WM-Schießbude: "Das ist voll peinlich"

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Die Biathlon-Saison 2014/15 biegt auf die Zielgerade ein und hat das Saisonhighligt - die WM in Kontiolahti - soeben hinter sich gelassen.

Bevor wir Gefahr laufen, melancholisch zu werden, wenden wir uns noch einmal den Titelkämpfen zu - es gab viele Überraschungen und Premieren zu bestaunen. Viele Favoriten strauchelten, nur wenige hielten dem Druck stand. Nur eines war während der Wettkämpfe sicher: Der extrem hohe Unterhaltungsfaktor.

Das lag sicherlich auch daran, dass die WM so ausgeglichen war wie selten zuvor. Gleich zehn Nationen durften über Edelmetall jubeln, Österreich gehörte allerdings nicht dazu.

LAOLA1 mit der WM-Schießbude:

Das TRIO INFERNALE

Kein Martin Fourcade oder Emil Hegle Svendsen, auch nicht Darya Domracheva oder Kaisa Mäkäräinen - Marie Dorin Habert ist die Nummer 1 der Biathlon-WM 2015. Die Französin gewann zweimal Gold und zweimal Silber und wurde zur großen Abräumerin. Das wäre an sich schon Lobeshymnen wert, wird aber noch beeindruckender, wenn man ihre Geschichte kennt. Long story short: Am 19. September brachte sie Töchterchen Adèle zur Welt, im Jänner stieg sie schon wieder im Weltcup ein, jetzt ist sie Topstar im Zirkus der Loipenjäger. "Ich finde kaum Worte dafür, es ist einfach unglaublich. Ich bin so glücklich. Es fliegt mir irgendwie alles zu während der Weltmeisterschaft." Dass ihre Siege im Sprint sowie der Verfolgung ihre ersten Einzel-Erfolge überhaupt waren, passt perfekt ins Bild.

 

Zum ersten Mal seit 18 Jahren waren beide deutschen Staffeln bei Weltmeisterschaften siegreich, hinter Frankreich war Deutschland das erfolgreichste Land dieser WM. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich bezeichnete die Titelkämpfe gegenüber "n-tv" nicht umsonst als "Wiederauferstehung der Biathleten". Waren die deutschen Damen vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen noch gänzlich leer ausgegangen, holte das junge Team neben der gemeinsamen Goldmedaille zudem überraschend zweimal Silber durch Laura Dahlmeier in der Verfolgung und Franziska Preuß im Massenstart. Sotschi-Silber-Gewinner Erik Lesser eröffnete den Medaillenregen für Deutschland mit der Goldenen in der Verfolgung - und das mit seinem ersten Weltcup-Sieg überhaupt sowie seinem ersten Saison-Podestplatz.

 

Bronze kann in der Schießbude nur an einen gehen - Tarjei Boe! Angesichts von vier dritten Plätzen (dazu Silber mit der Herren-Staffel) würde es uns nicht wundern, wenn ihm die Norweger eine Bronze-Statue spendieren. Mit insgesamt fünfmal Edelmetall darf er sich quantitativ als Abräumer schlechthin fühlen, gewann doch niemand mehr als er. Kurios: Wie Lesser musste auch der Gesamtweltcup-Sieger von 2011 bis zur WM warten, ehe er erstmals in diesem Winter auf dem Stockerl stand.

Was sonst noch auffiel

 
Pech im Spiel, Glück in der Liebe? Sportlich lief es für Domracheva in Finnland nicht nach Wunsch, privat dafür umso besser. Wie ein im Internet gepostetes Foto zeigt, wurde sie händchenhaltend beim Shopping erwischt. Zwar ist die Bildqualität dürftig, doch haben Insider keinen Zweifel daran, dass der Mann auf dem Schnappschuss Ole Einar Björndalen ist. Ob er es ist oder nicht - das Liebesglück sei den Abgebildeten gegönnt.


Johannes Boe vergoss Freudentränen, nachdem er im Sprint seine erste Einzel-Medaille bei einem Großereignis - und dann gleich Gold - gewann. Ob die Sieges-Party danach zu heftig ausfiel, ist nicht überliefert, seine Leistung im Verfolger sehr wohl. Dabei brach er gleich zwei Negativ-Rekorde. Nie zuvor leistete sich ein Sprint-Weltmeister im Jagdrennen acht Fehler und auch sein Rückfall auf Platz 31 ist einmalig.

 

Nathan Smith schrieb in Finnland kanadische Sport-Geschichte. Als erster männlicher Biathlet seines Heimatlandes gewann er Edelmetall bei einer Biathlon-WM, der 29-Jährige gewann Sprint-Silber. Bei den Damen war es übrigens Myriam Bedard, die je eine Gold- und Silbermedaille in Borovets (BUL) 1993 gewann.

 

Angesichts der vielen Medaillengewinner gehen die Leistungen zahlreicher Außenseiter beinahe unter. Stellvertretend sei Michael Rösch erwähnt. Der Wahl-Belgier qualifizierte sich als erster für Belgien startender Athlet für einen Massenstart, für den 31-Jährigen war es die erste Teilnahme seit 2012. Als Highlight blieb vor allem der 13. Platz im Einzel - ebenfalls belgischer Rekord - im Gedächtnis.

 

Sie hat alle überrascht: Ekaterina Yurlova startete im Einzel als 93. von 105 Athletinnen. Gabriela Soukalova wähnte sich bereits als neue Titelträgerin, da verblüffte die Russin durch vier fehlerfreie Schießen sowie eine einwandfreie Laufleistung (achtbeste Loipenzeit) und stieß die Tschechin noch vom Thron.

Das TRIO FATALE


Für Darya Domracheva lief die WM alles andere als erfreulich, die Weltcup-Führende ging komplett leer aus: Auf den beachtlichen vierten Platz mit der weißrussischen Mixed-Staffel folgte Rang zehn im Sprint, in der Verfolgung wurde die 28-Jährige Siebente, im Einzel reichte es nur für Platz 16. Auch in der Damen-Staffel (Rang sieben) wollte es nicht mit einer Medaille klappen. Für die Ansprüche der dreifachen Olympiasiegerin viel zu wenig. Im letzten Bewerb, dem Massenstart, verpasste sie dann ganz knapp Bronze - den Zielsprint verlor sie gegen Karin Oberhofer. Immerhin - die Weltcup-Führung hat die Weißrussin (957 Zähler) weiter inne, da es für Kaisa Mäkäräinen (936/Bronze im Einzel) kaum besser lief. Im Kampf um Kristall büßte die Finnin sogar einige Punkte ein.

 

Dank drei Saisonsiegen sowie fünf zweiten Plätzen war Simon Schempp als Favorit in die WM gestartet. Zwei Wochen später lautet das ernüchternde Fazit für den Deutschen: Keine Einzelmedaille, dazu hat er auch im Gesamt-Weltcup alle Chancen eingebüßt. Immerhin kann er sich mit Gold in der Staffel trösten. Dennoch: Sechs Fehler und Rang 77 im Sprint sowie die damit einhergehende, verpasste Quali für den Verfolger waren eine mittlere Katastrophe für den in dieser Saison sonst so sicheren Schützen. Mit Rang acht in Einzel und Massenstart konnte er sich immerhin ein wenig rehabilitieren, schoss aber erneut zu oft (je zweimal) daneben.

 

Eine Medaille sollte es werden, gab das ÖSV-Team vor Beginn der WM als Ziel aus. Inzwischen steht fest, dass zum dritten Mal in Folge eine WM ohne österreichischen Medaillengewinner zu Ende ging. Haben sich die Trainer etwas vorzuwerfen? "Nein, das glaube ich nicht", erklärt Cheftrainer Reinhard Gösweiner bei LAOLA1. Es sei mit Christoph Sumann ein wichtiger Mann abhandengekommen, die Mannschaft habe sich verjüngt. "Ihr muss man Zeit geben." Fest steht: Einzig Simon Eder hatte die Form, um eine Medaille mitzukämpfen. Dominik Landertinger schlägt sich immer noch mit gesundheitlichen Problemen herum, der Rest des Teams hatte keine Chance auf Edelmetall.

Kurioses

 

Laura Dahlmeier, die Gold in der Staffel und Silber im Jagdrennen gewann, entdeckte einen Schönheitsfehler auf ihren Trophäen: "Kontiolahti ist falsch geschrieben - das ist voll peinlich", stellte die Deutsche fest, dass ihre Medaillen aus "Kontiolathi" stammen.

 

 Man sollte den Mund niemals zu voll nehmen. Tore Böygard, seines Zeichens Präsident des norwegischen Verbandes, hat jedoch genau das gemacht. "Wenn unsere Staffel Silber holt, lasse ich mir eine Glatze schneiden", kündigte er großspurig an. Blöd nur, dass Ole Einar Björndalen (40. WM-Medaille!), Tarjei und Johannes Thingnes Bö sowie Emil Hegle Svendsen sich nur Deutschland geschlagen geben mussten. Was dann passierte, zeigt das folgende Video:

 

 
 
Apropos Wikinger: Johannes Thingnes und Tarjei Bö sorgten im Sprint für eine WM-Premiere. Nie zuvor gelang es zwei Brüdern in einem Einzelbewerb gemeinsam das Podest zu entern. Bislang.
 
 
Der Pechvogel der WM ist sicherlich Ekaterina Shumilova, die als einzige Athletin in der Verfolgung fehlerfrei blieb, auf Rang drei liegend jedoch in der Schlussrunde stürzte und zusehen musste, wie Weronika Nowakowska-Ziemniak sie überholte und ihr die Bronze-Medaille vor der Nase wegschnappte.
 
Ihr männliches Pendant hört auf den Namen Simon Fourcade. Der ältere Bruder von Superstar Martin landete im Verfolger wie auch im Einzel auf dem "blechernen" vierten Platz. Bitter: Der 30-Jährige hält inzwischen bereits bei neun Rennen im Rahmen von Großereignissen, in denen er in Einzelbewerben unter den Top-6, aber nicht am Stockerl landete. Immerhin konnte er sich gemeinsam mit seinem Bruderherz über Staffel-Bronze freuen.

 Mit Dorin Habert, Valj Semerenko und Ekaterina Yurlova sowie den in der Staffel erfolgreichen Franziska Hildebrand, Franziska Preuß, Vanessa Hinz und Laura Dahlmeier sind alle Weltmeisterinnen dieser Titelkämpfe "Gold-Neulinge".

 

Nachdem er in Sprint (12.) und Verfolgung (7.) leer ausging, sah es schon so aus, als müsste sich Martin Fourcade mit der Silber-Medaille aus der Mixed-Staffel trösten. Doch dann schlug der Franzose zu und holte trotz fehlerfreien Schießens von Svendsen die Goldmedaille im Einzel. Damit baute er auch seine Führung im Gesamtweltcup aus (er führt nach der WM mit 11 Punkten vor Anton Shipulin), zudem gab es in der Staffel mit Bronze ein weiteres Mal Edelmetall, so dass sein Medaillensatz aus Kontiolahti vollständig ist. Zudem steigt er mit seinem sechsten Einzel-WM-Titel auf Rang drei der ewigen Bestenliste auf, nur Raphael Poiree (7) und Ole Einar Björndalen (11) haben mehr gesammelt.

Rot-weiß-rote Brille


*) Simon Eder kann auf eine starke, aber glücklose WM zurückblicken. Er rief seine stärksten Leistungen in den "falschen" Bewerben" ab, so zum Beispiel im Verfolger. "Am Ende fehlt die Medaille", stellte er bei LAOLA1 klar. "Ich bin nicht gerade glücklich darüber, die Abschlussparty ist relativ dürftig ausgefallen." Vorwürfe von Kritikern, dem Druck mental nicht gewachsen gewesen zu sein, lässt er durchaus gelten. "Freilich haben sie Recht, wenn du es eigentlich drauf hast, aber im letzten Schießen zwei Fehler machst." Im konkreten Fall Massenstart sei er allerdings "zu zögerlich" gewesen.
 

*) Für Dominik Landertinger, Julian Eberhard und Daniel Mesotitsch liefen die Titelkämpfe miserabel. "Es war nicht das, was wir uns erwartet haben", musste sich Cheftrainer Reinhard Gösweiner eingestehen. Speziell Sprint und Einzel fallen in die Kategorie "Debakel". Auch wenn die ÖSV-Stars nicht zu den absoluten Topfavoriten zählten, ist die Enttäuschung groß, denn bereits bei den letzten beiden Weltmeisterschaften in Ruhpolding und Nove Mesto na Morave fuhr das rot-weiß-rote Team ohne Zusatzgepäck nach Hause.
 

*) Bei aller Kritik an den Männern wollen wir die starken Damen-Leistungen nicht vergessen. Mit Lisa Hauser und Dunja Zdouc haben es erstmals zwei ÖSV-Ladies in einen WM-Massenstart geschafft. "Dunja hat Wahnsinnsleistungen gebracht", freute sich Gösweiner. Für die Kärntnerin war es nach EM und Junioren-WM bereits das dritte Großereignis. Hauser bestätigte ihre Weltcup-Leistungen und sorgte mit Rang 14 im Massenstart für ein echtes Highlight.

Sprüche der WM


Im Massenstart hat sich der Weltmeister von 2009, Dominik Landertinger, angesichts der Strapazen der vorangegangenen Tage gefühlt "wie eine ausgelutschte Weißwurst".

 

"Ich möchte mich bei allen Leuten entschuldigen, die heute an der Strecke waren, um das Rennen zu sehen. Ich konnte sie nicht glücklich machen", entschuldigte sich Kaisa Mäkäräinen bei den heimischen Fans nach Rang 35 und 5 Fehlern im Sprint.

 

Henriette Werner / Christoph Nister

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