Raus aus dem Kreißsaal, rein ins WM-Abenteuer

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„Es ist verrückt“, ringt Marie Dorin Habert um Worte.

„Ich kann kaum glauben, was hier passiert.“

Die 28-jährige Französin schreibt derzeit bei der Biathlon-WM im finnischen Kontiolahti Geschichte. Nachdem sie mit der Mixed-Staffel einen silbernen Auftakt erlebte, vergoldete sie wenige Tage später ihre Karriere – in doppelter Ausgabe.

Vom Kreißsaal zu Gold - in sechs Monaten

Erst gewann sie den Sprint und damit ihr erstes Einzelrennen überhaupt, dann triumphierte sie auch noch in der Verfolgung. „Ich habe gefühlt, dass ich immer besser und besser in Form komme“, erklärt Dorin Habert im Gespräch mit LAOLA1.

Ihre Geschichte ist eine ganz besondere, was nur bedingt mit den beiden WM-Titeln zusammenhängt. Die Erfolge der Loipenjägerin wirken umso beachtlicher, wenn man sich vor Augen hält, dass sie erst vor wenigen Monaten Mutter einer Tochter wurde.

Papa Lois, Mama Marie, Tochter Adèle

Überraschend starkes Comeback

„Hallo Adèle, kleine Fee“, schrieb sie auf ihrer Homepage, nachdem der Nachwuchs am 19. September das Licht der Welt erblickte. An Spitzensport dachte sie in jenem Moment zwar nicht, aus dem Hinterkopf war er jedoch nie zu verdrängen.

„Ich habe im Sommer hart trainiert und hatte das Ziel, im neuen Jahr wieder in den Weltcup zurückzukehren“, war die Marschrichtung klar. Das gelang ihr in beeindruckender Manier. Die aktuelle Stärke kommt jedoch auch für die WM-Abräumerin überraschend.

"Es fliegt mir irgendwie alles zu"

„Ich finde kaum Worte dafür, es ist einfach unglaublich. Ich bin so glücklich. Es fliegt mir irgendwie alles zu während der Weltmeisterschaft.“ Selbst im Schießen klappt es derzeit überraschend gut. „Da muss ich mich natürlich noch steigern“, hatte Dorin Habert erst kürzlich noch gemeint.

Dass Mütter im Spitzensport reüssieren können, haben bereits andere Athletinnen vor ihr bewiesen, man denke an Ex-Tennis-Star Kim Clijsters oder Ski-Legende Ulrike Maier. Dass sich der Erfolg binnen kürzester Zeit nach der Geburt einstellt, kommt für viele dennoch überraschend.

Experte nicht wirklich überrascht

Nicht so für Sportmediziner und Leistungsdiagnostiker Dr. Alfred Fridrik. „Eine Schwangerschaft kann sich positiv auswirken“, verrät er im Gespräch mit LAOLA1. „Wenn das Training anders dosiert wird und man durch die Schwangerschaft gut regeneriert, kann sich die Leistungsfähigkeit sogar steigern.“

Dorin Habert ließ das Training nie schleifen, sie spulte auch mit dickem Baby-Bauch unzählige Kilometer am Skiroller ab und verschoss am Schießstand Munition, um an ihrer Treffergenauigkeit zu arbeiten.

Doppel-Gold für die Jung-Mama

„Eine auftrainierte Leistungsfähigkeit ist sehr rasch wieder abrufbar“, meint Fridrik. Die Strapazen der vergangenen Tage und Wochen hinterließen bei Dorin Habert allerdings Spuren. Aus diesem Grund entschied sie sich in Absprache mit ihren Trainern Julian Robert und Jean-Paul Giachino, den Einzelwettkampf am Mittwoch (ab 17:15 Uhr) auszulassen.

Zwei Jobs verlangen Dorin Habert alles ab

Der Fokus der aus Lyon stammenden Französin liegt bereits auf der Staffel. „Hoffentlich gelingt mir dort eine weitere Medaille“, ist sie weiter hungrig nach Edelmetall. Es ist allerdings auch offensichtlich, dass das zuletzt Erlebte nicht spurlos an ihr vorüber ging.

Die Doppelbelastung mit Spitzensport auf der einen und Mutterdasein auf der anderen Seite zehrt an der Substanz, zumal Dorin Habert immer wieder von ihrer Tochter getrennt ist. „Es ist schwierig, zwei Jobs zu haben“, macht sie bei LAOLA1 keinen Hehl daraus.

Sport ist wichtig, Familie ist wichtiger

„Ich vermisse meine Tochter oft, denn sie ist nicht immer bei mir.“ Ihr Ehemann, Ex-Biathlet Lois Habert, ist Trainer der französischen IBU-Cup-Mannschaft und daher im Winter zumeist getrennt von ihr. Damit beide Elternteile möglichst viel Zeit mit dem Nachwuchs verbringen können, einigten sie sich auf eine Kompromisslösung.

„Eine Woche ist sie bei mir, eine Woche bei ihrem Vater. Wenn sie nicht dabei ist, ist das natürlich sehr hart für mich“, gesteht sie. In Kontiolahti ist sie mit dabei und macht das Glück von Dorin Habert perfekt.

Denn trotz ihrer Erfolge stellt die 28-Jährige klar. „Biathlon ist mir wichtig, aber Priorität in meinem Leben hat Adèle.“


Christoph Nister

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