Volkssport auf Befehl

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Tradition ist nicht käuflich, ihre Strukturen aber schon. Schon drei Jahrhunderte vor Christus traten die Chinesen mit dem Fuß gegen einen Ball. Danach traten sie diese Tradition mit Füßen. Viele Jahre lang spielte der Fußball in China keine Rolle, war sogar verpönt. Nun soll die Nation binnen kürzester Zeit alle Versäumnisse nachholen und zur Fußball-Weltmacht aufsteigen.

Die Partei will es so. Und weil der lange Marsch an die Spitze möglichst kurz dauern soll, wird die Mission an mehreren Fronten in Angriff genommen. Spieler werden gekauft, Vereine werden übernommen, Ausbildungsstätten sprießen wie Sojasprossen und alles, was Geld hat und Rang haben will, zieht eifrig mit.

Der Transfer-Winter 2015/16 hat Fans in aller Herren Länder eindrucksvoll vor Augen geführt, dass China auf dem Markt als Big Player angekommen ist. 50 Millionen für Alex Teixeira, 42 Millionen für Jackson Martinez, 28 Millionen für Ramires, 18,5 Millionen für Elkeson, 18 Millionen für Gervinho, 13 Millionen für Fredy Guarin,… die Liste könnte problemlos noch um einige Zeilen erweitert werden.

Auffallend: Es sind nicht mehr Altstars wie Paul Gascoigne, Didier Drogba und Nicolas Anelka, sondern Spieler im besten Alter, die den Weg in den fernen Osten antreten. Die abgebenden Klubs in Europa freuen sich über die horrenden Ablösesummen, die sonst nur Klubs aus der englischen Premier League zu zahlen bereit wären, die Spieler freuen sich über Gehälter, die das Drei- bis Fünffache ihrer bisherigen Gagen sind. Zehn Millionen Euro soll etwa Teixeira bei JS Suning kassieren.

Woher kommt all das Geld?

Doch woher kommt plötzlich all das Geld? Einerseits ist es der neue TV-Vertrag der Chinese Super League. Etwas mehr als eine Milliarde Euro bezahlt China Media Capital in den kommenden fünf Jahren – das ist rund das 30-fache der bisherigen Summe, die das Staats-Fernsehen CCTV überwies.

Andererseits ist es der politische Wille, das zahlreiche Unternehmen in den Fußball drängen lässt. Xi Jinping, seit 2013 Staatspräsident und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, gilt seit Jahren als Fußballfan. Schon 2011, als er noch Vizepräsident war, gab er drei Ziele zu Protokoll: Die Qualifikation für eine WM, die Austragung einer WM, den Gewinn einer WM.

Wenn die Bayern kommen...
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Seit er der starke Mann in der Volksrepublik ist, macht Xi richtig ernst. Im Mittelpunkt des Plans, die chinesische Sportwirtschaft zur größten der Welt zu machen, steht der Fußball. Es gibt einen 50-Punkte-Plan, um zur Fußball-Weltmacht aufzusteigen.

Und weil es in allen Lebenslagen nur von Vorteil sein kann, es sich mit der Partie gut zu stellen, unterstützen zahlreiche Unternehmer diesen Plan, um in der Gunst der politischen Elite zu steigen. Eine gute Gelegenheit, um Schwarzgeld zu waschen, ist der Fußball obendrein.

Da wäre etwa Xu Jiayin mit seinem Immobilienunternehmen Evergrande Real Estate. Guangzhou Evergrande hat 2013 und 2015 die AFC Champions League gewonnen und ist darüber hinaus Serienmeister in China. Oder die Shanghai International Port Group (SIPG) unter der Leitung von Lu Haihu, die mit Shanghai SIPG zuletzt Vizemeister wurde.

Zhang Jindong gründete und leitet die Elektrogeräte-Einzelhandelskette Suning Appliance und rüstet den Jingsu Suning FC derzeit ordentlich auf. Wang Wenxue ist indes der Chef der China Fortune Land, entwickelt Industrieparks und steckt sein Geld in den Hebei China Fortune FC.

Europäische Vereine in chinesischem Besitz

Doch die Investitionen in den heimischen Fußball sind nur ein Teil der Geschichte. Wang Jianlin, laut „Forbes“ der reichste Chinese, hat sich mit seiner Wanda-Group vor einem Jahr 20 Prozent der Anteile an Atletico Madrid gesichert.

Weitere europäische Vereine sind zum Teil in chinesischer Hand. Der Ratsar Group gehören 56 Prozent von Espanyol Barcelona, Ledus ist Eigentümer von Sochaux, United Vansen ist Mehrheitseigner von ADO Den Haag, 60 Prozent von Slavia Prag befinden sich in Besitz der China Energy Company.

Vice versa riechen auch die Europäer in China das große Geld. Da touren Top-Klubs durch das Reich der Mitte und findige Geschäftemacher knüpfen längst enge Kontakte in den fernen Osten. Nicht zuletzt Jorge Mendes – der mächtigste Spielermanager der Welt ist eine Partnerschaft mit einer chinesischen Investorengruppe eingegangen.

Xi Jinping zu Gast bei Man City
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Und auch bei Manchester City mischen inzwischen chinesische Investoren mit. Überhaupt gilt das Engagement der Herrscherfamilie von Abu Dhabi bei den „Citizens“ ein wenig als Vorbild für die chinesischen Pläne. Mittels fußballerischen Erfolgs soll auch gesellschaftlicher Respekt erworben werden. Dass Staatschef Xi im Oktober den neuen Trainingskomplex von Man City unter die Lupe genommen hat, ist ein Beleg dafür.

China erhofft sich durch das Engagement bei europäischen Klubs einiges. Know-How soll eingekauft, die Akzeptanz gesteigert und die Verbindungen zu Europa verbessert werden. Vor allem letztere zwei Dinge sollten sich als nützlich erweisen, wenn die Fußball-WM an China vergeben werden soll – es wird mit 2030 spekuliert.

50.000 Fußball-Schulen

Doch sauteure Ausländer werden nicht dafür sorgen, dass China 2030 ein Nationalteam zur Verfügung steht, das um den WM-Titel mitspielen kann. Aktuell rangiert die Volksrepublik in der Weltrangliste auf dem 93. Platz – knapp hinter Antigua und Barbuda, Honduras und Botswana, unmittelbar vor den Färöer. 2002 hat China das einzige Mal an einer WM teilgenommen – nach drei Niederlagen und 0:9 Toren war das Abenteuer schon wieder vorbei.

Fraglos steigern hochkarätige Legionäre das Niveau der Liga, die nach einigen Manipulations- und Korruptionsaffären auf neue Füße gestellt wurde. Doch die Qualität der Eigenbauspieler lässt zu wünschen übrig. Dabei lässt die Wahrscheinlichkeitsrechnung den Schluss zu, dass unter 1,3 Milliarden Chinesen das eine oder andere potenzielle Jahrhunderttalent sein dürfte.

Also muss der schlafende Riese geweckt werden. Xis 50-Punkte-Plan sieht vor, das nicht auf die sanfte Art und Weise, sondern mit einem ordentlichen Gong zu tun. 50.000 Fußball-Schulen sollen innerhalb des nächsten Jahrzehnts ins Leben gerufen werden, 20.000 sollen es schon in fünf Jahren sein. Um der chinesischen Tradition, Kinder vor allem auf eine akademische Karriere vorzubereiten, gerecht zu werden, soll neben der fußballerischen Ausbildung auch eine ordentliche Schulbildung geboten werden. Auch das Schulfach Fußball wurde schon eingeführt.

Die Fankultur entwickelt sich
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Zahlreiche Trainer aus Brasilien und Europa sollen den chinesischen Kindern das Spiel näherbringen. Die große Kunst in diesem Zusammenhang wird sein, eine Abkehr vom militärischen Massendrill hin zur individuellen, kreativen Entwicklung der einzelnen Talente zu schaffen.

Viele Zweifel

Doch nicht nur diesbezüglich werden Zweifel laut. Auch die fehlende Fußball-Tradition – es gibt in China de facto keine Ligen-Pyramide wie in Europa üblich – könnte ein Problem werden. Die Identifikation mit dem Sport ist noch weit entfernt von jener, die chinesische Jugendliche etwa mit Basketball verbinden. Doch die Tendenz ist klar steigend, die Stadien sind gut gefüllt.

Fragwürdig ist auch der bisherige Umgang der FIFA mit dem chinesischen Verband. Sepp Blatter und Co. haben zwar anderen Nationen gegenüber viel Härte gezeigt, wenn es um die Einmischung der nationalen Politik in Verbandsangelegenheiten ging, beim Blick auf China wurde bislang allerdings mehr als ein Auge zugedrückt. Ob die neue Führung des Weltverbands ähnlich nachsichtig sein wird, steht noch in den Sternen.

Ein noch größeres Fragezeichen steht allerdings hinter der Position des Staatspräsidenten. Xi Jinping wird spätestens 2023 abgelöst. Wenn sein Nachfolger kein Interesse am Fußball hat, werden wohl alle Bemühungen von heute auf morgen eingestellt.

Bis auf weiteres gilt aber: Fußball ist Chinas Volkssport auf Befehl.

Harald Prantl 

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