Rekorde, ein Rücktritt und ein schiefes Licht

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Hochfilzen platzte aus allen Nähten.

Das 1.149-Einwohner-Örtchen im idyllischen Pillerseetal war einmal mehr Gastgeber eines exzellent organisierten Biathlon-Weltcups.

Sechs Wettkämpfe an drei Tagen lockten Tausende Zuschauer an und sorgten für eine unglaubliche Atmosphäre.

Österreichs Loipenjäger blieben zwar zum vierten Mal in Folge ohne Podestplatz, dennoch gab es einige Lichtblicke.

Doch nicht nur den heimischen Athleten bleibt das Wochenende in Erinnerung, auch zahlreiche internationale Größen haben für positive und negative Schlagzeilen gesorgt.

In der Schießbude blicken wir wie gewohnt noch einmal auf die Woche in Tirol zurück:

Das TRIO INFERNALE

 Fünf Einzelrennen, fünf Podestplätze. Kaisa Mäkäräinen überzeugte auch in Hochfilzen und baute ihre Weltcupführung aus. Von der besten Kaisa aller Zeiten will sie allerdings (vorerst) nichts wissen. "Ich denke nicht. Wenn du dich an die Saison 2010/11 erinnerst ... da hatte ich sechs Podestplätze im Dezember", erklärte die Finnin im Gespräch mit LAOLA1 und fügte grinsend an: "Es geht also noch mehr." Wie stark sie in Form ist, bestätigt ihre Meinung über die Loipe, die aus ihrer Sicht "zu leicht" war. Angesprochen auf das von der IBU fälschlicherweise publizierte Karriereende nach der Saison, wiegelt sie ab: "Die Wahrheit ist, dass ich jetzt noch keine Ahnung habe und mich auch nicht festlegen will. Darüber mache ich mir erst im Frühjahr Gedanken." In ihrer aktuellen Form wäre es ein herber Verlust für den Sport, sollte sie nach der Heim-WM in Kontiolahti abtreten.

 

 Simon Schempp. Zwei zweite Plätze in Sprint und Verfolgung hievten den Deutschen auf den vierten Platz in der Gesamtwertung. "Ich bin überaus zufrieden mit meinem Saisonstart", war daher sein logischer Kommentar nach den Wettkämpfen im Pillerseetal. Als Hauptgrund für seinen Erfolg hat er seinen Körper ausgemacht. "Seit Mai konnten ich voll durchziehen, ich war nie verletzt und auch nie krank. Das macht sich jetzt bezahlt." Einziger kleiner Wermutstropfen war ein abermals verlorener Zielsprint in der Staffel - im Kampf um Rang vier hatte er gegen Dominik Landertinger das Nachsehen.

 

 "Es war unvorstellbar, wie viele Zuschauer hier waren. Das sind Ausmaße wie in Ruhpolding - echt voll geil." Nicht nur "Landi" war begeistert über die Atmosphäre bei seinem Heimweltcup. Zahlen untermauern seinen Eindruck. 15.700 Zuschauer kamen am Samstag zu den Staffelbewerben - Tagesrekord in Hochfilzen! Auch die Gesamtzahl von 34.700 Fans an drei Bewerbstagen gab es noch nie. Wenngleich aufgrund der Nähe naturgemäß viele deutsche Fans zu Gast waren, steht fest: Biathlon boomt in Österreich.

Das TRIO FATALE

 Es ist zum Verzweifeln! Immer wieder rückt der Sport aufgrund von Dopingskandalen ins schiefe Licht. Der aktuelle Fall um den Südtiroler Daniel Taschler ist besonders brisant, denn sein Vater, "Mr. Antholz" und IBU-Vizepräsident Gottlieb Taschler, soll darin verwickelt sein. Wie die "Gazzetta dello Sport" berichtete, arrangierte Taschler senior für Taschler junior im Jahr 2010 Termine beim "Dottore EPO" genannten Michele Ferrari, der aufgrund zahlreicher Verwicklungen in Dopingskandale lebenslang gesperrt wurde. Gottlieb Taschler lässt vorerst alle Ämter ruhen, "bis diese schweren Vorwürfe als falsch erwiesen sind". Aufzeichnungen von Telefongesprächen lassen das Schlimmste befürchten. "Mir wird schlecht. Diese Leute ruinieren den Sport", erklärte Alfred Eder gegenüber LAOLA1. Seinen Worten ist nichts hinzuzufügen.

 Während sich die Damen spürbar unbeeindruckt von der Affäre um die Familie Taschler zeigten, geht es den italienischen Herren offenbar deutlich näher. Lukas Hofer blickt auf ein verkorkstes Wochenende zurück und blieb, wie alle seine Teamkollegen, ohne Punkte in den Einzelbewerben. Mit Dominik Windisch qualifizierte sich überhaupt nur ein Italiener für den Verfolger. Auch in der Staffel blieben die Italiener trotz passabler Schießleistung (neun Nachlader, keine Strafrunde) unter ferner liefen und kam mit dreieinhalb Minuten Rückstand nur auf Position acht ins Ziel.

 Auch an ihrem Lieblings-Weltcuport fand Synnoeve Solemdal nicht zurück in die Spur. Dort, wo sie in den letzten beiden Jahren jeweils die Verfolgung gewann, ging sie diesmal leer aus. 43. im Sprint, 55. im Jagdrennen, dazu hat sie die norwegische Staffel aufgrund ihrer Strafrunde um die Möglichkeit eines Podestplatzes gebracht. Die 25-Jährige ist nach langer Weltcuppause aufgrund des Pfeifferschen Drüsenfiebers noch nicht die Alte und braucht Zeit, um wieder an die Form der letzten Jahre anzuknüpfen.

Gesichtsbemalung zum Abschied von Boeuf

Kurioses

Woran es wohl liegt, dass rund um das Wochenende in Hochfilzen immer wieder Rücktritte bekanntgegeben werden? Magdalena Neuner tat es 2011 wenige Tage vor dem Weltcup in Österreich, Michael Greis und Vincent Jay ein Jahr später. In diesem Jahr ist es Alexis Boeuf, der Gewehr und Ski ins Eck stellt. Der 28-Jährige gewann in seiner Karriere ein Einzelrennen und holte vier WM-Medaillen mit der Staffel (davon einmal Mixed).


Der Herren-Sprint von Hochfilzen war kein gewöhnlicher: Aufgrund der nur 2,5 km lange Loipe gab es zwischen den Schießeinheiten eine Doppelrunde. Für die Fans ein ungewöhnlicher Anblick, denn die Athleten liefen einmal direkt am Schießstand vorbei, ohne einen Zwischenstopp einzulegen.

Bestraft: Miriam Gössner vergaß im Sprint, eine Strafrunde zu laufen und bekam dafür eine Zwei-Minuten-Strafe aufgebrummt, weswegen sie das Verfolgungsrennen verpasste. Sie war sich zwar "zu 100 Prozent sicher", die Runde gelaufen zu sein, doch TV-Bilder bewiesen das Gegenteil. "Wenn sie sagen, ich bin sie nicht gelaufen, dann habe ich keine Chance", erklärte die 24-Jährige und reiste vorzeitig bereits am Samstagmorgen ab.

 "Ich war gerade beim Klassiktraining", erzählte Lars Helge Birkeland von der Nachricht seines Staffelstarts. "Drei, vier Stunden" hatte er Zeit, um sich darauf vorzubereiten, den erkrankten Ole Einar Björndalen zu ersetzen. Der 26-Jährige erledigte seine Aufgabe mit Bravour und war unmittelbar hinter Julian Eberhard Drittschnellster in seiner Gruppe.

 

Rot-weiß-rote Brille

Ab sofort widmen wir uns in einem eigenen Punkt den Leistungen des österreichischen Biathlon-Teams. Was uns in Hochfilzen ins Auge stach:

*) Dominik Landertinger ist aktuell der mit Abstand Konstanteste im ÖSV-Team. "Ich bin jetzt schon gut drauf, aber im Jänner werde ich normalerweise noch besser." Das lässt hoffen.

*) Julian Eberhard hat mit seiner Staffel-Leistung gezeigt, dass er sich den Platz im Weltcup verdient hat. Im Einzel hinter den Erwartungen geblieben, hielt er dem Druck stand, als er am größten war. "Das war sehr erfreulich", resümierten Cheftrainer Reinhard Gösweiner und der sportliche Leiter Markus Gandler unisono.

Was sonst noch auffiel

Kaum Wind, perfekte Bedingungen bei herrlichem Sonnenschein - diese Umstände trugen dazu bei, dass bei den Herren im Sprint gleich 18 Athleten fehlerfrei blieben - darunter auch Dominik Landertinger und Daniel Mesotitsch. Generell waren die Schießleistungen trotz des schweren Anlaufs auf enorm hohem Niveau.


Der Italierin Karin Oberhofer gelang im Sprint mit Rang zwei hinter Mäkäräinen erstmals der Sprung auf das Weltcup-Podest. "Für mich war das ein richtig gutes Rennen", freute sie sich über die Premiere.

 

Von 34 auf 5! Rosanna Crawford rollte das Feld in der Verfolgung von hinten auf und hat das Rennen - an der Netto-Zeit gemessen - für sich entschieden. Die 26-Jährige Kanadierin war überglücklich, sieht sich aber längst noch nicht dort, wo sie hin will. "Ich habe große Erwartungen nach einem tollen Sommer. Ich weiß, dass das Podium gleich irgendwo um die Ecke wartet", erklärte Crawford voller Selbstbewusstsein.


Vanessa Hinz und Luise Kummer starteten erstmals in der deutlich verjüngten deutschen Damen-Staffel und feierten prompt den ersten Sieg. "Dabei gleich Verantwortung zu übernehmen, ist beeindruckend", verbeugte sich Bundestrainer Gerald Hönig verbal. "Wir haben sicher nicht den Überflieger, aber wir rücken als Team zusammen. Wenn wir uns diese Atmosphäre bewahren können, werden wir noch viel Freude haben", zeigte er sich bei LAOLA1 enthusiastisch.

 

"Der zweite Platz macht alle happy und erleichtert die Arbeit ungemein. Weißrussland war selten so weit vorne, alle haben sich irrsinnig gefreut." Neo-Cheftrainer Alfred Eder (so läuft die Arbeit mit Darya Domracheva) war glücklich über die Leistung der weißrussischen Damen, die mit Ausnahme von Antholz 2012 (ebenfalls Rang zwei) in den letzten zehn Jahren nie so stark waren.

 

Apropos Darya Domracheva: Für sie und ihren Freund Ole Einar Björndalen liefen die Einzel-Wettkämpfe durchwachsen. Domracheva stürzte wie schon in Östersund und liegt im Weltcup nach den Plätzen acht und 13 bereits 77 Zähler hinter Mäkäräinen. Björndalen verpokerte sich im Sprint mit der Nummer, landete mit drei Fehlern lediglich auf Rang 40 und musste aufgrund einer Erkrankung schließlich vorzeitig w.o. geben.

 

Immer wieder fällt im Zirkus der Loipenjäger das Wort Biathlon-Familie. Kein Zufall, denn hier stehen die Nationen füreinander ein. Michael Rösch, der für Belgien startet, kann sich derzeit keinen Physiotherapeut leisten. "In Östersund haben die Österreicher ausgeholfen und mich massiert, in Hochfilzen war ich bei den Norwegern", erklärte der Staffel-Olympiasieger von 2006 (mit Deutschland).

 

*) Am Schießstand fehlt bei den Herren die Konstanz. Speziell im Verfolger vergab man dadurch bessere Ergebnisse. "Es ist beinhart, aber ich werde mich Schritt für Schritt rankämpfen", erklärte Simon Eder, der sich dafür läuferisch in einer exzellenten Verfassung befindet.

*) Die Damen haben einmal mehr aufgezeigt. Lisa Hauser ist so stark wie noch nie Dunja Zdouc punktete wie schon in Östersund. Sorgenkind Katharina Innerhofer, bei der im Sprint nichts zusammenlief, sammelte mit einer starken Staffel-Leistung Selbstvertrauen. "Ich habe schon an mir gezweifelt, aber das war ein echter Lichtblick", freute sie sich und kann kaum erwarten, dass es nach Pokljuka geht, wo sie in der letzten Saison sensationell gewann.

*) Bei den Ladies stimmt die Komplexleistung noch nicht zusammen. Während die ÖSV-Staffel das beste Schießergebnis hatte, verlor sie in der Loipe rund dreieinhalb Minuten auf die Spitze. "Wir brauchen noch ein paar Trainingsjahre", weiß Hochfilzen-Debütantin Christina Rieder. "Da haben wir sicher Aufholbedarf, aber wir müssen ihnen auch die nötige Zeit geben", bittet Gandler um Geduld.

*) Der ÖSV hat eine revolutionäre Schießtafel entwickelt. Dabei hat das Team um Toni Giger, den Leiter der Abteilung Entwicklung, Forschung und Innovation, ganze Arbeit geleistet und ist der Konkurrenz in puncto Technik derzeit zumindest einen Schritt voraus.


Der Spruch des Wochenendes

"Ich war hier beim norwegischen Team, da hat mich der Physio durchgeknetet. Danach musste er erst einmal duschen gehen, weil er fix und fertig war. Er hat gemeint, es hat sich angefühlt wie bei einem Holzstock." - Michael Rösch. Der für Belgien startende Deutsche leidet am Kompartmentsyndrom und muss für Pokljuka passen.

 

Henriette Werner/Christoph Nister


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