"Es taugt uns, die Leitwölfe zu sein"

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Der Hunger nach Erfolg ist bei den Linger-Brüdern längst nicht gestillt.

Nach großartigen Erfolgen sind Andreas Linger und sein jüngerer Bruder Wolfgang am besten Weg, sich in die Geschichtsbücher einzutragen.

Nach zwei Olympiasiegen und zwei Kunstbahn-Weltmeistertiteln warten mit dem erstmaligen Gewinn des Gesamtweltcups und dem dritten Gewinn von Olympia-Gold in Folge noch zwei weitere große Aufgaben auf die Tiroler.

Mit großer Sympathie und Bodenständigkeit rodeln sich die Parade-Athleten in die Herzen der Fans.

Volle Konzentration auf die Saison 2011/2012

Wolfgang Linger: Natürlich hat man, wenn man am Olympia-Start oben steht, nicht so einen Ruhepuls wie bei einer Trainingsfahrt. Druck ist da, wir wollen diese große Chance beim Schopf packen, jedoch geht die Karriere weiter, auch wenn wir es nicht schaffen. Wir werden trotzdem Doppel-Olympiasieger bleiben. Solange wir Rodeln, werden wir Siegfahrer bleiben. Wir möchten gewinnen und ehrgeizig sein.

 LAOLA1: Die Bahn in Sotschi ist noch nicht fertiggestellt, wie bereitet man sich in solch einem Fall auf die Gegebenheiten vor?

Andreas: Man versuch alle Informationen zusammenzutragen, wie die Bahn sein wird. Die Anlage wird im März 2012 fertig und von uns Sportlern abgenommen. Ich befürchte aber, dass sie uns nicht die Testfahrten machen lassen, sondern andere Österreicher nehmen. Wir werden erst im Herbst 2012 mit der Bahn in Kontakt kommen und sie dann perfekt für uns nutzen. Grundsätzlich gelten aber wie immer dieselben Grundvoraussetzungen. Der Start ist wichtig, das Material muss passen und natürlich das Fahren.

Wolfgang: Es ist für jeden das Gleiche, es gilt sich perfekt auf die Bahn einzustellen. Uns kommt bestimmt zugute, dass uns technisch anspruchsvolle Bahnen liegen. Bei einer neuen Bahn ist die Technik entscheidend.

LAOLA1: Mit der Teamstaffel gibt es ein sehr interessantes neues Format, welches der Weltverband für Sotschi ins Olympische Programm aufgenommen hat. Erhöht das die Attraktivität eurer Sportart?

Andreas: Für uns ist das natürlich eine super Sache, weil wir eine zweite Chance haben, uns zu präsentieren und Medaillen zu gewinnen. Die Teamstaffel ist der Mannschaftsbewerb unter uns Rodlern. Pro Nation fährt eine Dame, ein Herren-Einsitzer und ein Herren-Doppelsitzer. Der Erste startet ganz normal oben weg, berührt im Ziel ein Touchpad und das Gatter für den nächsten Schlitten am Start löst sich. Am Ende zählt die gemeinsame Zeit. In welcher Reihenfolge man fährt, richtet sich nach den Bahngegebenheiten.

Wolfgang: Ein perfektes Format mit Teamspirit und Spannung. In manchen Funktionärswesen hört man oft, dass alle einschlafen, in unserer Sportart geht aber wirklich etwas weiter und die Leute sind motiviert.

LAOLA1 traf Österreichs Aushängeschilder zum Interview auf ihrer Heimstrecke Igls:

LAOLA1: Ihr seid mitten in der Vorbereitung, wie ist der Stand der Dinge?

Andreas Linger: Man sagt immer, einen guten Wintersportler macht man im Sommer. Insofern sind wir für den Weltcup-Start am 27. November in Igls gut gerüstet. Die Saisonziele sind ähnlich wie jedes Jahr. Wir haben eine Weltmeisterschaft in Altenberg (GER) auf einer Bahn, auf der wir immer schon schnell waren. Ein großes Ziel ist der Gesamtweltcup, dieser fehlt noch auf der Liste. Mit Platz zwei im Vorjahr waren wir schon knapp dran.

LAOLA1: Ihr habt bei Großereignissen alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Den Weltcup jedoch noch nicht. Woran liegt das?

Andreas: Beim Gesamt-Weltcup muss eine ganze Saison tip top passen. Über alle Stationen und den ganzen Winter hindurch ist es vonnöten gute Rennen zu fahren. In den vergangenen Saisonen hatten wir immer wieder kleinere Schnitzer drin. Bei Großereignissen waren wir meist auf Bahnen, die uns gut liegen. Wir konnten uns auf den Tag X perfekt vorbereiten und hatten dazu das notwendige Glück.

LAOLA1: Ihr seid die erfolgreichsten Rodler der letzten Jahre. Was könnt ihr noch verbessern?

Andreas: Am Ende der Saison lässt man alles Revue passieren. Wo waren wir gut, wo kann man noch mehr herausholen. Grundsätzlich setzt jeder dort an, wo er glaubt, das meiste Potential zu haben. Jeder muss für sich das Optimum herausarbeiten. Wir können an unserer Kondition arbeiten und gemeinsam das Material verbessern. Etwas wo man sehr viel Zeit liegen lassen kann und man nie schnell genug sein wird, ist der Start.

LAOLA1: Als zweifache Olympiasieger könnt ihr 2014 in Sotschi als erste Österreicher dreimal in Folge in der gleichen Disziplin Olympiasieger werden. Lastet Druck auf euch?

LAOLA1: Wenn es zu schweren Unfällen kommt, wie zum Beispiel letztes Jahr in Vancouver, überlegt man sich dann, ob es das alles Wert ist?

Wolfgang: Man reist dort an und hat im Kopf, Rodeln ist alles. Hundertstel, Zehntel sind das Wichtigste im Leben. Jeder möchte gewinnen, jeder hat auf diesen Tag hintrainiert. Von der einen auf die andere Minute merkt man erst, dass es ganz egal ist, ob man schnell oder langsam ist. Es geht um weit mehr im Leben. Dieser Vorfall hat uns sehr beschäftigt und mitgenommen. Wir sind froh, dass die Starthöhe längerfristig heruntergesetzt wurde, um die brutale Geschwindigkeit in Vancouver zu entschärfen.

LAOLA1: Als Rodler ist man sehr viel unterwegs, fällt das schwer als frisch gebackener Papa? Wie verschieben sich die Prioritäten?

Wolfgang: Wir leben fürs Rodeln, aber trotzdem weiß man genau, was wirklich entscheidend ist im Leben. Meinem Sohn ist es gleich, ob ich nach Olympia mit einer Goldenen um den Hals oder mit einem 15. Platz nach Hause komme. Er wird sich mehr darüber freuen, dass der Papa wieder da ist. Als Anfang 20-Jähriger ist Rodeln alles. Fährt man ein schlechtes Rennen, bricht die Welt zusammen. Heute ärgern wir uns auch über schlechte Leistungen, jedoch im selben Moment denkt man daran, was man alles geschafft hat und kann gelassener auf die nächsten Ziele hinarbeiten.

LAOLA1: Geht man sich auch irgendwann auf die Nerven, wenn man sich seit Kindheitsbeinen gegenseitig kritisch betrachten muss, um sich weiterzuentwickeln?

Schiegl und Schiegl gehören heute zum Trainerstab der Lingers

LAOLA1: War Einsitzer je ein Thema?

Wolfgang: Als Junger beginnt jeder mit Einzel, ab 15 dann mit der Doppelsitzerklasse. Unsere Vorbilder damals waren Schiegl/Schiegl. Wir haben uns gedacht, Linger/Linger würde sich auch gut anhören und so ist es dann auch entstanden. Damals war noch nicht klar, dass es funktionieren könnte. Schließlich haben wir gesehen, dass beim Doppel die Chancen größer waren.

Andreas: Der Reiz ist da. Es gibt da jährlich so einen Startwettkampf im Sommer, wo ich immer dabei bin. Ich bin sehr schnellkräftig und bezwinge dann die Herren-Einsitzer. Das ist mir dann wieder Erfolg genug und ich gebe für den Rest des Jahres eine Ruhe. Es gibt einige Athleten, die Doppel und Einzel fahren. Für uns wäre das nie in Frage gekommen, da es sehr schwer ist, sich in beiden Disziplinen durchzusetzen.

LAOLA1: Spürt ihr den Boom um euch und eurer Popularität?

Andreas: Für uns persönlich ist das mittlerweile eine ganz andere Nummer. Die Leute kennen uns, respektieren unsere Erfolge und haben auch große Freude mit unseren Leistungen. Wenn man dann an die gesamte Sportart denkt, wirkt sich das auch sehr positiv aus und es ist schön, dass im Nachwuchs etwas weitergeht. Generell nutzt der Rodelverband diesen Boom perfekt aus und schafft für uns ein ideales Umfeld. Insofern wird in diesem kleinen, jedoch feinen Verband mittlerweile sehr professionell gearbeitet.

Andreas: Es war nicht immer ganz einfach. Wenn es beim Testen ein bisschen klemmt und es bei einem Rennen einmal nicht so gut läuft, sind schon Situationen dabei, in denen es nicht mehr so einfach ist. Krachen tut es bei uns fast nie, weil man sich einfach so gut kennt und weiß, wann Schluss ist. Dann geht man sich eine halbe Stunde aus dem Weg oder dem anderen einen Schritt entgegen. Grundsätzlich sind wir sehr friedlich.

LAOLA1: Wen von euch zwei hat das Rodel-Fieber als erstes gepackt?

Andreas: Wir haben am gleichen Tag an selber Ort und Stelle begonnen. Mit dem Rodelverein in Absam, der bei uns im Ort sehr viel Tradtion hat, sind wir als Kinder nach Igls rutschen gegangen. Wolfi ist mit einem Riesen-Vollvisierhelm und Trainingsanzug runtergerutscht. Er war gerade erst neun und ich zehn Jahre alt. Wir haben viel Sport gemacht, haben bis 15 Fußball gespielt, aber das Rodeln hat uns einfach nicht mehr los gelassen.

Wolfgang: In Österreich sind wir bestimmt die erfolgreichsten Rodler, was nicht heißt, dass nicht mehr Talente vorhanden sind. Es gibt schon mehrere Athleten, die auch Siege einfahren können. Es macht Spaß, wenn man sieht, dass die Jugend auf einen schaut und erinnert sich an alte Zeiten zurück, wo wir noch einem Markus Prock nachgeeifert haben. Es taugt uns, auf eine gewisse Art und Weise die Leitwölfe zu sein.

Das Gespräch führte Patricia Kaiser

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