Schlierenzauer: In der Ruhe liegt die Kraft

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Gregor Schlierenzauer kennt das Gefühl, als Tournee-Halbzeitführender im Rauthhof zu sitzen.

Er kennt es sogar sehr gut.

Schon zwei Mal checkte er im Hotel in Kematen, im „Adlerhorst der ersten Stunde“, wie es Cheftrainer Alexander Pointner nennt, als großer Gejagter ein.

2007 hatte der damals noch 16-Jährige nach Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen einen knappen Vorsprung auf den Schweizer Andreas Küttel, 2008 führte er vor Landsmann Thomas Morgenstern.

Beide Male ging er allerdings am Ende leer aus.

Mehr Reife

Aber irgendetwas ist dieses Mal anders. Besser gesagt: Gregor Schlierenzauer ist anders.

Der 21-Jährige hat nicht nur an Jahren, sondern auch an Reife dazugewonnen.

„Meine Einstellung hat sich geändert. Die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, waren wertvoll. Speziell bei der Tournee, wo ich noch nicht erfolgreich war.“

Nykänen auf den Fersen

Wobei man die Worte „nicht erfolgreich“ bei Schlierenzauer etwas differenzierter sehen muss.

Die Erfolge in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen waren nämlich Tournee-Tagessiege Nummer sechs und sieben, damit gehört er schon jetzt zu den vier erfolgreichsten Tournee-Teilnehmern.

Den vierten Platz teilt er sich übrigens mit Allzeit-Größte Matti Nykänen, den er auch in der Weltcup-Bestenliste jagt.

Beeindruckende Konstanz

Noch hat der Finne acht Siege Vorsprung auf den ÖSV-Adler, aber Schlierenzauers 38 Siege sind aufgrund seines Alters wohl nur eine weitere Momentaufnahme.

Beeindruckend ist auch die Konstanz, mit der der Tiroler seit Jahren durch den Skisprung-Zirkus fliegt.

120 Mal ging er bei Weltcups an den Start, die Hälfte davon beendete er am Podest (38 Siege, 14 zweite und acht dritte Plätze), fast jedes dritte Springen entschied er für sich.

Dazu kommen 40 Top-Ten-Plätze, zahlreiche WM-, Olympia- und Skiflug-Medaillen, ein Gesamtweltcup-Sieg – kurzum: Eigentlich alles, was ein Skispringer gewinnen kann.

Sprung in der Persönlichkeitsentwicklung

„Es ist wirklich unglaublich, dass ich schon so viel erreicht habe. Aber realisieren werd' ich das alles wahrscheinlich erst viel später“, sagt Schlierenzauer heute mit jener Demut, die ihm in den Anfangsjahren seiner Karriere oft fehlte.

Wie so oft im Leben lernte auch der Überflieger erst in seiner schwierigsten Zeit, was es heißt, demütig zu sein.

Im vergangenen Jahr, wo er aufgrund einer Verletzung zur Abwechslung einmal nicht die erste Geige spielte, wo er erfahren musste, wie sich „Niederlagen“ anfühlen, feierte Schlierenzauer seinen wohl wichtigsten Sieg.

„Gregor hat einen großen Sprung in seiner Persönlichkeitsentwicklung gemacht“, erklärt Pointner, „er strahlt nicht mehr das Gefühl aus, dass es nur ihn gibt und er keinen neben sich leben lässt.“

Auch Kollegen loben Veränderung

Diese Veränderung ist natürlich auch seinen Teamkollegen, mit denen er nicht immer das beste Verhältnis hatte, aufgefallen.

„Natürlich merkst du, wenn sich wer verändert. Die Persönlichkeitsbildung wächst auch mit den Fehlern“, lobt Andreas Kofler die Entwicklung Schlierenzauers.

Jetzt könnte genau diese neue Reife der Schlüssel für den ersten Tournee-Sieg sein. Die sportlichen Fähigkeiten des ÖSV-Stars sind ohnehin unbestritten.

Mehr Wertschätzung, mehr Energie

Pointner: „Gregor strahlt extrem viel Ruhe und Sicherheit aus. Und wenn du selbst mehr Wertschätzung an den Tag legst, dann bekommst du auch mehr Energie zurück.“

Diese Energie will Schlierenzauer nun dafür nutzen, um sich endlich seinen großen Traum vom Tournee-Triumph zu erfüllen.

Aus Innsbruck berichtet Kurt Vierthaler

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