Yann Sommer und das Schweizer Torhüter-Wunder

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Die Schweiz erlebte in den letzten Jahren so etwas wie ein kleines Torhüter-Wunder.

Internationale Spitzengoalies wurden zum Exportschlager des kommenden ÖFB-Gegners. Gleich vier Eidgenossen dürfen sich als Stammkeeper von deutschen Bundesligisten bezeichnen.

Nicht minder wunderlich mutet an, dass ausgerechnet der Kleinste dieses Quartetts als Nummer 1 der Nationalmannschaft fungiert.

Yann Sommer misst nur 1,83 m. Hierzulande hätten ihm deswegen wohl viele das Potenzial für die Profi-Karriere abgesprochen. Doch der Gladbach-Schlussmann beweist, dass es nicht auf die Größe ankommt.

Ein guter Tormann muss nicht groß sein

„Die Einschätzung, dass ein Torhüter mindestens 1,90 m groß sein muss, halte ich für völlig falsch“, meint Sommer im Gespräch mit LAOLA1. „Mit 1,70 m kann es natürlich schwierig werden, aber es kommt immer auf den Stil an. Jeder Torhüter hat woanders seine Stärken. Man muss individuell schauen, wie groß das Potenzial ist.“

Zidane, Xavi und Mertesacker präsentieren den neuen Ball für die EURO 2016:

Der Gladbacher macht mit seiner Sprungkraft die Größennachteile weg. Auf den Beinen präsentiert er sich enorm flink, dazu besticht er mit Reaktionsschnelligkeit. „Wenn das Timing stimmt, wenn man schnell ist und eine gute Sprungkraft hat, dann weiß ich nicht, warum fünf Zentimeter mehr so viel ausmachen sollen.“

Dazu ist der 26-Jährige auch fußballerisch top ausgebildet, kann mit beiden Beinen präzise Pässe spielen. Ein Markenzeichen der Schweizer Torwartschule. „Es wird großer Wert darauf gelegt, die Torhüter schon früh speziell zu trainieren. Da wird sehr professionell gearbeitet“, lobt Sommer die Nachwuchsförderung. Die vier Stammkeeper in Deutschland, dem „Land der Torhüter“, geben ihm Recht.

Dortmund sicherte sich mit Roman Bürki erst im Sommer einen Schweizer Schlussmann. Marwin Hitz sticht bei Augsburg Alexander Manninger aus. Und Diego Benaglio, der aus der „Nati“ bereits zurückgetreten ist, gilt beim VfL Wolfsburg als Klub-Ikone. Dazu kommt Sommer, der auf eine mustergültige Karriere zurückblicken kann.

Vorfreude auf Dragovic

Mit 20 Jahren wurde er 2009 als Leihspieler Stammtorhüter beim Koller-Klub Grasshoppers. Zurück beim FC Basel etablierte sich das Nivea-Model, den „Blick“-Leser damals zum attraktivsten Spieler der Super League wählten, 2011 als Nummer 1. Nach vier Meistertiteln und zahlreichen herausragenden Auftritten im Europacup zog er 2014 weiter nach Gladbach. 

Wir haben tolle Jahre erlebt, als er in der Innenverteidigung vor mir gespielt hat. Ein toller Typ.

Über Aleksandar Dragovic

Auf seinem Baseler Werdegang wurde er zwei Jahre lang von Aleksandar Dragovic begleitet. Am Dienstag kommt es zum Wiedersehen der beiden Ex-Kollegen. „Ich freue mich sehr darauf, habe ihn lange nicht gesehen. Wir haben tolle Jahre erlebt, als er in der Innenverteidigung vor mir gespielt hat. Ein toller Typ“, meint Sommer über den ÖFB-Teamspieler.

Mit Martin Stranzl hat der 14-fache Internationale auch aktuell einen österreichischen Teamkollegen. Aufgrund dessen Bruchs des Augenhöhlenbodens blieb ein Gespräch über das ÖFB-Team jedoch aus.

Für Sommer nichts, was er bereuen würde: „Er muss mir gar nicht viel darüber erzählen. Ich weiß über die Österreicher Bescheid, kenne die Mannschaft und bin davon beeindruckt, wie souverän sie die Qualifikation gespielt haben.“

„Janko ist im Strafraum sehr gefährlich“

Viele ÖFB-Kicker kennt der passionierte Koch, der seinen eigenen Foodblog (www.sommerkocht.ch) betreibt, sowieso aus der deutschen Bundesliga. Insofern dürfte ihm auch nicht verborgen geblieben sein, dass David Alaba gute Freistöße tritt. Spezielle Vorkehrungen will er deswegen jedoch nicht treffen.

„Ich bereite mich eigentlich immer gleich vor. Natürlich weiß ich, dass er einen guten Schuss hat. Aber Österreich hat mit Janko auch vorne einen Stürmer, der im Strafraum sehr gefährlich ist und in der Schweiz viele Tore macht. Man muss sich auf viele Dinge vorbereiten“, erklärt er.

Beim 2:3 gegen die Slowakei durfte noch der Dortmunder Bürki im Schweizer Kasten ran. Für die Partie in Wien wird Sommer ins Tor zurückkehren. Damit trifft der Mönchengladbacher auf jenen gegnerischen Goalie, dem er bereits in seinem letzten Pflichtspiel begegnete: Ramazan Özcan.

Der Ingolstädter raubte Sommers „Fohlen“ beim 0:0 am vergangenen Sonntag den Sieg, als er Thorgan Hazards Schuss sensationell parierte. „Er hat leider am Schluss eine zu gute Parade gemacht, sonst hätten wir gewonnen“, scherzt der Eidgenosse. Trotzdem tauschten die beiden nach dem Abpfiff ihre Torhüter-Trikots. „Wir haben ein paar Sätze gewechselt. Er ist ein super Typ und ein super Torhüter.“

Gladbachs Lauf auch für Sommer unerklärbar

Mit der Nullnummer gegen Ingolstadt endete für die Borussen eine sechs Spiele anhaltende Siegesserie, nachdem man in die Saison mit fünf Niederlagen gestartet war. Warum es nach dem Trainerwechsel von Lucien Favre zu Andre Schubert plötzlich so gut läuft, kann auch Sommer nicht richtig erklären.

„Wenn du mit viel Euphorie in die Saison gehst und die ersten Spiele laufen aber nicht so wie geplant, dann kommt schnell die Unsicherheit. Man macht sich mehr Gedanken. Jetzt haben wir es wieder hinbekommen, mutig zu spielen. Wir sind selbstbewusster, machen einiges besser.“

Die Beförderung Schuberts vom Interimstrainer zur langfristigen Lösung begrüßt der Keeper. Einem möglichen Engagement von Marcel Koller, mit dem Sportdirektor Max Eberl Gespräche geführt haben soll, trauert er nicht nach: „Er ist ein sehr guter Trainer, aber wir sind mit Andre Schubert super happy.“

 

Jakob Faber

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