"Mein Comeback war egoistisch"

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Lanzinger: "Ich war nie das größte Talent"

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Matthias Lanzinger hat es weit gebracht.

Der 34-Jährige ist zweifacher Paralympic-Silbermedaillengewinner und mehrfacher Para-WM-Medaillengewinner. Zudem arbeitet er als Zeitungs-Kolumnist, bei Salomon, betreut selbst Projekte und schließt demnächst sein Wirtschaftsstudium ab. Nach der WM in Panorama, wo er im März vier Mal Edelmetall geholt hatte, beendete er seine Karriere als Sportler.

„Für mich war es lange vor der WM fix, dass es mein letzter Höhepunkt sein wird. Ich wollte es nochmals genießen“, hat er ein versöhnliches Ende gefunden.

Alleine die Tatsache, dass er bis zu seiner Unterschenkel-Amputation 2008 im ÖSV-Kader stand, gleicht seiner Meinung nach einer Sensation.

„Ich war nie das größte Talent, musste immer extrem hart kämpfen und habe alles in den letzten Zügen geschafft. Bis dahin habe ich alles erreicht, was es zu erreichen gab", gibt er bei LAOLA1 unumwunden zu.

Aus diesem Grund hege er auch keinen Groll auf die Veranstalter in Kvitfjell, die nach seinem Sturz einen schnelleren Abtransport verhinderten und ihm so womöglich sein Bein kosteten: "Das macht mich im Rückblick stolzer, als ich damals direkt in meiner ersten Karriere war. Das überwiegt jede Wut."

Warum sein Comeback sehr egoistisch war, er Heather Mills dankt und was in seiner „ersten Karriere“ im Weltcup möglich gewesen wäre, verrät Matthias Lanzinger im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Stand deine Entscheidung, deine aktive Karriere nach der WM zu beenden, schon länger fest?

Matthias Lanzinger: Für mich war es lange vor der WM fix, dass es mein letzter Höhepunkt sein wird. Ich wollte es nochmals genießen – nicht nur auf die Resultate gesehen, sondern auch das ganze Rundherum. Nochmals alles aus mir herauszuholen und das Bestmögliche abzurufen. Und dann mit gutem Gewissen sagen zu können, ich habe alles gemacht, was möglich war.

LAOLA1: Baut man sich so nicht einen gewissen Druck auf?

Lanzinger: Für mich gar nicht. Sotschi war nach meinem Comeback das große Ziel. Das habe ich mir erfüllt. Diese Saison war eigentlich nur eine Draufgabe, deshalb habe ich mir keinen Druck gemacht. Ich wollte gut Skifahren, Freude und Spaß haben. So geht es meistens leichter von der Hand. So war es dann auch und es haben gute Resultate herausgeschaut.

LAOLA1: Lief in deiner „zweiten Karriere“ alles so, wie du es dir vorher vorgestellt hast?

Lanzinger: Es war so, wie ich es mir ungefähr ausgerechnet habe. Ich habe mich schon in meiner ersten Karriere mit dem Behinderten-Sport auseinandergesetzt und kannte einige Personen. Ich wusste in etwa, wie alles abläuft – der Vergleich zwischen den Kategorien und Behinderungen. Ich wusste, dass es mir in der kurzen Zeit die ich zur Verfügung hatte, möglich sein wird, an der Weltspitze mitzufahren. Ich wusste aber, dass ich mit meiner Behinderung und meinem Faktorensystem nicht durchmarschieren und alles gewinnen kann. Genau so ist es dann auch eingetreten.

Matthias Lanzinger bei einem Renn-Einsatz

LAOLA1: Und vom medialen Interesse und der Aufmerksamkeit her?

Lanzinger: Es hat mich sehr verwundert, dass vor Sotschi ein derart hohes mediales Interesse an uns herrschte. Meine Sponsoren und ich waren sehr positiv überrascht. Bei den Rennen selbst müssen die Veranstalter und das IPC (Internationales Paralympisches Komitee/Anm.) professioneller werden. Das Ganze müsste international besser vermarktet werden, da ist noch viel Handlungsbedarf. Der Behindertensport hat in den vergangenen Jahren aber mehr öffentliches Interesse geweckt. Es wird sicher immer eine Randsportart bleiben – aber eine, die sich etabliert. Es ist mittlerweile selbstverständlich, dass der Behindertensport bei Ehrungen wie der ÖSV-Medaillenfeier dabei ist. Das ist ein riesengroßer Schritt – vor zehn bis 15 Jahren wäre das undenkbar gewesen.

LAOLA1: War es auch ein Ziel von dir, mehr Interesse am Behindertensport zu wecken?

Lanzinger: Mein Comeback war sehr egoistisch. Mir ging es darum, nochmals den Sport auszuüben. Ich wollte sehen, was möglich ist. Der Behindertensport war schon auf einem guten Weg, sich zu etablieren. Wenn Persönlichkeiten, die zuvor schon im öffentlichen Interesse standen, in so einen Bereich einsteigen, pusht das zusätzlich. Das konnte man sehen, als Heather Mills bei der WM dabei war. Das hat international riesiges Interesse geweckt, so war es bei mir sicher auch in Österreich. Davon profitiert der ganze Sport, das hat er sich auch verdient.

LAOLA1: Mit welchem Gefühl blickst du auf deinen Sturz, bei dem du vor über sieben Jahren deinen Unterschenkel verloren hast, zurück? Hegst du noch Groll?

Lanzinger: Das war zum Glück von Anfang an nicht der Fall. Ich wusste, dass ich die Situation nicht ändern kann, egal wie ich darüber denke oder was ich mache. Das hätte mir mein Bein nicht zurück gebracht. Ich konnte die Umstände nicht ändern. Was ich machen konnte, war, es anzunehmen, zu akzeptieren und meinen eigenen Weg möglich positiv zu gestalten. Ich habe das Beste darauf gemacht und denke nicht mit Wehmut zurück. Mir wurden viele neue Möglichkeiten geboten. Ich denke manchmal zurück, wie ich die Ski-Stars als kleiner Junge verehrt habe und nie zu träumen gewagt habe, dort mitzufahren. Ich habe es mit riesigen Hindernissen und vielen Steinen im Weg trotzdem geschafft. Ich war nie das größte Talent, musste immer extrem hart kämpfen und habe alles in den letzten Zügen geschafft. Bis dahin habe ich alles erreicht, was es zu erreichen gab. Das macht mich im Rückblick stolzer, als ich damals direkt in meiner ersten Karriere war. Das überwiegt jede Wut.

LAOLA1: Was wäre in deiner ersten Karriere realistisch gewesen? Hast du das Gefühl, du wärst noch ein Siegfahrer geworden?

Lanzinger: Wenn ich mir ansehe, welches Medien-Interesse an Anna (Fenninger/Anm.) oder Marcel (Hirscher/Anm.) herrscht, wäre ich nicht der Typ gewesen, ein Serien-Sieger zu sein. Dazu hätte es - wie für den Gesamtweltcup - sicher nicht gereicht.  Für mich wäre realistisch gewesen, im Riesentorlauf und Super-G Rennen zu gewinnen und um das Podium mitzufahren. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen hätte ich um Medaillen mitgekämpft, das sehe ich als realistisch an. Wenn ich mir denke, wo ich mit 14, 15 oder 16 Jahren stand, habe ich mehr als das Maximum herausgeholt.

LAOLA1: Ich nehme an du verfolgst den Ski-Weltcup nach wie vor intensiv?

Lanzinger: Natürlich, als Kolumnist bin ich bei vielen Weltcup-Rennen dabei und habe zu meinen ehemaligen Kollegen viel Kontakt. Ich versuche auch, etwas näher dabei zu sein und zu erfahren, wie es den Läufern geht. Es war sehr schön, dass sich meine ehemaligen Kollegen mit mir mitgefreut haben – in Sotschi und auch jetzt bei der WM.

LAOLA1: Denkst du, Skifahren bzw. der Ski-Weltcup ist in der Krise?

Lanzinger: Ich denke, in Österreich wird der Skisport kleingeredet. In Österreich steht der Skisport von der prozentuellen Masse her gesehen sehr gut da. Von der Gesamtanzahl der Leute sind es aber in Deutschland und den USA viel mehr. Ich sehe das bei meinem Job für Salomon in der Skiindustrie. Österreich ist nicht der größte Ski-Markt, sondern die “Kleinen“, von denen man sagt, sie hätten nicht so großes Interesse am Skifahren. Das sind mit Abstand die größten Absatz-Märkte. Wir reden uns sehr viel klein. Skifahren ist mit großem Aufwand verbunden, alleine weil man einen Berg und Schnee braucht, um fahren zu können. In Österreich sind wir aber aus der Historie heraus mit dem Ski-Sport verbunden. Mit Toni Sailer konnte die ganze Nation in den 50er Jahren in schwierigsten Zeiten wieder stolz auf jemanden sein. Daraus ist dann alles gewachsen, auch unsere Wirtschaft. Der Faktor, den Ski-Sport mit dem Tourismus in Österreich ausmacht, ist riesig – da geht es um Milliarden. Wir sollten diese ganzen Zusammenhänge verstehen und sehen, wie wichtig das für uns ist.

LAOLA1: Wie sieht deine berufliche Zukunft aus?

Lanzinger: Zuerst will ich mein Wirtschaftsstudium abschließen. Ich bin selbständig und betreue Marketing- und Promotion-Projekte. Das will ich neben meiner Arbeit für Salomon ausbauen. Ich hatte immer einen Plan, was ich machen will, nach meinem Studium habe ich dann mehr Spielraum. Ich muss nicht ständig in der Öffentlichkeit stehen. Mir passt es, wenn ich Sachen im Hintergrund machen kann.

 

Das Gespräch führte Matthias Nemetz

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