Vom Tormanntrainer zum Tausendsassa

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Kein Stallgeruch, keine außergewöhnliche Vita als Aktiver, keine große Lobby. Dass Günter Kreissl trotzdem Geschäftsführer Sport beim SK Sturm wird, ist eine kleine Sensation.

Der ehemalige Tormanntrainer hat in den vergangenen Jahren einen spannenden Weg beschritten und sich einen ausgezeichneten Ruf erworben.

„Er passt ganz sicher zu Sturm. Das ist ein Arbeiterverein, ein eher einfacher Verein. Er wird sehr viele Sturm-Fans ansprechen“, ist sich WAC-Coach Heimo Pfeifenberger sicher.

Der Salzburger hat zweieinhalb Jahre gemeinsam mit Kreissl beim SC Wiener Neustadt gearbeitet.

Zunächst war Kreissl als Teil des Trainerteams für die Goalies zuständig, danach hat er eine erstaunliche Wandlung vollzogen. Frank Stronach hatte dem Verein die Magna-Millionen und seine Liebe entzogen, der Klub stand vor einer ungewissen Zukunft. Einst mit Europacup-Ambitionen ausgestattet, war der SCWN zum notorischen Abstiegskandidaten geworden.

"Er ist einer, der hackelt"

Unruhige Zeiten, auch im Backoffice. Anfang November 2012 übernahm Kreissl das Zepter, wurde plötzlich zum wichtigsten Mann im Verein. Sport- und PR-Manager war die offizielle Bezeichnung, die er trug. Sein Aufgabenbereich: strategische Planung, Kaderplanung, Abwicklung der Transfers, Ausbau des Scoutingbereichs, Ansprechpartner für Medien und diverse Partner. Der Blondschopf machte im Alleingang jene Arbeit, für die bei größeren Klubs fünf bis sechs Personen auf der Gehaltsliste stehen.

Ein Team in Wr. Neustadt: Pfeifenberger und Kreissl
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„Er hat Struktur in den Verein gebracht, hat mit großem Engagement und bescheidensten Mitteln alles aufgebaut. Er kann aus sehr wenig sehr viel rausholen“, erinnert sich Pfeifenberger. Austrias Akademieleiter Ralf Muhr sagt: „Er ist einer, der hackelt, er ist sich für nichts zu schade.“ So hat ihn auch Stürmer Thomas Pichlmann während seiner Zeit beim SCWN erlebt: „Der Tag könnte für ihn noch länger dauern, er würde die zusätzlichen Stunden auch noch in den Fußball investieren.“

Der mittlerweile 41-Jährige war innerhalb weniger Wochen vom Tormanntrainer zum Tausendsassa geworden. Hier ein Transfer, dort eine Vertragsverlängerung, dazwischen eine selbstverfasste Presseaussendung und das Einbringen seiner Ideen beim Marketing.

2002, zehn Jahre nach seiner Matura in Wien-Erdberg, hatte Kreissl die Sportmanagement-Akademie der österreichischen Bundesliga mit Auszeichnung abgeschlossen. Von 2003 bis 2011 konzentrierte er sich auf den Erwerb diverser Trainer-Lizenzen – er hat die UEFA-A-Lizenz und das Tormanntrainer-Diplom des ÖFB. Bei all seinen Ausbildungen galt er stets als Musterschüler.

"Er war ein Nervenbündel"

Der Eindruck entsteht, dass Kreissl immer etwas nachholen wollte. Pichlmann erzählt: „Er hat einmal zu mir gesagt: ‚Als Spieler hatte ich oft im richtigen Moment nicht die richtigen Nerven. All die Dinge, die ich als Spieler erleben wollte, will ich jetzt als Manager erleben.‘ Das lebt er jeden Tag.“

Der Tormann Günter Kreissl ist nämlich nicht viel mehr als eine Randnotiz in den Statistikbüchern. „Als Spieler war er ein Nervenbündel. Damals hat er zu viel nachgedacht. Als Manager hat er aber genau mit dieser Tugend Erfolg“, sagt Pichlmann. Der Angreifer hat gemeinsam mit dem 41-Jährigen bei dessen letzten Profi-Stationen Vienna und DSV Leoben gespielt.

Kreissl als Aktiver im Austria-Tor
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Begonnen hat Kreissl mit sieben Jahren bei der Austria, hat dort den gesamten Nachwuchs durchlaufen und stand mit langen, blonden Haaren zwischen den Pfosten, drei Mal auch für die ÖFB-U21.

Doch beim FAK wollte der Durchbruch zunächst nicht klappen, er wurde an Stockerau, Himberg und die Admira, wo er im März 1997 sein Bundesliga-Debüt feierte, verliehen. Zurück bei den Veilchen gab es kein Vorbeikommen an Wolfgang Knaller. Zwischen 1997 und 2000 kam der Keeper nur auf 20 Pflichtspiele.

Anschließend ging es zur Vienna, wo Kreissl den Abstieg in die Regionalliga verkraften musste, und nach Leoben. Er war anders als die meisten Goalies dieser Zeit. Das hat auch Pichlmann in Erinnerung: „Ich war damals ein ganz junger Spieler, er hatte schon viel Erfahrung gesammelt. Ich war menschlich sofort sehr angetan von ihm. Er war nicht der typische Tormann, der regelmäßig einen Aushänger hatte und queruliert hat. Er war immer sehr menschlich und hilfsbereit.“

"Sein Umgang mit Menschen hat mich immer fasziniert"

Schon in Leoben arbeitete Kreissl nebenbei als Tormanntrainer im Nachwuchs, ab 2003 war er in der Stronach-Akademie angestellt und auch Teil des Trainerteams der Austria Amateure. Robert Almer, Heinz Lindner und Jörg Siebenhandl zählten zu seinen Schützlingen. „Er hat nicht nur fußballspezifisch, sondern auch im mentalen Bereich immer toll mit den Jungen gearbeitet“, sagt Muhr, damals Kreissls Chef.

Dass sein ehemaliger Kollege mittlerweile den Job des Managers ausübt, überrascht ihn nicht. Er findet jedoch: „Er hätte sicher auch als Tormanntrainer seinen Weg machen können. Ich hätte ihm eine Rolle wie Hans Leitert auf jeden Fall zugetraut.“ Leitert ist seit 2010 Leiter der Torwartabteilung bei Red Bull, war davor unter anderem bei Tottenham und Panathinaikos engagiert.

Ralf Muhr war Kreissls Chef in der Stronach-Akademie
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Muhr lobt Kreissl weit über seine sportliche Qualifikation hinaus: „Er ist ein hochintelligenter Bursche mit einer hohen Sozialkompetenz. Mich hat sein Umgang mit Menschen immer fasziniert.“ Bei den Aufnahmeverfahren für die Stronach-Akademie hat Kreissl immer die Station „Sozialkompetenz“ betreut. Er hat mit den jungen Burschen Gespräche abseits des Fußballs geführt, um ihre Charaktere einschätzen zu können.

Pfeifenberger hat den 41-Jährigen einige Jahre später genauso erlebt: „Er hört dir zu, wenn du mit ihm sprichst. Das ist eine große Gabe. Er gibt dir immer das Gefühl, dass er dich ernst nimmt. Wenn es sein muss, ist er kritisch, aber trotzdem sehr positiv. Er spricht Dinge konsequent an, pusht im nächsten Augenblick seinen Gesprächspartner aber auch wieder. Er hat eine künstlerische Ader. So ist er auch in der Kommunikation. Er findet sehr oft die richtigen Worte für die jeweilige Situation.“

"Er schaut über den Tellerrand"

Schon als Tormanntrainer hat Kreissl beim SCWN diese Qualität einbringen können. „Als er noch Tormanntrainer war, habe ich ihn immer wieder darum gebeten, auch zur Mannschaft zu sprechen. Er hat sich da immer coole Geschichten überlegt. Er spricht sehr viel in Bildern“, berichtet Pfeifenberger.

Tatsächlich ist die Eloquenz und Direktheit Kreissls in Gesprächen offenkundig. Bei Interviews kann der Rotstift in der Tasche bleiben, der Vater eines Sohnes und einer Tochter ist kein Phrasendrescher, Floskeln erspart er sich. Auch abseits des Fußballs hat der Badener viele Interessen, er ist leidenschaftlicher NFL-Fan und hat zu tagesaktuellen Themen fundierte Meinungen. „Er schaut über den Tellerrand, ist für viele Dinge offen“, sagt Muhr.

Pfeifenberger verrät: „Musik ist seine ganz große Leidenschaft. Er hat auch Lieder geschrieben.“ Das berichtet auch Pichlmann: „Er ist ein Musikfreak. Als wir bei Leoben waren, haben wir eine Fahrgemeinschaft gebildet, da hatte er immer neue Playlists dabei.“

"Ein harter Verhandlungsführer"

In Wiener Neustadt hat Kreissl indes in seinen ersten eineinhalb Jahren als Manager immer dasselbe alte Lied gehört. Der SCWN galt als Abstiegskandidat Nummer eins. Doch unter seiner Führung wurden die Niederösterreicher 2013 Siebenter und 2014 Achter, ehe sie 2015 dann doch in die Erste Liga mussten.

Obwohl die Gehälter, die der Klub bezahlt hat, denkbar gering waren, konnte Kreissl immer wieder einen schlagkräftigen Kader zusammenstellen. Pichlmann: „Ja, er ist ein harter Verhandlungsführer. Aber das musste er in Wiener Neustadt ja auch sein. Er musste immer andere Reize setzen als die finanziellen. Er weiß, wie man verhandelt, damit er die Spieler, die er will, bekommt.“

In Wr. Neustadt hat er das Zepter in der Hand
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„Es greifen andere Sachen. Jeder, der von uns weggeht, wird dir erzählen, dass wir ein extrem seriös geführter, hochprofessionell arbeitender Klub mit hoher Zahlungsmoral und einem sehr soliden Gesamtauftritt sind. Wir haben uns einen positiven Ruf aufgebaut – damit punkten wir“, erklärte Kreissl einmal.

Dass der SCWN immer wieder interessante, junge Kicker aus unteren Ligen verpflichten konnte, war kein Zufall. Der Ex-Tormann hat ein Scouting-Netzwerk aufgebaut, das aller Ehren wert ist. Nicht zuletzt deshalb, weil er immer die richtigen Leute um sich geschart hat. „Er hat in seinen Trainer- und Scoutingstab immer Leute geholt, von denen er wusste, dass sie menschlich in Ordnung sind“, weiß Muhr. Als Beispiele seien die beiden ehemaligen Stronach-Akademiker Andreas Schicker, aktuell spielender Co-Trainer, und Thomas Raser, so etwas wie Kreissls persönlicher Assistent, genannt.

Vertrauen ist überhaupt ein Schlüssel zu Kreissls Erfolg. „Er handelt immer in Absprache mit dem Trainer. Es ist nie etwas geheim geblieben. Wenn er das Vertrauen zu einem Trainerteam hat, ist die Kommunikation total offen“, sagt Pfeifenberger.

"Das Sturm-Umfeld wird positiver werden"

In der aktuellen Saison hat sich Kreissls Rolle noch einmal verändert. Noch am Tag des Abstiegs hat er bis um 3 Uhr in der Früh gearbeitet. Als Manager nach englischem Vorbild – er überlässt seinen Co-Trainern die tägliche Arbeit, überwacht aber die Trainings und sitzt bei den Spielen als Chefbetreuer auf der Bank – ist ein weiterer Job hinzugekommen.

Trotz etwas holprigem Start hat sich der SCWN, auch in der Ersten Liga als ganz heißer Abstiegskandidat gehandelt, längst aller sportlicher Sorgen entledigt. Dabei hätte im Winter alles ganz anders kommen können. Der ÖFB wollte Kreissl als Tormanntrainer-Nachfolger für den zur Austria abgewanderten Franz Wohlfahrt, handelte sich aber eine Absage ein.

Beim Angebot des SK Sturm wurde Kreissl aber nun schwach. Für Pfeifenberger haben die Grazer eine gute Wahl getroffen: „Das Umfeld wird sicher positiver werden. Wenn das Umfeld nicht mitzieht, geht er wieder – da ist er sehr konsequent.“

Pichlmann sieht es nicht anders: „Sturm muss notgedrungen jene Philosophie, die er jahrelang verkörpert hat, fahren. Sturm sagt, dass es finanziell nicht auf Rosen gebettet ist und junge Spieler wichtig sind. Mit Kreissl kommt ein Mann, der schon unter Beweis gestellt hat, dass er mit dieser Philosophie Erfolg haben kann.“

Muhr findet indes warnende Worte: „Die Skepsis der Legenden und Ex-Spieler im Umfeld wird schwierig sein.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass der Tausendsassa die Skeptiker überzeugt.

Harald Prantl


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