"Marcel wird nicht abheben!"

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Vater Hirscher: "Ich bin Unterstützer und Optimierer!"

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Ferdinand Hirscher ist nicht nur der Vater, sondern auch die wichtigste sportliche Bezugsperson des aktuellen Ski-Weltcup-Leaders.

Der 56-jährige Skischulbesitzer aus Annaberg-Lungötz bezeichnete sich selbst im großen Interview als "Unterstützer und Optimierer" seines Sohnes Marcel.

Eine Fortsetzung der Siegesserie seines 22-jährigen Sprösslings konnte Hirscher senior natürlich nicht versprechen, etwas anderes aber schon.

"Marcel wird ganz sicher nicht abheben. Dafür hat er viel zu viele Schicksalsschläge in unserer Familie hautnah miterlebt."

So hatte etwa auch sein jüngerer Bruder Leon großes Talent in die Wiege gelegt bekommen, ein kompliziertes Hüftleiden machte aber die Ambitionen früh zunichte.

Frage: Sind Sie überrascht, was Ihr Sohn derzeit in den Schnee zaubert?

Hirscher sen.: Dass es so gut läuft, damit habe ich auch nicht gerechnet. Aber grundsätzlich hat sich gegenüber der vergangenen Saison nicht viel geändert. Da war er auch schon oft knapp dran. Marcel fährt seit seinem Einstieg in den Weltcup auf einem sehr hohen Niveau. Manchmal hatte er Pech, jetzt hat er gerade auch das Glück auf seiner Seite, auch mit den entscheidenden Hundertstel. Das sind die Hundertstel, die ihm bei der WM 2009 und Olympia 2010 auf die Medaillen gefehlt haben und jetzt zurückkommen.

Frage: Ist der Unterschied, dass Marcel jetzt das Spiel mit dem Limit besser im Griff hat?

Hirscher sen.: Nein, das glaube ich nicht. Das ist einfach sein Fahrstil. Marcel ist alleine schon aufgrund seiner geringen Körpergröße dazu gezwungen, in den flachen Passagen extrem aggressiv zu fahren, um das Defizit an Masse zu kompensieren.

Frage: Erfolgreiche Skifahrer werden in Österreich schnell zu Stars. Wie verkraftet Marcel mit seinen 22 Jahren diesen Rummel?

Hirscher sen.: Marcel ist so ein realistischer und bodenständiger Bursche, da sehe ich kein Problem. Starallüren sind ihm völlig fremd. Ob seine Siegesserie weiter geht, kann keiner sagen. Aber eines weiß ich bestimmt: Marcel wird ganz sicher nicht abheben. Dafür hat er viel zu viele Schicksalsschläge in unserer Familie hautnah miterlebt. Er weiß, wie das Leben sein kann. Man hat nicht alles selbst in der Hand.

Frage: Ist das der Grund, warum er derzeit scheinbar unbeeindruckt jeder Drucksituation standhält?

Hirscher sen.: Druck hat doch jeder. Druck hat jeder Arbeiter, unsere gesamte Gesellschaft ist auf Druck aufgebaut. Ohne zu sehr philosophisch zu werden, aber die Naturvölker haben sogar den Druck, Nahrung finden zu müssen. Marcel hat die Fähigkeit, den Augenblick zu genießen.

Frage: Deshalb ist auch das Gerede und Rechnen zum Thema Gesamt-Weltcup derzeit noch überflüssig?

Hirscher sen.: Viele machen den Fehler, dass sie eine zu hohe Erwartungshaltung haben und viel zu viel rechnen. Man muss einfach nur schauen, Tag für Tag seine Leistung zu zeigen und diese dann zu bestätigen. Der Gesamt-Weltcup muss passieren.

Frage: Auch wenn Marcel derzeit von Sieg zu Sieg eilt, kann er mit 22 Jahren noch nicht am Zenit sein. Wo sehen Sie noch Defizite?

Hirscher sen.: Mit den Jahren wird Marcel sicher reifer und routinierter. Und auch sein Körper ist noch lange nicht ausgereift. Erst mit 29 Jahren sind Körper und Geist am stabilsten. Ivica Kostelic kann ein Programm absolvieren, da würde ein Junger mit 22 Jahren zerbrechen.

Frage: Haben sich die Erfolge von Marcel auch schon positiv auf die heimische Skischule in Annaberg ausgewirkt?

Hirscher sen.: Unser Ort ist klein, die Bettenkapazität begrenzt. Die Leute freuen sich mit Marcel, aber vom Geschäft spüren wir das nicht wahnsinnig.

Frage: Sie werden als Mastermind, persönlicher Trainer oder Marcels erster Skilehrer bezeichnet. Wie würden Sie selbst Ihre Rolle in Marcels Stab bezeichnen?

Hirscher sen.: Ich begleite Marcel bei den Weltcup-Rennen, weil ich sein maximales Schwungverhalten am besten kenne. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht vor dem Videorekorder sitze und Marcel sowie auch Konkurrenten analysiere. Und jeden Tag entdecke ich wieder irgendetwas. Gemeinsam mit Servicemann Edi Unterberger teste ich auch das optimale Material für Marcel heraus. Zusammengefasst bin ich sein Unterstützer und Optimierer.

Frage: Sie arbeiten als Vater und Sohn seit vielen Jahren eng zusammen, hat es da nicht oft auch ordentlich gekracht zwischen Ihnen?

Hirscher sen.: Ja, natürlich. Als Marcel 14, 15 Jahre alt war, war es sicher nicht leicht. Da bekam er es erstmals mit den großen Trainern und Serviceleuten zu tun. Wenn ich ihm damals einen Tipp gab, hat er nur gesagt: 'Klar, du wirst das wissen.' Ich habe ihm gesagt, dass er selbst entscheiden kann, ob ich ihn weiter begleiten soll. Mittlerweile weiß er genau, welches Know-how dahintersteckt. Unsere gegenseitige Wertschätzung ist enorm.

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