"Ich musste der Realität ins Auge schauen"

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Freitag, 26. September 2014, 12:01 Uhr.

Im Hangar-7 in Salzburg ging eine der größten Sportkarrieren Österreichs zu Ende.

Thomas Morgenstern verkündete vor laufenden Kameras, die Skier ins Eck zu stellen und seine Laufbahn zu beenden.

"Es ist der richtige Zeitpunkt", erklärte der Kärntner, der in seiner Karriere so gut wie alles erreicht hat.

Drei Olympiasiege, elf WM-Titel (acht bei Nordischen, drei bei Skiflug-WMs), zwei große Kristallkugeln, 23 Weltcupsiege, ein Tournee-Triumph - der 27-Jährige gehört zweifellos zu den besten Skispringern aller Zeiten.

LAOLA1: Gab es auf dem Weg zu deiner Entscheidung einschneidende Momente, die dir als Signale gedient haben?

Morgenstern: Ja, die gab es. Es war schon die erste Trainingsphase sehr mühsam. Daraufhin habe ich das Trainingspensum verdoppelt und noch viel mehr gebuckelt. (lacht) Dadurch ging echt was weiter, auf der 90m-Schanze hat es echt gut funktioniert.

LAOLA1: Auf der großen war es nicht ganz einfach?

Morgenstern: Auf der Großschanze war es doch mühsamer. Es ging dann bergab. Als ich oben saß, hatte ich Gedanken wie: Hoffentlich reißt die Bindung nicht ab, es könnte ein Eigenfehler sein, es könnte windig sein, es könnte eine Böe kommen, ich könnte verschneiden. Diese negativen Gedanken standen im Vordergrund, was schade ist. Das hat mich blockiert und nicht mehr dazu gebracht, jene Leistung zu erbringen, die ich von mir selbst erwarte. Der einschneidende Punkt war dann der letzte Sprung am Bergisel. Da habe ich wieder gerudert. Da fragst du dich: Warum mache ich das eigentlich? Es waren dann so viele Zeichen, die mir sagten, dass es genug ist.

LAOLA1: Wer war – abgesehen von deiner Tochter, die dir nicht antworten konnte – der Erste, dem du von deinem Entschluss berichtet hast?

Morgenstern: Das war mein Manager. Ich habe ihm eine SMS geschrieben, dass ich derzeit nicht reden will. Ich wollte nicht, dass mich irgendjemand umstimmt. Danach vergingen ein paar Minuten, ich fuhr nach Stams (zum Training auf der 90m-Schanze, Anm.) und habe dort den Sprung in mein neues Leben gemacht. Nach dem Training habe ich Heinz (Kuttin, Anm.) zu einem Gespräch gebeten. Er war dann derjenige, der danach Bescheid wusste.

LAOLA1: Denkst du, dass deine Vertrauten deine Entscheidung bereits erahnt haben?

Morgenstern: Ja. Leute, die mehr mit mir zu tun haben, wissen, wie viel Herzblut ich da immer reingesteckt und wie viel Zeit ich investiert habe, um es so gut wie möglich zu machen. Sie haben gesehen, wie sehr es mich innerlich auffraß. Mir schreibt jetzt auch jeder, dass es die richtige Entscheidung war.

LAOLA1: Du hast erwähnt, dass deine Mama definitiv nicht zu jenen gehört hat, die dich zur Fortsetzung deiner Laufbahn überreden wollten. Wie hat sie auf dein Aus reagiert?

Morgenstern: Sie war sehr erleichtert. Wir lagen uns erst mal ein paar Minuten in den Armen. Überspitzt gesagt lief sie mehrere Tage im Kreis. Es ist schwer zu beschreiben, aber sie hat sich extrem gefreut. Ich war zwölf Jahre dabei und mir geht es gut. Ich habe den Sturz am Kulm gut überstanden und hatte eine extrem erfolgreiche Karriere. Sie hat mir gesagt, jetzt kann ich mich auf mein weiteres Leben konzentrieren. Das mache ich jetzt.

LAOLA1: Du trittst als Rekord-Weltmeister, dreifacher Olympiasieger und zweifacher Gesamtweltcup-Sieger zurück. Worauf bist du in deiner Karriere besonders stolz?

Morgenstern: (überlegt) In erster Linie auf den Olympiasieg 2006, das ist klar. Über die ganze Karriere gesehen bin ich aber besonders auf das aktuelle Jahr stolz. Auf das Zurückkämpfen nach dem Sturz vom Kulm, danach bei den Olympischen Spielen dabei zu sein und dabei keine schlechte Figur abzugeben. Das Comeback und diese Willenskraft machen mich am meisten stolz.

LAOLA1: Jeder will wissen, wie es mit dir weitergeht. Kannst du uns diesbezüglich schon etwas verraten?

Morgenstern: Es gibt natürlich viele Pläne und Optionen, ich habe aber noch keine definitive Entscheidung getroffen, wie es weitergeht. Ich nehme mir Zeit und werde sie nutzen. Wie wir hier im Hangar sehen, reizt mich die Luft. Vielleicht gibt es etwas, damit ich dem Skispringen treu bleiben kann. Aktuell steht alles in den Sternen, fad wird mir aber sicher nicht, denn das würde ich nicht aushalten.

LAOLA1: Ist eine Pilotenkarriere denkbar?

Morgenstern: Grundsätzlich ja, aber nicht als Verkehrslinienpilot. Mit 28 bin ich zu alt. Wenn ich jetzt mit der Ausbildung anfange, habe ich normalerweise keine Chance mehr, etwas zu bekommen, wenn ich fertig bin. Außerdem wäre ich wieder die ganze Zeit weg. Es würde mich auch nicht sonderlich reizen. Aktuell reizt mich das Hubschrauberfliegen, vielleicht finde ich diesbezüglich etwas für die Zukunft.

LAOLA1: Benötigst du nach den anstrengenden letzten Wochen und dem Rubel nun um deine Person Urlaub, um alles zu verarbeiten?

Morgenstern: Nein, den brauche ich nicht. Ich brauche nur Zeit für mich daheim, mit meiner Familie und meinem Umfeld. Zeit mit meiner Tochter, ohne Stress, ohne Müdigkeit. Wenn ich nach einem Training mit ihr etwas gemacht habe, war ich natürlich müde. Ich merke aber, dass es etwas ganz anderes ist, wenn ich ausgeruht bin wie in den letzten Tagen. Dann kann ich Lilly viel mehr geben.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.



Das Interview führte Christoph Nister

Nach seinem Horrorsturz im Jänner am Kulm war er allerdings nicht mehr derselbe. Der Kampfgeist war ungebrochen, doch das Gefühl stimmte nicht mehr.

Schlussendlich erkannte er, dass es Zeit für einen Schlussstrich war. Im LAOLA1-Interview spricht Thomas Morgenstern über diesen Prozess, worauf er besonders stolz ist und welche Pläne er für die Zukunft hat.

LAOLA1: Thomas, du bist Skispringer außer Dienst. Wie hört sich das an?

Thomas Morgenstern: (lacht) Naja, rein wortwörtlich taugt es mir nicht so, aber grundsätzlich fühle ich mich wohl in meiner Position. Ich bin froh und freue mich auf die Zeit, die jetzt kommt. Es war eine schöne Zeit und ich blicke durchaus mit Stolz und sehr viel Wehmut zurück.

LAOLA1: War es ein schleichender Prozess, in dem du gemerkt hast, dass die Zeit gekommen ist, um aufzuhören?

Morgenstern: Grundsätzlich wollte ich für mich früher eine Entscheidung treffen. Ich hatte gehofft, dass es ganz normal weiter geht. Mich hat die Unsicherheit beschäftigt, nicht zu wissen, wie meine Zukunft aussieht und wie es im Winter weiter geht. Ich habe mich daher in erster Linie körperlich vorbereitet, viel trainiert und bin wieder ganz gesund geworden. Ich habe wieder Muskeln aufgebaut und bin aktuell in einem guten Zustand.

LAOLA1: Letzten Endes hat es aber nicht gereicht, um deine Karriere fortzusetzen. Warum?

Morgenstern: Das Training auf der Schanze  - es hat mich fertig gemacht. Es hat mich so viel Kraft und Energie gekostet wie noch nie – mehr wie alles andere. Letzte Woche beim Trainingskurs in Innsbruck habe ich den Entschluss getroffen und gesagt, es geht einfach nicht mehr. Ich musste der Realität ins Auge schauen. Ich habe viel erreicht in meiner Karriere, trotzdem kann ich nicht einfach schnipsen, um wieder vorne dabei zu sein. So einfach geht das nicht, das ist Leistungssport und da muss vieles passieren.

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