Gökhan Inler: Kollers Musterschüler

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Für Gökhan Inler ist das Spiel gegen Österreich nicht irgendeine Partie.

Der langjährige Leader kämpft um seine Anerkennung. Die Jungen drängen nach. Bei seinem Klub hat der 31-Jährige keinen Stammplatz mehr. Das lässt kritische Stimmen laut werden.

Doch ein Kämpfer wie Inler gibt nicht klein bei. Er pocht auf seine Vormachtstellung im Schweizer Mittelfeld. Jahrelang spulte der Stratege dort seine Kilometer ab – präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Nun muss der Leicester-Profi seinen Kritikern beweisen, dass er es noch immer drauf hat. Und das ausgerechnet gegen jenen Trainer, der ihm die Rolle als Leithammel beigebracht hatte.

„Koller hat mir geholfen“

2011 wurde Inler nach dem Rücktritt von Alexander Frei der Kapitän der „Nati“. Seit jeher galt der Junge aus dem Kanton Solothurn als Antreiber am Spielfeld. Um aber seine Aufgaben als Führungsspieler noch besser wahrnehmen zu können, wandte er sich an einen Landsmann, der einst selbst jahrelang Kapitän gewesen war: Marcel Koller.

Spieleragent Dino Lamberti, der sowohl Inler als auch Koller zur Seite steht, stellte den Kontakt her. „Damals war ich noch jünger. Er hat mir geholfen, in eine Leaderrolle zu schlüpfen. Für mich war es in dieser Zeit wichtig, mit ihm darüber reden zu können“, erzählt Inler gegenüber LAOLA1.

Er hat mir geholfen, in eine Leaderrolle zu schlüpfen. Für mich war es in dieser Zeit wichtig, mit ihm darüber reden zu können.

Gökhan Inler

Der aktuelle ÖFB-Teamchef, der damals bereits zwei Jahre ohne Job war, half dem 83-fachen Internationalen auch spielerisch weiter. Gemeinsam analysierten sie die Spiele des damaligen Udinese-Profis. Koller kam zum Schluss, dass der zentrale Mittelfeldspieler sein Offensivpotenzial noch nicht voll ausschöpfe. Er müsse noch mutiger mit nach vorne gehen.

Die Individual-Betreuung durch Koller, für die der ehemalige Bochum-Coach kein Geld verlangte, machte sich bezahlt. Noch im Sommer 2011 wechselte Inler um 18 Millionen Euro von Udinese zu Napoli – bis heute Schweizer Rekordtransfer.

Battle of the Captains

Vier Jahre später kann Inler im direkten Duell zeigen, was ihm sein ehemaliger Mentor gelernt hat. „Er ist ein super Mensch. Ein ruhiger Typ, aber wenn es darauf ankommt, ist er da. Das habe ich von ihm gelernt. Man muss alles genau analysieren. Bei Österreich macht er einen tollen Job“, sagt der „Nati“-Kapitän, der das ÖFB-Team schon zwei Mal besiegte (3:1, 1:0), über Koller.

Im Vorfeld des Aufeinandertreffens sprachen die beiden nicht miteinander. „Wir haben hin und wieder immer noch Kontakt, aber wenn die Spiele so nah sind, hört man sich nicht oft. Nach der Partie werden wir sicher ein paar Worte wechseln.“

Dasselbe gilt wohl auch für Christian Fuchs. Gemeinsam mit seinem Leicester-Kollegen hat Inler über die sozialen Medien das „Battle of the Captains“ ausgerufen. Ihr Duell am Trainingsplatz (siehe Video) ging Unentschieden aus. Der Ausgang am Spielfeld ist ungewiss.

„Für uns beide ist es ein Riesenjob, Kapitän der Nationalmannschaft zu sein. Ich will gegen ihn gewinnen“, gibt sich Inler kämpferisch.

„Chapeau an Fuchs!“

Der Sohn türkischer Einwanderer, der sich einmal pro Woche die Haare rasiert („Das dauert 20 Minuten“), hat die Entwicklung des ÖFB-Teams mit Argusaugen verfolgt. „Österreich hat sich zuletzt gut entwickelt, sowie es uns Schweizern in den Jahren davor gelungen ist. Sie waren noch nie so stark wie jetzt“, sieht Inler Parallelen.

Er weiß auch, dass sein Freund Fuchs diesen langen Weg mitgegangen ist: „Chapeau an ihn! Er ist lange dabei, sogar schon vor meiner Zeit. Er ist immer Profi gewesen und hat diese Entwicklung mitgetragen.“

Ob die beiden eine Wette über den Ausgang des Spiels laufen haben, wollte Inler nicht verraten. Bei ihrem Verein hat momentan jedenfalls Fuchs die Nase vorne. Der ÖFB-Kapitän hat sich seit dem achten Spieltag unter Claudio Ranieri als Stammkraft etabliert. Sein Schweizer Kollege durfte in dieser Premier-League-Saison indes erst 118 Minuten ran.

Zweifel an Kapitänsrolle

„Wir spielen gut, sind erfolgreich. Da ist es schwierig, in die Mannschaft zu kommen. Dazu hatte ich Pech, dass die Ergebnisse mit mir am Feld nicht passten. Die Situation ist schwierig für mich. Meine Karriere ist bisher gut gelaufen, natürlich hatte ich Höhen und Tiefen, aber ich muss jetzt wieder Gas geben“, motiviert sich der Ergänzungsspieler des englischen Tabellendritten.

Die mangelnde Spielzeit, die ihm schon letzte Saison als Napoli-Profi vorgeworfen wurde, macht Inler im Nationalteam zu schaffen. Sein Status als Kapitän wird angezweifelt. Schweizer Medien sahen in einem langen Gespräch zwischen Teamchef Vladimir Petkovic und Valon Behrami ein Anzeichen, dass Inlers Ablöse zu Gunsten des Watford-Legionärs bevorsteht.

„Ich bin der Captain und werde es weiterhin bleiben“, dementiert Inler, doch zumindest seine Rolle als Mittelfeld-Chef ist angeknackst. Mit Granit Xhaka steht ein hungriger Thronfolger parat. Er beansprucht die Aufgabe als spielmachende Sechs offen für sich.

Bei Gladbach dirigiert der 23-Jährige aus dieser Position heraus das Spiel. Wegen dem gesetzten Inler muss er im Nationalteam aber zumeist als Achter agieren. Etwas, das dem selbstbewussten Regisseur überhaupt nicht schmeckt.

Inler oder Xhaka?

Teamchef Petkovic steht deswegen vor einem Dilemma: Vertraut er weiterhin auf die Routine Inlers oder setzt er schon jetzt auf den künftigen Chef Xhaka? Die nächsten Spiele vor der EM werden es entscheiden.

Für den Test gegen Österreich muss Xhaka verletzt passen. Für Inler die perfekte Chance, um zu beweisen, dass er längst noch nicht zum alten Eisen gehört.

Kollers Musterschüler steht unter Zugzwang.

 

Jakob Faber

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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