"Im Sommer wird der Weltmeister gemacht"

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Wien – In den Süden fliegen, am Pool entspannen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Was für viele Österreicher in den wärmsten Monaten einfach dazugehört, ist für unsere Biathlon-Asse tabu.

Es wird trainiert. Mit dem Rad und beim Laufen. Mit den Skirollern und in der Kraftkammer. Von Erholung keine Spur. Die Vorbereitung auf die neue Saison ist längst im Gange, da bleibt keine Zeit für Urlaub.

Dominik Landertinger, Christoph Sumann und Kollegen wollen im WM-Winter 2012, der in den Welt-Titelkämpfen im Biathlon-Mekka Ruhpolding sein Highlight findet, der Konkurrenz das Fürchten lehren und die durchwachsene letzte Saison vergessen machen.

"Eine verlorene Saison"

„Es war eine verlorene Saison“, resümiert Landertinger trocken. Um wieder mehr Erfolge feiern zu können, wird hart geschuftet. In zahlreichen Trainingskursen heißt es: „Trainieren, essen, trainieren, schlafen.“

Im großen Sommergespräch standen Landertinger und Sumann LAOLA1 Rede und Antwort und gaben interessante Einblicke in das Leben eines Biathleten.

Dabei wurden Fehler der Vergangenheit ebenso thematisiert wie die Vorbildwirkung eines Spitzensportlers. Zudem wurde die besondere Beziehung mancher Biathleten zu ihrer Waffe anhand eines kuriosen Beispiels zur Sprache gebracht.

LAOLA1: Ihr seid mitten in der Vorbereitung auf die neue Saison. Verläuft diese zu eurer Zufriedenheit?

Dominik Landertinger: Es läuft alles nach Plan. Ich habe von der Summe her noch nie so viel trainiert. Das Wichtigste ist aber, dass es gesundheitlich passt. Wenn das stimmt, sehe ich keine Probleme. Wir haben viel Grundlagentraining absolviert, das aus Radfahren, Laufen und Skirollen bestand. Dazu wurde viel in der Kraftkammer getan. Im Sommer wird der Weltmeister gemacht.

LAOLA1: Das Biathlon-Team hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Worin liegt eure große Stärke?

Sumann: Das große Plus ist, dass man weiß, dass man auch international dabei ist, wenn man teamintern vorne ist. Das ist ein Gradmesser, der unbezahlbar ist. Früher hat es nichts geheißen, wenn man bei den Österreichischen Meisterschaften gewonnen hat. Das haben wir uns hart erarbeitet.

LAOLA1: Biathleten wird ein besonderes Verhältnis zur Waffe nachgesagt, so soll Ole Einar Björndalen seine auch mal mit ins Bett nehmen. Welchen Umgang pflegt ihr?

Sumann: Ob das immer so stimmt, ist die Frage. Es gibt unterschiedliche Typen. Auch welche, die sich ununterbrochen mit der Waffe beschäftigen und daran feilen, schleifen und putzen. Halvard Hanevold war beispielsweise so einer.

Landertinger: Der hatte einen Prügel.

Sumann: Es war unvorstellbar.

Landertinger: Wie aus dem Baum rausgeschnitten. (lacht)

Sumann: Ja, ein grauslicher Hobel. Und dazu eine Gewehrtasche wie ein Duschvorhang aus den 60er Jahren. Ich kann mich an eine Geschichte erinnern, als wir im selben Hotel waren. Um 10 Uhr abends ging ich ins Zimmer, da lag er im Gang vor den Liften. In voller Montur mit Skianzug und Skiern machte er stundenlang Trockenanschläge. Dann gibt es auch Typen wie mich. Ich befasse mich nur beim Schießen mit der Waffe. Ich bin relativ faul beim Putzen, was ich den Jungen gar nicht sagen darf. Ich halte von den Trockenanschlägen nichts.

Christoph Sumann: Was man jetzt trainiert, ist noch nicht so entscheidend. Natürlich ist es nicht unwichtig, man muss Eckdaten erbringen, aber dafür gibt es Leistungskontrollen. Entscheidend ist die unmittelbare Saisonvorbereitung. Im September, Oktober und November darf man keine Fehler machen. Ein guter Wintersportler wird im Sommer geformt. Aber ein guter Sommer heißt noch nichts. Ich war im letzten Sommer super beisammen.

Landertinger: Das war schon pervers.

Sumann: Ich hätte wirklich alles zerreißen können. Von Mai bis Anfang September hatte ich keine schlechte Trainingseinheit. Dann bekam ich schon die Befürchtung, dass das alles zu viel werden könnte. Die Rechnung habe ich präsentiert bekommen.

LAOLA1: Die letzte Saison verlief in Summe etwas enttäuschend. Was darf man in diesem Winter von euch erwarten?

Landertinger: Ich freue mich total auf die WM in Ruhpolding. Das ist ein gutes Pflaster für mich. Im Weltcup möchte ich ganz vorne mitmischen, die Top 5 wären ein Traum. Bei der WM ist eine Medaille das Ziel.

Sumann: Die WM wird das Größte sein, das es im Biathlon je gab. Ruhpolding ist meine Lieblingsstrecke, auch wenn ich dort noch nicht allzu viel gewonnen habe. Man kann nichts planen, aber wir werden uns nach bestem Gewissen vorbereiten. Es wird aber schwierig, weil die WM extrem spät stattfindet. Ich habe gehört, dass sie (die Verantwortlichen, Anm.) um 10 Uhr abends starten wollen. Dann sind wir halt pünktlich zur Mitternachtsjause wieder im Hotel. Wir haben unsere Kritik geäußert, sie prallt aber ab, wie sonst auch alles. Das Fernsehen bestimmt. Der kleine Athlet, für den alle kommen, hat zu laufen, aber nichts zu sagen.

LAOLA1: Ändert die späte Austragung etwas an der Vorbereitung?

Sumann: Wir werden sicher eine spezielle, kurze Vorbereitung machen und hoffen, dass alle gesund sind. Ganz ehrlich: Oft ist es auch Zufall. Man muss das Glück haben, dass genau bei der Großveranstaltung die Form passt. Bis zu einem gewissen Grad ist das planbar, aber nur die wenigsten haben es im Griff, genau am richtigen Tag in Topform zu sein. Es spielen einfach enorm viele Komponenten eine Rolle.

Die WM ist das große Ziel von Christoph Sumann und Dominik Landertinger

Landertinger: Ich bin schon ein Tüftler. Ich habe eine neue Waffe und beim Gewicht gespart, was nur möglich war. Ein gewisses Trockentraining brauche ich schon, damit ich mich wohl fühle.

Sumann: Mir hat das Schießen keiner beigebracht, das habe ich selbst erlernt. Daher habe ich auch ein ganz anderes Verhältnis zur Waffe. Ich bin mehr Instinktschütze und weniger Arbeiter.

LAOLA1: Deine Waffe gehörte ja früher Anna Sprung, einer ehemaligen Biathletin.

Sumann: Das ist der weibliche Teil des Erfolges. Ich habe die Waffe verlängert, da wurden schon einige Späne gehobelt. Wenn irgendwas nicht passt, bin ich schon wieder ein Tüftler, dann wird auch gefeilt.

LAOLA1: Ein Biathlon-Boom in Österreich, vor allem aber in Deutschland, ist nicht zu übersehen. Betrachtet ihr euch als Vorbilder für die Jugend?

Sumann: Man ist es gezwungenermaßen.

Landertinger: Ausdauersportler sind sicher Vorbilder. Wir rauchen nicht, wir trinken nicht. Man muss Ziele haben im Leben und man kommt nur mit harter Arbeit dorthin.

LAOLA1: Musstet ihr viel dafür opfern?

Sumann: Mancher sieht es als Opfer. Ich traue mich zu sagen, ich habe nichts versäumt. Ich bin in meiner Jugend auch viel fortgegangen.

Landertinger: Ich würde alles wieder so machen.

Sumann: Man sollte alles mit Maß und Ziel machen. Wir haben auch unsere Erfahrungen gemacht, positiv wie negativ. Im Vordergrund steht aber der Sport. Wenn man öfter über die Stränge schlägt, darf man sich nicht wundern, wenn es nicht nach Wunsch läuft. Der Sport generell ist eine gute Lebensschule.

LAOLA1: Eine davon ist der Trainer. Wie betrachtest du das Verhältnis zu Reinhard Gösweiner?

Landertinger: Er  ist seit Jahren mein Trainer und gehört schon zur Familie dazu. Er ist eine echte Vertrauensperson, zu der man hingehen kann – mit welchem Problem auch immer. Ich könnte mir keinen Trainer vorstellen, mit dem es besser laufen könnte.

LAOLA1: Christoph, du hattest schon einige Trainer. Wie siehst du die Zusammenarbeit?

Sumann: Die Professionalität ist gestiegen. Es gibt keine Trainingseinheit, die einfach so gemacht wird. Der Trainingsplan ist durchstrukturiert bis zur letzten Einheit. Lückenfüller gibt es nicht, alles hat seinen Sinn. Ein Hauptaugenmerk bilden neue Impulse.

LAOLA1: Wie kann man sich das vorstellen?

Sumann: Ich steckte jahrelang im System fest und hatte mich verrannt. Hin und wieder braucht man eine Richtungsänderung. Für mich war das Gold wert.

LAOLA1: Ihr gehört beide zu den besten Biathleten der Welt. Was zeichnet den jeweils anderen aus, wo liegen seine Schwächen?

Landertinger: Sumis Schwachstellen werde ich nicht verraten, da halte ich ihm die Treue. (lacht) Seine Stärke ist die Lockerheit. Wenn es drauf ankommt, kann man auf ihn zählen, wie man bei der WM gesehen hat. (Sumann gewann Einzel-Bronze, Anm.) Die Routine macht sich bezahlt, da kann ich noch viel von ihm lernen. Beim Training kann man sich immer pushen, er bietet mir Paroli. Klar, dass ich seine Zeiten erreichen und besser sein will.

Sumann: Landi hat definitiv das größere Laufniveau. Er ist für sein Alter extrem weit und hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Von der Physis her gibt es kaum Bessere. Es gibt aber auch Zeiten, wo es nicht so läuft. Er muss ein bisschen gelassener mit allem umgehen. Ich erkenne mich aber in ihm wieder. Bei den Junioren lief es gut, ich dachte, bei den Senioren auch gleich alles zerreißen zu können. Das spielt es aber nicht. Ansonsten steht ihm aber nichts im Wege.

LAOLA1: Hat er sich seit seinem WM-Titel in Pyeongchang 2009 verändert?

Sumann: Nein, nicht wirklich.

LAOLA1: Stimmt die Geschichte, wonach sich Dominik noch bei der Siegerehrung für das gemeinsame Training bedankte?

Sumann: Ja, das hat er wirklich getan, ich kann mich noch erinnern.

Landertinger: Das hat auch sein müssen.

Sumann: Es war ein außergewöhnlicher Tag. Wir waren am Arsch der Welt und es waren nur 200 Zuschauer, aber das machte keinen Unterschied.

LAOLA1: Pyeongchang steht seit einigen Wochen als Ausrichter für Olympia 2018 fest. Denkst du schon so weit voraus, Dominik?

Landertinger: So weit kann man nie planen, weil viel passieren kann. Die Strecke taugt mir aber, ich würde mich auf Olympia 2018 freuen. Dann wäre ich 29, also im besten Alter. Zunächst sind aber die WM und Sotschi 2014 im Fokus.

LAOLA1: Wie weit reicht dein Blick nach vorne, Christoph?

Sumann: Für mich war immer die WM 2012 das Ziel. Dann schauen wir weiter.

LAOLA1: Gibt es bereits Druck von der Familie?

Sumann: Jein. Es ist schwierig. Ich bin 35 und habe zwei Kinder. Ich habe immer gesagt, Familie und Leistungssport lassen sich unter einen Hut bringen. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Über kurz oder lang bleibt etwas auf der Strecke und das will ich nicht. Irgendwann muss ich auch ein normales Leben führen wie jeder andere, mit fünf Wochen Urlaub im Jahr. Nicht so, dass ich Urlaub habe, wenn die Kinder in der Schule sind.

LAOLA1: Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Wie haltet ihr es mit den zahlreichen Interview- und Sponsorenwünschen oder Party-Einladungen?

Sumann: Ich mache fast nur das, was ich machen muss. Ich könnte von einem Sauaustreiben zum anderen fahren. Dann wäre ich auch präsenter. So kriegt man natürlich einen Namen, ob man sportlich etwas reißt, oder auch nicht. Wir sind aber nicht so. Wir sind Sportler und wollen mit Leistung überzeugen.

LAOLA1: Medienschulungen werden immer beliebter, damit Sportler nur ja nichts Falsches sagen. Könntet ihr euch damit anfreunden?

Sumann: Was sagen denn Leute, die geschult werden? Da wird viel geredet, aber nichts gesagt. So etwas kotzt mich an.

Landertinger: Man sollte sagen, was man denkt. Gewisse Leute mögen dich, andere eben nicht. Das gehört dazu. Nur: Warum sollte ich etwas Nettes sagen, wenn ich ein schlechtes Rennen hatte? Dann war es eben schlecht.

Sumann: Bei mir hat sich noch keiner beschwert. Da sind oft Emotionen im Spiel und das will man ja auch sehen.

Landertinger: Wir sind immer noch die gleichen wie früher und das soll auch so bleiben.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Christoph Nister und Kurt Vierthaler

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