Wolff: "F1 hat nichts an Attraktivität verloren"

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Mercedes-Motorsportdirektor Toto Wolff wehrt sich vor Beginn der neuen Saison gegen die anhaltende Kritik an der Formel 1.

"Alles zusammen ist die Formel 1 weiter sehr populär und hat nichts an Attraktivität verloren. Auch wenn wir uns alle die ganze Zeit schlecht schreiben", sagt der Wiener. 

"Mir kommt vor, als hätten wir ein kollektives Trübsalblasen. Das ist nicht sinnvoll. Wenn wir den Sport weiter so schlechtreden, glaubt es am Ende auch tatsächlich einer. Der Sport ist immer noch stark."

Warum der eingeschlagene Weg der Formel 1 der richtige ist, was er vom neuen Quali-Format hält und was er von Lewis Hamilton und Nico Rosberg 2016 erwartet, erklärt Wolff vor dem Saison-Auftakt in Melbourne im APA-Interview:

 

Frage: Etwas Aktuelles vorweg. Warum hat man ausgerechnet dem Qualifying ein K.o.-Format aufgesetzt? Das funktionierte ja an sich ganz gut.

Wolff: "Das kam von einigen Rennstreckenpromotoren. Ziel ist, den Samstag mit einem Shootout-Format spannender zu machen. Einschließlich der Möglichkeit, dass ein Favorit auf dem falschen Fuß ertappt wird und rausfliegt. Es bleibt abzuwarten, was wirklich passiert."

Frage: Ihre persönliche Einschätzung dazu?

Wolff: "Ich finde es nicht gescheit. Weil es sein könnte, dass vor allem im letzten Qualifikations-Abschnitt weniger Autos auf der Strecke sind als wir es bis dato hatten."

Frage: Warum?

Wolff: "Weil jeder gezwungen ist, am Anfang auf die Strecke zu gehen und eine schnelle Zeit zu posten. Die Konsequenz könnte sein, dass in den letzten drei, vier Minuten keine Autos mehr auf der Strecke sind, weil du keine Reifen mehr hast."

Frage: Ist das neue Format gescheit oder wird Ihrer Meinung nach damit eher künstliche Spannung erzeugt?

Wolff: "Man muss es probieren. Wenn es nichts bringt, wird man es auch wieder verändern. Es hat jedenfalls keinen Sinn, sich zu beklagen, es trifft alle gleich."

"Auf gut wienerisch würde man sagen, einer hat immer das Bummerl. Man versucht eben, für alles immer einen Schuldigen zu finden."

Frage: Die 2016er-WM beginnt Sonntag in Australien. Die Formel 1 hat offenbar Zuschauer und Attraktivität verloren. Schuld an allem soll Mercedes mit seiner Dominanz gewesen sein. Was sagen Sie dazu?

Wolff: "Auf gut wienerisch würde man sagen, einer hat immer das Bummerl (lacht). Man versucht eben, für alles immer einen Schuldigen zu finden. Wenn du als Team zwei Jahre in Folge gewinnst, bringt das Kritiker mit sich. Klar, die Leute wollen einen Underdog siegen sehen oder verschiedene Sieger. Solange Kritik konstruktiv ist und es darum geht, wie man Rennen spannender macht, ist das okay."

Frage: Aber was läuft falsch? Mercedes hat die 2014 begonnene Richtung der besseren Motoreneffizienz richtig gut eingeschlagen. Trotzdem die Kritik. Warum?

Wolff: "Die Formel 1 ist eine Weltmeisterschaft des besten Fahrers, Chassis' und Motors. Diese Kombination gilt es, optimal aufzusetzen. Das ist uns in den letzten Jahren gelungen. Davor war es Red Bull, davor Ferrari. Reglementänderungen haben immer das Gleichgewicht in der Formel 1 verändert. Ich will mich nicht beschweren, wir sitzen alle im gleichen Boot."

Frage: Ist Ihrer Meinung nach also die eingeschlagene Richtung weiterhin richtig?

Wolff: "Die thermische Effizienz der Motoren ist mittlerweile bei fast 50 Prozent. Wir können unsere Augen nicht vor den Entwicklungen auf der Straße verschließen. Extrem viele Entwicklungen, die im Serienauto geendet haben, sind aus der Formel 1 gekommen. Sich jetzt einen Dinosaurier-Motor zu wünschen, passt einfach nicht zum Zeitgeist. Das jetzt sind die stärksten Motoren, die die Formel 1 je hatte und gleichzeitig die effizientesten. Weil sie nicht mehr als 100 Kilo Sprit verbrauchen im Vergleich zu fast 200 Kilo vor zehn Jahren."

Frage: Also wäre eine Art "Zurück-Entwicklung" nicht sehr sinnvoll, oder?

Wolff: "Selbst wenn man versuchen würde, den stärksten Motor reinzuschrauben, hätte der immer noch einen großen Hybridanteil, weil das wesentlich effizienter ist. Sich die Technologie von vor zehn Jahren zurückzuwünschen, funktioniert in der Realität nicht."

So sehen die F1-Boliden in der Saison 2016 aus:

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Renault RS16

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Die Franzosen präsentieren kurz vor Saisonbeginn eine neue, gelb-goldene Lackierung:

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Ferrari SF16-H Bild 39 von 61
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Red Bull Racing - das neue Design am Auto von 2015 Bild 43 von 61
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McLaren MP4-31 Bild 48 von 61
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Sauber C35

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Frage: Motorsport ist prinzipiell sehr komplex. Auch die Autos. Und dann stülpt man dem Ganzen auch noch undurchschaubare Regeln über. Kann das ein Grund für verlorenes Publikum sein?

Wolff: "Das hat sicher Optimierungsbedarf. Aber die Gründe dafür, dass über manche Kanäle die Reichweiten zurückgehen, hat per se nichts mit dem Reglement zu tun, sondern damit, dass sich das Nutzerverhalten verändert. Das spüren Printmedien und Fernsehsender. Unsere Zahlen in den sozialen Medien und im Internet gehen durch die Decke. Alles zusammen ist die Formel 1 weiter sehr populär und hat nichts an Attraktivität verloren. Auch wenn wir uns alle die ganze Zeit schlecht schreiben."

Frage: Warum glauben Sie, passiert das?

Wolff: "Mir kommt vor, als hätten wir ein kollektives Trübsalblasen. Das ist nicht sinnvoll. Wenn wir den Sport weiter so schlechtreden, glaubt es am Ende auch tatsächlich einer. Der Sport ist immer noch stark und eine der stärksten globalen Sportplattformen."

Frage: Wer liegt dann falsch?

Wolff: "Die Reichweiten und Zuschauerzahlen gehen nicht zurück, sondern die sogenannte Audience, die Kanäle verändern sich. Die Formel 1 muss wie die Printmedien oder das Fernsehen ein Modell finden, wie sie diesen Übergang in die digitale Welt monetarisieren kann."

"Bernie Ecclestone ist immer für kontroversielle Aussagen gut. Die Taktik verstehe ich nicht. Ich habe keine tiefenpsychologische Ausbildung. Die ist wahrscheinlich notwendig, um das zu verstehen."

Frage: Selbst der 85-jährige F1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone hat sein eigenes Produkt zuletzt schlecht geredet. Verstehen Sie das?

Wolff: "Bernie Ecclestone ist immer für kontroversielle Aussagen gut. Die Taktik verstehe ich nicht. Am Ende hören einige Leute zu, und ein paar könnten das dann auch glauben, was er sagt. Ich habe keine tiefenpsychologische Ausbildung. Die ist wahrscheinlich notwendig, um das zu verstehen."

Frage: Es gibt den Vorbehalt, die Formel 1 sei wegen ihrer profitorientierten Eigentümerschaft ein reines Geld-Business geworden. Ihre Meinung dazu lautet wie?

Wolff: "Wir haben große Verantwortung für viele Mitarbeiter und eine große Marke. Dadurch braucht es Strukturen. Wir müssen aber aufpassen, dass diese Struktur dem Fahrer und dem Mythos des Sports nicht so viel an Strahlkraft nimmt. In der Formel 1 geht es um Fahrer, um polarisierende Helden. Man sollte also nicht immer alles in Stromlinienform bringen, sondern manchmal besser die Dinge authentisch belassen."

Frage: Abschließend zu den Mercedes-Fahrern Lewis Hamilton und Nico Rosberg. 2015 gab es viele Scharmützel. Was dürfen die beiden 2016?

Wolff: "Wir haben unsere Piloten immer gegeneinander fahren lassen. Nun werden wegen der wegfallenden Funkinformation sogar wieder mehr Entscheidungen bei den Fahrern liegen. Das ist gut und macht uns das Leben leichter, weil sich die beiden Jungs das nun noch mehr auf der Strecke ausfighten müssen."

Frage: Die Kampf-Grenze ist weiterhin ein Schaden gegen das eigene Team, richtig?

Wolff: "Wir geben ihnen die Freiräume, die sie benötigen. Sie wissen aber, dass ein guter Spirit im Team wichtig ist und ein großer Aufwand dahinter steckt, dass wir ihnen diese zwei Autos zur Verfügung stellen. Das respektieren sie."

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