"Mit Nummer 31 hätte ich sicher nicht gewonnen"

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Marcel Hirscher hat einmal mehr bewiesen, dass ihm alles zuzutrauen ist.

Der Salzburger holte in der Alpinen Kombination sensationell die Goldmedaille. Nicht einmal er selbst hätte das nach den großen Rückständen von bis zu fünf Sekunden in den Abfahrts-Trainings gedacht, Chancen auf eine Medaille zu haben.

Aber es kommt eben oft anders, als man denkt. „Die Frage war, ob es überhaupt Sinn macht, in der Kombination zu starten. Mit fünf Sekunden Rückstand, wie es im Training der Fall war, war es echt fraglich“, gibt er zu, dass es bis einen Tag vor dem Rennen nicht sicher war, ob er überhaupt startet.

Mit der Gold-Medaille fällt ihm ein riesiger Stein vom Herzen: „Jeder erwartet, dass ich mindestens eine Medaille gewinne, im besten Fall Gold. Ich habe das jetzt schon geschafft. Das macht mich glücklich und ich fühle mich frei.“

In der Kombination habe er durch Glück eine Chance erhalten und diese perfekt genützt, zeigte er sich hinsichtlich der Bedingungen aber ehrlich: „Heute hätte ich mit Nummer 31 nicht gewonnen.“

Ob er jetzt daran denkt, Allrounder zu werden, er seine Karriere wirklich 2019 beenden will und seine netten Worte an Ondrej Bank gibt es im Interview:

Frage: Marcel, das ist ein großer Tag oder?

Marcel Hirscher: Ich bin wirklich sehr stolz. Man konnte ja sehen, dass ich in den ersten Abfahrts-Trainings nicht gerade schnell war. Die Frage war, ob es überhaupt Sinn macht, in der Kombination zu starten. Mit fünf Sekunden Rückstand, wie es im Training der Fall war, war es echt fraglich. Wir haben aber ein gutes Set-Up gefunden. Ich habe Schuhe und Ski gewechselt und war zwei Sekunden schneller als im Training. Das war der erste Schritt. Es war natürlich gut, mit Nummer eins in den Slalom zu gehen. Du musst aber immer Gas geben und die Chance nützen. Ich habe sie genützt.

Frage: Wie war das Gefühl, so lange unten zu stehen und warten zu müssen?

Hirscher: Normalerweise liebe ich es, vor der roten Wand zu stehen. Heute war es aber echt verrückt, ich bin fast eine Stunde dort gestanden. Bei jedem Fahrer überlegst du, wie gut er im Slalom sein könnte. Ich hatte ja keine Idee, wie viele Slalom-Tore Beat Feuz zum Beispiel gefahren ist. Du fragst dich immer, ob er seinen Rhythmus findet und er dich schlagen kann oder nicht. Gegen Kjetil war es dann so eng. Ich habe ihn im Europacup erstmals bei Slalom- und Riesentorlauf-Rennen kennengelernt. Er ist ein großartiger Skifahrer, das hat man heute gesehen.

Frage: Denkst du, du hättest mit Startnummer 31 nach der Top-Gruppe eine Chance gehabt?

Hirscher: Mit Nummer 31 hätte ich sicher nicht gewonnen. Du brauchst immer Glück, um Startnummer eins zu erwischen. Leider wurde das erst durch Ondrej Banks Sturz möglich. Er ist so ein netter Kerl. Ich wünsche ihm das Allerbeste, hoffentlich kommt er bald zurück. Er hat so oft bewiesen, dass er stark ist und von Verletzungen zurückkommen kann. Ich wünsche ihm nur das Beste.

Frage: Wie groß ist die Erleichterung, mit Gold in die WM zu starten?

Hirscher: Es ist unglaublich. Jeder weiß, dass Skifahren in Österreich wirklich wichtig ist. Manchmal ist das echt viel Druck, hier vielleicht gar nicht so sehr, weil Hannes Reichelt und Anna Fenninger bereits Gold geholt haben. Dennoch erwartet jeder, dass ich mindestens eine Medaille gewinne, im besten Fall Gold. Ich habe das jetzt schon geschafft. Das macht mich glücklich und ich fühle mich frei.

Frage: Du hast gesagt, keine Medaillen-Chance zu haben. Hat Gold dadurch, dass es so überraschend kommt, einen höheren Stellenwert, vielleicht sogar höher als Gold in Schladming?

Hirscher: Es ist eine ganz andere Ausgangssituation. In Schladming bin ich in ähnlicher Position wie hier in die nächsten Rennen gegangen. In der Kombination bin ich – wenn man die Trainingszeiten hernimmt und es nüchtern betrachtet – als komplett chancenloser Typ reingegangen. Das ist mein purer Ernst. Deshalb hat es einen irrsinnig hohen Stellenwert. In den ersten zwei Trainings hatte ich mit der Angst zu kämpfen und bin nicht zurecht gekommen. Ich bin auf der Abfahrt einfach sehr unerfahren. Es ist genial, dass wir es durch Nachdenken, Zusammenarbeit und Zusammenhalt möglich gemacht haben, die Abfahrt schnellstmöglich zu bewältigen.

Frage: War das das Maximum, was du in der Abfahrt rausholen konntest?

Hirscher: Für die momentanen Möglichkeiten an Erfahrung, Mut, Set-Up und den gegebenen Möglichkeiten bin ich sicher über mich hinausgewachsen. Aber es ist noch lange kein Abfahrer aus mir geworden, das ist noch ein breiter Weg.

Frage: Ist es eine Option, mehr Speed-Rennen zu bestreiten und ein Allrounder zu werden?

Hirscher: Wenn du alle Disziplinen bestreitest, wirst du niemals in allen Spitze sein. Es ist eine persönliche Entscheidung, ob ich alle Rennen bestreiten will und manchmal eines gewinne oder auf das Podest komme, oder ob ich in zwei Disziplinen wirklich gut sein will. Es ist aber auf alle Fälle richtig cool, auf den Abfahrts-Ski zu stehen und so schnell zu fahren.

Frage: Denkst du daran, dass jetzt mit Teambewerb, Riesentorlauf und Slalom vier Gold-Medaillen möglich sind?

Hirscher: Nein, jetzt gerade das erste Mal. Für mich war es schon eine gewagte Aussage, dass ich eine Medaille – egal in welcher Farbe – zum Ziel habe. Das hätte man in Schladming niemals von mir gehört. Deshalb denke ich jetzt auch nicht an weitere Dinge. Jetzt genieße ich einmal diese Goldmedaille.

Frage: Verändern diese Erfolge eigentlich etwas an deinem Vorhaben, bereits in zwei bis drei Jahren zurückzutreten?

Hirscher: Als ich 16 Jahre alt war, habe ich nicht zu träumen gewagt, eines Tages Weltmeister in der Kombination zu sein. Es gibt immer Dinge im Leben, wo du denkst, es wird genau so sein, wie du es im Moment planst und dann kommt es anders. Momentan plane ich, 2019 mit dem Skifahren aufzuhören. Bis dahin ist aber noch viel Zeit. Ich will immer mein Bestes geben, es ist sehr schwer, konstant auf diesem Level zu sein. Wenn du ein, zwei oder drei Mal auf dem Podest sein willst, kannst du dir hin und wieder einen gemütlichen Tag Auszeit nehmen. Wenn du den Gesamtweltcup gewinnen willst, musst du jeden Tag arbeiten und in jedem Rennen da sein. Das kostet sehr viel Energie. Aber das ist es wert.

 

Aus Vail/Beaver Creek berichtet Matthias Nemetz

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