Scharner: "Warum nicht das EM-Finale?"

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Peter Hackmair hat Paul Scharner getroffen.

Was haben beide gemeinsam? Sie haben mit dem Fußballspielen aufgehört und sind unter die Autoren gegangen. Freigeist traf Querdenker, unter diesem Motto stand die Co-Lesung vergangenen Dienstag in Wien.

Der frühere LAOLA1-Kolumnist und heutige ORF-Experte lud das "Enfant terrible" der jüngeren österreichischen Fußball-Vergangenheit ein, um nicht nur, aber vor allem, über Fußball zu sprechen.

Eine von Scharners Kernaussagen beim anregenden Diskussionsabend mit dem Publikum: „Wir reden uns in Österreich gerne darauf aus, dass wir ein kleines Land sind und dementsprechend setzen wir uns unsere Ziele.“

Paul Scharner traf Peter Hackmair

Dafür ist Scharner, der sieben Jahre in der Premier League spielte und mit Wigan 2013 den FA-Cup gewann, nicht zu haben. Der 40-fache Internationale spricht im LAOLA1-Interview über die Träume von Leicester City und welches Ziel sich das ÖFB-Team für die EURO vornehmen sollte.

LAOLA1: Leicester City liegt zehn Runden vor Schluss weiterhin sensationell an der Spitze. Trainer Claudio Ranieri meinte zuletzt, der Titel sei nicht wichtig. Würdest du ihn als Ziel ausrufen?

Paul Scharner: Es kommt darauf an, wie sie es intern kommunizieren. Nach außen kann man alles erzählen, aber ich hoffe, dass sie nach innen nicht tiefstapeln. Jetzt wäre angesagt: Wir machen das! Denn es ist realistisch und so oft wird es diese Voraussetzungen nicht mehr geben. Ich war vor kurzer Zeit in Leicester, da passt die Atmosphäre und Leidenschaft. Für den Fußball wäre es sicher toll.

LAOLA1: Was sagt das aber über die Premier League aus?

Scharner: Wenn ich die mit vor zehn Jahren vergleiche, dann sind das schon zwei Paar Schuhe. Ich denke, dass das Geld auch einiges ruiniert hat. Es werden Unsummen für Spieler ausgegeben. Es gibt zudem ein hohes Fixum und wenn jemand 200.000 Euro in der Woche fix verdient, ohne dass er einmal trainiert hat, das nimmt dem zu 99 Prozent die Motivation. Du kannst aber nur erfolgreich sein, wenn du leidenschaftlich bist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass etwa bei Manchester City jeder mit Leidenschaft spielt. Warum spielt er dort? Das wissen wir doch alle.

Für Marko Arnautovic war der Wechsel nach England sehr förderlich, nämlich weg vom deutschen Sprachraum zu sein. Denn in England kräht kein Hahn nach Arnautovic.

LAOLA1: In der Champions League gelten die englischen Klubs nicht gerade als Top-Favoriten.

Scharner: Ende der Nullerjahre waren die englischen Teams immer zumindest im Halbfinale vertreten und da war wesentlich weniger Geld im Spiel. Ich will auch keinem etwas unterstellen, aber nimm einen geldsatten Profi her: Wenn es drauf ankommt, tut sich der nicht weh. Gut ist, dass die vermeintliche Phalanx an der Spitze aufgebrochen wurde. Früher war es für einen meiner Trainer fast verpönt, etwa Manchester United zu schlagen. Denn das gehört ja neben Chelsea, Arsenal und Liverpool zu den „Big Four“ – die sind immer oben. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. So ist die Liga sicher interessanter, allerdings ist sie von der Qualität her nicht besser geworden. Spanien ist gemessen am Europacup die Top-Liga und vor zehn Jahren war es England.

LAOLA1: Sagt dir von den aktuellen ÖFB-Legionären in England jemand besonders zu?

Scharner: Kevin Wimmer ist natürlich aktuell ein großes Thema. Er hat auf seine Chance gewartet und auch gewusst, dass er warten muss. Er ersetzt Jan Vertonghen sehr gut, wenn nicht sogar besser und ist mit seinem Team auch Meisterschaftskandidat. Das ist traumhaft. Für Marko Arnautovic war der Wechsel nach England sehr förderlich, nämlich weg vom deutschen Sprachraum zu sein. Denn in England kräht kein Hahn nach Arnautovic.

Das ÖFB-Team sollte sich das Halbfinale als Ziel stecken. Obwohl man dann schauen muss, wie viele Verletzte man zum Zeitpunkt der Vorbereitung hat: Warum nicht gleich Finale? Warum die Ziele so niedrig halten?

LAOLA1: Ihr hattet im Nationalteam auch eure Zwiste. Wie wirkt er Jahre später auf dich?

Scharner: England war definitiv die richtige Entscheidung. Ich weiß nicht, ob er dieselbe Entwicklung in Deutschland genommen hätte. Auch der Einfluss von Marcel Koller hat ihm gut getan. Der hat ihm den Spiegel vorgehalten und gesagt, du musst das und das machen. Sonst würde es nicht funktionieren. Das hat auch Mark Hughes bei Stoke gemacht.

LAOLA1: Was ist für Arnautovic in England noch drin?

Scharner: Wenn er ruhig bleibt, kann er noch viel erreichen. Ich würde ihm abraten, zu früh irgendwo anders hinzugehen. Marko ist in einer Position, da braucht er gar nicht nachzudenken. Er hat noch Vertrag (bis Sommer 2017, Anm.) und soll seine tadellose Saison zu Ende bringen. Dann soll er die EM spielen, in Urlaub fahren und in den letzten August-Wochen kann er nachdenken, was er macht.

LAOLA1: Apropos EURO und Ziele: Welches sollte sich das ÖFB-Team stecken?

Scharner: Halbfinale. Obwohl man dann schauen muss, wie viele Verletzte man zum Zeitpunkt der Vorbereitung hat: Warum nicht gleich Finale? Dafür werde ich sicher wieder als verrückt bezeichnet (lacht), aber warum die Ziele so niedrig halten? Auch wenn Qualifikation und Endrunde zwei Paar Schuhe sind, die großen Nationen schwächeln ein wenig. Wir sind quasi Neulinge, aber die fehlende Turniererfahrung soll keine Ausrede sein. Man muss sich hohe Ziele stecken. Wenn man es nicht schafft, ist man zumindest im Viertelfinale (lacht).



LAOLA1: Du lebst mittlerweile wieder in Österreich. Wie erlebst du den heimischen Fußball?

Scharner: Man versucht die Liga an den Erfolg des Nationalteams anzuhängen, aber davon braucht man nicht reden. Man muss andere Schritte setzen. Es geht ums Tempo, das im internationalen Fußball gefragt ist. Wenn das nicht da ist, muss man es künstlich erzeugen. Zudem ist einfach eine größere Reform notwendig. Die Spieler haben doch alle Kabeln, weil sie vier Mal gegeneinander spielen. Man muss sich diesbezüglich einfach etwas Neues trauen.

LAOLA1: Du warst und bist ein Typ. Fehlen dem Fußball solche?

Scharner: Die Entwicklung, die der Fußball auch durch die Akademien genommen hat, sorgt dafür, dass es weniger Typen gibt. Da leidet auch die Qualität, nicht im technischen Bereich, sondern wenn es darum geht, das Spiel interessant zu machen. Man geht auch mehr nach Trends, nicht nach dem Land, wo der Fußball gespielt wird und welche Mentalität es verkörpert. Der Ballbesitz-Fußball passt nicht überall hin. Barcelona-Fußball hat nicht überall etwas verloren. Da sind wir auch wieder in England und das kreide ich der Premier League an, dass sie sich von „Kick and Rush“ viel zu weit entfernt hat. Denn das musst du einmal spielen können, ein Lionel Messi kann das nicht (grinst).

 

Das Interview führte Bernhard Kastler


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