Eine Großmacht schwächelt: Sorgen beim DSV

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Siege, Kristallkugeln, WM-Erfolge, Olympiamedaillen.

Kurzum: Es war das volle Programm, das die deutschen Biathletinnen in den letzten Jahren serienweise für sich beanspruchten.

Mit Miriam Gössner schickt sich in diesem Winter die nächste Athletin an, in die Riege der Superstars aufzusteigen.

Drei Saisonerfolge hat die zierliche Bayerin bereits zu Buche stehen, dank ihrer Dominanz in der Loipe eilt sie von Erfolg zu Erfolg.

Ihren Leistungen hat es der DSV zu verdanken, dass viele Problemstellen erfolgreich verdeckt werden.

Nur Gössner und Henkel glänzen

Denn abgesehen von Gössner und der routinierten Andrea Henkel, die immer wieder den Sprung in die Top 5 schafft, gibt es ansonsten niemand im Team unserer Nachbarn, der auch nur ansatzweise das Prädikat "Weltklasse" verdienen würde.

Keine weitere Biathletin klassiert sich im Weltcup in den Top 25, die fehlende Dichte im Kader wird immer augenscheinlicher.

Zuletzt waren mit den erwähnten Gössner und Henkel nur noch zwei Athletinnen für den Massenstart in Ruhpolding qualifiziert. In Oberhof verzichtete der Verband aus Mangel an Alternativen gar freiwillig auf den sechsten Startplatz.

In der Vergangenheit verwöhnt

Umstände, die den Verantwortlichen gar nicht gefallen, doch müssen sie sich mit dem Status quo abfinden.

"Wir sind über 20 Jahre erfolgsverwöhnt gewesen", erklärt Bundestrainer Uwe Müßiggang im Gespräch mit LAOLA1.

"Da gab es eine Mannschaft mit sechs, sieben Mädels, da konnte man immer jede von ihnen bringen. Daran hat man sich eben gewöhnt."

Miriam Gössner ist eine von nur zwei konstanten Leistungsträgerinnen

Geduld ist angesagt

Der 61-Jährige erklärt aber auch: "Diese Situation ist für uns nicht neu, das hat sich über einen längeren Zeitraum abgezeichnet."

Speziell die Laufleistung reiche teilweise schlicht und einfach nicht aus, um im Weltcup ein Wörtchen um die Spitzenplätze mitzureden.

"Das sind zum Teil achtbare und ordentliche Ergebnisse, aber sie gehen eben nicht in Richtung Erste, Zweite, Dritte."

Man müsse sich in Geduld üben und den Nachwuchs weiter intensiv fördern, um mittelfristig wieder Nachschub für die Weltcup-Mannschaft zu erhalten.

Fokus richtet sich auf Sotschi

Keine leichte Aufgabe, rückt die WM in Nove Mesto doch immer näher. Zuletzt wurde Tina Bachmann, in den vergangenen Jahren eine fixe Größe, aus dem Team genommen. Sie wird auch bei den Titelkämpfen in Tschechien fehlen.

Langsam gehen dem deutschen Team die Alternativen aus. Müßiggang sieht das nicht so tragisch, richtet er den Fokus doch bereits auf die Olympischen Spiele 2014.

Hierfür ist ihm deutlich mehr Zuversicht abzuringen, zwei zusätzliche Alternativen könnten sich dahingehend auftun. Zum einen Neu-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle und zum anderen Kathrin Lang, die nach der Geburt ihrer Tochter in Ruhpolding erstmals wieder Weltcup-Luft schnupperte.

"Bei Evi ist die Tendenz ganz gut"

Die Erwartungshaltung ist vorerst noch gering, doch eine klar positive Entwicklung sei bei beiden vorhanden - speziell bei Ex-Langläuferin Sachenbacher-Stehle.

"Bei Evi ist die Tendenz ganz gut. Man muss aber erst schauen, was ihre Ergebnisse aus dem IBU-Cup im Weltcup wert sind. Es sind eben doch zwei verschiedene Paar Stiefel." Zuletzt gelangen ihr in der zweiten Liga im Biathlon gleich mehrere Spitzenergebnisse.

Immerhin sei bei der 32-Jährigen "eine Entwicklung erkennbar, die deutlich ist. Bei anderen ist sie nicht erkennbar." Gerade im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz zeigt sich der Bundestrainer besorgt.

Unglaublicher Aderlass im DSV

Inzwischen sei man einer völlig neuen Ausgangslage ausgesetzt. "Innerhalb von zwei Jahren hat nicht nur Lena (Neuner, Anm.) aufgehört, wir haben eine komplette Mannschaft verloren."

In der Tat, neben Neuner (2012) hängten auch Kati Wilhelm, Martina Beck und Simone Hauswald (alle 2010) die Waffe an den berühmten Nagel.

Summa summarum bedeutet das, dem Team sind binnen zwei Jahren die Gewinner von 77 Weltcup-Rennen, 16 Olympia- und 47 WM-Medaillen sowie fünf großen und 17 kleinen Kristallkugeln abhandengekommen.

"Kritik? Das ist eine Feststellung"

Ein Aderlass, den selbst eine Biathlon-Großmacht wie Deutschland kaum wettzumachen imstande ist. "Solche Leute ersetzt man nicht so schnell. Das dauert einfach, die jungen Athleten sind nun gefragt", stellt Müßiggang diesen die Rute ins Fenster.

Denn deren Leistungen entsprechen nicht den Vorstellungen der Teambosse. "Einige zeigen durchaus eine gute Entwicklung, es gibt aber auch welche, wo wir diese nicht sehen. Diese wäre aber notwendig gewesen."

Die immer lauter werdende Kritik nimmt er allerdings locker. "Kritik? Das ist vielmehr eine Feststellung", gibt er den Medien angesichts der nicht vorhandenen Breite Recht.

Es gibt "eine Menge Baustellen"

"Wenn man sieht, was (international) an jungen Mädels nachkommt, dann müssen hier echte Signale kommen. Ich muss mich im Jahr um ein, zwei Prozent verbessern. Da langt es nicht, im Nullkomma-Bereich zu bleiben", kritisiert er seine Schützlinge.

Müßiggang versucht erst gar nicht, die Dinge schönzureden und spricht Klartext: "Es sind eine Menge Baustellen vorhanden, die beseitigt werden müssen."

Jammern auf hohem Niveau

Daran arbeitet man im DSV mit Hochdruck, um neben der Qualität auch die Quantität an Läuferinnen wieder auf ein Level anzuheben, das dem Team gerecht wird.

Bei aller Besorgnis sei allerdings auch erwähnt, dass es immer noch ein Jammern auf hohem Niveau ist. Denn mit Gössner und Henkel stellt Deutschland zwei Athletinnen, die unter den Top-8 im Weltcup auftauchen. Keine andere Nation hat mehr als eine.

Die Ausbeute fällt aktuell zwar etwas geringer aus als in den letzten Jahren, doch (weitere) Siege, Kristallkugeln und WM-Medaillen sind auch in diesem Winter absolut realistisch.

 

Henriette Werner/Christoph Nister

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