NBA Draft: Zeit für Kuriositäten und Reinfälle

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Der Draftabend beeinflusst die sportliche Zukunft eines NBA-Teams wahrscheinlich mehr als jedes andere singuläre Ereignis. In jüngerer Vergangenheit hat beispielsweise das Auswählen von Tim Duncan oder LeBron James die Erfolge von Spurs und Cavaliers erst möglich gemacht.

Doch nicht immer sind Draftabende Erfolgsgeschichten. Vorauszusagen, wer in ein paar Jahren der beste Spieler sein wird, hat sich für zahlreiche Klubs im Nachhinein als unlösbare Aufgabe herausgestellt. Was freilich jahrelanges Hadern und noch länger andauernde Häme mit sich brachte.

LAOLA1 gräbt einige kuriose Geschichten aus der Draft-Geschichte aus und stellt die schlechtesten Entscheidungen bzw. die größten "Steals" vor.

Barkleys Fressorgie

Charles Barkley ist bekannt dafür, dass er gerne isst. Auch vor dem Draft 1984 hatte er schon mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Rund einen Monat vor dem Draft gastierte er bei den Philadelphia 76ers.

Die Sixers waren von seinem Potenzial begeistert, weniger jedoch von seinen 132 Kilogramm bei einer Größe von 1,97 Metern. Wie Barkley freimütig erzählt, sagte Klubbesitzer Harold Katz zu ihm: "Wenn du bis zwei Tage vor dem Draft vier Kilo abgenommen hast, nehmen wir dich."

Barkley war motiviert, stellte seine Ernährung um, trainierte hart und hatte wenige Tage vor dem Draft die geforderte Marke bereits unterschritten.

Doch dann erklärte ihm sein Agent, dass Philly nur 75.000 Dollar unter dem Salary Cap übrig hätte, die es ihm zahlen könnte. Ein eigener Salary Cap für Rookies existierte damals noch nicht.

Der Youngster geriet in Panik, er wollte nicht um diese mickrige Summe spielen. Folgerichtig gab er sich in den nächsten 48 Stunden einer richtigen Fressorgie hin. Bei der Abwaage bei den 76ers brachte er es schließlich auf stolze 136,5 kg - also auf deutlich mehr als beim ersten Besuch.

Schock am Draft-Abend

Katz war stinksauer und beschimpfte Barkley, der glaubte, sein Ziel erreicht zu haben.

Am Draftabend kam der große Schock, NBA-Commissioner David Stern verkündete: "Mit dem fünften Pick im 1984er-NBA-Draft wählen die Philadelphia 76ers aus: ... Charles Barkley!"

"Ich war schockiert, konnte es nicht glauben und habe zu meinem Agenten gesagt: 'Großartig, jetzt bin ich fett UND pleite!'", so Barkley.

Es taten sich in der Folge Lösungen auf: Philly machte Platz unter dem Salary Cap frei, Barkley unterschrieb für 2 Mio. Dollar für vier Jahre. Er schlankte auf äußerst respektable 116 kg ab und schaffte es später elfmal in Folge in das All-Star-Team.

Auch gedraftet: Carl Lewis und zwei Frauen

In den Anfangszeiten des Drafts gab es deutlich mehr Runden als heutzutage. So kam auf den hinteren Positionen auch schon mal zu außergewöhnlichen Picks.

Wer weiß zum Beispiel, dass der neunfache Olympiasieger in der Leichtathletik Carl Lewis 1984 an 208. Stelle von den Chicago Bulls gedraftet wurde, obwohl er an der High School und am College nie Basketball gespielt hatte?

Lewis wurde auch im NFL Draft ausgewählt, kam aber freilich in beiden Ligen nie zum Einsatz. In einer Fan-Umfrage wurde Lewis zum zweitungewöhnlichsten Pick der NBA-Draft-Geschichte gewählt.

Platz eins ging übrigens an Lusia Harris, die 1997 von den New Orleans Jazz an 137. Stelle als einzige Frau offiziell gedraftet worden war. Die San Francisco Warriors hatten sich bereits 1969 für Denise Long entschieden, dieser Pick wurde jedoch von der Liga für ungültig erklärt.



"Stern-Stunde"

Für ein lustiges Highlight sorgte David Stern während des Drafts 2013. Wie in seiner Amtszeit üblich, wurde der Commissioner vom Publikum ausgebuht.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sagte er zu den Fans: "Wir mussten unseren ausländischen Freunden erklären, dass das Buhen ein amerikanisches Zeichen für Respekt ist."

So zog er sich tatsächlich Respekt zu, viele Leute applaudierten.

Francis kann Enttäuschung nicht verbergen

Tragikomische Szenen lieferte Steve Francis ab, als er 1999 an zweiter Stelle von den Vancouver Grizzlies ausgewählt wurde.

Zunächst konnte der Guard seine Enttäuschung verbergen und schüttelte Stern die Hand. Als es jedoch zum TV-Interview kam und er von Reporter Craig Sager gefragt wurde "Wie fühlt es sich an?", konnte Francis die Tränen kaum zurückhalten, lehnte sich zurück und starrte betroffen in Richtung Raumdecke.

Sager gab sofort zurück an den Moderator. Francis verkündete später öffentlich, dass er nicht für die Grizzlies spielen wolle, wurde noch vor der ersten Saison nach Houston gedradet und dort zum Rookie of the Year.

Glück und tragischer Todesfall

Für einen der größten Glücksfälle in der Draft-Geschichte sorgte im Jahr 2008 die Lottery: Obwohl sie nur eine 0,17-prozentige Chance hatten, bekamen die Chicago Bulls den Nummer-1-Pick zugelost. Derrick Rose wurde damit ausgewählt und später zum MVP.

Die wohl traurigste Geschichte des Drafts trug sich 1986 zu: Die Boston Celtics wählten Len Bias an zweiter Position. Nur zwei Tage später verstarb der junge Mann an übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum auf einer Party, die er zur Feier des Drafts gab.

Die größten Flops

Darko Milicic
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Kommen wir nun zu den größten Reinfällen in der Draft-Geschichte.

In aller Munde bleibt bis heute eine weitere Episode aus dem Jahr 1984: Dass die Houston Rockets sich an erster Stelle für Hakeem Olajuwon entschieden, wird allerorts verstanden. Dass aber Sam Bowie von den Portland Trail Blazers an zweiter Position noch vor Michael Jordan genommen wurde, gilt bis heute als eine der größten Fehlentscheidungen.

Bowie legte eine ordentliche NBA-Karriere hin und erzielte über elf Saisonen durchschnittlich 10,9 Punkte pro Partie. Gegen die Erfolge von "MJ" haben diese Zahlen naturgemäß einen schweren Stand.

Weitere Draft-Enttäuschungen:

1951 - Baltimore Bullets: Gene Melchiorre. Melchiorre ist der einzige Nummer-1-Pick, der kein einziges Spiel in der Liga absolvierte. Er bekannte sich der Spielmanipulation an der Bradley University schuldig und wurde von der Liga auf Lebenszeit gesperrt.

1972 - Portland Trail Blazers: LaRue Martin, Nummer 1. Der Center brachte es in vier NBA-Jahren nur auf 5,3 Punkte und 4,3 Rebounds. Ein Jahr vor dem Titelgewinn der Trail Blazers 1978 beendete er seine Karriere. Die nach ihm gezogenen Bob McAdoo und Julius Erving hingegen entwickelten sich zu nationalen Stars und sind heute in der Basketball-"Hall of Fame".

1986 - Golden State Warriors: Chris Washburn, Nummer 3. Der Center spielte nur zwei Saisonen in der NBA, schaffte gerade einmal magere 3,1 Punkte und 2,4 Rebounds, ehe er wegen Drogen-Vergehen 1989 auf Lebenszeit gesperrt wurde. Nach seiner Basketball-Karriere, die ihn auch nach Argentinien, Kolumbien oder in die Schweiz führte, war er zeitweise obdachlos, versuchte sich als Fast-Food-Unternehmer und wurde verhaftet. Nach ihm wurde 1986 etwa Dennis Rodman gedraftet.

1993 - Philadelphia 76ers: Shawn Bradley, Nummer 2. Der praktizierende Mormone wurde als kommender Star und einer der dominantesten NBA-Center gehandelt. Der 2,29-Meter-Riese spielte 14 Jahre in der NBA und ergatterte neben Michael Jordan und Bugs Bunny sogar eine Nebenrolle in "Space Jam" (1996), konnte dieses Versprechen aber nie erfüllen. Die 76ers verzichteten für ihn neben anderen auf Penny Hardaway oder Allan Houston.

2001 - Washington Wizards: Kwame Brown, Nummer 1: Der erste High-School-Spieler, der an erster Stelle gedraftet wurde, konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nie erfüllen. Nach vier Jahren wurde er zu den Lakers getradet, wo er noch mehr enttäuschte. Tyson Chandler, Pau Gasol, Joe Johnson und Tony Parker sind nur einige Spieler dieses Draft-Jahrgangs, die weit erfolgreichere Karrieren folgen ließen.

2003 - Detroit Pistons: Darko Milicic, Nummer 2. Der Center bekam von den Detroit den Vorzug gegenüber Carmelo Anthony, Chris Bosh und Dwyane Wade. Der Serbe brachte es in seiner zwölfjährigen Karriere in den USA auf enttäuschende 6 Punkte und 4,2 Rebounds. 2013 beendete er seine Laufbahn, um sich als Kickboxer zu versuchen.

2007 - Portland Trail Blazers: Greg Oden, Nummer 1. Wieder bewies Portland ein unglückliches Händchen. Mit dem Einser-Pick entschied man sich für den Center und nicht den kleineren Forward Kevin Durant, der sich mittlerweile MVP, vierfacher Scoring-Champion und Olympiasieger (2012) nennen darf. Oden kam auch wegen zahlreicher Verletzungen nie auf die Beine und absolvierte nur 105 Partien in der NBA. Zuletzt spielte er in der chinesischen Liga bei den Jiangsu Dragons.

2013 - Cleveland Cavaliers: Anthony Bennett, Nummer 1. Obwohl der Jahrgang an sich relativ schwach war, hat Cleveland mit Bennett den Vogel abgeschossen. Der Kanadier kam in seinen drei bisherigen NBA-Saisonen für drei verschiedene Teams auf mickrige 4,2 Punkte pro Spiel und wurde von den Raptors sogar in die D-League abgeschoben. Der an zwölfter Stelle gedraftete Steven Adams (Thunder) beispielsweise konnte sich bei einem Spitzenteam als Starting Center etablieren.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Michael Olowokandi und Nikoloz Tskitishvili sind zwei weitere Namen aus den letzten Jahrzehnten, die herausstechen.

Die größten Steals

Draymond Green
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Michael Jordan war auch an dritter Stelle ein echter "Steal" für die Bulls. Doch auf deutlich schlechteren Positionen wurden Spieler gedraftet, die sich in der Folge zu Superstars entwickelten.

Die bei weitem nicht vollständige Liste:

1979, Cleveland Cavaliers: Bill Laimbeer, Nummer 65. Der vierfache All-Star ging als einer der toughesten Spieler in die NBA-Geschichte ein und führte Detroit zu zwei Meisterschaften.

1986, Portland Trail Blazers: Drazen Petrovic, Nummer 60. Für einen Europäer ist das Anführen des Kroaten ein Muss: Nach einem mühevollen Start bei den Blazers blühte der Ausnahmekönner bei den New Jersey Nets so richtig auf. In der letzten Saison vor seinem tragischen Tod erzielte der Guard 22,3 Punkte pro Spiel und wurde in das All-NBA Third Team berufen. Petrovic wurden im Draft zahlreiche No-Names vorgezogen. Eine Position vor ihm wurde der spätere Alba-Berlin-Star Wendell Alexis gepickt.

1996, Los Angeles Lakers: Kobe Bryant, Nummer 13. Eigentlich drafteten ja die Charlotte Hornets Bryant, er wurde jedoch gegen Vlade Divac getradet. Dass ein High-School-Junge nicht ganz oben auf der Liste steht, ist nachvollziehbar. Dass Spieler wie Lorenzen Wright, Kerry Kittles, Samaki Walker, Erick Dampier, Todd Fuller und Vitaly Potapenko gegenüber Kobe den Vorzug bekamen, macht trotzdem stutzig.

1996, Phoenix Suns: Steve Nash, Nummer 15. Der zweifache MVP und achtfache All-Star musste ebenfalls lange warten, bis sein Name aufgerufen wurde. Wer aller vor ihm ausgewählt wurde, kann man bei Kobe Bryant nachlesen.

1996, ungedraftet: Ben Wallace. Der Blue-Collar-Guy steht stellvertretend für einige ungedraftete Spieler wie Udonis Haslem, Brad Miller, Raja Bell, John Starks, Bruce Bowen oder Jose Calderon, die beeindruckende Karrieren in der NBA hinlegten. Wallace gewann mit den Pistons den NBA-Titel, war viermal Defensive Player of the Year, stand dreimal im All-NBA Second Team und zweimal im All-NBA Third Team.

1999, San Antonio Spurs: Manu Ginobili, Nummer 57. In einer Zeit, in der die internationalen Spieler noch nicht den allergrößten Stellenwert hatten, fiel der Argentinier - heute unvorstellbar - bis ans Ende der zweiten Runde. Mit den Spurs gewann der Shooting Guard in 14 Jahren viermal die Meisterschaft, zweimal wurde er in das All-NBA Third Team gewählt. Vor ihm gewählt wurden "Größen" wie Aleksandar Radojevic, Frederic Weis, Tim James, Evan Eschmeyer und A.J. Bramlett. Wer? Eben!

2001, San Antonio Spurs: Tony Parker, Nummer 28. Nicht ganz so weit hinten wie sein Teamkollege Ginobili, aber doch in im Nachhinein überraschenden Niederungen wurde der Franzose gepickt. Vier NBA-Titel, einmal Finals-MVP, dreimal All-NBA Second Team und einmal All-NBA Third Team sind Errungenschaften, die die vor ihm genommenen Joseph Forte oder Raul Lopez nicht ganz für sich beanspruchen können.

2009, Golden State Warriors: Stephen Curry, Nummer 7. Die Warriors waren keine besonders großen Hellseher, als sie mit dem siebenten Pick Steph Curry auswählten, auch wenn nicht zu erwarten war, dass der Guard zumindest zweimal MVP werden und sein Team zur besten Regular Season aller Zeiten führen würde. Die viel größere "Leistung" vollbrachten die Memphis Grizzlies, die an zweiter Stelle Hasheem Thabeet, und die Minnesota Timberwolves, die an sechster Stelle Jonny Flynn drafteten. Beide konnten sich nicht durchsetzen und sind nicht mehr in der Liga ...

2012, Golden State Warriors: Draymond Green, Nummer 35. Das jüngste Beispiel eines Draft-Steals lässt es der Öffentlichkeit gerne wissen, was es davon hält, erst an 35. Stelle gepickt worden zu sein. In einem Video-Interview konnte Green auch vier Jahre nach dem Draft noch alle 34 vor ihm gewählten Spieler in der richtigen Reihenfolge aufzählen. Spieler wie Royce White oder Arnett Moultrie kennen auch Experten kaum, Green hingegen ist der vielleicht wichtigste Spieler der Warriors, NBA Champion und steht im All-NBA Second Team.

Weitere Superstars, die weit tiefer gedraftet wurden, als ihren späteren Leistungen entsprechen würde: Hal Greer (13), Larry Bird (6), Dennis Rodman (27), George Gervin (40), Alex English (23), Karl Malone (13), John Stockton (16).

 

Hubert Schmidt bzw. APA

 

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