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Totgesagte leben länger!

Vor rund einem Monat hätten nur noch wenige Geld darauf gesetzt, dass der TSV 1860 dem Tod in Form des Abstiegs in die dritte Liga noch einmal von der Schippe springen kann.

Inzwischen sind die Löwen das Team der Stunde und gewannen zuletzt drei Spiele in Folge. Neben Stürmer Rubin Okotie ist aktuell vor allem Michael Liendl maßgeblich am Erfolgslauf des Münchner Traditionsklubs beteiligt.

Sechs Scorerpunkte verbuchte der 30-Jährige in den letzten vier Spielen, mit seinen Standards treibt er die gegnerischen Abwehrreihen regelmäßig zur Weißglut.

Im Interview mit LAOLA1 spricht Liendl über einen Schlüsselmoment in dieser Saison, das Chaos im Verein und die Stadionwünsche der Fans. Zudem stellt er klar, dass er auch am kommenden Sonntag gegen RB Leipzig mit seinen Teamkollegen die tolle Serie fortsetzen will.

LAOLA1: Michael, ihr habt einen kaum für möglich gehaltenen Lauf hingelegt und erstmals seit August die Abstiegsränge verlassen. Hättest du dir das vor wenigen Wochen erträumen lassen?

Michael Liendl: Damit war auf keinen Fall zu rechnen. Dass es so gut läuft, ist wunderschön. Man sieht, dass in dieser Liga jeder jeden schlagen kann.

LAOLA1: Wie erklärst du dir eure Serie?

Liendl: Wenn man ein gewisses Erfolgserlebnis hat, dann läuft es plötzlich. Wir hatten eine gute Vorbereitung, da haben wir uns eine gute Basis erarbeitet. Wir sind dann zwar spielerisch gut gestartet, hatten aber schlechte Ergebnisse. Das Glück, das uns lange Zeit im Abschluss und in der Defensive gefehlt hat, haben wir jetzt auf unserer Seite. Dieses Momentum nutzen wir gerade gut aus, auch die Standards funktionieren. Das macht es dann aus.

"Er (Benno Möhlmann) hat immer Ruhe ausgestrahlt, was wichtig ist, denn es geht ja bei uns im Verein teilweise chaotisch zu."

Michael Liendl

LAOLA1: Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das die Wende herbeigeführt hat?

Liendl: Das Spiel gegen Bochum war richtungsweisend. Es war ein 1:1, wir haben ein gutes Spiel gemacht. Durch einen Elfer für Bochum hätte das Spiel kippen können, aber unser Goalie hat ihn gehalten (Stefan Ortega gegen Arvydas Novikovas, Anm.). Da haben wir gegen eine Spitzenmannschaft gezeigt, dass wir es draufhaben.

LAOLA1: Du hast die Standards schon kurz angesprochen. Was macht dich dabei momentan so stark?

Liendl: Die liegen mir einfach, das habe ich auch in Österreich schon gezeigt. Einer kann’s besser, ein anderer nicht. Ich habe in der Vorbereitung gut gearbeitet, da sie in den letzten Monaten nicht immer so gefährlich waren. Jetzt laufen wir sehr gut ein und haben den Glauben, dass wir daraus was machen können. Die Mannschaft vertraut mir und meine Kollegen machen es in der Mitte sehr gut.

LAOLA1: Der Trainerwechsel von Torsten Fröhling auf Benno Möhlmann zeigte zunächst keine Wirkung, jetzt läuft es aber. Spürst du, dass ihr unter ihm besser seid?

Liendl: Ja, schon. Beim einen kommt’s früher, beim anderen später. Er hat aber immer Ruhe ausgestrahlt, was wichtig ist, denn es geht ja bei uns im Verein teilweise chaotisch zu. Er hat uns gewisse Dinge eingeimpft, jetzt ernten wir die Früchte.

LAOLA1: Gewisse Dinge? Kannst du das konkretisieren?

Liendl: Er hat extrem viel Wert auf Teamgeist gelegt, damit wir noch näher zusammenrücken. Wir haben dabei einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht, sind jetzt eine richtig gute Truppe, wo jeder für jeden rennt. Das ist in der 2. Liga auch extrem wichtig. Dazu hat er auf Standards gepocht, da sollten wir mehr herausholen. Auch das ist ein entscheidender Faktor, denn die Spiele sind immer sehr eng. Da können Standards eine Waffe sein. Wie man sieht, hat es geholfen.

Liendl dreht jubelnd ab
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LAOLA1: Klingt so, als sei der Teamgeist nicht immer besonders gut gewesen?

Liendl: Ja. Es war nicht so, dass jeder zu einhundert Prozent am selben Strang gezogen und an die Geschichte geglaubt hat. Jetzt marschieren wir alle in eine Richtung.

LAOLA1: Das Publikum ist nicht immer einfach zu handeln. Wie nimmst du die Löwen-Fans wahr?

Liendl: Es ist verständlich, dass es nicht immer einfach ist. 1860 ist ein riesiger Verein, die Erwartungshaltung dementsprechend groß. Die Fans haben einen harten Weg hinter sich, es ging gegen den Abstieg, es gab immer wieder Turbulenzen. Entscheidend ist, und da sind wir auf einem guten Weg, dass wir jetzt Ruhe reinkriegen. Wenn das gelingt, wird es auch für die Fans einfacher. Wenn wir gewinnen, kommen sie auch wieder öfter ins Stadion. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

LAOLA1: Sie wollen weg aus der Allianz Arena. Wie erlebst du die Diskussion?

Liendl: Das ist schwer zu sagen, weil ich die Vertragsmodalitäten nicht kenne, die abgeschlossen wurden. Es ist nun mal so, dass wir in der Allianz Arena spielen. Es bringt nichts, immer zu jammern, dass wir raus müssen. Mit einem eigenen Stadion ist es natürlich einfacher, weil auch die Rivalität mit den Bayern eine Rolle spielt. In Wirklichkeit sind wir von ihnen aber meilenweit weg. Derzeit haben wir andere Sorgen.

LAOLA1: Für viel Wirbel sorgt auch Investor Hasan Ismaik, der u.a. mit verwirrenden Facebook-Postings für Aufsehen sorgt. Wie nimmst du ihn wahr?

Liendl: Man kriegt das natürlich mit. Wir haben aber als Spieler keine Bindung zu ihm, dafür ist er zu selten da. Für uns ist es auch nicht entscheidend, was er postet. Dadurch kommt aber viel Unruhe rein, das habe ich vorhin gemeint. Viele im Verein geben ihre Meinung ab. Bei Ismaik ist es aber sein gutes Recht, weil er auch viel investiert.

Wir werden unser eigenes Stadion bauen, auf unseren blauen Sitzen Platz nehmen und unseren Sieg feiern -Bald-#ismaik1860

Posted by Ismaik1860 on Samstag, 16. Januar 2016

LAOLA1: Vor eurem Duell mit RB Leipzig am Sonntag ließ Ralf Rangnick aufhorchen. Er wollte keinen Unterschied zwischen den Klubs erkennen und meinte, 1860 habe ja auch einen Investor. Siehst du eine Divergenz?

Liendl: Klar ist da eine. Den Verein 1860 gibt es viel länger, es steckt viel mehr Tradition dahinter. Was Herr Mateschitz da macht, müssen andere beurteilen. Er will einen Verein in die Bundesliga führen, das macht er mit allen Mitteln, die er hat. Ich sehe das große Problem nicht. Jeder Fußball-Liebhaber sieht lieber Traditionsvereine, keine Frage, aber wenn einer glaubt, einen Verein auf diese Weise nach oben zu führen, dann ist das seine Sache.

LAOLA1: Du bist seit einigen Monaten an der Isar zuhause, hast Vertrag bis 2017. Wie planst du deine Zukunft?

Liendl: Im Fußball geht es immer schnell, daher wird man sehen, was passiert. Wir wollen im Sommer noch in der 2. Liga sein. Prinzipiell passt es. Wenn man erfolgreich ist, ist sowieso alles einfacher.

LAOLA1: Klingt so, als könntest du dir einen baldigen Abschied vorstellen.

Liendl: Nein, ich habe Vertrag. Ich fühle mich hier wohl, meine Familie ist auch da. Man weiß aber nie, was passiert. Bei mir ist aber nicht angedacht, im Sommer woanders hinzugehen.

LAOLA1: Apropos Sommer: Lebt dein Traum von der EURO-Teilnahme?

Liendl: Klar! Ich habe immer gesagt, wenn ich auf dem Niveau hier, in der 2. Liga, gut spiele, dann bin ich hoffentlich interessant für die Nationalmannschaft. Es wäre ein absoluter Traum, da dabei zu sein. Einfach wird es definitiv nicht, weil wir ein richtig starkes Team haben. Ich darf mir aber sicher Hoffnungen machen, wenn ich meine Leistungen bestätigen kann. Den Rest muss der Teamchef entscheiden.

LAOLA1: Gibt es aktuell Kontakt?

Liendl: Momentan nicht.

LAOLA1: Würdest du ihn dir wünschen?

Liendl: Ach, der eine handhabt es so, der andere anders. Er muss mich nicht jede Woche anrufen (lacht). Wenn ich unterm Strich dabei wäre, wäre das aber genial.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christoph Nister

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