"Ich sehe kaum Macher"

Aufmacherbild

Nach einem verpatzten Saisonstart ist der SC Wiener Neustadt mittlerweile längst in der Ersten Liga angekommen.

Starke Leistungen ab der sechsten Runde sorgen dafür, dass der Absteiger einen sehr komfortablen 18-Punkte-Polster auf Schlusslicht FAC hat. „Wir sind happy und stolz“, sagt Sportchef Günter Kreissl im LAOLA1-Interview.

„Außerdem  geht es dem SCWN finanziell hervorragend“, fügt er hinzu. Trotzdem spricht der 41-Jährige über die Möglichkeit eines „geordneten Rückzugs in die Regionalliga“.

Dabei geht dieser Tage in Wiener Neustadt das Gerücht um, Zeugwart Djura „Djuki“ Gacesa habe von einer Tante aus Amerika zehn Millionen US-Dollar geerbt und würde dieses Geld in den Verein stecken. Rund 800.000 Euro soll er jährlich zuschießen. Was es mit diesem Gerücht auf sich hat, verrät Kreissl.

LAOLA1: Der SC Wiener Neustadt überwintert mit 23 Punkten auf dem achten Platz. Wie fällt Ihre sportliche Herbst-Bilanz aus?

Günter Kreissl: Der Herbst war absolut zufriedenstellend, wir sind sehr stolz. Man wünscht sich zwar, dass man zaubern kann, aber wir mussten einen billigen, sehr jungen Kader zusammenstellen. Es hat gedauert, bis sich die Mannschaft gefestigt hat. Ab der sechsten Runde, als wir unser erstes Tor erzielt haben, haben wir 22 Punkte geholt – eine Top-Bilanz. Außerdem haben wir mit Abstand die meisten jungen Österreicher eingesetzt.

LAOLA1: Die Mannschaft ist also im Plansoll?

Kreissl: Es war nie geplant, um den Aufstieg zu spielen. Die Vorgabe war, sich in der Liga zu etablieren und möglichst schnell nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben – all diese Ziele haben wir erreicht.

LAOLA1: Wie war das erste halbe Jahr für Sie persönlich als Sportchef?

Kreissl: Es hat auch für mich ein bisschen gebraucht, damit alles runder läuft. Am Anfang war es extrem schwierig, weil ich 20 neue Verträge vergeben, also sehr viele Gespräche führen musste. Nebenbei auch noch die Verantwortung für das Traineramt zu haben, war richtig heavy. Meine beiden Assistenten Mario Posch und Andreas Schicker haben mir sehr geholfen. Im August wurde es ruhiger und wir haben uns alle unseren Platz erarbeitet, es war ein Prozess. Es war also viel Arbeit, aber auch sehr schön. Fußball macht dann Spaß, wenn man Erfolg hat. Fußball ohne Erfolge ist nicht toll.

LAOLA1: Die Erste Liga wurde im Sommer als beste Erste Liga aller Zeiten angekündigt. Jetzt stehen vor der Winterpause mit Austria Salzburg und dem FAC praktisch beide Absteiger fest.

Kreissl: Der FAC ist eine eigene Geschichte. Es ist kurios, dass der FAC nur fünf Punkte hat. Sie sind weitaus besser als ihre Ergebnisse, wurden weit unter ihrem Wert geschlagen.

"Mir ist es blunzn, ob irgendwer den Kampf gegen den Abstieg spannend findet"

LAOLA1: Und Austria Salzburg?

Kreissl: Das ist eine Tragödie. Dieser Klub war mit seinen überragenden Fans und der Stimmung vielleicht die größte Bereicherung für die Liga. Es wäre schade, beide Klubs zu verlieren. Für die sportliche Attraktivität der Liga ist das nicht so gut. Aber…

LAOLA1: Aber?

Kreissl: Mich stört das gar nicht! Mir ist es blunzn, ob irgendwer den Kampf gegen den Abstieg spannend findet – ich bin froh, wenn ich gerettet bin. Der Abstiegskampf ist für alle Involvierten eine Wahnsinnsbelastung. Aber natürlich weiß ich, dass das Produkt Erste Liga darunter leidet. Das Niveau der Liga ist gut. Aber es hätten sich alle mehr Zuschauer erhofft.

LAOLA1: Warum kommen die Fans nicht?

Kreissl: Ich frage mich, warum man in Wiener Neustadt nicht gerne mit seinem Kind auf den Fußballplatz geht. Warum sind die Kino- und Einkaufscenter voll, aber keiner geht zum Fußball? Warum unterstützt die Politik den Sport nicht mehr? Wo gibt es, abgesehen von Wien, noch Politiker, von denen man weiß, dass sie fußball-affin sind? Wieviele Einzelpersonen, abgesehen von Dietrich Mateschitz, stecken wirklich Geld in den Sport, weil sie begeistert sind? Da kann man wohl keine fünf Menschen aufzählen. Es fehlen die Förderer aus den Bereichen Wirtschaft und Politik!

"Uns geht es finanziell hervorragend"

LAOLA1: Das Sportland Österreich gibt es also nicht?

Kreissl: Ich sehe Österreich nicht als Sportland aktiv. Gerade wenn man das mit skandinavischen Ländern vergleicht. Ich sehe kaum Macher, die Gas geben, kurbeln und Visionen haben. Das geht mir im österreichischen Fußball ab. So entwickelt sich das Gesamtprodukt nicht weiter.

LAOLA1: Am 15. Dezember findet in Wiener Neustadt die Mitgliederversammlung statt. Was sagen Sie den Leuten? Wie geht es dem SCWN finanziell? Wie sieht es mit der Lizenz für die kommende Saison aus?

Kreissl: Uns geht es finanziell hervorragend. Wir haben positives Eigenkapital und Rücklagen. Aber die Erste Liga ist ohne größere Sponsoren so ein Verlustgeschäft, dass diese Rücklagen schneller aufgebraucht sind als uns lieb ist. Es ist eine Milchmädchenrechnung: Unter zwei Millionen Euro ist ein Profi-Betrieb in der zweithöchsten Spielklasse fast nicht denkbar. Durch Fixeinnahmen – also Fernsehgelder, zu erwartende Zuschauereinnahmen und Bewerbsvermarktung – hat man eine Deckungsquote von 25 bis 30 Prozent, den Rest muss man selber aufstellen. Damit man in dieser Liga überhaupt mitspielen kann, also mit dem Kollektivvertrag, wo Spieler 1.000 Euro netto verdienen, braucht man zwei Millionen, hat aber nur ca. 600.000 Euro. 1,4 Millionen muss man als Sponsoren aufstellen.

LAOLA1: Ohne Unterstützung geht es also nicht.

Kreissl: Wenn man nicht von der Politik die Unterstützung hat, dass Wirtschaftstreibende animiert werden, etwas mit gesellschaftlichem Wert zu unterstützen, und auf dem freien Markt solche Sponsorengelder aufstellen muss, ist das eine unfassbare Aufgabe. Es gibt dir keiner so einfach 20.000 Euro, geschweige denn 1,4 Millionen. Das Geld und die Möglichkeiten wären definitiv vorhanden.

"...dann würden wir mit Rücklagen in den Amateurbereich wechseln"

LAOLA1: Aber?

Kreissl: Es braucht fußball-affine Menschen, die anstatt dreier Häuser, einer Yacht und etlichen Urlauben in einem Jahr zu kaufen, ihr Geld gerne in einen Fußballverein investieren. Was ist Fußball? Fußball schafft Emotionen und Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben. In meinem Freundeskreis gibt es viele Leute, die nicht viel mit Fußball zu tun haben, aber alle erzählen mir immer ganz stolz, dass sie in den 80er-Jahren bei einem Match waren, wo dieses oder jenes passiert ist. Wenn aber diese Erinnerungen und Emotionen niemandem Geld wert sind, ist es nicht zu schaffen.

LAOLA1: Kommen wir zurück zur Mitgliederversammlung.

Kreissl: Wir werden sagen, dass wir sportlich happy und stolz sind. Und, dass wir bis zum letzten Tag kämpfen werden, um die Mittel aufzustellen, um weiterhin Bundesliga zu spielen. Wir werden bis zum 15. März, wenn die Lizenzunterlagen eingereicht werden müssen, an allen Türen klopfen. Der Verein steht überhaupt nicht vor einer Pleite, es kann nur sein, dass man einen geordneten Rückzug antritt, wenn man das hohe Budget für die Erste Liga nicht aufstellen kann. Dann würden wir mit Rücklagen in den Amateurbereich wechseln.

LAOLA1: Es gibt das Gerücht, dass dem SCWN durch eine Erbschaft, die der Zeugwart gemacht hat, finanziell sehr geholfen wird.

Kreissl: Ich kann das Gerücht insofern bestätigen, dass der Betroffene davon ausgeht, eine Erbschaft zu machen. Ich kann die abenteuerliche Höhe nicht bestätigen. Es handelt sich bei Gott um keine Beträge, bei denen wir sagen, dass wir keine Sorgen mehr hätten. Es kann helfen, dass wir die Lizenzierung schaffen. Dieser Prozess ist erst im Laufen, diese Erbschaft ist noch nicht gemacht. Es ist toll, dass jemand bereit ist, mitzuhelfen. Es ist also eventuell möglich, aber noch nicht durch, weshalb es viel zu früh ist, konkret darüber zu sprechen.

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA Meins

SC Wiener Neustadt

Verpasse nie wieder eine News ZU SC Wiener Neustadt!

Einfach über LAOLA Meins diesem Thema folgen, und individuell und persönlich alle Infos erhalten!

Zum Seitenanfang» 0 Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen

COMMENT_COUNT Kommentare