Beckenbauer: "War völlig andere Zeit"

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Rund um den Zuschlag für die Fußball-WM 2006 weist Franz Beckenbauer weiter alle Vorwürfe zurück.

"Das offizielle Bewerbungspapier für die WM, das Bid-Buch an die FIFA, umfasste 1.212 Seiten. Ich kann Ihnen sagen: Ich habe keine einzige davon gelesen. Ich habe das nur getragen, das war schwer genug", so der "Kaiser" im "Sky"-Interview über die WM-Bewerbung.

"Heute gibt es andere Maßstäbe", beruft sich Beckenbauer auf "eine völlig andere Zeit". "Es gab damals noch keine Ethikkommission."

"Wenn da schwarze Kassen oder Bestechungsversuche gewesen wären, hätte ich das mitbekommen", sagte Beckenbauer in einem Interview des Pay-TV-Senders Sky, das am Montagabend ausgestrahlt wurde.

"Ich habe ein reines Gewissen", versicherte der langjährige Präsident des FC Bayern, der als Schlüsselfigur in der Affäre gilt. Vor wenigen Tagen hatte er sich bereits in der "Süddeutschen Zeitung" ähnlich geäußert.

Naivität oder Berechnung?

Im Juli 2000 soll Beckenbauer in seiner Funktion als Chef des Bewerbungs-Komitees dem damaligen und mittlerweile lebenslang gesperrten FIFA-Funktionär Jack Warner Ticket-Kontingente für WM-Spiele und Entwicklungshilfe für dessen Verband von Trinidad und Tobago zugesagt haben.

Kurz darauf hatte Deutschland vom Fußball-Weltverband mit 12:11 Stimmen den Zuschlag für die WM 2006 erhalten - Beckenbauer bestreitet aber einen Zusammenhang.

An Details könne er sich nicht mehr erinnern, sagte Beckenbauer und verteidigte sich gegen die Vorwürfe: "Ich weiß nicht, ob das mit Naivität zu tun hat. Ich habe Hunderte Papiere, Verträge unterschrieben, ohne dass ich eine Zeile gelesen habe." Beckenbauer betonte: "Wenn ich jemandem vertraue, dann kriegt der alles von mir."

Kommt noch mehr?

In der Bewerbungsphase habe er alles Mögliche unterschrieben. Ob weitere fragwürdige Verträge darunter waren, wollte er selbst nicht ausschließen. "Es kann sein, dass noch irgendein Zauberer was herauszaubert aus einem Papierkorb oder aus einem Safe oder aus einem Aktenschrank, ich weiß es nicht. Aber ich glaube, langsam reicht's."

Erstmals seit der Veröffentlichung des von ihm unterzeichneten brisanten WM-Vertrages wird Beckenbauer am Dienstag wieder als Experte bei Sky im Fernsehen auftreten. Wie der Sender bestätigte, soll der "Kaiser" dann bei der Partie des FC Bayern München gegen Olympiakos Piräus zum Einsatz kommen.

Vor dem abendlichen Einsatz am Dienstag wird Beckenbauer zum zweiten Mal von der Anwaltskanzlei Freshfields zur Affäre um die Fußball-WM 2006 befragt. Der Deutsche Fußball-Bund hat die Kanzlei beauftragt, in der WM-Affäre zu ermitteln. 

Keine Aufklärung

Die 6,7 Millionen stehen im Zentrum der gesamten Affäre. Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus überwies sie im Auftrag der deutschen WM-Macher an die FIFA - und erhielt sie 2005 bewusst falsch deklariert vom Organisationskomitee zurück.

Dass das Geld nur der Sicherung des Finanzzuschusses galt, ist die Version von Beckenbauer und dem zurückgetretenen DFB-Chef Wolfgang Niersbach. "Spiegel"-Recherchen ließen gleich zu Beginn der WM-Affäre darauf schließen, dass damit womöglich vier Stimmen aus Asien für den WM-Zuschlag gekauft wurden.

Eine weitere Theorie ist, dass mit den 6,7 Millionen Euro eine schwarze Kasse beim Weltverband (FIFA) gefüllt wurde. "Ich habe sie nicht überwiesen. Ich weiß nicht, an wen sie geflossen sind", sagte Beckenbauer. "Aber ich gehe mal davon aus, dass sie an die Finanzkommission der FIFA geflossen sind, weil es ja eine Forderung der Finanzkommission war. Eine schwarze Kasse der FIFA - das weiß ich nicht, aber das kann ich mir nicht vorstellen."

"Das war nicht so"

Nach den Interviews von "SZ" und "Sky" ergibt sich das Bild eines WM-OK-Chefs, der nicht mehr genau weiß oder wissen will, was er damals alles unterschrieben hat. Der aber nach eigenen Angaben bereit war, alles dafür zu tun, um diese WM nach Deutschland zu holen. Und der sich dafür auch wie selbstverständlich mit einem offensichtlich korrupten System des Gebens und Nehmens eingelassen hat, das rund um die Vergabe von Weltmeisterschaften existiert.

Wenn Beckenbauer nun noch einmal vor den Freshfields-Ermittlern aussagt, dann geht es im Kern um den von ihm unterschriebenen Vertragsentwurf mit dem inzwischen lebenslang gesperrten FIFA-Funktionär Jack Warner. Dieser Vertrag ist in den Archiven des DFB aufgetaucht und auf den 2. Juli 2000 datiert - genau vier Tage vor der Entscheidung über die Vergabe der WM 2006.

"Es gibt kein Papier Jack Warner/Beckenbauer. Sondern es gibt eine Vereinbarung zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem Verband CONCACAF für die Karibik, Mittelamerika und Nordamerika", sagte Beckenbauer. Das einzige, was ihn daran störe, sei das Datum. "Da könnte man den Verdacht einer Bestechung oder des Stimmenkaufs vielleicht annehmen. Aber das war nicht so. Jack Warner wurde zu unserem Freund - aber erst später. Damals hat er uns klipp und klar gesagt: Ihr kriegt meine Stimme nicht."

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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