Freeride World Tour in Fieberbrunn: Warten gehört dazu

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"Es ist ganz wichtig, dass wir die Linie, die wir den Berg herunterfahren, auswendig lernen. Mentales Training spielt also eine große Rolle. Der größte Unterschied zu den alpinen Rennläufern ist, dass wir die Strecke nicht vorher befahren können", erklärt der österreichische Snowboard-Profi Flo Orley, wie man sich als Freerider auf einen Contest vorbereitet.

Dazu gehört auch, am Vorabend bis spät in die Nacht vor dem Computer zu sitzen und sich die Details des Runs einzuprägen.

Vor dem zweiten Stopp der Swatch Freeride World Tour in Fieberbrunn, dem einzigen in Österreich, kommt hinzu, dass der Bewerb kurzfristig aufgrund der Schneelage vom Wildseekogel auf den benachbarten Marokka verlegt wurde.

Acht Österreicher gehören zur Weltelite

Insgesamt nehmen 28 Skifahrer, 14 Snowboarder sowie 14 Skifahrerinnen und sieben Snowboarderinnen 2015 an der Freeride World Tour teil, die zum ersten Mal auch in Alaska Halt machen wird. Allerdings wird nach den ersten drei Stationen der Tour - Chamonix, Fieberbrunn und Vallnord-Arcalis - ein Cut gemacht, sodass nicht alle Athleten mit nach Alaska fliegen. Das Finale findet Ende März dann im Schweizer Verbier statt.

Qualifiziert haben sich auch zahlreiche Österreicher - Stefan Häusl, Fabio Studer und Fabian Lentsch bei den Skifahrern, Orley und Alexander Hoffmann bei den Snowboardern sowie drei Skifahrerinnen.

Da Nadine Wallner jedoch verletzt ist, gehen mit Lorraine Huber und der Siegerin des ersten Stopps in Chamonix, Eva Walkner, nur zwei Lokalmatadorinnen an den Start.

Warten

Ein Blick aus dem Fenster in Fieberbrunn verrät am Tag des Contests nichts Gutes: Dichter Nebel und leichter Schneefall bestimmen das Bild.

Der Start wird nach hinten geschoben, nicht zuletzt aufgrund des Helikopters, der das Starttor bei derart schlechter Sicht nicht auf den Berg bringen kann. "Es war ein sehr anstrengender Tag, wir waren seit fünf Uhr wach. Am Berg war schlechtes Wetter, wir mussten warten, bis wir heraufklettern konnten. Oben mussten wir weiter warten", beschreibt Swatch-Athletin Anne-Flore Marxer (SUI/FRA), die beim ersten Stopp in Chamonix nach vierjähriger Tour-Abstinenz gleich Rang zwei bei den Snowboarderinnen erreichte, im Gespräch mit LAOLA1.

Zwei Stunden später klart der Himmel überraschend auf: Die Sonne sorgt für perfektes Winterwetter, der Schnee glitzert und auch die rund 3.000 Zuschauer, die sich gegenüber auf dem Lärchfilzkogel versammelt haben, sind bereit für einen spektakulären Bewerb.

Der Schein trügt

Allerdings - die traumhafte Kulisse ist trügerisch. Von den Skifahrerinnen, die als erste starten, kommen mehrere zu Fall. Als Zuschauer bekommt man dies entweder über eine der großen Leinwände, um die eine Art Amphitheater aus Schnee gebaut wurde, mit, oder dank sehr guter Augen beziehungsweise eines Fernglases.

Nach der letzten Skifahrerin, die nach einem Sturz ins Spital gebracht werden muss, wird der Bewerb zunächst unterbrochen und schließlich für den Tag ganz abgesagt.

Die Skifahrer sowie die Snowboarder und Snowboarderinnen dürfen also nicht mehr starten.

"Der Schnee im Hang war extrem gut, aber bei den Absprüngen haben die Felsen rausgeschaut, was es sehr schwierig gemacht hat", berichtet die Schwester von Rallye-Dakar-Etappen-Sieger Matthias Walkner. "Ich habe einen sicheren Run gemacht und bin kein Risiko eingegangen. Daher habe ich auch keine Tricks und größeren Sprünge gezeigt. Dafür bin ich sehr zufrieden."

Weniger zufrieden sind sicherlich die Athleten und Athletinnen, die nicht zum Zug kamen und denen nun die ganze Vorbereitungs-Prozedur inklusive Anspannung und Schlafmangel am Dienstag noch einmal bevorsteht. Nach langen Besprechungen entschied man sich, den Bewerb - wie im Vorjahr - ebenfalls in Tirol, genauer gesagt in Kappl, nachzuholen.

Szene wächst rasant

Auch wenn die ganz große Show den Zuschauern verwehrt blieb, bleibt festzuhalten, dass sich die Sportart rasant entwickelt hat. Vor nicht allzu langer Zeit nur von einigen wenigen ausgeübt, herrscht inzwischen eine feste Struktur, die Szene wird immer größer, die Ausstattung besser und die seit 2008 bestehende World Tour fungiert als Zugpferd.

"Es ist viel größer geworden, es boomt an allen Ecken und Enden. Der Sport hat sich extrem entwickelt, von einem reinen Show-Sport zu einem richtigen Wettkampf-Sport. Vor 15 Jahren hat der gewonnen, der am Berg den verrücktesten Move gemacht hat, egal, ob er kopfüber da herunterstürzt. Damals hat man mit dem tollsten Stunt gewonnen, inzwischen haben wir ganz klare und strenge Regeln und Kriterien", bestätigt auch der 39-jährige Orley gegenüber LAOLA1 diesen Eindruck. "Wenn man nach einer Ladung beispielsweise die Hand im Schnee hat, gibt es schon Abzüge. Das ist für die Sicherheit der Rider und für die Reproduzierbarkeit des Ganzen super und es motiviert ganz viele junge Leute zum Freeriden."

Sechs Judges (drei mit Ski-, drei mit Snowboard-Hintergrund) beurteilen einen Lauf nach Flüssigkeit, Wahl der Line, Kontrolle, Sprüngen, Technik und Stil und küren schließlich den Sieger.

Wenn Berge hungrig sind

"Sicherheit geht vor", erklärt FWT-General-Manager Nicolas Hale-Woods. "Während des Wettbewerbs der Skifahrerinnen wurden die Bedingungen immer schwieriger und wir wollten nicht mit der Gesundheit der restlichen 45 Teilnehmer spielen."

Die Entscheidung ist sicher keine leichte, wenn man den organisatorischen Aufwand, die Vorbereitung der Sportler und die Interessen der Fans und Sponsoren bedenkt. Die Meinung im Lager der Fahrer ist zweigeteilt. Nicht alle finden den Abbruch gut. Allerdings meint Marxer: "Das gehört zu unserer Sportart dazu. Es ist am wichtigsten, dass wir in einem Stück bleiben und uns nicht verletzen. Bei uns gibt es sowieso schon viel Risiko, insofern müssen wir das kalkulierbare Risiko so klein wie möglich halten und wenn man irgendwo landet, wo nicht genügend Schnee liegt, ist das sehr gefährlich."

"Es ist ganz wichtig, dass wir nein sagen, wenn es zu gefährlich ist", fügt die 30-Jährige, die 2011 gleich bei ihrer ersten Teilnahme die Tour gewinnen konnte, hinzu. "Man muss ganz viel auf sein Gefühl hören. Man sollte nie fahren, wenn man ein schlechtes Gefühl hat. Manchmal sieht ein Berg aus, als ob er mich essen will. Dann fahre ich lieber wieder nach Hause."

Nachholtermin

Während die Zuschauer sich mit einer spektakulären Flugshow von Hannes Arch über den Abbruch des Bewerbes hinwegtrösten, kommen die drei besten Riderinnen zur Siegerehrung herüber: Gleich zwei von zwei Österreicherinnen stehen beim Sieg der Schwedin Lorraine Huber auf dem Podest: Walkner belegt Rang zwei, Huber wird direkt dahinter Dritte.

Marxer gewann 2011 die World Tour

Besseres Standing der Frauen

"2015 ist es auf der World Tour für Frauen viel besser als noch 2011. Früher mussten wir noch Geld zahlen, selbst wenn wir auf dem Podium standen. Inzwischen werden wir eingeladen, es gibt Preisgeld und wir haben dieselben Stationen wie die Männer. Das zieht mehr Teilnehmerinnen an, somit ist die Konkurrenz größer und besser", freut sich Marxer über die Entwicklung und antwortet auf die Frage nach einem Wunsch für die Zukunft wie aus der Pistole geschossen: "Gleiches Preisgeld für Männer und Frauen".

Die quirlige Snowboarderin, die auch Freestyle fährt und zuletzt in Grönland war, um den Film "Sedna" zu drehen ("Es war der schönste Ort, an dem ich je war. Durch Eisberge zu fahren war total verrückt. Es gab keine Menschen und keine Dörfer, nur uns"), fühlt sich in Österreich sehr wohl und trainiert auch desöfteren hier.

"Ich liebe Österreich, weil es Après-Ski gibt. Es ist das einzige Land der Welt, in dem man in den Bergen so viel Spaß hat."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Aus Fieberbrunn berichtet Henriette Werner

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