"Ich bin frisch im Kopf, das kann ein Vorteil sein"

Aufmacherbild
 

"WM - leider nein", verlautbarte Christoph Sumann letzte Woche und sorgte für mächtig Wirbel.

Der erfolgreichste österreichische Biathlet aller Zeiten nahm sich trotz seiner Nominierung für die 46. Biathlon-Weltmeisterschaften in Nové Město selbst raus aus der Mannschaft, weil er außer Form war und "wieder in die Spur" finden wollte.

"Ich war sechster Mann, daher war mir klar, dass einiges passieren müsste, um noch rein zu rutschen", erklärt der 37-Jährige im Gespräch mit LAOLA1.

Des einen Freud ist des anderen Leid

In der Tat meinte es der Biathlon-Gott gut mit dem Steirer. Julian Eberhard konnte seine Chancen nicht nutzen, Fritz Pinter hatte Pech und erkrankte kurz vor Beginn der Titelkämpfe.

Bei seinem einzigen Einsatz - über die 20 Kilometer - kam der 34-Jährige nicht über Rang 68 hinaus. Zu wenig, um den Sprung in die Staffel zu schaffen.

Cheftrainer Remo Krug beorderte Routinier Sumann in das vierköpfige Augebot. Im Interview spricht der Nachrücker über seine Gefühlswelt in den letzten Tagen, den Verlust der Leaderrolle und die ÖSV-Chancen in der Staffel.

LAOLA1: Christoph, die letzte Woche muss für dich wie eine Achterbahnfahrt gewesen sein. Wie fühlst du dich jetzt nach der Staffel-Nominierung?

Christoph Sumann: Achterbahn würde ich nicht sagen. Für mich war das Thema WM seit längerer Zeit abgehakt. Ich bin im Europacup gestartet und habe mich einigermaßen erschupft. Die Richtung stimmt, das Leistungsniveau ist dort, wo ich es mir vorstelle. Die Nachnominierung kam für mich überraschend. Ich bin erst am Mittwoch angereist – in der Absicht, Ersatzmann zu sein. Ich habe die Rolle akzeptiert und es wäre okay gewesen, wenn ich den Platz nicht bekommen hätte.

LAOLA1: Fritz Pinter musste seinen für dich räumen. Fühlst du mit ihm?

Sumann: Leider Gottes ist er im Vorfeld der WM krank geworden. Sprint und Verfolgung musste er auslassen, im 20er bei den schwierigen Verhältnissen zu starten, das sind keine guten Voraussetzungen. Es tut mir wirklich leid für ihn. Erstens, weil er ein guter Kumpel von mir ist und zweitens, weil er die vierte Großveranstaltung in Folge der fünfte Mann ist. Das tut ihm weh, das tut aber auch mir weh. Das ist sicher nicht leicht für ihn.

LAOLA1: Du freust dich andererseits aber auch über deine Teilnahme?

Sumann: Natürlich. Ich sehe es positiv, weil ich spüre, dass ich ganz gut drauf bin.

Sumann musste mitansehen, wie die teaminterne Konkurrenz an ihm vorbeizog

Sumann: Im ersten Moment war das heavy. Ich habe mit mir gehadert und kurzzeitig den Kopf in den Schnee gesteckt. Das ist aber Leistungssport, ich habe viele Höhen und Tiefen miterlebt. Es hilft aber nichts, daher habe ich mich weiter konzentriert und wollte nicht w.o. geben. Mir ist das ganz gut gelungen.

LAOLA1: Wie schwer wiegt die mentale Komponente?

Sumann: Es ist auf jeden Fall zu einem großen Teil eine mentale Geschichte. Das Körperliche spielt dagegen gar nicht so eine entscheidende Rolle. Man verliert das Niveau nicht von heute auf morgen. Ich bin aber auch realistisch genug, um zu wissen, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Und auch, dass ich nicht mehr konstant Laufbestzeiten setzen kann – dafür sind die anderen zu jung und zu schnell. Wenn allerdings das Material und die Tagesform passen, kann ich ganz oben mitschnuppern. Das habe ich ja auch gezeigt.

LAOLA1: Bislang haben neue Reize bei dir immer schnell angeschlagen. Diesmal war es anders. Hältst du dennoch daran fest, dass es richtig war, in Seefeld noch einmal durchstarten zu wollen?

Sumann: Ich wollte mir selbst beweisen, dass die letzte Saison ein Ausrutscher war und es die richtige Entscheidung war, weiterzumachen. Es war zu viel Gewalt dabei, sodass ich mich im Grunde genommen selbst blockiert habe. Ich glaube immer noch, dass es der richtige Schritt war. Nur, weil es nicht von Anfang an geklappt hat, heißt es noch nicht, dass es eine Fehlentscheidung war. Das lasse ich auch nicht auf mir sitzen. Es fehlt mir nichts, mir macht das Training Spaß, die Infrastruktur ist perfekt. Es liegt ausschließlich an mir und nicht am Umfeld. Ich muss es nur umsetzen zu können.

LAOLA1: Glaubst du auch daran, nach wie vor die Klasse zu haben, um im ÖSV mit den Ton angeben zu können?

Sumann: Würde ich das nicht, hätte ich zuhause bleiben können. Ich weiß, wie es ist, schnell zu laufen. Das Gefühl habe ich noch in mir.

LAOLA1: Du hattest mit deiner Bekanntgabe „WM – leider nein“ für Aufsehen gesorgt. War das eine Bauchentscheidung, die Öffentlichkeit über Homepage und Facebook zu informieren?

Sumann: Naja, für mich war die WM einfach kein Thema mehr. Ich war sechster Mann, daher war mir klar, dass einiges passieren müsste, um noch rein zu rutschen. Ich hätte auch sicher auf einen Start verzichtet, wenn ich in der Form von vor zwei Wochen gewesen wäre. Dann hätte ich bei der WM nichts verloren. Die Dinge haben sich aber geändert. Ich bin gesund, fühle mich beim Laufen stark, schieße gut und bin wieder konkurrenzfähig.

LAOLA1: Mit dem ÖSV war nichts abgesprochen?

Sumann: Nein, das habe ich alleine entschieden. Für mich war einfach Fakt, dass ich hier nicht laufen werde. Freitagfrüh habe ich im Teamgespräch erfahren, dass ich doch noch zum Einsatz komme. Mein erster Gedanke war allerdings 'Schade für Fide' (Fritz Pinter, Anm.). Erst danach habe ich mich gefreut.

LAOLA1: Im IBU-Cup hast du dich mit einem zweiten Platz in Osrblie unerwartet zurückgemeldet. Kam das auch für dich aus heiterem Himmel?

Sumann: Nein. Während der WM-Vorbereitung – als Fritz krank wurde – war auch ich angeschlagen. Ich bin dann in Martell gelaufen, das hätte ich mir aber sparen können. Das war gar nichts und jenseits von Gut und Böse. Dann war die Krankheit weg und es ging von Tag zu Tag besser. An die Slowakei hatte ich gute Erinnerungen und das Gespür kam wieder zurück. Dort gab es kaum Druck, weniger Stress und seither fühle ich mich wieder deutlich besser.

LAOLA1: Du warst jahrelang der Teamleader, plötzlich sind die anderen an dir vorbeigezogen. Wie hat es sich angefühlt, zu merken, dass dir die Felle davonschwimmen?

LAOLA1: Du hast die Rolle des Ersatzmannes bereits angesprochen. Wie muss man sich die Vorbereitung vorstellen? Läuft diese anders ab als wenn du fix zum Einsatz kommst?

Sumann: Das muss kein Nachteil sein. Ich hatte ja meine Rennen in den letzten Wochen. Die anderen waren bei der WM, ich im Europacup. So gesehen war ich nie aus dem Rennrhythmus. Ich habe mich daher wie alle anderen vorbereitet und gut trainiert. Seit Mittwoch bereite ich mich so vor, als würde ich sicher an den Start gehen. Man weiß schließlich nie, ob nicht einer krank wird. Ich bin erst seit kurzem da und noch frisch im Kopf, die anderen haben alle schon harte Rennen in den Beinen. Das kann ein Vorteil für mich sein.

LAOLA1: Wen hast du in der Staffel besonders auf deiner Rechnung?

Sumann: Die Franzosen werden als Topfavorit ins Rennen gehen. Dazu gibt es die Russen, die Norweger, die Schweden. Alle haben die Topleute, auch die Tschechen. Die werden vor eigenem Publikum brutal motiviert sein. Wir haben aber Außenseiterchancen. Prognosen sind fast unmöglich, eine Staffel ist auch immer Lotterie.

LAOLA1: Muss das Ziel nicht dennoch ganz klar heißen: Wir wollen eine Medaille?

Sumann: Natürlich. Wir waren zweimal Dritter und einmal Vierter. In Summe muss das Ziel eine Medaille sein. Wenn du aber Vierter oder Fünfter wirst nach einem guten Rennen, darfst du auch nicht enttäuscht sein, weil es einfach schon so viele gute Nationen gibt.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christoph Nister

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen