOLA1: Wie siehst du in Hinblick auf den Ryder Cup die Kontroverse mit Paul Casey und Rory McIlroy, die ihre European-Tour-Mitgliedschaft zurückgelegt haben bzw. damit drohen? Das würde bedeuten, dass sie beim Ryder Cup nicht mehr teilnahmeberechtigt wären.

Wiesberger: Casey hat eine junge Familie und lebt in Arizona, ich weiß nicht, was ihn dazu bringt, seine ET-Mitgliedschaft zurückzulegen. Ich verstehe, dass er sich aufgrund der Reisestrapazen für eine Seite entscheidet. Bei McIlroy wäre es schmerzhafter aufgrund seiner Wichtigkeit für den Sport, aber im Endeffekt ist es eine Entscheidung, die ein Sportler trifft. Man muss schauen, wie sich das Thema entwickelt auch in Hinblick auf den nächstjährigen Ryder Cup. In erster Linie sind wir Einzelsportler. Der Ryder Cup hat viel Tradition und ich glaube nicht, dass er als Druckmittel genutzt werden sollte. Jeder Spieler muss selber entscheiden, was für die Karriere wichtig ist. Würde es der European Tour schaden, wenn McIlroy nicht dabei ist? Mit Sicherheit, aber man darf auch nicht so naiv sein und die Tour nur auf einen Spieler aufbaut. Es ist vielleicht ein Weckruf für die Tour, die Spieler besser als Produkt zu präsentieren wie das in den USA passiert und die Tour breiter zu fächern, als nur ein oder zwei Namen.

LAOLA1: Wie ist dein Verhältnis mit dem europäischen Ryder-Cup-Kapitän Darren Clarke?

Wiesberger: Er hat mich in Carnoustie, wo wir zwei Runden gemeinsam gespielt haben, gefragt, ob ich für ihn im Eurasia Cup (Anm.: Vergleichswettkampf zwischen Europa und Asien) im Jänner spielen würde. Ich habe ihm gesagt, dass ich gerne für sein Team spielen würde. Ich glaube, dass das Team zu einem großen Teil aus Spieler bestehen wird, die noch nicht bei einem Ryder Cup dabei waren und Erfahrung sammeln können, das ist auch im Interesse von Darren, dass er potentielle Rookies für den Ryder Cup scoutet. Er ist sehr umgänglich mit den jüngeren Spielern und schaut sich an, wie man sich auf dem Golfplatz verhält. Er ist sehr fokussiert am Golfplatz, aber auch einer mit dem man nach dem Turnier auf ein Bier gehen kann.

LAOLA1: Wie erklärst du dir das Loch hinter dir im österreichischen Profigolf?

Wiesberger: Ich spiele recht oft mit den Jungs, die Challenge Tour oder Alps Tour spielen, und die schlagen mich auch. Die können alle golfen und sind gewillt die Zeit zu investieren, um dort hinzukommen, wo ich glücklicherweise im Moment bin. Ich bin mir sicher, dass es nicht so bleiben wird. Es kann auch schnell gehen, und man hat wieder drei oder vier Leute auf der Tour. Derzeit sind einige Zwischenjahre auf höchster Ebene, wo ich alleine spiele, aber ich bin sicher, dass es nicht lange so bleiben wird. Für einige Top-Amateure wird auch die Zeit kommen.

LAOLA1: Glaubst du, dass dein Engagement im Nachwuchsbereich die in den letzten Jahren rückläufigen Zahlen der Jugendgolfer etwas verbessern kann?

Wiesberger: Ich glaube nicht, dass ich der Messias bin, der das umdrehen kann, aber jede Sportart, die keine Hauptsportart ist, braucht ein Aushängeschild. Thomas Muster war es im Tennis oder Markus Rogan im Schwimmen. Ein gewisser Stein kommt schon ins Rollen. Mit Sicherheit hat die sportliche Komponente einen Einfluss darauf, wie sich solche Zahlen entwickeln können. Ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann. Die Schirmherrschaft der Austrian Juniors Golf Tour übernehme ich sehr gerne und es freut mich, dass diese Serie immer mehr Anklang findet. Ich glaube, dass es viel Potential in Österreich gibt und dem muss man auch eine Plattform bieten.

LAOLA1: Was ist deine Meinung zu dem dominierenden Thema der letzten Wochen, der Flüchtlingsthematik?            

Wiesberger: Ich versuche mich mit politischen Statements eher im Hintergrund zu halten, weil es nicht mein Aufgabenbereich ist. Die Leistungsbereitschaft und die Anteilnahme, die es in Österreich gibt, um den Familien zu helfen, sind beeindruckend. Man sieht auch den Zusammenhalt in Österreich, um Menschen in Not zu helfen. Das macht mich stolz.

 

Das Gespräch führten Peter Rietzler und Philipp Seelmann

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