Im Herzen der Norweger

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Stöckl: "Musik ist meine Ruhe-Insel!"

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Es gibt wahrlich leichtere Aufgaben, als im Mutterland des Nordischen Sports eine tragende Rolle zu übernehmen.

Noch dazu als Ausländer und noch dazu als "Frischling".

Alexander Stöckl hat den Sprung nach Norwegen, ins kalte Wasser trotzdem gewagt.

Und der 38-jährige Tiroler scheint alles richtig gemacht zu haben.

In nur wenigen Monaten führte er die norwegischen Adler wieder zurück an die Skisprung-Spitze und sorgte damit für eine riesige Aufbruchstimmung.

Im LAOLA1-Interview erklärt Stöckl vor der am Freitag beginnenden Skiflug-WM in seiner Wahl-Heimat, wie er Bardal und Co. wieder auf Vordermann brachte, warum Musik seine heimliche Leidenschaft ist und österreichische Trainer so beliebt sind.

LAOLA1: Alex, die Skiflug-WM in Vikersund steht vor der Tür. Welchen Stellenwert hat die zweite Großveranstaltung in Norwegen binnen eines Jahres für das Land?

Alexander Stöckl: Verglichen mit der Nordischen WM ist der Stellenwert für das Skispringen sogar noch größer. Vergangenes Jahr in Oslo waren ja auch die Langläufer und Kombinierer mit dabei, jetzt sind wir allein auf weiter Flur. Das Interesse ist irrsinnig groß, die Kartenverkäufe laufen super.

LAOLA1: Norwegen ist ja eine traditionelle Flieger-Nation. Spürst du, dass ein WM-Titel fast Pflicht ist?

Stöckl: Natürlich sind mit den Erfolgen, die wir heuer schon feiern durften, auch die Erwartungen gestiegen. Der Traum einer Gold-Medaille ist natürlich da, aber im Einzel wird das sehr schwierig. Es gibt sehr viele starke Skiflieger. In der Mannschaft sind wir aber sehr gut aufgestellt und wollen um eine Medaille mitkämpfen.

LAOLA1: Du hast als aktiver Skispringer einen einzigen Weltcup-Punkt geholt: Beim Skifliegen am Kulm. Hast du eine spezielle Bindung zum Skifliegen?

Stöckl (lacht): Das könnte man meinen. Nein, Skifliegen ist für jeden Skispringer etwas ganz Spezielles. Es ist einfach die Königsklasse. Man fliegt am weitesten, am längsten, der Kick ist am größten.

LAOLA1: Speziell wird Vikersund auch für dich, immerhin hast du den Text des WM-Titelsongs „Into the future“ geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Stöckl: Der Veranstalter hat gehört, dass ich etwas mit Musik zu tun habe. Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich beim Titelsong mitwirken will. Ich habe zugesagt, mit der Bedingung, dass ich sicher nicht auftreten werde (lacht). Der Fokus soll ja am Springen liegen.

LAOLA1: Wie ist es dann weiter gegangen?

Stöckl: Ich habe mich mit dem Songwriter getroffen und er hat mir gesagt, dass er im Texten nicht so gut ist. Daraufhin habe ich mich zwei Wochen damit beschäftigt und versucht, den Spirit vom Fliegen in einen Text  zu verpacken. Ich denke, das hat ganz gut funktioniert.

LAOLA1: Was kaum jemand weiß: Du hast damals den Text für Michael Tschuggnalls Starmania-Siegerlied „Tears of happiness“ geschrieben. Ist Musik deine heimliche Leidenschaft?

Stöckl: Absolut. Musik ist für mich der perfekte Ausgleich zum hektischen Alltag. Ich spiele selbst ein paar Instrumente und kann beim Musikmachen sehr gut abschalten. Dann sind meine Gedanken ganz weit weg von der Arbeit und vom Stress. Musik ist meine Ruheinsel, auf der ich mich erholen kann.

LAOLA1: Wie geht sich das Musizieren neben der Tätigkeit als Cheftrainer aus?

Stöckl: Es geht sich schwer aus. Wenn ich allerdings nach Hause komme, packe ich schon immer die Gitarre aus oder spiele ein paar Töne am Klavier. Unterwegs habe ich leider keine Zeit. Aber noch halte ich es aus (lacht).

Bardal ist auf Gesamtweltcup-Kurs

LAOLA1: Warum läuft es bei Norwegen heuer so gut? Was hast du verändert?

Stöckl: Zum einen habe ich meinen Schwerpunkt auf die Athletik gesetzt. Nur mit wenig Gewicht kann es auf Dauer nicht funktionieren. Dann haben wir die Sprungtechnik an die Athletik angepasst. Zum anderen haben wir auch im Nachwuchsbereich neue Strukturen geschaffen. Die Stützpunkttrainer sind nun alle im Verband tätig.

LAOLA1: Der Erfolg wird dir auch die Bestätigung und die nötige Ruhe gebracht haben, oder?

Stöckl: Absolut. Am Anfang war es schon etwas schwierig. Aber als die ersten Erfolge eingesetzt haben, ist auch Ruhe eingekehrt.

LAOLA1: Wie haben dich Medien und Fans aufgenommen?

Stöckl: Sehr gut. Ich habe bislang nur positives Feedback bekommen. Ich sei ein sehr zugänglicher und angenehmer Mensch. Außerdem lebe ich am Trainerturm immer sehr mit, wenn die Jungs springen. Das kommt, glaube ich, auch sehr gut an.

LAOLA1: Der Nordische Sport hat in Norwegen einen sehr hohen Stellenwert. Wie hast du das bislang erlebt?

Stöckl: Der Nordische Sport ist in Norwegen absolute Nummer eins. Zuerst kommt Langlaufen, knapp dahinter Skispringen. Es ist noch nicht so lange her, da hatte fast jeder Haushalt Sprungskier zu Hause. In den Alpenländern, wie zum Beispiel in Österreich, ist dagegen der Alpinsport Nummer eins.

LAOLA1: Beruflich läuft es ja sehr gut. Norwegen hat die Lücke zu Österreich bereits heuer schließen können. Hast du damit gerechnet?

Stöckl: Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht. Das ist sicher für alle überraschend gekommen. Aber wir haben das Gelbe Trikot derzeit in Norwegen und stehen mannschaftlich sehr gut da. Die Umstellungen haben schneller als erwartet gegriffen, weil die Mannschaft toll zusammen hält, der Spirit da ist und die Athleten sehr motiviert sind.

LAOLA1: Hast auch du dich schneller als erwartet eingelebt?

Stöckl: Ja, schon. Ich fühle mich schon sehr heimelig. Wir haben eine nette Wohnung in Oslo und uns gut eingelebt. Auch mein Norwegisch wird langsam besser. Die Grundkonversation funktioniert schon ganz gut. Ich fühle mich in Norwegen schon fast wie zu Hause.

LAOLA1: Espen Bredesen hat als letzter Norweger 1994 den Gesamtweltcup geholt. Was würde ein Triumph von Anders Bardal für das Land bedeuten?

Stöckl: Das wäre unglaublich. Wenn er das schafft, ist es eine außergewöhnliche Leistung. Vor allem, weil der letzte Gesamtsieg schon so lange zurück liegt. Aber man darf jetzt nicht damit rechnen.

LAOLA1: Welche Unterschiede gibt es noch zu Österreich?

Stöckl: Der Verband ist kleiner, es gibt nicht so viele Funktionäre. Es ist alles familiärer. Dafür sind die Distanzen größer. Man kann nicht schnell einmal einen Trainingskurs einschieben, weil man oft 600 Kilometer auf schwierigsten Straßen zurücklegen muss. Logistisch ist es oft eine Herausforderung.

LAOLA1: Wie sieht deine Zeitverteilung aus? Bist du auch ab und zu in Österreich?

Stöckl: Eigentlich nur zu den kirchlichen Feiertagen. Ansonsten wohne ich in Oslo. Mein Lebensmittelpunkt ist ganz klar Norwegen.

LAOLA1: Du bist neben Werner Schuster (Deutschland) und Richard Schallert (Russland) der dritte erfolgreiche Trainer-Legionär. Überspitzt formuliert: Ist erfolgreiches Skispringen ohne Österreicher nicht möglich?

Stöckl: In den letzten 20 Jahren hat sich in Österreich eine Skisprung-Kultur entwickelt, die sehr erfolgreich ist. Die Arbeit funktioniert sehr gut. Das ist – natürlich auch durch die Erfolge – im Ausland aufgefallen. Wir sind in Österreich sehr gut aufgestellt, darum sind die Trainer so interessant.

LAOLA1: Kann man überhaupt das österreichische System auf andere Nationen übertragen?

Stöckl: Es gibt Grundpfeiler eines Systems, aber man muss es natürlich adaptieren. Das hat oft auch kulturelle Gründe. Skispringen hat in Norwegen zum Beispiel einen ganz anderen kulturellen Hintergrund. Im Herzen der Norweger ist Skispringen verankert. So wie bei uns der Alpine Skisport. Man muss da sehr vorsichtig sein und kann nicht einfach sein System drüberstülpen. Ich glaube, ich habe einen guten Mittelweg gefunden.

Das Interview führte Kurt Vierthaler

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