Bayern-BVB: Entstehung einer Erzfeindschaft

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Dortmund und Schalke, Bayern und 1860, Werder und HSV.

Die Liste der Lokalrivalitäten in Deutschland ist lang und ließe sich mühelos erweitern.

Duelle gegen den Erzfeind sind immer von enormer Brisanz und garantieren eine hitzige Atmosphäre.

Zu den Rivalitäten, die die Wogen hochgehen lassen, gehört längst auch jene zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund.

Zwar sind die beiden geografisch durch 477,11 Kilometer Luftlinie getrennt, riechen können sich die Fan-Lager trotzdem nicht.

LAOLA1 skizziert die Entstehung einer Fußball-Feindschaft, die am Samstagabend (20 Uhr) im Endspiel des DFB-Pokals einen weiteren Höhepunkt findet.

Der Ausgangspunkt

Beide Klubs waren zwar Dauergäste der Bundesliga, doch der Fokus galt nicht unbedingt einander. Während für den BVB das Revier-Derby gegen Schalke traditionell als wichtigstes Spiel galt (und immer noch gilt), matchten sich die Münchner mit Borussia Mönchengladbach oder dem Hamburger SV um die Vorherrschaft im deutschen Fußball.

Das änderte sich in den 90er Jahren, als der BVB große finanzielle Anstrengungen unternahm, um erstmals seit 1963 wieder die Meisterschale gen Himmel stemmen zu dürfen. Als Schlüssel für den Erfolg gilt bis heute Ottmar Hitzfeld, der als Trainer engagiert wurde. Der Aufstieg der Schwarz-Gelben begann und fand mit dem Meistertitel 1994/95 sowie der erfolgreichen Titelverteidigung zwei echte Highlights.

Die Bayern holten zwar national zum Gegenschlag aus und sicherten sich 1996/97 den Titel, doch mit dem Gewinn der Champions League stahl ihnen Dortmund erneut die Show und war endgültig im Fußball-Olymp angekommen.

Der Tiefpunkt

 

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Beim Ruhrpott-Riesen wurden wichtige Entscheidungsträger größenwahnsinnig und fuhren den Karren gegen die Wand. Dortmund, das 2002 noch einmal unter Matthias Sammer Meister wurde, legte einen sportlichen, vor allem aber finanziellen Absturz hin, der die Zukunft des Vereins arg gefährdete.

Die Insolvenz drohte, der Traditionsklub stand unmittelbar vor dem Aus. Präsident Gerd Niebaum war bereits zurückgetreten, Manager Michael Meier wurde angesichts eines Schuldenbergs von rund 100 Millionen Euro nicht mehr weiterbeschäftigt. Mit Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke gab fortan ein neues Duo den Ton an.

Der Fortbestand des BVB war dennoch ungewiss, bis die Bayern dem Liga-Konkurrenten unter die Arme griffen. „Als sie (die Dortmunder, Anm.) mal gar nicht mehr weiter wussten und Gehälter nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihnen ohne Sicherheiten zwei Millionen gegeben für einige Monate“, plauderte Ex-Bayern-Präsident Uli Hoeneß Jahre später aus.

Ohne den potenten FCB wäre der BVB in die Pleite gerutscht.

Der Höhepunkt

Nach einigen Jahren im Bundesliga-Mittelmaß hatten sich die Schwarz-Gelben erfangen und starteten unter Trainer Jürgen Klopp neu durch. Als krasser Außenseiter in die Saison gegangen, nutzten sie eine schwache Saison der Münchner (nur Rang drei) und marschierten 2010/11 zum Meistertitel.

Damit nicht genug, setzten sie im Folgejahr eins drauf und ließen den FCB um satte acht Punkte hinter sich, um erneut die Schale zu holen. Unvergessen das alles entscheidende direkte Duell, in dem Arjen Robben einen Elfmeter vergab und sich von Neven Subotic deutliche Worte anhören durfte.

Zum Höhepunkt aus BVB-Sicht sollte es im Pokal-Finale 2012 kommen. Vor 75.708 Zuschauern im ausverkaufen Berliner Olympiastadion führte die Klopp-Elf jene von Jupp Heynckes vor. Am Ende stand ein 5:2-Sieg für den BVB, der Fußball-Deutschland mit erfrischendem Fußball im Sturm erobert hatte.

Der Wendepunkt

 

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Foto: © getty

Die Münchner Volksseele kochte, am Weißwurst-Äquator rollten Köpfe. Christian Nerlinger wurde gegen Sammer getauscht, auch am Spielersektor herrschte reges Kommen (Martinez, Mandzukic, Shaqiri, Dante, Pizarro) und Gehen (Petersen, Olic, Pranjic, Usami, Butt).

Die Wechsel fruchteten. Von Anfang an war der Wille im Team des FCB spürbar. In der Liga marschierte man auf und davon erreichte nicht nur einen Punkterekord (91), sondern schloss die Saison auch mit 25 Zählern Vorsprung auf den großen Rivalen aus Westfalen ab.

Im Pokal warfen die Bayern den BVB dank eines Treffers von Robben im Viertelfinale raus und gewannen schlussendlich im Endspiel gegen den VfB Stuttgart den Titel. Die Krönung war aber zweifellos das Endspiel der Champions League.

Im ersten und bislang einzigen inner-deutschen Finale standen sich die beiden Giganten gegenüber. Nuancen sollten schließlich den Unterschied machen, die entscheidende hörte auf den Namen Robben. Der Niederländer, noch immer angestachelt von den Vorfällen ein Jahr zuvor, traf in der 89. Minute zum 2:1-Sieg des FCB.

Der Streitpunkt

Mindestens genauso ins Mark traf den BVB eine Personalentscheidung wenige Wochen zuvor. Mario Götze, der unumstrittene Fan-Liebling der Dortmunder, unterschrieb einen Vierjahres-Vertrag in München.

Der damals 20-Jährige wurde als Judas beschimpft, das Tischtuch zwischen den Verantwortlichen der beiden Klubs war für längere Zeit zerschnitten. Die traditionellen Abendessen vor direkten Duellen wurden gestrichen, ständige Sticheleien zwischen Watzke und Manager Michael Zorc auf der einen sowie Hoeneß und Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge auf der anderen Seite waren die Folge.

Der BVB, jahrelang auf der Überholspur, musste zähneknirschend hinnehmen, dass man wirtschaftlich – und nun auch wieder sportlich – nicht in derselben Liga agierte wie der FCB. Zu allem Überfluss kehrte ein Jahr später auch noch Top-Stürmer Robert Lewandowski dem achtfachen Meister den Rücken, um fortan an der Isar auf Torejagd zu gehen.

Den Bayern wurde vorgeworfen, einmal mehr einen Gegner bewusst zu schwächen. Das – ob gewollt oder nicht – sollte tatsächlich gelingen, die Saison 2014/15 wurde für Schwarz-Gelb zum Desaster. Lange Zeit auf einem Abstiegsrang, hatte man dem Rekordmeister nicht einmal ansatzweise etwas entgegenzusetzen und landete im Mittelfeld.

 

Unter Thomas Tuchel gelang der Turnaround. Das Spiel des BVB wurde variabler, dem Verein gelang in der abgelaufenen Bundesliga-Saison der Sprung zurück an die Spitze, wenngleich das Duell mit dem FC Bayern erneut verloren ging. Ausgerechnet in der heißen Saisonphase wurde publik, dass Mats Hummels mit einer Rückkehr zu seinem Heimatverein liebäugelte.

Inzwischen ist der Wechsel längst durch, steht fest, dass binnen drei Jahren drei Topstars das schwarz-gelbe gegen das rote Trikot tauschten (siehe Video oben). Die Anhänger des Vize-Meisters mussten in der jüngeren Vergangenheit große Leidensfähigkeit beweisen. Kein Wunder, dass dadurch die Rivalität mit den Bayern eine neue Dimension erreichte.

Der Nullpunkt

Hochkochen werden all diese Emotionen im Pokal-Finale. Die Dortmunder wollen unbedingt die Saison mit einem Titel beenden, nachdem sie in der Europa League trotz Favoritenrolle leichtfertig die Nerven wegschmissen und am späteren Finalisten FC Liverpool mit Ex-Coach Jürgen Klopp scheiterten.

Den Bayern winkt indes das elfte Double der Klub-Historie. Zudem will man Pep Guardiola, der aufgrund des neuerlichen Halbfinal-Aus in der Champions League für viele gescheitert ist, mit einem weiteren Titel verabschieden. Wichtiges Ziel ist natürlich auch, dem vermeintlich stärksten Gegner auf nationaler Ebene die Grenzen aufzuzeigen, um die eigene Stärke zu demonstrieren und die Machtverhältnisse deutlich zu untermauern.

Für beide Teams steht einiges auf dem Spiel, der FCB geht als leichter Favorit ins Duell. Geschenkt wird ihm allerdings unter Garantie nichts. Auf lange Sicht hatten die Dortmunder zuletzt keine Chance, doch über 90 Minuten ist ihnen zuzutrauen, dem bajuwarischen Riesen ein Bein zu stellen.

Es wird ein hoch emotionales Duell zweier Teams, die aktuell wohl die hitzigste Rivalität im deutschen Profifußball führen.


Christoph Nister

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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