Shiffrin: Aufstieg vom Wunderkind zur Weltmeisterin

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Ausgerechnet die Jüngste hatte die besten Nerven. „Ein bisschen nervös war ich schon“, gab Mikaela Shiffrin nach dem größten Erfolg ihrer Karriere zu.

Das lag aber eher daran, dass sie zwischen den beiden Slalom-Durchgängen ein bisschen die Müdigkeit plagte und sie Angst hatte, für die Entscheidung nicht spritzig genug zu sein.

Doch Angst und Nervosität waren unbegründet. Zur Halbzeit noch auf Rang drei, fuhr die erst 17-Jährige im Finale mit der viertschnellsten Laufzeit auf das oberste Treppchen.

Oben Party, unten Stille

Als Frida Hansdotter über den roten Zielstrich fuhr, brach im Tollhaus Planai-Stadion die Party los, 35.000 Fans machten Stimmung.

Jubel, Trubel, Heiterkeit auf den Tribünen Gold, Silber, Bronze, mittendrin Mama Eileen, die stets, oder zumindest wenn sie nicht gerade fährt, an der Seite ihrer Tochter zu finden ist.

Unten im Zielraum ging die so erfolgreiche Tochter in die Knie. Es war ein letzter Moment der Stille für die Aufsteigerin aus Vail, Colorado, er dauerte auch nur ein paar Sekunden, ehe von allen Seiten der Wahnsinn auf sie einprasselte.

Hände schütteln, Schultern klopfen lassen, Hände schütteln, Interviews geben, noch mehr Hände schütteln, Flower Ceremony, Pressekonferenz, wieder die Hände, Siegerehrung.

So sieht sie aus, die Realität einer Weltmeisterin. Der jüngsten übrigens seit 1985, seit Landsfrau Diann Roffe-Steinrotter, die damals in Bormio Gold im Riesentorlauf gewann.

Im Eiltempo an die Spitze

„Ich kann es einfach nicht glauben, es ist einfach nur verrückt“, wusste Shiffrin mit ihren ersten Emotionen nicht so recht umzugehen.

Der Vorarlberger Kilian Albrecht, in Schladming meist unterwegs in der offiziellen Team-Wäsche von Mexiko, kümmert sich seit vergangener Saison hochoffiziell um das Management der als Wunderkind gefeierten US-Amerikanerin.

„Man hat schon gewusst, dass Mikaela, wenn sie gesund bleibt, irgendwann durchstarten wird. Aber dass es so schnell geht, damit haben wir alle nicht gerechnet“.“

Familienfreund und Manager

Der ehemalige ÖSV-Läufer lernte Familie Shiffrin bereits vor vielen Jahren kennen, die heutige Weltmeisterin war damals noch ein Kind.

Der Kontakt ist nie abgerissen, erzählt Albrecht. „Ich habe sie schon immer beraten und unterstützt, wenn sie eine Frage hatten, sind sie zu mir gekommen, wenn sie etwas gebraucht haben, haben sie mich angerufen“, war er immer zur Stelle.

So war es nur logisch, dass er bei Shiffrins Einstieg in den Weltcup den Manager für sie machte. „Sie hat mich darum gebeten, jetzt kümmere ich mich um Sponsoren, koordiniere Termine und Interviews und schaue, dass all diese Dinge für sie möglichst wenig Stress sind, damit sie sich voll und ganz aufs Skifahren konzentrieren kann.“

Man spricht Vorarlbergerisch

Der 39-Jährige, der neben Shiffrin auch noch Veronika Velez-Zuzulova und Lena Dürr betreut, war es auch, der eine Empfehlung für die Verpflichtung von Roland Pfeifer abgab.

Der Vorarlberger wechselte vor zwei Jahren vom Landesverband zum US Ski-Team, wo er sich vor allem um die 17-Jährige kümmert und - wenn sie fit ist - auch um Resi Stiegler.

Der 48-Jährige hat den Aufstieg seines Schützlings nicht nur hautnah miterlebt, sondern vor allem mitzuverantworten.

"Eltern sind Realisten"

Shiffrin sei viel, sagt Pfeifer, aber sicher kein Wunderkind. „Ich habe viele Läuferinnen und Läufer gesehen, die ähnlich viel Talent hatten, aber da hat keiner so hart gearbeitet wie Mikaela.“

Das habe sie in erster Linie ihrem Elternhaus zu verdanken, so der Export-Trainer weiter. „Die Eltern sind harte Arbeiter, vor allem sind sie aber Realisten. Sie haben ihr beigebracht, dass man etwas richtig erlernen muss und nicht auf Glück hoffen braucht.“

Wenn irgendwo ein Problem auftaucht, arbeitet Shiffrin so lange daran, bis es aus der Welt ist. „Skifahren ist für mich die Nummer eins“, sagt sie und lächelt.

Training statt Strand

Natürlich würde sie sich während der Saison gerne eine Auszeit gönnen, um die Akkus in wärmeren Gefilden aufzuladen. „Aber davon werde ich nicht besser!“

Stattdessen trainiert sie mit Männern, so wie vor der Weltmeisterschaft mit dem italienischen Slalom-Nationalteam. Eineinhalb Sekunden hat sie da auf die schwer beeindruckten Herren Razzoli und Gross verloren.

„Ich habe gesehen, was noch möglich ist.“ Das sieht natürlich auch ihr Manager, der schon an die nächste Saison denkt, wenn der Highschool-Abschluss in der Tasche ist und sich Shiffrin komplett aufs Skifahren konzentrieren kann.

Gesamt-Weltcup als nächstes Ziel

Die Olympischen Spiele in Sotschi sind natürlich ein Ziel, vor allem aber der Gesamt-Weltcup.

Shiffrin selbst kann es nicht schnell genug gehen mit dem Erreichen all ihrer Ziele und Träume: „Alle sagen, dass es so schnell geht, aber ich habe das Gefühl, dass ich schon so lange darauf warte.“

Trainer Pfeifer muss manchmal sanft, manchmal mit etwas mehr Nachdruck die Bremse betätigen.

„Sie glaubt daran, dass sie es schon nächste Saison schaffen kann. Aber ich vermute, dass sie noch nicht ganz versteht, was es bedeutet, wenn sie Super-G und Abfahrt dazunimmt. Nämlich, dass ihr die Zeit abgeht, um Slalom und Riesentorlauf zu trainieren.“

Per Anruf Servicemann

„In gewissen Dingen merkt man, dass sie erst 17 Jahre alt ist, aber sie ist immer authentisch und bleibt sich selbst treu“, ergänzt Albrecht.

Ein weiterer Teil im Erfolgspuzzle der Slalom-Weltmeisterin ist Servicemann Kim Erlandsson. Der 24-Jährige mit dem schwedischen Namen stammt aus Kleinarl und war bis zum Sommer noch Testfahrer bei Atomic.

„Eines Tages habe ich einen Anruf bekommen, ob ich mir das vorstellen könnte und keine Woche später bin ich schon rübergeflogen“, lacht Erlandsson, der die Zusammenarbeit als unkompliziert und einfach beschreibt.

„Mikaela ist eine unglaublich harte Arbeiterin, das macht sich bezahlt. Je mehr Trainingsläufe sie macht, umso mehr Informationen zum Material haben wir zur Verfügung.“

"Habe noch viele Träume"

Bei Marcel Hirscher sei es ähnlich, zieht Erlandsson den Vergleich mit dem vielleicht größten Material-Tüftler im Weltcup-Zirkus.

Und auch bei der Position sieht er Parallelen. „Beide stehen zentral über dem Ski und fahren sehr aufrecht, dadurch sind sie auch so sicher.“

Sicher ist auch, dass sich Mikaela Shiffrin jetzt ein paar freie Tage gönnen wird, allerdings nicht daheim, sondern in Sölden, wo das US-Team im Winter seine Home-Base hat.

Denn für diesen Winter gibt es noch ein großes Ziel: den Gewinn der kleinen Kristallkugel im Slalom. „Ich habe noch viele Träume, die ich mir verwirklichen möchte“, sagt sie. Es klingt wie eine Drohung.

 

Stephan Schwabl

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