"Wir wussten, dass uns nicht viel passieren kann"

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Morgens, 6 Uhr in Kapfenberg.

Das Radio schaltet sich ein, eine vertraute Melodie erklingt. Kurt Russ wälzt sich aus dem Bett, wäscht sich kurz das Gesicht, schiebt die Vorhänge weg und blickt aus dem Fenster. Wieder sind seine besten Spieler weg.

Es ist eine Szene, wie sie sich in den letzten Jahren mehrmals abspielen hätte können. 

Der Trainer der Falken hat einen undankbaren Job. Seit dem Abstieg aus der Bundesliga nahm das Zuschauerinteresse kontinuierlich ab und aufgrund chronischer Finanzprobleme sind Spieler nach einer guten Halbsaison meist bei einem neuen Klub.

Aus dieser Not heraus sind die Obersteirer - abgesehen vom Ausnahmefall Liefering - der wohl einzige Verein, der das demnächst endgültig zu Grabe getragene Motto "Heute für Morgen" ernst nimmt.

Kaderverjüngung auf die extreme Tour

Seit dem Frühjahr beträgt der Altersdurchschnitt des Kampfmannschafts-Kaders 20,8 Jahre. Es ist der jüngste der Klubgeschichte. Nur der besagte Red-Bull-Satellitenklub ist in seiner Gesamtheit noch jünger.

Im Winter nahmen unter anderem Christian Bubalovic, Sergi Arimany, Dimitry Imbongo und Andreas Lasnik Abschied aus der Böhlerstadt. Sie alle waren Leistungsträger und zusammen für 18 von 29 Toren im Herbst verantwortlich.

Wer gedacht hatte, dass die Falken nach diesem Aderlass zum Tabellen-Sturzflug ansetzen würden, der irrte.

Der Ertrag nach sechs Frühjahrsrunden ist bemerkenswert:

Platz Verein Spiele S U N Tore TV Pkt
1 LASK 6 4 1 1 10:5 +5 13
2 Kapfenberg 6 4 0 2 12:8 +4 12
3 SKN St. Pölten 6 4 0 2 7:7 0 12
4 SC Wr. Neustadt 6 3 2 1 9:7 +2 11
5 FC Liefering 6 2 2 2 10:7 +3 8
6 SC Austria Lustenau 6 2 2 2 10:9 +1 8
7 FAC Wien 6 2 1 3 4:5 -1 7
8 FC Wacker Innsbruck 6 2 1 3 4:5 -1 7
9 SV Austria Salzburg 6 1 1 4 5:11 -6 4
10 SK Austria Klagenfurt 6 1 0 5 5:12 -7 3

Beim jüngsten 4:1-Auswärtssieg in Klagenfurt war die Kapfenberg-Startelf 22,36 Jahre alt. Nur Liefering stellte eine jüngere Anfangsformation (19,09 Jahre), die nächstälteste bot Wr. Neustadt gegen Floridsdorf auf (24,09).

Anderes System, mehr Tempo

Zwar weiß Russ wie wohl kaum ein zweiter Trainer der Liga, wie man aus wenig viel herausholen kann, ein derart heftiger Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Moment wie nach der letzten Transferperiode war aber auch für ihn neu.

"Wir haben gewusst, dass uns nicht viel passieren kann. Der FAC war weit hinten und Salzburg steigt fix ab. Deshalb haben wir uns für diesen Weg entschieden und er stellt sich als sehr gut heraus", konstatiert der 51-Jährige im Gespräch mit LAOLA1.

Ligaintern war man sich eigentlich sicher, dass Kapfenberg bis zum Saisonende an Boden verlieren wird. Russ war vom Gegenteil überzeugt und machte es sich in der Underdog-Rolle gemütlich: "Ich war mir sicher, dass das nicht so sein wird. Wir haben unser System umgestellt, gut trainiert und schon in den Tests gegen Ried und WAC gesehen, dass das funktioniert."

Hatte man im Herbst mit Imbongo, Arimany oder auch Lasnik die Akteure, um in einer 4-3-3-Grundausrichtung mit zwei Flügelstürmern zu operieren, kommt im Frühjahr ein kompakteres 4-1-4-1 zum Einsatz.

Durch die Firschzellenkur im Kader hat sich die Spielweise der Falken verändert: "Wir haben im Herbst sicher langsamer nach vorne gespielt, hatten auch Spielertypen, die viel öfter den Ball verlangt und Offensivläufe eher abgebrochen haben. Jetzt es so, dass wir junge Spieler haben, die nach vorne spielen wollen und das sieht man auch."

Umfeld Fluch und Segen zugleich

Die Liga-Konstellation mit zwei praktisch feststehenden Fixabsteigern ist alles andere als gewöhnlich. Kapfenberg versteht es, seine Vorteile daraus zu ziehen. Auch psychologischer Natur. "Es gibt für einen jungen Spieler nichts Besseres. Sie wissen, sie können Fehler machen. Es ist nicht gleich so, dass alle draufhauen", so Russ. 

Auch das ruhige Umfeld trägt seinen Teil dazu bei. Was für junge Spieler bei ihren ersten Schritten im Profibereich gut ist, sorgt bei Verantwortlichen für Sorgenfalten. Der Zuschauerschnitt im Herbst ist im Vergleich zum Vorjahr zwar gestiegen, liegt aber weiterhin bei traurigen 740. In der letzten Bundesliga-Saison 2011/12 schafften es im Schnitt immerhin noch 2.400 Fans ins Fekete-Stadion.



Bei Herr und Frau Kapfenberger ist noch Überzeugungarbeit notwendig. Der Trainer hat Hoffnung: "Es spricht sich herum. Die Leute sind erfreut über unsere Leistungen. Man sieht das an den Zuschauerzahlen noch nicht so, aber es ist ein Weg. Der Weg ist gut für Kapfenberg und ich hoffe, dass sich das bald im Besuch niederschlägt."

Nächste Abgänge bereits eingeplant

Der Weg der Kapfenberger Sportvereinigung sieht auch vor, immer wieder neu aufstehen zu müssen. Abgänge sind nicht möglich, sie wirken schon fix eingeplant. "Zwei, drei Spieler werden sicher abgeworben", sagt Russ.

Die Verträge mehrerer aktueller Stammspieler laufen jedenfalls aus. Darunter Innenverteidiger und Kapitän Manfred Gollner, Ex-Liefering und Ex-ÖFB-U19-Linksverteidiger Manuel Haas, die zentralen Mittelfeldspieler Gerald Nutz, Marco Perchtold und der rechte Mittelfeldspieler Dominik Frieser (5 Tore, 6 Assists).

Möglicherweise hat der eine oder andere finanziell potentere Erste-Liga- oder sogar Bundesliga-Klub seine Fühler schon ausgestreckt.

Bleibt das Thema Lizenz. Nach zwischenzeitlich sorgenvollen Tönen regiert mittlerweile auch hier Zuversicht. "Sie sollte kein Problem sein", verlautbarte Präsident Erwin Fuchs nach Einreichen der Unterlagen.

Russ schreibt Wacker nicht ab

Auch für Trainer Russ sei die Situation nicht so angespannt wie medial teilweise dargestellt. Abgesehen davon sind ihm diesbezüglich die Hände gebunden. Er konzentriert sich auf das Sportliche und den nächsten Gegner LASK (ab 18:30 Uhr im LAOLA1-Liveticker): "Wir haben gegen sie immer brav gespielt, aber auch die Punkte abgegeben. Das muss sich ändern."

Das Ziel ist zumindest ein Punkt. Davon würde die Konkurrenz im Titelrennen profitieren. Dazu gehört laut Russ auch noch der FC Wacker Innsbruck: "Ich würde sie nicht abschreiben, aber sie brauchen jetzt einen Lauf."

Den brauchen die Falken wohl nicht mehr, um die Saison dennoch im gesicherten MIttelfeld zu beenden. Vor der nächsten Spielzeit wird Russ wieder aufstehen und aus dem Fenster blicken.

Heute kann er sagen: "Wie man sieht, geht es trotzdem weiter." 

 

Andreas Terler

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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