Lifecoach redet Klartext

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Adrian „Lifecoach“ Koy ist wohl einer der Lichtgestalten nicht nur in der deutschsprachigen Hearthstone-Community, sondern auch weltweit.

Der 35-Jährige hat bereits diverse Turniersiege in seinem Lebenslauf stehen und ist auch für seinen sympathischen Livestream auf Twitch.tv bekannt.

Vor zwei Wochen erschütterte er jedoch mit einem Video-Tagebuch auf YouTube, wo er ankündigte, von der Hearthstone-Ladder genug zu haben die Community. Wir haben ihn deshalb um ein Interview gebeten.

LAOLA1: Hallo Adrian, du hast ja mit dem Vlog für mächtig viel Diskussionsstoff gesorgt. Was sind denn deine Hauptgründe für deine Abkehr vom regelmäßigen Hearthstone streamen?

Lifecoach: Für mich ist Hearthstone einfach nicht mehr kompetitiv. In Hearthstone kann man schlecht spielen und gewinnen, man kann aber auch sehr gut spielen und viele Spiele verlieren. Zusätzlich sind mittlerweile so viele RNG-Elemente im Spiel, wie zum Beispiel Yogg Saron, die Kernpunkte eines Decks sein können und eben Spiele gewinnen können, ohne eigentlich gut zu spielen. Zusätzlich dazu wurden Karten, beziehungsweise Mechaniken abgeschwächt, die grundsätzlich interessant waren und deswegen ein Stück weit die Komplexität damit verloren ging. Das soll jetzt nicht heißen, dass Hearthstone komplett nur für Casual-Zocker ist, denn es hat auch eine gewisse Spieltiefe, wenn die richtigen Karten vorhanden sind und da hat es auch immer noch ein riesiges Potenzial. Deswegen höre ich nicht komplett mit Hearthstone auf und mache eher ein „cherry-picking“. Ich mache noch das was ich will. Dazu gehören auch zum Beispiel Turniere wie die Trinity Series oder die Hearthstone Global Games.

LAOLA1:  Wie hat denn Blizzard auf deinen Vlog reagiert?

Lifecoach: Also da herrscht kein böses Blut, da ich mit vielen bei Blizzard Entertainment und vor allem im Hearthstone-Department gut befreundet bin. Es war ja auch kein Angriff auf das Spiel.

LAOLA1: Jetzt werden in diesem Jahr drei Erweiterungen angekündigt. Ist das nicht etwas zu schnell und zu viel?

Lifecoach: Also rein vom kompetitiven Standpunkt her finde ich das okay. Es ist gut, dass es Erweiterungen sind und keine Abenteuer, da es dann doch wesentlich mehr Karten sind, mit denen man arbeiten kann. Der Vorteil von Abenteuern war halt, dass sie eben günstig waren und eigentlich nur für das Spiel relevante Karten beinhalten.

LAOLA1: Du bist ja jetzt zu einem neuen Kartenspiel gewechselt, das sich „Gwent“ nennt und ist derzeit in der Open-Beta-Phase. Was macht dieses Spiel besser als Hearthstone?

Lifecoach: Ja Gwent ist in vielerlei Hinsicht anders. Zum einen ist das Spiel nicht unendlich komplex, es lässt aber Komplexität zu und dementsprechend kann der Skill-Unterschied schon beträchtlich hoch sein. Zum anderen ist das Spielprinzip ein anderes. In Hearthstone hast du ein oder zwei taktische Möglichkeiten, währenddessen Gwent viele unterschiedliche Möglichkeiten bietet, das Spiel zu gewinnen. Die Karten kosten auch kein Mana, man kann also immer und überall sämtliche Karten ausspielen, die auf der Hand sind. Gwent hat ähnlich wie bei Schach kein „Skill-Cap“, man wird also auch besser je mehr Zeit man investiert und das kann man auch dem Gegner zeigen. Wenn man viel besser spielt als der Gegner, dann gewinnt man auch 80 bis 90 Prozent der Spiele. Im Vergleich zu Hearthstone, wo man bei gleicher Voraussetzung 55 bis 60 Prozent der Spiele gewinnt. Auf der Ladder in Gwent hat man trotzdem derzeit „nur“ 60% Winrate, weil einfach das Matchmaking-System außerordentlich gut gemacht wurde und deshalb man auch wirklich einen Gegner bekommt, der ungefähr auf deinem Niveau spielt. So trivial das auch klingt, ist dieser Umstand nicht selbstverständlich. Ein weiteres ist, dass die Entwickler tatsächlich auch auf die Profi-Spieler hören und sie versuchen, sich mit diesen an einen Tisch zu setzen und eine Lösung für den kompetitiven Bereich zu finden, ohne den Casual-Bereich zu beeinflussen.

LAOLA1: Also ist auch das Developer-Team von Gwent wesentlich aktiver, als bei Hearthstone, wenn es um Community-Feedback geht?

Lifecoach: Das kann man so nicht sagen, denn auch das Hearthstone-Developer-Team nimmt ihre Community ernst und hört auch auf sie. Sie müssen ja auch nicht auf jeden Verbesserungsvorschlag eingehen, weil auch viel Unsinn dabei ist. Aber teilweise sehe ich Aktionen von Blizzard, die so an der Community vorbeigehen, vor allem an der Pro-Community, dass es schon fast an Absurdität grenzt. Jetzt haben wir ja die Verteuerung der Packs. Sowas macht man halt nach der Erweiterung und nicht davor, wo die Leute forciert darauf sind, das zu kaufen, um überhaupt mithalten zu können. Da muss man sich ja auch vom psychologischen Standpunkt her schlecht fühlen.

LAOLA1: Kommen wir noch einmal zurück zu deinem Tweet. Glaubst du nicht, dass dir dann ein bisschen die Übung fehlt?

Lifecoach: Also wenn ich mit Hearthstone für ein paar Monate aufhöre, dann weiß ich, dass ich ein schlechterer Spieler bin als vorher und ich halt statt 60% meiner Spiele dann nur 55% gewinne, weil es das Spiel zulässt, mit wenig Aufwand trotzdem mithalten zu können. Vielleicht nicht auf dem Level wie vorher, aber dieser Unterschied ist nur marginal.

LAOLA1: Als Abschlussfrage noch kurz etwas Anderes: Du bist ja jetzt eine Zeit lang in Wien und siehst auch einen Teil der eSports-Szene hierzulande. Was ist der große Unterschied zwischen Österreich und deinem Heimatland Deutschland in dieser Hinsicht?

Lifecoach: Ich bin eher vorsichtig damit, über die komplette eSports-Szene zu reden, weil jeder Pro-Gamer eines eSport-Titels anders ist. Ich denke einfach, dass die eSports-Szene einfach nicht ernst genug genommen wird. Im 20. Jahrhundert stand der körperliche Wettkampf im Vordergrund und im 21. Jahrhundert ist es eben auch der geistige Wettkampf, zum Beispiel in Form des eSports. Bereits diesen absurden Vergleich zu stellen, zeigt, wie „disconnected“ die Leute davon sind. Ich persönlich finde geistigen Sport sehr wichtig, aber das ist natürlich nur meine Meinung. Ich denke, eSports hat es noch nicht geschafft, den geistigen Wettkampf hier salonfähig zu machen und viele Leute empfinden eSports nicht als große kompetitive Komponente. Solange sich das nicht ändert, wird es eSports schwer haben. Vor allem in Österreich, weil meinem Gefühl nach, viele Menschen in Österreich eher konservativer eingestellt sind.

LAOLA1: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Lukas Bergmann.

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