Schießbude Oberhof: Ein Biathlon-Desaster

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Oberhof "überraschte" uns wieder einmal mit viel Wind und Nebel, dennoch gelang es einigen Athleten - den Bedingungen zum Trotz - sensationelle Leistungen abzuliefern.

Wie gewohnt wirft LAOLA1 in der Schießbude einen Blick auf die Geschehnisse des Wochenendes, welches leider auch sehr unerfreuliche Neuigkeiten mit sich brachte.

Doch es gibt auch Grund zu Freude: Die Biathlon-Familie darf sich über Nachwuchs sowie einige Rückkehrer freuen:

Das TRIO INFERNALE

Martin Fourcade sammelte zum ersten Mal in dieser Saison mit zwei Siegen in Sprint und Massenstart die meisten Punkte eines Weltcup-Wochenendes. Der Franzose bewies Nerven wie Drahtseile, als er sich beim letzten Schießen als Führender des Massenstarts weder von einer starken Böe noch von den immer näher kommenden Verfolgern aus der Ruhe bringen ließ und so lange wartete, bis sich der Wind wieder beruhigte. Der Franzose blieb fehlerfrei und triumphierte. Bei den extrem schwierigen Bedingungen in Oberhof verfehlte er in beiden Bewerben gerade einmal einen einzigen von 30 abgegebenen Schüssen (die Staffel ließ er aus). Damit war er einsame Spitze (96,7 Prozent) - der zweitbeste Schütze, Timofey Lapshin, traf gerade einmal 81,4 Prozent aller Schussversuche.

 

Nach dem Erfolg mit der tschechischen Staffel schwamm Veronika Vitkova im Sprint von Oberhof weiter auf der Erfolgswelle und feierte ihren ersten Weltcup-Sieg in einem individuellen Bewerb. Dabei trotzte die 26-Jährige dem starken und sehr böigen Wind und ließ sich trotz zweier Schießfehler nicht von der Siegerstraße abbringen, obwohl sie zwischenzeitlich schon selbst nicht mehr an einen Triumph glaubte. Als dieser dann feststand, bekannte sie überglücklich: "Das war heute mein Tag". Auch am Sonntag knüpfte sie mit dem zweiten Rang an ihre Topform an und war mit 114 Zählern die erfolgreichste Athletin des Wochenendes.

 

 Diesen Sonntag wird Dmitry Malyshko nie wieder vergessen. Der 27-Jährige landete als Massenstart-Dritter erstmals in der laufenden Saison am Podest, hatte aber nicht nur aus sportlicher Sicht allen Grund zur Freude. Wirklich speziell machte dieses Rennen, dass er während seiner Glanzleistung erstmals Vater wurde. "Fragt mich später, wie ich mich fühle", war er nach dem Rennen sprachlos. Der Sohnemann heißt Fillip und ist mit 58 Zentimetern Körpergröße ebenso ein Großer wie der Papa in der Loipe.

Das TRIO FATALE

 Allein beim Wort Doping stellt es uns die Nackenhaare auf. Wenn man allerdings hört, dass "mehrere Athleten aus unterschiedlichen Nationen" überführt wurden, wie IBU-Präsident Anders Besseberg dies im norwegischen TV erklärte, macht sich endgültig Fassungslosigkeit breit. Nach Ekaterina Iourieva, Irina Starykh, Evi Sachenbacher-Stehle, Alexander Loginov und dem "Fall Taschler" der nächste Tiefschlag. Sergei Sednev aus der Ukraine und der längst bekannte Fall von Loginov wurden vom Weltverband inzwischen als Sünder bestätigt. Eine schlimme Sache, keine Frage, denn Betrüger haben im Sport nichts verloren. Sollte es allerdings bei diesen beiden bleiben, muss die Kommunikations-Strategie des Herrn Besseberg in Frage gestellt werden. "Das hat natürlich für Wirbel gesorgt", erklärten Simon Eder und Dominik Landertinger bei LAOLA1, "dem Sport tut er damit nichts Gutes". Warum das Biathlon-Oberhaupt Angst schürt, dass eine Doping-Lawine losgetreten werden könnte, bleibt vorerst sein Geheimnis. PR-technisch ist es jedenfalls ein Desaster.

 

Same procedure as every year. Kommt der Weltcup nach Thüringen, kommt das schlechte Wetter gleich mit. Wind, Regen und Nebel sorgten zum Teil für irreguläre Verhältnisse. Darya Domracheva stellte sogar die Zukunft des Weltcup-Ortes in Frage. "Das ist eine sehr ernste Sache, die von Seiten der IBU ernsthaft überlegt werden muss", erklärte die dreifache Olympiasiegerin. "Es kann nicht sein, dass man als Athlet eindeutig Nachteile hat. Das ist nicht fair." Der Vertrag der Veranstalter mit dem Weltverband läuft noch bis 2018.

 

 Was ist bloß mit Peiffer los? Ex-Weltmeister Arnd Peiffer befindet sich in einem tiefen Leistungsloch. Rang 16 beim Saisonauftakt in Östersund war bisher das Höchste der Gefühle, seither ging es steil bergab. In seiner Heimat kam der 27-Jährige im Sprint nicht über Position 64 hinaus, die Qualifikation für den Massenstart verfehlte er meilenweit. Peiffer liegt im Weltcup nur auf auf dem 38. Platz. Auch die Trainer rätseln über die Gründe. Stellt sich nicht bald Besserung ein, muss er sogar um seine WM-Nominierung fürchten.

Foto: ÖSV Biathlon/Gerald Sonnberger

Kurioses

Kuriose Szenen spielten sich vor der Herren-Staffel ab. Beim Einschießen war der Nebel derart stark, dass die Trainer durch ihr Glas nichts mehr sahen. Kurzerhand machten sie sich auf und rannten vor, um direkt am Schießstand das Ergebnis der Athleten abzulesen. Gleichzeitig waren Streckenarbeiter am Werk, die umgestürzte Bäume zersägten, um die Loipe renntauglich zu machen. Die Organisatoren haben einmal mehr bewiesen, zu welch außerordentlichen Leistungen sie im Stande sind, um Weltcupbewerbe möglich zu machen.


Gerade einmal zwei Damen (von 95 gestarteten) sowie drei Herren (von 99) hielten sich in den Schießeinheiten des Sprints makellos. Das entspricht lediglich 2,58 Prozent des gesamten Feldes.

 

Auch in der Staffel hagelte es Strafrunden. Bei den Herren blieb lediglich das bulgarische Team ohne Extra-Runde und brauchte "nur" 13 Nachlader, dennoch schaffte es die Schweiz trotz sechs Strafrunden, mit Rang sechs einen Platz vor den Bulgaren zu bleiben.

 

Wer zu spät kommt ... hat die Lacher auf seiner Seite. Gabriela Soukalova hat wohl ganz vergessen, wann der Massenstart losgeht.

Was sonst noch auffiel

WM-Silbermedaillen-Gewinnerin Tina Bachmann, die unter anderem von Ex-ÖSV-Coach Remo Krug trainiert wird, ist nach zwei Jahren zurück im Weltcup. Aufgrund von Problemen mit der Schilddrüse, einem dreimonatigen Aufenthalt im Spital sowie einem Burn-out-Syndom hatte die 28-Jährige eine Auszeit genommen. Nach einem Sieg im IBU-Cup in Obertilliach bekam sie ihre Chance im Weltcup, der Wind machte ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung und so verpasste sie im Sprint mit Rang 47 den Sprung in die Punkteränge. "Der Anfang ist gemacht", war sie dennoch glücklich.


Die Französin Marie Dorin-Habert gab nach kurzer Babypause bereits ihr Comeback im Weltcup. Es war ein höchst eindrucksvolles: In der Staffel landete sie mit ihren Teamkolleginnen auf Rang zwei, im Sprint sammelte sie mit Rang 25 auf Anhieb Punkte.


Sprint-Olympiasiegerin Anastasiya Kuzmina, die seit 2008 für die Slowakei startet, lüftete hingegen das Geheimnis um ihre Weltcup-Absenz: Sie ist im dritten Monat schwanger und erwartet ihr zweites Kind.


Während manche Athleten über die Bedingungen schimpften, erwiesen sich andere als Nutznießer und waren ganz froh darüber. So gab es mit Artem Tyshchenko (UKR/Sprint-Zehnter), Yuriy Liadov (BLR/Sprint-Elfter), Vladimir Chepelin (BLR/Sprint-18.) und Serafin Wiestner (SUI/Sprint-28.) zahlreiche Karriere-Bestwerte bei den Herren. Neo-Belgier Michael Rösch erreichte im Sprint erstmals für seine Wahlheimat die Punkteränge (Platz 32): "In die Weltcuppunkte zu laufen, war mein Ziel. Ich freue mich riesig über den Platz und bin zufrieden. Es geht in die richtige Richtung", erklärte der gebürtige Deutsche.

 

Bei den Damen durften sich Jana Gerekova (SVK/Massenstart-Fünfte), Iryna Kryuko (BLR/Sprint-28.) und Lena Häcki (SUI/Sprint-30./erstmals in den Punkterängen) über ihre besten Weltcup-Ergebnisse freuen.

 

Der fast schon unheimliche Erfolgslauf der Italienerinnen hielt an. Dorothea Wierer und Karin Oberhofer haben ihre Klasse längst bewiesen, diesmal war Nicole Gontier an der Reihe. Die 23-Jährige, vor dieser Saison nie besser als 15., sprintete am Freitag sensationell auf den dritten Platz und lachte erstmals vom Podest.


Die Zeiten, in denen die DKB Ski-Arena bis zum Bersten voll war, sind vorerst vorbei. Oberhof verzeichnete einen Zuschauereinbruch, der alle Alarmglocken zum Schrillen brachte. Nach rund 100.000 Fans im Vorjahr kamen 2015 "nur" 66.000 Zuschauer an die Strecke. Die Anlage muss dringend modernisiert werden, zumal die Thüringer 2020 oder 2021 die WM ausrichten wollen. IBU-Präsident Anders Besseberg stellte nüchtern fest, dass sich seit den Titelkämpfen 2004 "nicht viel getan" hat. Ein Faktor für den Fanschwund ist der Termin, der diesmal außerhalb der Ferien lag. Am (schul)freien Sonntag kamen immerhin knapp 20.000 Biathlon-Begeisterte.

Rot-weiß-rote Brille

*) Die Unserie geht weiter. Nach Miriam Gössner in Hochfilzen sowie den US-Damen Hannah Dreissigacker und Annelies Cook auf der Pokljuka erwischte es diesmal Julian Eberhard. Der Salzburger vergaß im Sprint, eine Strafrunde zu laufen, und kassierte eine Zwei-Minuten-Strafe. "Ich kann mir das nicht erklären", meinte er hinterher. Realisiert hatte Eberhard, der nach einem Fehler liegend die Runde ignorierte, seinen Fauxpas nach dem Stehendanschlag. Das Rennen lief er trotzdem zu Ende.

*) Österreichs Damen sind weiter am Vormarsch. Lisa Hauser, Dunja Zdouc, Katharina Innerhofer und Debütantin Simone Kupfner überzeugten in der Staffel und sorgten mit Rang acht für einen neuen ÖSV-Rekord. Wie User "PietroNero", der die Leistungen der ÖSV-Ladies stets exzellent analysiert, ist auch uns nicht entgangen, dass Österreich in der Nationenwertung seit einigen Wochen auf Platz zehn rangiert. Können Hauser und Co. diesen halten, würde das Startkontingent für 2015/16 von drei auf fünf erhöht werden.

*) Im Lager der Herren gibt es mit David Komatz derzeit ein großes Sorgenkind. Der Steirer, der im letzten Jahr mit sensationellen Ergebnissen aufzeigte, sollte im IBU-Cup Selbstvertrauen tanken, konnte sein Potenzial allerdings auch dort nicht abrufen. In den beiden Sprints kam er nicht über die Plätze 29 und 50 hinaus.

*) Dominik Landertinger, die Konstanz in Person, musste die Oberhof-Bewerbe krankheitsbedingt auslassen und wird in Ruhpolding wieder einsteigen. Allzu sehr grämen braucht sich der Tiroler nicht. Einerseits, weil er das klassische Oberhof-Wetter ohnehin nicht sonderlich schätzt, andererseits, weil es im Biathlon-Weltcup zwei Streichresultate gibt. Somit hat er zwar auf den ersten Blick enorm an Terrain in der Gesamtwertung eingebüßt, auf den zweiten liegt er allerdings weiterhin ganz gut im Rennen.

 

 Die Sprüche des Wochenendes

Der neue Streckenabschnitt in Oberhof wurde vielen Athleten zum Verhängnis. "Ich habe noch keinen gehört, der das cool findet. Das wurde total hingezimmert, zudem steht dort kein Baum. Ich verstehe nicht, warum man nicht mal die fragt, die Ski laufen können", schimpfte etwa Arnd Pfeiffer über die nach Ex-Biathletin Andrea benannte "Henkel-Schleife" sowie auf die "relativ beratungsresistenten" Entscheidungsträger.

"Es steht außer Frage, dass Oberhof aus dem Kalender genommen wird, aber vielleicht sollte es zu einer anderen Zeit stattfinden, denn ich hatte hier heute vermutlich die besten Bedingungen meiner ganzen Karriere und das ist kein Witz", so Sieger Martin Fourcade am Sonntag nach dem Massenstart.


GEWINNSPIEL

Diesmal gibt es bei der Schießbude sogar etwas zu gewinnen. Reporter-Legende Sigi Heinrich hat unter Mithilfe von Kornspitz® ein Kochbuch herausgebracht, das sich "Kulinarische Volltreffer" nennt. Ihr könnt es haben. Was ihr dafür tun müsst? Schreibt uns in den Kommentaren, was für euch die Faszination Biathlon ausmacht. Unter allen, die mitmachen, wir der Sieger gelost.

 

Henriette Werner/Christoph Nister

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